»bells of the cathedral«

Hinter der Glaswand kommt der Autismus zum Vorschein.

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Im Jahr 1987 erschien das Lied »Tom’s Diner« auf Suzanne Vegas Album »Solitude Standing«. Das Musikvideo zeigt Vega, stehend an einem Tisch am Fenster in Tom’s Diner, wie sie das Lied in aller Reduktion accapella rezitiert. Es singt die klare, nüchterne Stimme des Autisten, der lakonisch beschreibt, was er durch das Fenster seiner Existenz sieht.

Gelangweilt den Blick schweifen lassend, konzentriert Vega das Lied auf den Bewusstseinsstrom des Beobachters. Sie steht ganz auf sich selbst zurückgeworfen da: Selbst die Kamera, die sie beobachtet, findet erst am Ende ihre Beachtung. Vega indes beobachtet ihre Beobachtung, sieht, wie ihre Finger nervös auf den Tisch trommeln. Sie steht da in der Einsamkeit der Beobachtung, die sich ausgeschlossen fühlt und doch teilnehmen will. Am Morgen in einem Diner sitzen und die Welt betrachten, das ist der Ausgangspunkt des Liedes: »I am sitting / In the morning / At the diner / On the corner«.

Von »Tom’s Diner« existierte bald schon eine zweite Fassung. Das Video von DNA feat. Suzanne Vega (»Tom’s Album«, 1990) beginnt mit einem Auge in Nahaufnahme. Worum es in dem Lied geht, spricht auch dieses Video aus: Es ist die falkengleiche, konkretistische Wahrnehmung des Autisten, wie sie in der Nahaufnahme des Falkenfluges und in den Slow-Motion-Einstellungen sichtbar wird.

Der Text der zweiten Fassung weicht von dem der ersten ab: Der Refrain geht in Nicht-Sprache über. Das, worum es geht, wird nicht artikuliert, sondern an dem Gesagten gezeigt. Was aber zeigt sich? Es zeigt sich das Unsichtbare: die Wand aus Glas, die den Autisten von der Welt trennt und ihn zugleich mit ihr verbindet. Inspiriert wurde das Lied durch einen Freund von Vega: He told me once long ago that he felt as though he saw the world through a pane of glass. This struck me as romantic and alienated, and I wanted to write a song from this viewpoint.

Also saß sie am 18. November 1981 in Tom’s Restaurant, einem Diner Ecke Broadway und 112. Straße in New York City, und versuchte, die Welt so wahrzunehmen, wie ihr Freund sie wahrnahm. Was sie sah und hörte, nahm sie in das Lied auf, so auch die Glocken von Saint John the Divine, einer Kirche einen Block östlich vom Diner. Sie beobachtete das Beobachten der anderen. In der Perspektive ihres Freundes: »He is looking / Out the window / At somebody / Coming in«. Was dann geschieht, erfährt eine genaue Beschreibung:

It is always
Nice to see you
Says the man
Behind the counter

Die Ecke und der Tresen werden als Schranken aufgerufen, das Fenster als durchsichtige Barriere. Das poetische Ich des Liedes sieht die Begrüßung der beiden vor dem Hintergrund der eigenen Einsamkeit. Wünscht auch das poetische Ich sich diese selbstverständliche Nähe: dass es immer schön sei, gesehen zu werden? Aber gesehen zu werden, auch wenn es ein freundliches Gesehenwerden ist, erzeugt Angst und soll verschwinden, wie sich die Grinsekatze – ihr Grinsen – in Lewis Carolls Alice in Wonderland schnell wieder entzieht. Gleichzeitig reflektiert der Beobachter auf sein Beobachten:

And I look
The other way
As they are kissing
Their hellos

Er tut so, als sähe er sie gar nicht; als Übersprungshandlung schenkt er sich die Milch ein. Vega las, während sie das Material für ihr Lied sammelte, in der New York Post von dem Schauspieler William Holden, der am Alkohol gestorben war; sie las zudem das Horoskop und die Cartoons. Nur der Regen war eine Erinnerung an einen anderen Morgen im Frühjahr 1982, als sie abermals im Diner saß. Die Beobachtende fühlte sich bald selbst beobachtet:

When I’m feeling
Someone watching me
And so
I raise my head

Das Lied reflektiert auf das gegenseitige Beobachten der Menschen: »There’s a woman / On the outside / Looking inside / Does she see me?« Wie tief sieht sie das poetische Ich? Wie flüchtig oder ernst ist die Begegnung, ist der Blick? In diesem Moment sieht der Beobachter seine eigene Reflexion: »No she does not / Really see me / Cause she sees / Her own reflection«. Als ihm das Beobachten bewusst ist, versucht er, nicht weiter beobachten, was aber misslingen muss. Kein Detail entgeht seinem Blick:

And I’m trying
Not to notice
That she’s hitching
Up her skirt

Der Autist muss immer beobachten; er nimmt die Details wahr, die seinen Blick gefangen nehmen. Nichts kann er »draußen« lassen, wie auch der Regen von draußen ins Diner eindringt: »And while she’s / Straightening her stockings / Her hair / Has gotten wet«. Auch die Glocken der Kathedrale, die plötzlich erklingen, tragen die Außenwelt hinein; nicht nur in der Fiktion der Lied-Erzählung, auch in die Produktion geht die Kontingenz der Realität ein.

Inmitten dieses Ansturms lässt der Beobachter etwas von seinem Innenleben durchdringen: »I am thinking / Of your voice«. Er denkt an eine Stimme, an bestimmte, nicht aber an konkrete Worte. Es geht ihm allein um das Nicht-Artikulierte, um die Präsenz der geliebten Person, um das, was diese Person jenseits aller Verallgemeinerung in der Sprache ausmacht. Das »midnight picnic« erscheint in märchenhafter Ferne der Erinnerung: »Once upon a time / Before the rain began«. Vom Zufall geprägt ist der Stoff des Liedes, genauso kontingent muss sein lakonisches Ende sein: »It’s time to catch the train«.

von Nikolas Weber

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