Intense World

Der Autist hat nicht kein Interesse an der Welt, er ist schlicht von ihr überwältigt.

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Unter dem Stichwort »The Intense World Syndrome – an alternative hypothesis for autism« diskutieren Henry Markram (Human Brain Project), Tania Rinaldi und Kamila Markram den Autismus mit neuem Akzent. Die Neurologie des Autisten wird demnach durch ein Hyper, durch ein Zuviel gekennzeichnet, durch eine Hyperreaktivität derjenigen Bereiche des Gehirns, die für die Wahrnehmung allgemein, für Emotion und für die Speicherung der Sinneseindrücke sowie für das Gedächtnis zuständig sind:

the autistic brain is hyper-reactivity and hyper-plasticity of local neuronal circuits. Such excessive neuronal processing in circumscribed circuits is suggested to lead to hyper-perception, hyper-attention, and hyper-memory, which may lie at the heart of most autistic symptoms.

Die Folge dieser Hyperbelastung von Amygdala und Kortex sind Abwehreffekte. Der eindringende Strom von Reizen erfährt eine Abschirmung und es folgt der instinktive Rückzug ins Innere. Die Strategien damit zurechtzukommen, sind vielfältig: Das Festhalten an Routinen, das Vermeiden sozialer Kontakte, die Vermeidung intensiver Reizaussetzung.

Die natürliche Reaktion auf Schmerz ist Schmerzvermeidung: »excessive neuronal processing may render the world painfully intense when the neocortex is affected and even aversive when the amygdala is affected«. Werden soziale Reize von den meisten Menschen als neutral oder angenehm empfunden, so mischt sich beim Autisten Unbehagen hinein. Die Furcht ist die Furcht vor dem Stress, der durch die neuronale Überlastung in solchen Situationen ausgelöst wird.

Nicht nur liegt eine Überreizung durch die Hyperreagibilität der Amygdala vor, auch wird die Situation durch die Überlastung als bedrohlich empfunden. Das eigentlich Angenehme oder Neutrale – auch für den Autisten – wird neuronal mit Furcht verknüpft. Es ist nicht das Fehlen von Empathie oder das fehlende Interesse an Menschen das Primäre. Dieser Effekt ist sekundär:

Thus, impaired social interactions and withdrawal may not be the result of a lack of compassion, incapability to put oneself into some else’s position or lack of emotionality, but quite to the contrary a result of an intensely if not painfully aversively perceived environment.

Das scheinbar offensichtliche Fehlen sozialen Interesses und von Empathie wird gesellschaftlich als pathologisch sanktioniert. Dieser Vorwurf meint den Soziopathen, trifft aber nur die Außenseite des Autismus. Die Intense World Theory dagegen kehrt die positiven Aspekte hervor: »the autistic person is an individual with remarkable and far above average capabilities due to greatly enhanced perception, attention and memory.«

Das soziale Defizit ist nicht in einem Mangel der Fähigkeit »to process social and emotional cues« begründet, sondern darin, dass ihre Intensität bedrohlichen Charakter hat: »because a subset of cues are overly intense, compulsively attended to, excessively processed and remembered with frightening clarity and intensity.« Nicht einen Mangel an Empathie-Fähigkeit, sondern die zu intensive Wahrnehmung sozialer Situationen rückt die These in den Vordergrund (eine Kritik des Phänomens ADHS könnte hier anknüpfen).

Autisten sind »hyper-aware of selected fragments of the mind, which may be so intense that they avoid eye contact, withdraw from social interactions and stop communicating.« Eine solcher Erklärungsansatz könnte als Basis dienen, neurologische Vielfalt gesellschaftlich aufwerten. Außerdem weisen globale Theorien wie diese bei der Vielfalt des Phänotyps von Autismus immer auch auf die Schwierigkeit hin, die Grenzen der Definition von Autismus überhaupt sinnvoll ziehen zu können.

von Irene Beck

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22 Gedanken zu “Intense World

  1. Viele Menschen verstehen einen Overload eben nicht. Und diesen jemanden zu erklären, der dies selber nicht kennt, ist schwierig und erscheint mir manchmal unmöglich. Denn am Ende verstehen es nur diejenigen richtig, die es selber kennen.
    Leider.
    Aber ich finde diesen Beitrag echt super!

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  2. „Das Kleinkind-Hirn gerät in eine akute Krise und zum Selbstschutz vor übergroßem Stress schaltet es einfach ab. Das Kind wird ruhig, nicht weil es sich selbst beruhigt hat und plötzlich keine Panik mehr hat, sondern weil es aufgeben muss.
    Experten wie der Bindungsforscher Karl Heinz Brisch nennen diesen Zustand Dissoziation: Das Abschalten aller Gefühle.“
    Quelle: https://www.huffingtonpost.de/entry/kinofilm-elternschule-als-mutter-bin-ich-entsetzt_de_5bcd920fe4b055bc94825e59 Wird das ein ADS-Kind und spätere Autist*in?

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      1. sorry, zu früh falsche taste am handy gedrückt.
        immer wenn ich mit der gewalt im sozialen brennpunkt konfrontiert war, schaltete ich einfach ab, in meinem beitrag GEGENWART versuchte ich zu reflektieren, warum ich schon als kind nicht emotional war.

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      1. Danke für die Bestätigung. Nein, da ich es gerne erst wissenschaftlich erwiesen sehen möchte und da weiß ich keine Studien. Des Weiteren ist es nicht mein Gebiet, da ich rund um Stress schreibe.

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