Cambridge: Im Elfenbeinturm draußen (1)

Der Mensch ist ein geselliges Wesen, zur Geselligkeit dressiert.

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Das ist der Anfang einer kleinen Kolumne über mein Leben an der University of Cambridge, UK. Das akademische Leben in Cambridge ist bestimmt von jahrhundertealten Traditionen. Die Colleges bilden Gemeinschaften von Studenten und Dozenten. Das Zusammenleben ist sehr intensiv und gerade deshalb von unzähligen expliziten und impliziten Regeln durchzogen. Das soziale Spiel ist dadurch anstrengend – aber auch beherrschbar.

An der Universität Cambridge angesiedelt ist das Autism Research Centre unter der Leitung von Simon Baron-Cohen, Trinity College. Seine empathising-systemising-Theorie ist unter anderem in The Essential Difference dargelegt, sie ist so kontrovers wie einflussreich, will aber gerade nicht behaupten: »›all men have lower empathy‹ or ›all women have lower systemizing skills‹«. Die Pole Systematisierung und Empathie will er fruchtbar machen, um Schwierigkeiten im Sozialverhalten zu erklären.

Populärer und kontroverser noch ist der Schauspieler Sacha Baron-Cohen alias Borat, sein Bruder, der am Christ’s College Cambridge Geschichte studiert hat. Während der eine Autismus erforscht, schlüpft der andere in die Rolle eines autistoiden Idioten, der die einfachsten, zivilisatorischen Regeln nicht zu begreifen scheint – und dadurch die falsche (weil Borats Impertinenz für bare Münze nehmende) Toleranz der Menschen entlarvt, die ihm das gequält lächelnd durchgehen lassen (vgl. Borat’s Guide to Britain).

Die englische Kultur ist, offensichtlicher in der upper class, klar eine Kultur des Augenscheins. Es geht darum, die soziale Rolle gut zu spielen, was man zu sagen, wie man sich zu benehmen hat, ist impliziten Regeln unterworfen. Worüber man beim small talk spricht, wie man das Personal beim High Table Dinner behandelt, jeder bekommt seinen Platz zugewiesen und wird dort in Frieden gelassen. Belästige den anderen nicht mit deinem intimen Selbst, ist die Devise. Also eine Gesellschaft der Codes, des Abstandes, der Höflichkeit. Es ist ein Spiel mit bestimmten Regeln.

Das Gegenteil ist eine intime Gesellschaft, wie man mit Richard Sennett (Tyrannei der Intimität) sagen könnte. Eine, in der jeder Borat sein Selbst ganz ausleben soll, seine eigentlichen Gedanken und Gefühle (oder was er dafür hält) ungefiltert mitteilen kann und soll. Das Narzissmus-Gebot würde es in so einer Gesellschaft verbieten, eine Rolle zu spielen, weil eine Rolle ja naturgemäß nie ganz mit dem übereinstimmt, was ich denke, was ich bin. Für den Narzissten ist alles Ernst, es fehlt der Charakter des Spiels. Er hat keine ironische Distanz zu sich selbst.

Tradition ist diesem Sinne auch eine Form der Entlastung von Intimität, von Spontaneität und Individualität, Entlastung vom eigenen Selbst und vom Narzissmus. Die institutionalisierte Empathie mit dem anderen (den man nicht mit dem Eigenen zu sehr belasten will) führt zum System des sozialen Umgangs. Daher auch die besondere Betonung des gemeinsamen Dinners, in den Dining Halls mit den alten Porträts an der Wand, mit High Table, Kerzenschein, lateinischen Formeln.

Eindrücklich ist, dass hier ein »ganz primitive[s] Bedürfnis [d. i. Essen] eine soziale Realisierung« findet, »durch die es in die Sphäre höheren und geistigen Reizes« aufsteigt, aber »doch von seiner Basis nicht ganz gelöst ist«, wie Georg Simmel in Soziologie der Mahlzeit festhält. Daher gilt: »Über die Banalität der gewöhnlichen Tischgespräche zu klagen, ist […] ganz mißverständlich. Die graziöse, aber immer in einer gewissen Allgemeinheit und Intimität sich haltenden Tischunterhaltung darf jenes Fundament nie völlig unfühlbar machen, weil erst an dessem festgehaltenem Charakter die ganze auflösende Leichtigkeit und Anmut ihres Oberflächenspiels sich offenbart.«

Das »Oberflächenspiel« beschäftigt beide Baron-Cohens: Der eine erforscht den Zusammenhang von sozialer Empathie und sozialer Ratio, der andere exponiert die Kluft zwischen einer tyrannischen, intimen Gesellschaft und dem zivilisatorischem Regelwerk. Cambridge ist der Ort, wo man Banales beim Essen mit einem Nobelpreisträger redet, aber Latein mit dem Porter, wo das ironische englische Lächeln ernst gemeint ist. Das gesellschaftliche Spiel ist hier eine Kunstform, ein Ineinander von Intuition und Erlerntem.

von Anonymous

5 Gedanken zu “Cambridge: Im Elfenbeinturm draußen (1)

  1. Ja höchst interessant, ebenfalls! Es fiel mir sehr schwer, meinen englischen Besucher zu „lesen“. Mit mehr plakativen Körpersprachekulturen habe ich es leichter und beginne die nach einiger Zeit zu imitieren. Das fällt erst in Deutschland wieder auf, wenn das strahlende LlÄCHELN IRGENDWIE FEHL AM pLATZE IST: Vermutlich in Cambridge genauso.Ich mag solche Beobachtungen überaus gerne!

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