Passiv/Aktiv: The Big Bang Theory

Der Autist genießt beobachtend.

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Der Autist muss vor der eigenen Jouissance (Jacques Lacan) flüchten, weil er sie zu intensiv erlebt. Damit reiht er sich ein in den Reigen der Interpassivität (wie Robert Pfaller den Begriff geprägt hat), der unsere Zeit bestimmt. Der Andere soll genießen, ihm soll das fotografierte Essen schmecken, er soll das eigene Leben von außen beobachten und es genussvoll in sich aufnehmen. Nichts soll noch nur für einen selbst da sein: Es ist der Wunsch bestimmend, es gleich dem anderen zu servieren, um sein Genießen anstelle des eigenen zu genießen.

Die Interpassivität ist gesellschaftlich organisiert. Die meisten Bereiche von Interpassivität sind positiv gewertet, weil sie das Sozialgefüge stabilisieren. Andere sind stillschweigend geduldet. Nur ihre Exzesse werden tatsächlich sanktioniert. Man will, dass man selbst durch den anderen genossen wird, und man selbst will durch den anderen genießen. Man umgeht das eigene Erleben, dem der Autist so fatal ausgeliefert ist. Alle Jouissance hat diesen traumatischen Charakter und provoziert die Flucht vor dem Kern des Realen.

Während der Autist wesentlich interpassiv wahrnimmt, das fremde Leben mitgenießt, weil das eigene Genießen ihn überwältigen würde, geht es ihm doch wie Tantalus, der selbst schmecken und genießen will, es aber nicht kann. Sein Glück ist, dass es andere gibt, denen er zusehen kann. Und auch daraus bezieht man ein nicht zu vernachlässigendes Glück:

Selbst wenn wir also, von einem stumpfsinigen Tagwerk ermüdet, den ganzen Abend nur träge auf den Bildschirm starren, können wir danach doch sagen, dass wir objektiv, durch das Medium des anderen, einen wirklich schönen Abend verbracht haben. (Slavoj Žižek, Die Substitution zwischen Interaktivität und Interpassivität)

Durch die Betrachtung des Anderen beziehen wir Lust. Auch durch die Betrachtung des ganz Anderen, des Autisten in der Sitcom. Sheldon Cooper (The Big Bang Theory) zeigt, wie absurd dasjenige – am Gängelband der Vernunft gemessen – ist, was wir so tun, und wie absurd es aber auch zugleich ist, den Alltag und seine Routinen an der Vernunft zu messen.

Aus diesem Widerspruch generiert sich das unablässige Lachen der Sitcom. Sheldon expliziert ständig die sozialen Regeln, auf deren strikter Einhaltung er insistiert. In diesem Missverständnis ist er blind gegenüber den Implikaten der Interaktion jenseits von Fakten und Statistiken. Aus der Differenz zwischen dem unsichtbaren Wirken des sozialen Systems und dem Effekt der Artikulation desselben: Aus diesem Zuviel der Reflexion und dem Zuwenig der Intuition bezieht die Serie ihren Witz und schafft Erleichterung, ganz dem klassischen Freud’schen Verständnis des Witzes gemäß.

Das Lachen der Sitcom über sich selbst erschallt, gleich, wann man einschaltet. Ihre Szenen und Lacher wiederholen sich. Das Dosen-Lachen der Sitcom ist für den großen Anderen draußen deutlich zu hören; man braucht daher – eine große Erleichterung nach einem langen Tag – nicht mehr selbst zu lachen. In einer »dritten Position« neben Akteuren und Dosengelächter (Hans Georg Nicklaus, Wenn zwei interagieren freut sich der dritte) erfährt man Entlastung und Erleichterung von den eigenen Affekten. Man kann Lachen-Lassen, ohne den eigenen Affekt zur Emotion ›durcharbeiten‹ zu müssen, schließlich fällt der Aufwand der Symbolisierung des Affektes für den großen Anderen weg.

Sheldon Cooper ist mehr als ein Autist, er ist die Übererfüllung des Autisten. Er ist nicht einfach ein Sonderfall des Normalen, ein Nerd (mit all den negativen sozialen Attributen), sondern eine Spezies für sich: hyperintelligent mit eidetischem Gedächtnis, übervernünftig, fast völlig sozialblind und -taub, mit dem Wissen eines Universallexikons ausgestattet und mit völlig eigensinnigem, bizarren Verhalten und Zwängen, die eine Regulation durch die normalen Nerds der Serie erfahren, sodass er doch eine liebenswürdige Figur darstellen kann.

Die Figur hat sich längst von ihren Schöpfern emanzipiert, wie Bill Prady darlegt. Jeder gibt ihm die eigene Diagnose: »We write the character as the character. A lot of people see various things in him and make the connections. Our feeling is that Sheldon’s mother never got a diagnosis, so we don’t have one.« Der Schauspieler Jim Parsons, der Sheldon verkörpert, wiederum betont in Bezug auf den Autismus, Sheldon »couldn’t display more traits«, »the way [his] brain works, it’s so focused on the intellectual topics at hand that thinking he’s autistic is an easy leap for people watching the show to make«.

Indem die Sitcom nicht eine Serie über einen Autisten, sondern über einen individuellen, überzeichneten Charakter ist, gerät Autismus nicht als akzidentielle Störung einer Person in den Vordergrund, sondern als personale Identität. Über Individuen kann man lachen, wenn an ihnen etwas Eigenes, Lachhaftes, aufscheint. Das aber könnte man auch, wenn sagte, sie seien Autisten. Ein Sheldon Cooper, der sich – im Verlauf der Serie geschieht das schon zunehmend expliziter – als Autist verstünde, der nichts dadurch verlöre oder gewänne, der durch diesen Auftritt aber vieles durchstriche, was derzeit den Begriff des Autismus prägt: Das erst provozierte ein wahrhaft befreiendes Lachen.

von Nikolas Weber

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