Der Stolz des Vorurteils

Der Stolz des Autisten ist ein notwendiges Vorurteil.

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Mr. Darcy – sein vulgarisiertes Pendant ist die Kommissarin Saga Norén (Broen/Bron) – erscheint als ein Mann weniger, aber gut gesetzter Worte. Auf Bällen ist er verloren, die Liebe droht ihm vollends die Sprache zu verschlagen. Selbst nicht frei von Vorurteilen gegenüber den Menschen niederen Ranges, unterliegt er dem Vorurteil der anderen, das er mit seiner kalten, abweisenden stolzen Art immer weiter befestigt. Seine unverblümte Ehrlichkeit stößt die anderen vor den Kopf. Selbst über seine Gefühle redet er ganz vernunftbetont und auch seine sozialen Defizite sind ihm bewusst:

I certainly have not the talent which some possess […] of conversing easily with those I have never seen before. I cannot catch their tone of conversation, or appear interested in their concerns, as I often see done.

Sein Benehmen und Handeln führt immer wieder zu Missverständnissen, die erst am Ende des Romans glücklich aufgelöst werden können. Der Zuneigung von Lizzy ist er sich bis zum Schluss nicht sicher. Phyllis Ferguson Bottomer (So Odd a Mixture: Along the Autistic Spectrum in ›Pride and Prejudice‹) hat Mr. Darcy als Autisten beschrieben. Dennoch ist zu beachten – und daraus ist zu lernen –, dass Jane Austen ihn auch als Verkörperung des egozentrischen Prinzips zeichnet und ihn keinesfalls von seiner Verantwortung frei spricht:

I have been a selfish being all my life, in practice, though not in principle. As a child I was taught what was right, but I was not taught to correct my temper. I was given good principles, but left to follow them in pride and conceit. Unfortunately an only son (for many years an only child), I was spoilt by my parents, who, though good themselves (my father, particularly, all that was benevolent and amiable), allowed, encouraged, almost taught me to be selfish and overbearing; to care for none beyond my own family circle; to think meanly of all the rest of the world; to wish at least to think meanly of their sense and worth compared with my own.

Das Schlagwort von ›Autistic Pride‹ versucht, entgegen des Vorurteils, den Stolz des Autisten ins Positive zu wenden. Es geht nicht um den Stolz der Abweichung gegenüber der Norm, nicht darum, Vorurteil gegen Vorurteil zu setzen, sondern darum, das Urteil selbst erst möglich zu machen. Viel mehr als eine Parole ist die Rede vom ›Autistic Pride‹ bisher nicht. In der Politik und damit in der Lebenswirklichkeit ist wenig davon angekommen.

Zwischen den Autisten herrschen die gleichen Vorurteilsstrukturen und der gleiche Stolz, der auch die Nicht-Autisten so oft von einander trennt. Allzugerne zieht man auch eine Front auf zwischen Autisten und Nicht-Autisten. Aus dem Vorurteil heraus, sich beweisen zu müssen, schlägt der Trotz schnell in Aggressivität gegenüber den anderen um, dem gegenüber man sich im Vor- oder Nachteil sieht.

Dass es angenehme und unangenehme, verstockte und verständige Menschen gibt, ist eine Binsenweisheit. Die unableitbare Gleichheit aller Menschen aber ist es, die allein die Forderung nach gleicher Behandlung in der Gesellschaft begründen kann, nicht die vermeintliche Exklusivität, die sich aus sogenannten nützlichen Sonderbegabungen speist. Jedem Menschen kommt seine Würde von selbst zu. Ihr zu entsprechen, ist, worauf es ankommt.

Für diese Würde haben Autisten wie die meisten anderen Menschen ein Gespür. Sie haben aber auch ein scharfes Bewusstsein der Differenz, was aus ihrer exzentrischen Position herrührt, die sie zur Welt einnehmen. Ihr anderer Blick kann das Leben der anderen bereichen, ebenso wie das der anderen als Korrektiv auf den autistischen wirkt. Sich in die Verwertungslogik einzufügen, die eigene Marktförmigkeit hervorzuheben, verspielt das Potential dieser existentiellen Differenzerfahrung.

Induziert wird eine solche Aggressivität der Autisten gegenüber den anderen auch durch den unreflektierten, metaphorischen Gebrauch von »autistisch« als Bezeichnung für jedes offen egozentrische und selbstsüchtige Verhalten. Weil man sich scheut, solche moralischen Kategorien in aller Klarheit anzulegen, behilft man sich mit dem Rückgriff auf die Pathologisierung und greift damit den Autismus moralisch an, wo er erst einmal eine a-moralische Seinsweise ist, ein hyperrealistischer Blick auf die Welt jenseits des Sozialen. Dieser Blick könnte die Grundlage für eine Theorie des Sozialen sein, wenn er es denn nicht schon immer war.

Heidegger beantwortet die Frage »Was heißt Betrachtung?« folgendermaßen: »Trachten ist das lateinische tractare, behandeln, bearbeiten. Nach etwas trachten heißt: sich auf etwas zu-arbeiten, es verfolgen, ihm nachstellen, um es sicher zu stellen.« Die Theorie zielt auf etwas: »Demnach wäre die Theorie als Betrachtung das nachstellende und sicherstellende Bearbeiten des Wirklichen« (Heidegger, Wissenschaft und Besinnung). Die Theorie formt das Wirkliche. Heidegger definiert im Zuge dieses Gedankens die moderne Wissenschaft als »eine unheimlich eingreifende Bearbeitung des Wirklichen«. Die Wissenschaft fordert »als Theorie das Wirkliche eigens auf seine Gegenständigkeit hin« hinaus. Das greift auch auf die Psychiatrie aus:

Die Psychiatrie be-trachtet das menschliche Seelenleben in seinen kranken und d. h. immer zugleich gesunden Erscheinungen. Sie stellt diese aus der Gegenständigkeit der leiblich-seelisch-geistigen Einheit des ganzen Menschen vor. In die Gegenständigkeit der Psychiatrie stellt sich jeweils das schon anwesende menschliche Dasein heraus. Das Da-sein, worin der Mensch als Mensch ek-sistiert, bleibt das Unumgängliche der Psychiatrie.

In seinem Da-Sein den Menschen zu erfassen, als gesund und krank zugleich, ist die Aufgabe der Wissenschaften von der Psyche. Verkürzungen in der Folge einer naturalistisch anmutenden Diagnostik verfehlen diese holistische Sicht. Eine Theorie des Autismus hat all der Fallstricke der Diagnostik eingedenk zu sein, sonst verstellen Stolz und Vorurteil das Phänomen.

von Michael Leitz

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Ein Gedanke zu “Der Stolz des Vorurteils

  1. kann einige der merkmale des autismus zeitlebens mit meinen schwierigkeiten in der privaten, „normalen“ kommunikation im öffentlichen raum, auf meine probleme heute und hier beziehen und mit anderen augen betrachten. nach mehreren probatorischen sitzungen bei einem facharzt für psychiatrie und psychotherapie war ich nach fünf sitzungen nicht mehr bereit, ohne feedback zu monologisieren. daraufhin gab es eine überweisung zum ADHS-test, wo mir ein gendefekt positiv bestätigt wurde. diese fachärztin für psychiatrie und psychotherapie schnitt mir abrupt das wort ab, als ich nur einen satz sagen wollte. sie meinte: „vergangenheit ist vorbei!“ und verordnete mir das medikament medikinet adult. sonst keinerlei gespräche, keine fragen, kein feedback. nach 4 monaten habe ich das medikament abgesetzt, fühlte mich leerer als je zuvor.
    habe ein phänomenales langzeitgedächtnis. in einer phase langer, schwerer depression, im alter von 50 jahren (*1944), habe ich mehrere jahre selbsttherapeutisch erinnerungen zu papier gebracht. wiederum 25 jahre später gab es die versuche, in fünf probatorischen sitzungen hochkonzentriert zu reden. doch vom therapeuten gab es keinerlei feedback. als ich ausnahmsweise sagte: „ich kann mein leben in die tonne treten!“, da gab es ein feedback als geste: er nahm einen geldschein, zerknüllte ihn, ließ ihn zu boden fallen, meinte: „es sei trotzdem noch derselbe.“
    die sprache in der therapie zwischen therapeut und klient ist niemals eine kommunikation auf augenhöhe. ehrliche, offene worte, meinetwegen klare aussagen und urteile, statt ein schweigendes gegenüber. empathie ist bei psychiatern und nicht zufällig nenne ich auch rechtsanwälte, keine option.

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