Cambridge: Im Elfenbeinturm draußen (2)

Der Mensch ist ein verspieltes Wesen, zum Spiel abgerichtet.

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Das hier ist der zweite Teil meiner Kolumne über das Leben an der Universität Cambridge. Im ersten Teil ging es um das gesellschaftliche Spiel. Was ein Spiel aber genau ist, hat auch einen anderen Forscher am Trinity College Cambridge beschäftigt, Ludwig Wittgenstein. Als Wittgenstein anfing, bei Bertrand Russell zu studieren, war der sehr irritiert von dessem »deutschen« Arbeitseifer. Die meiste Zeit des Studiums verbrachte Wittgenstein abgeschieden in Norwegen, um nicht abgelenkt zu sein und nicht seinen Geist noch mehr durch Gespräche mit intelligenten Leuten zu prostituieren, wie er gesagt haben soll.Jahre später wird er dann selbst Fellow am Trinity College. Im Michaelmas term 1946 schreibt er in einem Brief:

I’ve had two lectures so far. There’s a crowd coming to them as always at the beginning of the year when they don’t know what to expect. Still my lectures went quite well, except for the fact that during my second lecture I sometimes got so exhausted that I could hardly speak. But my brain, oddly enough, was very active. What’s to become of it all I don’t know. I plan to see a doctor (not a psychologist) about it, hoping, completely against hope, that he can advise me something. I dislike this place intensely, and the worst part of it is that I haven’t got a real friend here, i.e., someone who’ld go out of his way to do something for me.

Die Vorlesungen, Norman Malcolm berichtet darüber, fanden in Wittgensteins Räumen im Whewell’s Court statt, zweimal die Woche zwischen fünf und sieben Uhr am Nachmittag. Die Studenten brachten Stühle mit oder saßen zusammengedrängt auf dem Boden. Die Wohnung hatte kaum Möbel, als Dekoration nicht mehr als ein paar Blumentöpfe. Wittgenstein saß auf einem einfachen Holzstuhl in der Mitte des Raumes. Hier entwickelt er seine Gedanken im Gespräch mit den Studenten. Wollte Wittgenstein einen Gedanken zunächst alleine entwickeln, herrschte dazwischen lange Stille. Die Studenten fürchteten und achteten ihn gleichermaßen. Nach den Vorlesungen flüchtete sich Wittgenstein ins Kino, wo er in der ersten Reihe saß, einen Western schaute und pork pies aß.

Angeblich soll Wittgenstein das Konzept des Sprachspiels nach Beobachtung eines Fussballspiels entwickelt haben. Statt nach Erklärungen zu suchen, woher ein Spiel komme, sei es besser zu sagen: »dieses Sprachspiel wird gespielt«. Wenn etwas eine sprachliche Äußerung in einem irgendwie praktischen Kontext ist, dann ist Sprechen Teil einer Lebensform, und damit ein Sprachspiel, egal wie banal und vage (»Depp!«) oder komplex und präzise die Äußerung ist (etwa mathematische Begrifflichkeit). Für Wittgenstein war das Spiel mit der Sprache eine Möglichkeit, nachzuweisen, dass viele Probleme der Philosophie im Grunde nichts sind als ein Missverständnis eines Sprachspiels, weil sie ein Sprachspiel aus dem etablierten, praktischen Zusammenhang reißen, obwohl sie nur in eben diesem ihren Sinn haben. Dieser Sinn ist aber nicht abschließend bestimmbar, wie er in Paragraph 66 in den Philosophischen Untersuchungen beschreibt:

Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir »Spiele« nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiel, Kampfspiele, usw. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag nicht: »Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ›Spiele‹« – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: denk nicht, sondern schau! – […] Und so können wir durch die vielen, vielen anderen Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen und verschwinden sehen. Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen.

Um diese Sprachspiele und ihre »Familienähnlichkeiten« zu beherrschen, muss man aber erst auf die Verwendung dieser Spiele »abgerichtet« werden. Die Regeln des Spiels müssen erst erlernt werden, weil sie innerhalb einer Lebensform, also in Gemeinschaft mit anderen Menschen, bestimmt werden. Ohne Sozialität keine Sprache. Wittgenstein hatte großen Spaß daran, mit der Sprache und ihren Regeln zu spielen – und Ernst damit zu machen. Maynard Keynes berichtet über ihre Begegnungen Folgendes:

My wife gave him some Swiss cheese and rye bread for lunch, which he greatly liked. Thereafter he more or less insisted on eating bread and cheese at all meals, largely ignoring the various dishes that my wife prepared. Wittgenstein declared that it did not much matter to him what he ate, so long as it always remained the same. When a dish that looked especially appetizing was brought to the table, I sometimes exclaimed »Hot Ziggety!« — a slang phrase that I learned as a boy in Kansas. Wittgenstein picked up this expression from me. It was inconceivably droll to hear him exclaim »Hot Ziggety!

Wie schon in meinem ersten Kolumnenbeitrag dargelegt: Es geht in Cambridge immer irgendwie (auch) ums Essen (die Dining Hall mochte er nicht). Wittgenstein liegt auf dem Ascension Parish Burial Ground begraben, einem kleinen Friedhof abseits des historischen Zentrums, das Grab wie vergessen und von Moosflecken überzogen. Auf dem Sterbebett soll Wittgenstein gesagt haben, was auf einigen Unglauben gestoßen war: »Tell them I’ve had a wonderful life.« Das Leben eines Philosophen, der nie aufgehört hat, sich über die Welt zu wundern, für den die Philosophie aber zugleich das Wunder unter sich zu begraben drohte.

Als größtes Wunder hat Wittgenstein die Sprache begriffen: Für das Wunder der Sprache selbst gibt es keine Sprache, nur Schweigen. Vielleicht hatte Patti Smith das im Kopf, als sie ihm bei einem Besuch in Cambridge ein Plectron aufs Grab gelegt hat. Manchmal finden sich auch pork pies auf der grauen Grabplatte, zumindest solange die Friedhofskatze die nicht beansprucht. Ob die Katze Gitarre spielt, weiß ich nicht.

von Anonymous

3 Gedanken zu “Cambridge: Im Elfenbeinturm draußen (2)

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