Janosch und das Glück

Das Geheimnis der Freiheit ist, keine Blumen gießen zu müssen.

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»Am liebsten wäre ich unsichtbar«, bekannte Janosch einmal. Je weniger man sich nach außen preisgibt, umso näher kommt man diesem ersehnten Verschwinden. In dieser Möglichkeit liegt das Glück und die Fähigkeit, als Herr Janosch zu überleben. In Von dem Glück, als Herr Janosch überlebt zu haben berichtet Janosch in einem der wenigen Interviews, die er nicht als reine Zumutung empfunden zu haben scheint, was ihm wirklich wichtig ist, und das ist zu allererst seine Freiheit:

Machen können, was Ich will. Kein Zwang, schon Blumen gießen zu müssen, ist mir zuviel Zwang. Ein Haus bedienen, nicht wegfahren können, weil der Hund Futter braucht. Und schon gar eine Frau, die dich nicht gehen läßt, aber auch nicht mitkommen will. Kinder, – du mußt einen idiotischen Job ein Leben lang ausüben, weil sie ernährt werden müssen.

Diese alltäglichen Zwänge sind »Kerker, wenn nicht gar Tod«. All das zerstört die »Magie der ersten Jahre« im Menschsein, die Jahre der lange verlorenen Kindheit. Diese Magie versucht Janosch dennoch sich durch weitgehende Bedürfnislosigkeit zu bewahren, denn »wer nichts braucht, der hat alles«. Der Verzicht, der mit dem Fehlen von Pflichten einhergeht, eröffnet die Freiheit, die ihm zum Überleben unabdingbar ist: »Du mußt so leben, daß du morgen sagen kannst, ich gehe jetzt, wohin ich gehen will. Du gehst nicht, aber du könntest, das reicht schon. Schon die Vorschrift eines Kalenders, an welchem Tag nicht gearbeitet werden soll, ist mir nicht erträglich.«

So lebt Janosch auf einer spanischen Insel, bei gutem Wein und ab und an einem guten Stück Fleisch; er lebt in Ruhe und Freiheit. Von den Frauen hat er sich schon lange aus Enttäuschung abgewendet, weil seine »hemmungslose Zuneigung und Dienstbereitschaft« immer abgelehnt worden war. So lebt er nun glücklich fern von der Tyrannei der Frauen, wie er sie empfindet. Er hat die Bedingungen seiner Existenz gefunden und sich darin eingerichtet.

Und trotzdem wünscht er sich, nicht wiedergeboren zu werden: »Dazu muß ich sagen, daß ich nicht an mir leide, sondern an dem, was rundherum geschieht und sich nicht ändern läßt. Eben weil der Mensch eine Sau ist.« Und diese Wahrheit spricht er aus, ohne die »freundliche Kunst der alltäglichen Lüge«. Worum aber geht es im Leben, was ist das movens seiner Existenz? »Durchkommen. Es geht doch vorwiegend für uns alle darum, durchzukommen. Möglichst schadenfrei durch das Leben zum fröhlichen Tod. Nichts zu verlieren, wenn man stirbt.«

Es geht ums Durchkommen, ums Überleben, um nichts weiter. Eine solche Haltung ist bereits das Glück, das viele vergebens suchen. Es ist ein Glück, das nicht von kontingenten Umständen abhängig ist, sondern aus dem eigenen Inneren kommt. Es ist vor allem negativ als Freiheit von Belästigung bestimmt:

Mein Glücksgefühl hat mit den äußeren momentanen Umständen nichts zu tun. Du kannst im Gefängnis sitzen und mit einmal überkommt dich eine große Seligkeit. […] Heut ist es: allein sein, keine Fragen beantworten zu sollen. Keinen Druck von Leuten, die irgendwas von mir wollen, mir also Arbeit aufschwätzen – also mich in Ruhe lassen.

Das Glück als »Grenzbewohner« ist es, zu überleben. Auch wenn Janosch selbst das eigentlich gar nicht zu hoffen gewagt hatte: »Ich habe nicht erwartet, daß ich überlebe, als ich die Welt und die Menschen anfing zu begreifen. Und schon gar nicht, daß ich so gut überlebte. Und das ist das Glück.« Dieses Glück ist die Wahrheit. Was die anderen Wahrheit nennen, ist nur der Moment des Denkens selbst:

Heute sehe ich das von der einen Seite, morgen von der anderen, und wenn Sie mich morgen das gleiche fragen, kann ich morgen das Gegenteil darauf antworten und es wird für mich wieder richtig sein. Denn beides ist immer wahr. Der Mensch ist einmal eine Sau und dann wieder ein wunderbares Wesen.

In diesem Zwiespalt ist Janosch »hochbegabt für unauffälliges Verschwinden«. Dieses Verschwinden aber ist ungemein produktiv. Denn Janosch beobachtet unsichtbar, was die anderen nicht wahrnehmen können oder wollen, und notiert es für sie: »Alle anderen sehen es freilich auch, nur sie nehmen es nicht wahr, und wenn, dann schreiben sie es nicht auf. Oder es ist ihnen Gewohnheit geworden.« Was den meisten verschwindet, macht Janosch in magischen Büchern sichtbar, in randständigen Existenzen mit einem Hang zum Hedonismus: Attraktoren alles Kindlichen.

von Nikolas Weber

2 Gedanken zu “Janosch und das Glück

  1. Ja, ich war auch lange auf dieser spanischen Insel, wo er per Buch ein Gastmahl gab, und es ist einer der guten Orte, viel nichts um sich zu haben, viel Raum und Wasser…nur ist das Überleben leider oft mit Unannehmlichkeiten verbunden. Mit Dienstleistungen. Für ihn war es in seinem Leben auch nicht leicht, wie er uns in dem autobiografischen Buch doch irgendwie wissen lässt. Diese Insel – am Rand sind alle, mittendrin ist tatsächlich relaxed.

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