An der Sprache kranken

»Oh Bär«, sagte der Tiger, »ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!«»Ja«, sagte der kleine Bär, »ganz unheimlich und schön.« Und da hatten sie verdammt ziemlich Recht. (Janosch, Post für den Tiger)

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Heimlich spricht die Sprache immer noch von etwas anderem; sie macht die Welt unheimlich, mag sie noch so schön erscheinen. Kinder sind verdammt dazu, mit dieser Ambivalenz zurechtzukommen, denn die Erwachsenen haben immer »ziemlich Recht«. Es bleibt ein Unbehagen an diesem Recht-Haben zurück, das offensichtlich zugleich Unrecht ist. Was daher Not tut, ist eine Distanzierung der Kommunikation durch Post und Telefon, um sich die Sprache besser vom Leib halten zu können.

Georg Groddeck spricht in seinem Vortrag vom 31. Oktober 1917 von solchen Kindern, denen die Sprache allzu früh problematisch wird. Sie fragen sich: »Wie steht es mit den Menschen? Sind sie so, wie sie sich geben, oder nicht?« Dieser Verdacht des Scheinhaften führt zu der Einsicht: Es ist ein Irrtum, »sich an das zu halten, was die Menschen in ihrer Sprache sagen. Man muß aufpassen schon bei zwei, drei Sätzen, nicht auf das, was einer sagt, sondern wie er es sagt, wie er aussieht, wie das Gesicht sich verändert usw.« Die Sprache erscheint unzuverlässig, sie bedarf daher einer genauen, analytischen Betrachtung:

Dieses Beobachten der Eigentümlichkeit der Sprechweise gehört in die Psychoanalyse hinein, und ich habe es mir angeeignet, habe aber Menschen kennengelernt, die das von Natur haben. Diese Menschen sind unglücklich daran. Es gibt viele Menschen, die von Kindheit auf die Überzeugung hatten, was die Menschen sprechen, ist nicht das, was sie meinen. Es fiel mir auf, daß solche Menschen, die frühzeitig zur Beurteilung der Sprache kamen, sehr unglücklich werden und krank werden müssen.

Die Sprache ist Heilmittel und Gefahr für die physische und psychische Gesundheit. Mit rasender Akribie versucht Groddeck die Interdependenzen von ubw, Sprache und Krankheit zu ergründen. Pathologische Erscheinungen verweisen auf spezifische Widerstände der Psyche, die auch bereits die Wahrnehmung betreffen: »Es gibt keinen Menschen, der nicht fortwährend gewisse Eindrücke von sich weist, sie sieht, aber nicht wahrnimmt und nicht wahrnehmen kann.« Die idiosynkratische Seele bildet einen Schutz gegen mögliche Gefährdungen aus, das Es macht sich »stumpf«. Groddeck berichtet weiter von seiner glücklichen Anlage, seine physische und psychische Energie sparsam einsetzen zu können. Manchen aber, ausgestattet mit einer eigentümlichen Gabe, ist eine Filterung der Sinneswahrnehmung kaum möglich:

sie behalten die eigentümliche Schärfe der Sinneswahrnehmungen und begehen den Irrtum, daß sie aus einer einzelnen Sinneswahrnehmung Schlußfolgerungen ziehen. Wenn sie bei einem Menschen an der Mundbewegung sehen, er sagt nicht die Wahrheit, so schließen sie daraus, der lügt überhaupt, folglich muß man ihm mißtrauen. Eine solche Eigentümlichkeit ist eine schreckliche Gabe. Man kommt nie dazu, einen Menschen richtig zu beurteilen, kommt nie dahinter, wie er in Wirklichkeit ist. Fast alle fünf Minuten hat man einen Eindruck, der das Bild wieder verwischt.

Zu viele Informationen verhindern das Verstehen. Das betrifft nicht nur die Sprechsituation und den Sprecher, sondern auch die Sprache selbst. Denn »der Güter Gefährlichstes, die Sprache« hat eine existentielle Dimension. Sie ist nichts Akzidentielles, Harmloses. Sie ist Ernst, dem Menschen gegeben, »damit er zeuge, was er sei«. Sie ist »nicht ein verfügbares Werkzeug, sondern dasjenige Ereignis, das über die höchste Möglichkeit des Menschseins verfügt.« (Martin Heidegger, Hölderlin und das Wesen der Dichtung)

Die Sprache ist Seinsbedingung und Gefahr des Menschen zugleich. Gefährlich wird sie durch die ihr innewohnende Scheinhaftigkeit: Sie muss sich »ständig in einen von ihr selbst erzeugten Schein stellen«. Rettung aber liegt in der Unterscheidung des Scheins vom Wahren. Wie und was gesprochen wird, ist niemals unschuldig. Die psychoanalytische Kritik, so Groddeck, verspricht Heil: »es ist etwas Wahres daran, er hat es nur verdreht, und es scheint unwahr zu sein. […] Was zwingt ihn dazu, welche Wahrheit versteckt sich dahinter?« In welcher Hinsicht ist das Sprechen symptomatisch, wovon spricht das Symptom? Was sagt der Körper und worauf antwortet er?

von Irene Beck

3 Gedanken zu “An der Sprache kranken

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