Autorität und Autismus

Otto Gross’ Einsamkeit als Vorarbeit der Revolution.

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Als sich der im öffentlichen Bewusstsein heute weitgehend verdrängte Psychoanalytiker Otto Gross entmündigt und zwangsinterniert wiederfand, schrieb er im Januar 1914 zu seiner Rechtfertigung einen offenen Brief, der in der Zeitschrift Aktion veröffentlicht wurde. Einer der Vorwürfe gegen ihn sei der, dass er »mit der bestehenden Gesellschaftsordnung unzufrieden« sei:

Nimmt man die Anpassung an das Bestehende als das Normale an, dann wird man Unzufriedenheit mit dem Bestehenden als Zeichen geistiger Gestörtheit auffassen können. Nimmt man die höchste Entfaltung aller Möglichkeiten, die dem Menschen angeboren sind, als Norm und weiß man intuitiv und aus Erfahrung, daß die bestehende Gesellschaftsordnung die höchstmögliche Entwicklung des Einzelmenschen und des Menschentums unmöglich macht, dann wird man das Zufriedensein mit dem Bestehenden als Unterwertigkeit erkennen.

In Gegensatz zu Freud sah Gross die Ursache für psychische Krankheiten nicht im sexuellen Bereich, sondern im gesellschaftlichen. Es sind unzureichende Anpassungsleistungen, die ein gesundes affektives Ausagieren verhindern und zu Störungen führen. Heilung verspricht die Befreiung des »Eigenen«, des individuellen Erlebens, vom »Fremden« des autoritären, gesellschaftlichen Zwangs. Die Psychoanalyse wird damit politisch: »Die Psychologie des Unbewußten ist die Philosophie der Revolution, d.h. sie ist berufen, das zu werden als das Ferment der Revoltierung innerhalb der Psyche, als die Befreiung der vom eigenen Unbewußten gebundenen Individualität. Sie ist berufen, zur Freiheit innerlich fähig zu machen, berufen als die Vorarbeit der Revolution.«

Gross unterscheidet zwischen Naturen, die eine starke und solchen, die eine schwache Anlage zur Individualität haben. Bei letzteren vertieft sich der Konflikt zwischen »Eigenem« und »Fremden«; bei ersteren kommt es nicht zum Widerspruch. Er unternimmt eine Typologie von Charakteren und kommt auf einen bestimmten Typus zu sprechen, den er im Jahr 1909 in Psychopathische Minderwertigkeiten wie folgt beschreibt. Es sind Menschen,

die schwer den Kontakt mit der Außenwelt und Umgebung finden, verletzlich und überempfindlich sind, in denen sich die Affekte zu ungewöhnlicher Tiefe und Dauer verstärken und die zur Schwermut neigen. Es ist der Mangel an Kontakt, das »Unverstandensein«, das oft schon in frühester Kindheit den Anlaß zu äußeren Konflikten, zu psychischen Traumen gibt, die pathogen werden können. […] Die gesteigerte Kontraktivkraft der inneren Vorgänge bringt es mit sich, daß äußere Reize, um eine nachhaltigere Reaktion der Psyche zu bewirken, erschwerte Widerstände zu überwinden haben. Die Individuen erscheinen »zerstreut«, »von inneren Vorgängen eingenommen«. Sie kümmern sich wenig um die Umwelt – ausgenommen um Gebiete, die in unmittelbarem Zusammenhang stehen mit ihren krankhaften oder auch mit ihren normalen überwertigen Ideen, z. B. mit dem Beruf. Der Typus des »weltfremden Gelehrten« gehört fast immer hierher; seine Einseitigkeit ist nicht die Folge seines Berufes, sondern zugleich mit seinem Berufe – der seine individuelle überwertige Idee darstellt – die Folgen seiner Konstitution. Das »unpraktische Wesen« steht in engster Abhängigkeit von der habituell erschwerten Verarbeitung der Umweltreize […]. Die Erschwerung im Eingehen auf äußere Reize bedingt Defekte der Fähigkeit zu richtiger unmittelbarer Reaktion. Diese Schwierigkeit steigert sich rapid mit der Zahl und Mannigfaltigkeit der in kurzer Zeit einwirkenden äußeren Reize. […] Die äußere Folge ist auffallender Mangel an Geistesgegenwart. Eine besondere Art, in der sich dieses dokumentiert, ist das häufige Auftreten schwerer Verlegenheitszustände. […] Das Individuum muß instinktiv solche Situationen zu vermeiden suchen. Solche Situationen werden aber in erster Linie durch den Verkehr in größeren sozialen Zirkeln herbeigeführt […]: das Individuum bekommt einen Hang zur Einsamkeit.

Gross beschreibt einen Typus der Nicht-Anpassung: »Das Übernehmen fertiger Vorstellungskomplexe, geläufiger Ideale und ethischer Wertvorstellungen ist verhindert. […] Die großen Vorstellungskomplexe werden neu geschaffen, erhalten einen Individualcharakter. […] Das Gefühlsleben ist häufig sozial unbrauchbar, immer aber individuell […].« (Die cerebrale Sekundärfunktion). Diesem Typus stellt er die Gegner jeder radikalen gesellschaftlichen Veränderung gegenüber: »Die Psychopathie mit verflachtem Bewußtsein in ihren leichteren und leichtesten Formen wird vom Volk regelmäßig als ganz besonders gute Gesundheit aufgefaßt und die Seelenverfassung dieser Leute als ›unverwüstliches Temperament‹ bezeichnet.« Das sei der »Immunität gegen psychotraumatische Erkrankung« geschuldet (Die Psychopathischen Minderwertigkeiten).

Dieser gesellschaftliche Antagonismus weist auf die notwendige Transformation der Gesellschaft voraus: »Die Minderwertigkeit mit verflachtem Bewußtsein hat engste Beziehungen zu einer ehemaligen, die Minderwertigkeit mit verengtem Bewußtsein zu einer werdenden Zweckmäßigkeit des menschlichen Typus.« Die Idiosynkrasie sperrt sich gegen den Automatismus; sie kann Freiräume schaffen, welche die Bedingung der Möglichkeit wahrer Freiheit darstellen. Es ist der »Hang zur Einsamkeit«, das Verschließen und Schweigen, bereits eine revolutionäre Geste.

Byung-Chul Hans Topologie der Gewalt beschreibt Freuds Vorstellungen der Psyche in ihrer historischen Dimension als negatives, von Verboten bestimmtes System. Das Subjekt konnte sich gegen die gesellschaftliche Herrschaft zur Wehr setzen, indem es verneinte und verdrängte, was nicht – in Gross’ Vokabular – zum »Eigenem« gehörte. Die Disziplinargesellschaft von damals ist aber heute einer »Leistungsgesellschaft« gewichen. Sie ist gekennzeichnet nicht vom »Du sollst dies und darfst jenes nicht«, sondern vom nicht weniger tyrannischen »Du kannst«. Das von offenen Zwängen regierte Sub-jekt wird zum Pro-jekt, das sich selbst ent- und damit latenten Zwängen unterwirft, dabei aber frei fühlt.

Die Freiheit wird selbst zum unsichtbaren Zwang, weil sie das »Eigene« dem Diktat des »Fremden« unterwirft; dieses »Fremde« ist aber nicht mehr der gesellschaftliche Zwang, sondern der radikale Selbstbezug, der das Projekt-Ich narzisstisch in sich verharren lässt. Es ist das Zuviel an Positivität, des Maßes an Erlaubtem und Möglichen, was das Leistungssubjekt überfordert, weil es dem suggeriertem eigenem Potential niemals gerecht werden kann. Es ist dieses »Eigene«, was als verdeckter Fremdanspruch destruktiv wird. Nichtanpassung und Nichtpartizipation an der dialektischen Tyrannis dieser Freiheit hieße: Einsamkeit. Ein Verhältnis des Subjekts zu sich, das sich selbst in liebevoller Distanz hält: als »die Befreiung der vom eigenen Unbewußten gebundenen Individualität«.

von Friedrich Kleinert

 

 

 

 

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6 Gedanken zu “Autorität und Autismus

  1. Das sind interessante Gedanken! Es scheint Parallelen zu Wilhelm Reich zu geben. Wo ist der Brief nachzulesen? Welche Werke Gross‘ sollte man kennen und wo sind sie zu lesen?

    Der Abschlußgedanke wurde freilich schon vielfach und in großer Varianz formuliert, wenn auch nicht auf den Autismus bezogen. Die „Angst vor der Freiheit“ bei Erich Fromm, ebenfalls Psychoanalytiker in Freudscher Tradition, die Selbstwahrnehmung des „Eigenen“ durch den „Anderen“ etwa bei Sartre oder Merlau-Ponty.

    Nicht ganz klar komme ich mit folgender Äußerung: „dieses »Fremde« ist aber nicht mehr der gesellschaftliche Zwang, sondern der radikale Selbstbezug, der das Projekt-Ich narzißtisch in sich verharren läßt.“ Wird hier eine quasi-schizophrene Situation für den Autismus beansprucht?

    Die Schlußfolgerung im hiesigen Kontext wäre dann ja, daß Autismus ein vornehmlich modernes Phänomen ist, das umso häufiger auftritt, je „freier“, je mehr „Du darfst“ eine Gesellschaft ist. Wenn das stimmt, dann sind natürlich auch die negativen Konklusionen zu benennen. Wenn nicht „dialektische Tyrannis“, welche dann?

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  2. Da ja sowohl das gesellschaftlich Geläufige Probleme mit sich bringt (sonst würden Menschen nicht zu den im Artikel beschriebenen Denkweisen neigen) und die aus dem Artikel resultierenden Denkweisen, wie ebenfalls auch in der Schlussthese beschrieben, Probleme mit sich bringen, sollten die Dinge, die wir daran hinterfragen, kommuniziert werden, um der Hinterfragung eine Möglichkeit zur Verbreitung bieten. Denn sollte sich das Hinterfragen davon allgemein als gerechtfertigt erweisen, wird es sich über Kommunikation von selbst verbreiten. Dann werden sich diese gesellschaftlichen Probleme auch von der Gesellschaft lösen lassen.

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