Hirnlos

Es geht im Leben immer ums Leben, nicht aber ums Gehirn.

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Wer den Begriff »Neurodiversität« (Typus des neurologischen A-Typus) bemüht, argumentiert auf derselben Ebene wie derjenige, gegen den er den Begriff ins Feld führt. Er bleibt Teil des positivistisch-pathologischen Diskurses. Die Waffen des Gegners aber sind meist nicht das Mittel der Wahl. Zwar will der Begriff neutral erscheinen, will die Vielfalt neurologischer Ausprägungen gegenüber der Normalisierung bewahren, er ist dabei aber selbst eigentümlich undifferenziert dem eigentlichen Phänomen gegenüber.

Weder ist die Vielfalt der neuronalen Ausprägungen mehr als eine Binsenweisheit noch begründet sie per se schon deren moralischen Wert. Es gibt sehr verbreitete, sehr schädliche Erscheinungsweisen; es gibt abartige, kranke Phänoytpen, die moralisch zu verdammen sind. In Differenz an sich etwas Positives sehen zu wollen, ist selbst zu allgemein. Will der Begriff dagegen die Grundlagen dafür schaffen, dass Differenz sich beweisen und zeigen kann, ohne sofort sanktioniert oder behandelt zu werden, kann er sich nicht auf das Hirn, sondern muss sich auf die Würde eines jeden Menschen berufen, die ihm – gleichgültig, wie es um seine neuronalen Bahnen steht – zukommt.

Statt eigene Würden kleiner Teile der Menschheit – und das in Kategorien, die die Würde des Individuums geradezu parodieren – zu reklamieren, scheint es angemessener zu sein, die Gemeinsamkeiten aller Menschen und menschlicher Verhaltensweisen zu betonen. Man kann auch den Autisten qua Gehirn in seine Welt verbannen, anstatt ihn einzuladen, an der eh schon schwer zugänglichen Welt der sogenannten anderen teilhaben zu lassen.

Sein Erregungsniveau der Wahrnehmung ist so hoch, dass auch positive Reize Stress bedeuten und dass geistige Erschöpfung viel eher eintritt als bei anderen. Es ist oft erst das Unverständnis der Umwelt, das Autisten tatsächlich krank macht. Nicht das Individuelle auszuschließen, es aber auch nicht in fremde Strukturen hineinzuzwingen, das ist das Versprechen der Aufklärung, dessen Einlösung unentwegte Arbeit fordert.

Für den Autismus gilt, dass er auf sogenannten biologischen Tatsachen gründet, dass er nicht behandelbar ist, dass der Autist sein Verhalten nur in Maßen ändern kann: Ebenso aber ist es bei jedem Menschen. »Fühle anders, denke anders!« Dieser Imperativ wirkt bei jedem Menschen nicht anders als absurd. Auch der Gesunde kann nicht aus seiner Haut. Auch er kämpft immer mit seiner Natur. Er selbst, mit und gegen sein Hirn. Genauso geht es dem Autisten.

In diesem Ringen, in der Niederlage und im Sieg, kommt unsere Identität zum Vorschein. Dieser Kampf begründet unsere Würde. Das Gehirn ist der Ort, wo dieser ausgetragen wird. Es ist zugleich aber auch das Mittel, mit dem die Schlacht geschlagen wird. Es taugt in seiner Dynamik nicht dazu, eine Identität oder gar Gemeinschaft zu begründen. Will ich jemand verstehen, versuche ich seine diesem Kampf erwachsenden Impulse zu verstehen. Sie lösen zu wollen, ist Sache derer, die die eigentlichen Feinde jeder Differenz und Individualität sind. Es sind die Bio-Politiker im schlechtesten aller Sinne.

Der Umgang mit Differenz ist eine politische Aktion, eine zwischen Menschen verhandelte Angelegenheit. Sie ist ein Streit über Anerkennung, Rechtsfragen und vielem mehr. Die Berufung auf das Hirn verhindert all diese Debatten, sie schneidet ihnen in ihrer Verkürzung das Wort ab, den Wortwechsel, der nötig wäre, um adäquat für die Würde jeder Differenz zu kämpfen und politische, lebenspraktische Konsequenzen zu zeitigen.

Das hat viel mit Geist, mit »Hirn« rein gar nichts zu tun: Das Gerede vom »Hirn« ist eine leere Phrase, die Gräben auftut, Unterschiede nivelliert, nichts erklärt und niemals Grundlage eines ernsthaften Gespräches sein kann. Ich rede hier als Person vom Autisten, wie ich ihn verkörpere, wie ich ihn damit zugleich in Frage stelle und diesen Begriff zurückweise in das individuelle Phänomen jenseits der Verallgemeinerung. Das Zentrale im menschlichen Leben ist doch der Andere als fundamentale unberechenbare Erfahrung:

Kein Gehirn, keine als erschöpfend unterstellte neurologische Analyse kann die Begegnung des Anderen besorgen. Die Kunft des Anderen, die Ankunft des Ankommenden, ist (das), was als unvorsehbares Ereignis ankommt, geschieht. Zu wissen, wie man dem, was die abzulegende Rechenschaft herausfordert, dem, was den Satz vom Grund, insofern er sich darauf beschränkt, »Rechenschaft abzulegen« […], anders herausfordert oder beugt, »Rechenschaft trägt«, diese unvorhersehbare und unberechenbare Kunft des Anderen nicht zu verleugnen oder zu ignorieren, auch das ist Wissen und wissenschaftliche Verantwortung. (Jacques Derrida, Woraus wird Morgen gemacht sein?)

von Anonymous

3 Gedanken zu “Hirnlos

  1. Die Wurzel des Problems Rechenschaft für ein kategorisiertes Anderssein ablegen zu müssen ließe sich ziehen, indem man Differenz akzeptiert und keinen Inhalt der sich nur in Form von Gedanken entwickelt durch ein „du musst dafür behandelt werden“ abstempelt, nur weil sich Kategorien dafür ausgedacht wurden.

    Das Wort Kategorie steht ja auch schon im Gegensatz zu Individualität: etwas Kategoriesiertes kann nicht individuell in seinen Bestandteilen erfasst werden solange man es als einzige Gruppe betrachtet.

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  2. „Wir vergessen, dass wir ja »nur« sprechen und nichts weiter tun als Begriffe auszutauschen und Bilder hervorzurufen, die aber selbst nichts »wirklich« beschreiben oder erklären. Wir vergessen, dass es nicht die Dinge selbst sind, über die wir uns austauschen, sondern unsere Begriffe und Konzepte, unsere Vorstellungen und Meinungen. Wir hoffen (und dürfen in der Regel darauf vertrauen)“, dass andere schon wissen, „was wir meinen.“

    Das Konzept des Erklärungsprinzips könnte insofern nützlich sein, als es uns daran erinnert, dass wir es nicht mit der Wirklichkeit selbst, sondern mit unserer Vorstellung von ihr (und mit unseren eigenen Definitionen, Beschreibungen und Erklärungen) zu tun haben, wenn wir zum Beispiel von (-) Intelligenz, (-) Willensfreiheit, seelischer Behinderung, sprechen. Es macht (-) die Suche nach der vermeintlich einzig richtigen, »wahren Definition« überflüssig.
    kurzer auszug [ Erklärungsprinzip – Gregory Bateson ]

    diesen text habe ich einem aktuellen eigenen beitrag vorangestellt, mit dem titel: METAlog erkläre mir liebe – nun ist bereits das wort LIEBE völlig ungeeignet, den „kategorischen imperativ“ KANTs als „oberstes Prinzip der Moralität“ mit bildern zu illustrieren, wo käufliche liebe dem gesetz von angebot und nachfrage folgt.
    ob käufliche liebe moralisch verwerflich sei, ist nicht relevant. die frage, ob in der sprache bestimmte kategorien des denkens überhaupt etwas erklären können – aus dem labyrinth der widersprüche herauszufinden?
    ohne „den roten faden Ariadnes, im kampf gegen Minotaurus, hätte Theseus diesen nicht besiegen können“.

    betrachten wir den mythos als metapher für etwas im hier & jetzt nicht mit noch soviel worten auf eine gemeinsame basis stellen zu können, buchstäblich verloren zu sein in einer andauernden differenz unterschiedlicher bedeutungen der kontexte.
    objektive wahrheiten mit subjektiven vermutungen abzugleichen, bringt niemand auch nur eine schritt voran.

    „Definition: Ein METALOG ist ein gespräch über ein problematisches thema. In diesem Gespräch sollten die Teilnehmer nicht nur das Problem diskutieren, sondern die Struktur des Gesprächs als ganzes sollte auch für dieses Thema relevant sein.“ (-) …ein Metalog zwischen Mensch und Natur, in dem die Entstehung und Wechselwirkung von Ideen notwendig den Evolutionsprozeß exemplifizieren muß.“ [ Ökologie des Geistes Gregory Bateson 4.Auflage 1983 ] wiederholt gelesen: 06.1983. III-XI 1986. aktuell seit V.2019

    frage: wieviel zeit haben wir überhaupt, offene fragen gemeinsam zu reflektieren?- in einem virtuellen medium!
    sind wir beifreit von depressionen unter der glasglocke, wenn wir diese entfernen oder zerschlagen im reflex?

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