La Dolce Vita

Das Leben ist nicht süß.

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Es ist bitter, es hinterlässt jeden Morgen einen schlechten Geschmack im Mund. Selbst der sorgenlosen Dekadenz fehlt das Salz – auch wenn sie diese monströse Einsicht verdrängt (sie wird immer wieder an den Strand gespült: der abgründige Fisch der Schlussszene in Federico Fellinis La Dolce Vita). Dem Autisten sind selbstverliebte, ignorante Menschen unerträglich. Er findet bei ihnen kein Glück.

Ersticken muss er in einer oberflächlichen starren Gesellschaft, wie es Steiner geschieht: »Das erbärmlichste Leben in Freiheit ist besser als eine in dieser Gesellschaftsordnung verankerte Existenz, ein Leben, in dem alles organisiert ist, in dem alles festgelegt ist.« Der Schriftsteller Steiner, der alles hat, entzückende Kinder, einen exquisiten Freundeskreis, eine schöne Frau, beruflichen Erfolg, ein apartes Haus, ist jemand, der sich trotz all dem den Wunsch bewahrt hat, aus diesen Strukturen auszubrechen. Das Orgelspiel ermöglicht ihm die Transzendierung der brutalen Realität um ihn herum. Ihm ist es nicht möglich, sie, wie seine Umgebung es perfektioniert hat, zu verdrängen.

Es ist dieses »das ist alles?«, das nagende Gefühl der Leere, das aus einer Wahrnehmung geboren ist, die immer höher hinaus will und die doch keinen Aufschwung findet, aber den durchaus zerstörerischen Drang aufrecht erhält, auszubrechen. Der Frieden ist unerträglich; auch wenn Steiner ihn nicht bewahren will, auch wenn er unter ihm leidet, wappnet er sich für den Krieg, der bereits hinter der nächsten Ecke lauert. Das Unberechenbare der Katastrophe wird Steiner – dieser Trieb dringt unerbitterlich auf Erfüllung – selbst herbeiführen:

Manchmal bedrückt mich die Nacht, diese Dunkelheit, dieses Schweigen. Dieser Frieden macht mir Angst. Diesen Frieden fürchte ich mehr als alles andere. Ich habe das Gefühl, als wäre er ein Trugbild, hinter dem sich die Hölle versteckt.

Der historische Horizont münzt diese Unruhe auf den Kalten Krieg, doch funktioniert diese Anspielung hier als Metapher für das Innere Steiners, in dem sich die Fronten mehr und mehr verhärten; in dem die Krise ihren Riss vertieft, bis es zum Ausbruch des Krieges kommt, bis das Bewusstsein, dass die Welt ganz und gar nicht wunderbar sein wird, vollends durchschlägt. Denn was soll diese Welt seinen Kindern bringen? – »Die Welt wird wunderbar sein, sagen sie. Aber wie kann sie wunderbar sein, wenn jemand nur auf einen Knopf zu drücken braucht, um sie in ein Chaos zu verwandeln.«

Steiner leidet daran, dass nichts im Leben wie in Stein gemeißelt ist, dass alles, wie Marcello es vorführt, nur Episode ist. Er aber strebt nach Festem, Endgültigem. Es ist schließlich die Kapitulation vor dem nie endenden Kampf, in den er sich trotz seiner günstigen Lebensumstände verwickelt sieht, eine unendliche Sehnsucht, welche die Zerstörung dann ins Werk setzt:

Man sollte fern aller Leidenschaft, jenseits aller Gefühle leben, in jener Harmonie, wie sie nur ein vollendetes Kunstwerk besitzt, in einer solchen verzauberten Ordnung. Man müsste so sehr lieben können, um außerhalb der Zeit zu leben, losgelöst, losgelöst.

Er formuliert eine autistische Utopie. Leben wie ein Gedicht, in einer verzauberten Ordnung, einer vollkommenen Ordnung, der nichts mehr vom verwirrenden Chaos der Lebenswelt anhaftet. Staublos leben und lieben: Die große Befreiung kann nur im Tod gelingen, in der finalen Loslösung. Ist es eine Bewegung der Angst, die ihn dahin führt, ist es eine der nüchternen Erkenntnis, eine Geste der Resignation oder eine des Triumphs? Oder eine Kapitulation vor der Unbill, den zu leben überhaupt bedeutet?

Was in dem Schlafe wohl für Träume kommen mögen – vielleicht ist Steiners Tat, die ungeheuerlichste, der Mord an den beiden Kindern und an sich selbst, auch von tödlichem Trotz gegen die Unmöglichkeit von Erlösung getrieben. Die Flucht vor dem allgegenwärtigen Sinn seines Lebens findet sein Ende im Ausbruch aus allem Vermitteltem durch das, was jeder sinnvollen Vermittlung Hohn sprechen muss. Erst recht jener, die das Leben zum »süßen« Leben verklärt.

von Michael Leitz

2 Gedanken zu “La Dolce Vita

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