Spektrum des Schreibens

Die Aufgabe ist: Das Leben nicht abweisen.

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So viel Einsicht es auch gewährt, wenn man sich selbst als Autist erkennt, so wenig ist damit schon getan. Die Erkenntnis zieht nicht die Bewältigung des Problems nach sich. Vielmehr erkannt man, dass dieses Problem immer gewahrt bleiben wird, dass man sich ein Leben lang daran abarbeiten muss. Schreiben ist nur eine von vielen denkbaren Formen, mit der Aporie umzugehen.

Autistische Literatur hat signifikante Merkmale (Julie Brown führt das in ihrer Studie Writers on the Spectrum: How Autism and Asperger Syndrome Have Influenced Literary Writing aus). Die Figurengestaltung zeigt die Unsicherheit in der Beherrschung der sozialen Codes, das Problem der Kommunikation sowie die Orientierung an Mustern, welche die autistischen Autoren gleichwohl durchbrechen und verändern, und den Niederschlag der speziellen sensorischen Wahrnehmung auf die Beschreibung der Welt.

Diesen Schriftstellern geht es nicht um die Story, sondern viel mehr um (sprachliche) Details. Symbolik und Assoziationen herrschen vor. Das dominierende Thema ist das des Befremdlichen, des außenstehenden Beobachters, der alles merkwürdig und bemerkenswert findet. Auf den common sense nehmen diese Autoren wenig Rücksicht und geben viel von ihrer Individualität ins Schreiben hinein. Zu diesen Schriftstellern gehören Hans Christian Andersen, Lewis Caroll oder James Joyce.

Materialiter schlägt sich das autistische Schreiben in unübersichtlichen, unordentlich geschriebenen Notizen nieder; in einem chaotischen Schaffensprozess, der von Collage, von Einfügen und Ausschneiden geprägt ist. Franz Kafkas Schreiben gehört in diesen Zusammenhang. Es ist ein Schreiben, das um Worte kreist, das sich treiben lässt, um irgendwann eine Erzählung aus dem zunächst in Notizheften Festgehaltenem auszuschneiden. Kafkas Die Abweisung ist die Erzählung einer autistischen Grenzerfahrung; sie ist als Teil des Bandes Betrachtung eine Betrachtung über die Unmöglichkeit der Begegnung.

Die kleine Erzählung beginnt mit der Imagination einer Begegnung mit »einem schönen Mädchen«, welches das poetische Ich Folgendes bitten würde: »Sei so gut, komm mit mir«. Wenn sie aber »stumm vorübergeht, so meint sie damit«, was der Erzähler in wörtlicher Rede im Anschluss wiedergibt, nämlich, dass er weder vornehm, noch exotisch noch anders in irgendeiner Art interessant sei. Das schöne Mädchen entzieht sich in der Phantasie des Erzählers der Bitte, mit ihm zu kommen, sowie dem unverblümten Befehl, ihm gut zu sein.

Der zwischen Bitte und Befehl schwankende Anruf misslingt, weil er gewaltsam ins Sein des anderen eingreifen will, weil er die erotische Konnotation schon zu deutlich in sich trägt und so explizit wird, was im gesellschaftlichen Triebhaushalt implizit verhandelt wird. Das Mädchen muss stumm vorübergehen. Die Pointe liegt darin, dass er die Abweisung durch sein inneres Reden vorwegnimmt, sodass er sich es erspart, seine Phantasie in die Realität umsetzen zu müssen.

Diese Furcht zeigt sich auch darin, dass er seinerseits Einwände gegen eine Begegnung mit dem Mädchen vorbringen muss, das keine Berühmtheit oder Königin und bei näherem Hinsehen so schön auch gar nicht sei. Das Fazit versöhnt den Feigen mit sich selbst. Eine Begegnung wird als ganz und gar unmöglich herbeigeredet. Die reale Begegnung birgt schließlich die Gefahr der Enttäuschung in sich, daher ist sie zu vermeiden. Dass eine solche »Abweisung« aber »nicht wahr« ist, tritt »unwiderleglich bewußt« zutage: »Ja, wir haben beide recht und, um uns dessen nicht unwiderleglich bewußt zu werden, wollen wir, nicht wahr, lieber jeder allein nach Hause gehn.«

Der Autist entwirft ständig Text für dieses Spiel, das er nicht versteht, aber zu begreifen beginnt: Es ist Ernst, dem man sich kaum entziehen kann. Der Innenraum rüstet sich durch dieses imaginäre Probehandeln gegen die Überraschung durch die unberechenbare Außenwelt. Der Autist erfährt Überrumpelungen leichter und schockhafter als andere. Er nimmt sie in größerer Intensität wahr, gleichgültig, ob sie liebevoll oder aggressiv sind: Es sind Überwältigungen, die bedrohlich erscheinen, weil sie ein Durcheinander verursachen; die Koordinaten des sozialen Gefüges, in dem sich der Autist eh nur schwer zurechtfindet, labyrinthisch werden lassen.

Näherung und Abwendung sind für ihn oft eine einzige Bewegung. Die übers Fiktionale laufende Simulation des Sozialen zielt aber nicht ausschließlich auf Vermeidung, sondern viel mehr gerade auf dessen Verwirklichung. Die imaginären Begegnungen machen reale erst möglich und wappnen den Autisten dafür, diese zu bewältigen, auch wenn er nach fast jeder menschlichen Begegnung allein »nach Hause« gehen muss.

von Wiebke Schmittner

 

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2 Gedanken zu “Spektrum des Schreibens

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