Planeten

Auf seiner Bahn durchs Universum irren.

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Planeten sind Wandelsterne, die durch den schönen Kosmos ziehen. Von einem fixen Punkt aus betrachtet, erscheint das All als von sinngesättigten Gesetzen durchregierte Konstellation. Während die meisten einen solchen festen Punkt haben – nennen wir das die fixe Idee des Sonnensystems – sind Autisten in etwas einbegriffen, was man in Abhebung dazu als Planetensystem bezeichnen könnte. Ihre Ordnung geht von der Vielfalt aus, den tausend Bahnen, Abstoßungen und Attraktionen im Gefüge dessen, was, ist man Teil dieses Ganzen, zugleich als Chaos erscheint.

Die Perspektive der Planeten (daheim auf immer dem falschen Planeten) ist in sich vielfältig. Verbunden sind die Planeten durch ihre Gattung, so unterschiedlich ihre Bahn auch sein mag. Jeder Planet ist mit anderen Wünschen und Wahrnehmungen besiedelt, hat sich ein anderes Ziel gesetzt, ist andere Wege gegangen. Jeder ist eine Welt für sich, unterwegs zwischen den tausend anderen Welten, die er täglich passiert. Der Autismus ist nicht einfach Abschottung gegen die Welt; er ist eine Existenz, deren Welterfahrung sehr eigen ist, weil sie sich von denen der anderen unterscheidet. Alles ist durch eine gewisse, unabweisbare Differenz bestimmt, die über den Horizont des »Man« hinausgeht. Der Blick ist ein anderer:

wenn gerade der Psychiater darauf angewiesen ist, über die Schranken und Aporien seiner Wissenschaft hinauszuschauen und die Ganzheit des Seins der seinem Verstehen und seiner Behandlung anvertrauten Menschen in den Blick zu bekommen, öffnet ihm die Daseinsanalytik den Horizont für einen solchen Blick. Denn in ihr ist der Horizont gleicherweise frei für das Verständnis des Menschen als kreatürliches oder natürliches Sein, wie als gemeinschaftsbestimmtes oder geschichtliches Sein, und zwar aus einer Seinsschau, also ohne daß es zu einer Trennung kommt von Leib, Seele und Geist. (Ludwig Binswanger, Die Bedeutung der Daseinsanalytik Martin Heideggers für das Selbstverständnis der Psychiatrie)

Autismus ist ein Dasein, nicht die Zutat zu einer Existenz, die davon unabhängig existieren könnte. Eine Welt, möglich und unmöglich zugleich; autonom bis zu den Grenzen der heteronomen Einrichtungen, die ihre Freiheit beschneiden; separiert hin zu den tausend anderen Welten, mit denen es doch eine Einheit bildet. Das Dasein ist als geworfenes, durchstimmt, das heißt umfangen, benommen und durchschwungen vom Seienden im Ganzen. Infolgedessen ist es auch in seinen Weltentwürfen nicht »frei«. Seine »Ohnmacht« zeigt sich hier darin, daß ihm durch die Eingenommenheit vom Seienden, durch seine Faktizität, gewisse Möglichkeiten seines In-der-Welt-sein-Könnens entzogen sind, wenn auch gerade dieser Entzug es ist, der dem Dasein wiederum seine Macht verleiht; denn er ist es, der ihm erst die »wirklich« ergreifbaren Möglichkeiten des Weltentwurfs entgegenbringt.

Die Würde des Menschen besteht – sofern diese Begründung nicht auch tautologisch ist – in der Dignität, für sich eine eigene Welt zu besitzen. Wie das Ineinander von Objektivem und Subjektiven, das darin eingeht, auch immer strukturiert und in sich gewichtet ist, diese Welt ist ein irreduzibles Ganzes. Bestimmt ist sie von ganz eigenen Möglichkeiten, nicht von einer Programmierung; sie ist Dasein, nicht Maschine.

von Markus Riedl

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2 Gedanken zu “Planeten

  1. Liebender Markuß Riedl

    Ich war ehedem Sozialbetreuer für Schwerst und Mehrfachbehinderte
    In dieser Wohngemeinschaft lebte auch ein Autist
    Ameisen zu beobachten war Sein Entzücken

    Ich kenne um mich her nur Autisten
    Menschen die graduell unverbunden mit sich selbst
    Weltenferne grenzenlose Egoität leben

    Mitfühlen ist die Kunst ohne Selbstverlust selbst der Andere zu sein
    Momentan situativ nur in diesem Heiligen Augenblick
    Planetare Universalität

    danke
    Dir den Segen der Selbstverwirklichten
    Joaquim von Herzen

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