Von der Tiefe ausgehen

Auch in der Psychoanalyse ist der Autist ein Fremder.

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Michael Turnheim sieht im Autismus eine Herausforderung, »die nicht mehr darauf beruht, das Menschliche durch scharfe Gegensätze und Grenzen zu definieren« (Das Scheitern der Oberfläche: Autismus, Psychose und Biopolitik) Ihm geht es darum, »energisch die grundsätzliche Menschlichkeit der autistischen Eigenarten zu behaupten.« Was zunächst befremdlich klingt, zielt in die Tiefe des autistischen Erlebens.

Die Psychoanalyse stellt der kognitivistischen mindblindness-theory eine Sichtweise entgegen, die von der radikalen und universalen Fremdheitserfahrung des Autisten seinen Ausgang nimmt. Turnheim sieht eine nicht ausgelöschte Heterogenität in der psychischen Struktur am Werk, die das Sprechen als das Sprechen eines anderen und den eigenen Leib als den eines anderen charakterisiert.

Beim Autisten kommt es »zu einer viel massiveren Konfrontation mit Fremden« als bei der psychischen Entwicklung der anderen. Das Fremde ist nicht nur der andere, sondern auch die eigene Stimme oder der eigene Körper. Turnheim erklärt diese Erfahrung »von einer allgemeinen Struktur her, die sowohl das ›normale‹ als auch das ›pathologische‹ Verhalten zu produzieren imstande ist«. Der kognitivistische Begriff von Fremdheit erfährt in dieser Konsequenz eine Radikalisierung:

Die Unfähigkeit, zutreffende Schlüsse hinsichtlich dessen zu ziehen, was sich im Kopf anderer abspielt, würde also nicht als isolierte Störung (oder, weitere Hypothese der Kognitivisten, als Folge des unzureichenden Funktionierens eines »zentralen Denkprozesses«) anzusehen sein. Sie würde eher mit einer zunächst bestehenden Unmöglichkeit, sich gegenüber mehr oder weniger allgegenwärtigem Fremden hinreichend zu schützen, zusammenhängen.

Die Auslöschung des Eigenen im Fremden misslingt, sodass die Selbstaffektion nicht rein ist. Auch Donald Meltzer sieht beim Autismus ein Scheitern der projektiven Identifizierung, die eine klar begrenzte Heterogenität im Eigenen herstellt. Autismus ist daher nicht »einer Abwesenheit intellektueller, oder neurologischer Fähigkeiten zuschreiben«, bemerkt Turnheim. Was vorliegt, ist eher eine »Modifikation« oder ein »Ausbleiben jener ersten Spaltungsprozesse […], welche die Bedingung für einen bestimmten Umgang mit Heterogenität darstellen.«

Wenn die Spaltung, »durch welche inneres Fremdes, bevor es projiziert wird, als lokalisierbar zu erscheinen vermag«, nicht durchgeführt wird, gelingt die »Herstellung von Gewissheit über die Absichten des anderen« nur schlecht. Dem Autisten erscheint das eigene Physische nicht als eigener »Leib«, sondern als fremder »Körper« (in Husserls Terminologie). Das Fremde erscheint in der Folge überall; es ist nicht klar abgegrenzt:

Im »Normalfall« entstehen die Phänomene anscheinend reiner Selbstaffektion aufgrund der Auslöschung bereits in identifizierbarer Weise in Wirkung getretener Hetero-Affektion. Im Autismus schließt diese Allgegenwart des Fremden solche Auslöschung prinzipiell aus, was zu dem hoffnungslosen Versuch führt, eine Domäne dieseits des dauernden Einbruchs von Heterogenem zu kontrollieren. Wesentlich ist hier aber, dass dasjenige, was einbricht […] normalerweise vergessener Fremdheit entspricht.

Es kommt zur ständigen Ablagerung von Fremdem im Reizoffenen, sodass sich der Autist daraufhin als Ermöglichung einer Öffnung zur Umwelt hin verschließt, wie Meltzer beobachtet. Die Einkapselung gegenüber der Außenwelt bildet den Reizschutz, auf dem angesichts der Überreizung überhaupt Reagibilität stattfinden kann. Es ist die »ursprüngliche und ungefilterte Überschwemmung durch Fremdes insgesamt, die dann zu sekundären Abkapselungsreaktionen führt«, bemerkt Turnheim.

Die radikale Erfahrung der Fremdheit, die jeder macht, kann der Autist nicht vergessen: dass die eigene Hand im Handeln schon nicht mehr ihm gehört, dass er »sich die bereits die Heterogenität des Signifikanten voraussetzende Stimme nicht wiederanzueignen vermag«. Das Sprechen ist daher nicht wiederbelebtes Sprechen, »in dem der schriftliche, das heißt letztlich ›tödliche‹ Aspekt von Sprache insgesamt in den Vordergrund rückt«.

Die Bevorzugung der Schrift und des pseudoschriftlichen Sprechens leitet sich ab von dem »Ausbleiben der Auslöschung des Zeichens, wodurch dessen normalerweise dem Vergessen anheim fallende Fremdheit manifest wird.« Niemals aber kann es beim Menschen eine »reine« Selbstaffektion geben, niemals ist das Fremde völlig ausgelöscht. Im Autismus bleibt dieses Fremde immer präsent.

Der Autist hat daher auch ein problematisches Verhältnis zur Repräsentation und will nicht im Sprechen »Kraft gegen eine Form« eintauschen (Jacques Derrida). Er bringt immer wieder ins Gedächtnis, dass Sprechen eine Wiederbelebung ist, die erst »nach jenen Abtötungswirkungen erfolgt, die das Schriftliche an Sprache überhaupt auszeichnen«. Der Autist will diese Abtötung nicht mitmachen:

Er ist nicht bereit, seine eigene Vernichtung zu akzeptieren um »normal« sprechen zu können. Die Verweigerung einer solchen Verwandlung bringt die »anomale« Freilegung dessen mit sich, was an Sprache überhaupt von ursprünglicher Schriftlichkeit abhängt. In Bezug auf die folglich im Autismus vorherrschende Funktion des Buchstabens und der »ursprünglichen Gewalt von Schrift« wäre die etwa bestehende schützende Funktion einer Beschränkung auf Schreiben als sekundär einzustufen.

Autisten vergessen nicht, dass die Sprache niemals ihre eigene ist, dass sie immer fremd und in gewissem Sinne tot ist. Das zeigt sich im Wiederholen der Worte oder daran, dass sie gar nicht sprechen oder nur manchmal das Schweigen brechen. Turnheim sieht darin eine »radikale Weigerung«. Autisten wissen, »dass die Worte nicht ihnen gehören und erinnern uns in unerträglicher Weise an diese Wahrheit. Statt zu sprechen, beschränken sie sich darauf, zu zeigen, dass Sprache immer Wiederholung und Tod mit sich bringt.«

von Anonymous


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4 Gedanken zu “Von der Tiefe ausgehen

  1. Als Interessierter psychologischer Fanatismen sehe ich in einem Autisten doch lieber den Menschen, als dass ich ihn ihm ein zu erklärendes Mysterium suche. Sehr interessanter Blog, der mir selbst einen Spiegel vor die Nase hält, welcher einfach nicht aus meiner Hand zu weichen versucht. Ich bleibe dran! 😉

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