In Toleranz

Zur (Des-)Integration des Autismus.

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Kann der real existierende Autismus, sofern er nicht als postmoderne politische Subjektivierung unter vielen verstanden wird, dabei helfen, die Frage nach dem ökonomischen System radikal zu stellen? Die gängige Politisierung des Autismus als Sonderinteresse verhindert jede vollwertige Anerkennung als Seinsmodus. Die im prekären Verhältnis von Autismus und Arbeitsfähigkeit aufscheinende Kritik, die letztlich auf die Notwendigkeit einer Revision des Wirtschaftssystems hinausliefe, wird schlicht unterschlagen.

Auch der Autismus fällt so der Entpolitisierung der Ökonomie zugunsten der Politisierung der Partikularinteressen (Veganismus, Homosexualität, Ethnie, Feminismus etc.) zum Opfer, deren Sprachrohre damit im falschen Bewusstsein, mit dessen nur scheinbarer Aufhebung sie sich zufrieden geben, gefangen bleiben. Der Autismus wird in die gültige Logik des Kapitalismus integriert; man überlegt, wo Autismus in der Wirtschaft funktional ist (›Bildung‹ hat das gleiche Schicksal), wo er doch viel mehr das Potential birgt, das Wesen der Wirtschaft selbst zu verändern, wie auch den Begriff von Arbeit:

Die wahre Arbeit, die eine fortwährende Verklärungstätigkeit sein könnte, sinkt zu einer Betätigung der Entäußerung, des Austritts aus dem Zentrum des Wesens herab. Es ist bezeichnend, daß in der modernen Welt die Arbeit auf eine ausschließlich äußere Tätigkeit hindeutet. Deshalb verwirklicht der Mensch nicht sich durch sie, sondern er verwirklicht irgend etwas. Der Umstand, daß jeder Mensch einer Karriere nachgehen, in irgendeine Lebensform, die ihm fast niemals entspricht, eintreten muß, ist Ausdruck der Vertrottelungstendenz durch Arbeitswut. (Émile Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung)

Stellt nicht der Autismus den Menschen als homo oeconomicus überhaupt in Frage, weil Autismus keine Krankheit ist, sondern eine andere Seinsform des Menschen? Seine Integration ins kapitalistische System ist ein weiteres Beispiel der Absorbierung des kritischen Potential eines Phänomens. Seine subversive Kraft wird weg geschliffen, indem es in den gängigen Fürsorge-Diskurs der Politik eingegliedert wird:

all diese unaufhörliche Aktivität flüssiger, sich verwandelnder Identitäten, die sich der Herstellung von vielgestaltigen ad-hoc-Koalitionen und so fort widmen, hat etwas Unechtes an sich und gleicht letztlich dem Zwangsneurotiker, der unaufhörlich daherredet und auch sonst fürchterlich aktiv ist, gerade um zu vermeiden, dass etwas – etwas, das wirklich zählt – nicht gestört wird, und weiter hübsch still hält. Anstatt also die neuen Freiheiten und Verantwortlichkeiten zu bejubeln, die uns eine »zweite Moderne« beschert hat, ist es viel wichtiger, sich auf dasjenige zu konzentrieren, was in dieser ganzen globalen Verflüssigung und Reflexivität dasselbe bleibt, was diesem Im-Fluss-befindlichen als eigentlicher Antriebsmotor dient: die unerbittliche Logik des Kapitals. (Slavoj Žižek, Ein Plädoyer für die Intoleranz)

Eine linke Position bezöge sich, anstatt sich in Einzelkämpfen aufzureiben, auf etwas Universales, »das strukturell deplaziert, ›aus den Fugen‹ ist«. Der Autismus ist solch ein Element: »Die universale Dimension ›scheint durch‹ das symptomatische deplazierte Element hindurch, das dem Ganzen angehört, ohne eigentlich Teil von ihm zu sein« (Žižek). Die gegenwärtige Rede über den Autismus steht immer in Gefahr, ins Partikulare abzugleiten und die eigentliche Sache dadurch zu verfehlen. Die Bewegung jeder Forderung muss sein, den Autismus als den Fremdkörper im gesellschaftlichen Gefüge kenntlich zu machen, der er bleibt, solange nicht das Gefüge selbst sich neu konstelliert.

Trägt er nicht das Potential in sich, die allgemeine Ordnung zu hinterfragen, indem er ihr Verdrängtes ist, das ans Licht kommt, eines ihrer Symptome und Teile, »die, obgleich sie der existierenden universalen Ordnung inhärent sind, keinen ›eigentlichen Platz‹ in ihr finden« (Žižek, Ein Plädoyer für die Intoleranz)? Das reale Risiko besteht nicht in Diskrimierung, sondern vielmehr darin, dass die Inklusion ein noch viel größeres Übel als gesellschaftliche Intoleranz von der Kritik ausschließt; dasjenige, was einer Änderung bedarf, das besonders an dem, was an Unbekanntem im Vertrauten hervortritt, sichtbar wird, nämlich an der Arbeitswelt selbst. Es ist das Fremde, das in Frage stellt, worin sich die Heimischen längst eingerichtet haben:

Die Menschen arbeiten gemeinhin allzu viel, um noch sie selbst zu sein. Die Arbeit ist ein Fluch. Doch der Mensch hat diesen Fluch in eine Wollust umgemünzt. Aus allen Kräften und nur um der Arbeit willen arbeiten, sich an der Anstrengung laben, die unweigerlich zu belanglosen Errungenschaften führt, sich vorstellen, daß man sich nur durch objektive und unausgesetzte Arbeit verwirklichen kann, darin liegt das Empörende und Unbegreifliche. Die beharrliche und ununterbrochene Arbeit verblödet, trivialisiert und entpersönlicht. (Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung)

von Nikolas Weber

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4 Gedanken zu “In Toleranz

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