Die Erschaffung einer Sonnenblume

»Sei kreativ!« – »Wie denn nicht?«

Four Sunflowers

Während Simon Baron-Cohen den Autismus als extreme Ausprägung des männlichen Gehirns zu erklären versucht (The Essential Difference), sieht der Psychiater Michael Fitzgerald (The Genesis of Artistic Creativity) in ihm die Entstehung von Kreativität überhaupt begründet. Ihm geht es primär um die Diagnose und Beschreibung der Symptome berühmter Persönlichkeiten, unter ihnen Vincent van Gogh.

Wenn man die Frage nach der neurologischen Basis weiter fasst, kommt in den Blick, dass neurologische Besonderheiten, welche mit ungewöhnlicher Kreativität einhergehen, wie auch Tourette, Parkinson, ADHS und Schizophrenie mit einer verminderten latenten Inhibition zusammenhängen könnten. Der Begriff bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, Reize unbewusst filtern zu können, sich auf bestimmte zu konzentrieren und andere auszublenden, also zwischen wichtigen und unwichtigen Reizen zu selektieren. Kreativität heißt, dass die normale Filterung gestört wird. Ist sie aber immer durchlässig, ist das Gehirn auch immer kreativ, befindet sich im permanenten Ausnahmezustand.

Der Ansturm der Reize von Innen und Außen zwingt dazu, mit den Reizen kreativ umzugehen; sie können nicht einfach unbewusst sortiert und ad acta gelegt werden. Die Welt erscheint in ihrer ungefilterten Gewalt. Die Sinnesorgane sind nicht nur dazu da, die Welt zu erschließen, sondern auch dazu, sie zu verschließen. Kann derjenige, der ihr ausgeliefert ist, dem Chaos mit Strukturierung begegnen, wird die Kreativität produktiv. Gelingt das nicht, wirkt die verminderte latente Inhibition destruktiv. Die Psychologin Shelley Carson hat das vor allem in Hinblick auf die Schizophrenie untersucht.

Van Gogh wurde zum Prototyp des scheiternden Künstlers der Moderne. Seine Kunst wird als Notwehr gegen die Welt verstanden, in der er sich kaum zurechtfand. Seine Biographie ist geprägt von Rückzug, Konflikten, der Abhängigkeit von seinem Bruder Theo. Auch seine Versuche, Teil der Gemeinschaft der einfachen Leute zu werden, schlug fehl. All diese Mängel der Lebenspraxis habe Vincent in seiner Kunst und Kunstreflexion kompensiert, sei schließlich aber dem eigenen Genie erlegen. Die Wirklichkeit sei in den Werken – und in seinem Leben – immer mehr zurückgetreten hinter der unzugänglichen, subjektiven Sphäre.

Das Gemalte aber will sich dem Betrachter mitteilen: »Die Maler begreifen die Natur & haben sie lieb & lehren uns sehen« (1874). Die Malerei ist für van Gogh rastlose Arbeit: »wenn ich nichts tue, wenn ich nichts lerne, wenn ich nicht mehr suche, dann bin ich verloren« (1880). Im gleichen Jahr beschreibt er die Folgen einer solchen intensiven Vertiefung in sein Metier:

Nun ist der, der sich in all das vertieft, manchmal anstößig, shocking für die anderen, und ohne es zu wollen, versündigt er sich mehr oder weniger gegen bestimmte Formen und Sitten und gesellschaftliche Konventionen. Trotzdem ist es traurig, wenn man ihm das übelnimmt. Du weißt zum Beispiel genau, daß ich oft mein Äußeres vernachlässigt habe, das gebe ich zu, und ich gebe auch zu, daß das shocking ist. Aber dafür sind Geldmangel und Elend verantwortlich, und dann ist auch eine tiefe Mutlosigkeit schuld daran, und manchmal ist es auch ein geeignetes Mittel, um sich die nötige Einsamkeit zu sichern, damit man sich mehr oder weniger in das eine oder andere Studium, das einen beschäftigt, vertiefen kann.

Vicent deutet gegenüber dem Bruder an, dass er selbst ein »Nichtstuer wider Willen, der innerlich von einem großen Wunsch nach Tätigkeit verzehrt wird«, sei. Er sei jemand, »der nichts tut, weil es ihm völlig unmöglich ist, etwas zu tun, weil er wie im Gefängnis ist, weil er nicht hat, was er bräuchte, um produktiv zu sein, weil die unglücklichen Umstände ihn dazu machen«. Hätte er nur die rechten Produktionsbedingungen, ein solcher »Nichtstuer« könnte etwas aus sich machen, denn er »weiß oft selbst nicht, was er tun könnte, aber er fühlt instinktiv, ich bin trotzdem zu irgend etwas gut! Ich spüre meine Daseinsberechtigung!«

Das Dasein des Malers macht aus, die Natur zu zeigen, wie er sie sieht: »Zwar wende ich der Natur absolut den Rücken zu, wenn ich eine Skizze zu einem Bild umarbeite, die Farben bestimme, vergrößere oder vereinfache, aber was die Formen anbetrifft, habe ich Angst, vom Wirklichen abzuweichen, nicht genau genug zu sein«. Van Gogh ist der Realität treu, wie er sie wahrnimmt: »es kümmert mich weniger, ob meine Farben buchstäblich genau dieselben sind, wenn sie nur schön auf meiner Leinwand wirken, ebenso schön, wie sie im Leben wirken« (1885). Sein Schaffen ist »ein Sichdurcharbeiten durch eine unsichtbare eiserne Wand, die zwischen dem, was man fühlt, und dem, was man kann, zu stehen scheint«; diese Wand muss man »untergraben und durchfeilen, langsam und mit Geduld« (1882).

Die »Vier verwelkten Sonnenblumen« von 1887, wahrscheinlich, wie Van Gogh im Jahr 1888 schreibt, »von Sonnenaufgang an« gemalt, weil die Blumen rasch welk werden und »man das Ganze in einem Zug machen muß«, wenden die Schnittkanten dem Betrachter zu. Dadurch ist derjenige, der sie geschnitten hat, im Bild präsent. Die rechte Blume wendet ihren Kopf weg, während die anderen tournesols sich im Verwelken noch dem Licht zuwenden. Der Sonnenblumenmaler van Gogh, wie Paul Gaugin ihn nannte, malt das Züngeln der Zeit an den Blüten, die Sonnenblumen, wie sie auf ihn wirken »durch eine unsichtbare eiserne Wand«. Sein intensiver Blick nimmt mehr wahr an den Dingen. Er ist realistischer.

Eine der vier Sonnenblumen liegt vom Betrachter und vom Licht abgewandt im Hintergrund. Die linken drei Blumen haben im Licht der Sonne Kerne gebildet, die rechte verbirgt sie. Vielleicht sah die vierte ein Zuviel an Licht, sodass sie sich abwenden musste. Ihr Antlitz, ihr widerständiges Entgegenleuchten, konzentriert sich flammend in der Schnittkante, die in die den anderen entgegengesetzte Richtung weist. Sie kehrt sich ab von der Gemeinschaft. Im Rückzug berührt sie in der »Symphonie in Blau und Gelb« doch kaum die Nachbarn, deren Stängel ins transzendente Blau ragen. Van Gogh zeigt drei Sonnenblumen und eine, die Welt und sich selbst.

von Anonymous

 

 

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Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

 

 

 

 

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