The Autist is present

Der Autist ist ganz der Gegenwart anheim gefallen.

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Die Präsenz des Leibes und der Zeit: In Marina Abramovics Performance, in der sie monatelang auf einem Stuhl im New Yorker MoMa einzelnen Besuchern schweigend und regungslos gegenüber saß, konfrontiert sie diese mit ihrer reinen, überwältigenden Gegenwart, die alles Tun der Welt als nichtig zeigt. Ihre Präsenz erschüttert die Existenz des Betrachters, der sich seiner plötzlich inne wird. Der Autist findet sich einer ähnlich intensiven Präsenz Stunde um Stunde ausgesetzt.

Er hat einen intensiven Bezug zur Gegenwart, der sowohl das Festhalten an Vergangenem als auch die Orientierung an der Zukunft zurückstehen lässt. Wie ein Tier tendiert er dazu, in der Gegenwart zu ruhen. Das Verhältnis zur Welt und sich selbst lässt sich analog zu den vier brahmischen Geisteszustände (apramãnas) der buddhistischen Tradition fassen: Wohlwollen (Maitrî), Mitleid (karunã), Freude (muditã) und Gleichmut (upekkhã).

Die systematische Kultivierung der vier Geisteszustände bereiten dem Buddhisten den Weg zur Erlösung von der leidvollen Existenz. Neben der emotionalen Erfahrung geht es um die Einsicht in das wahre leidvolle und nichtige Wesen der Welt und dem Kreislauf der Wiedergeburt. Die Ethik, die in den apramãnas aufscheint, zeigt eine Wesensverwandtschaft mit bestimmten Zügen des autistischen Erlebens.

Maitrî wirkt Feindschaft, Übelwollen und Hassgefühlen entgegen und fördert eine liebvolle, wohlwollende Haltung gegenüber allen Lebewesen. Es ist Freundschaft und Geduld. Es ist Wohlwollen sich selbst und der Welt gegenüber. Karunã, das Mitgefühl, betrifft das Leiden anderer Lebewesen. Es umfasst die emotionale Betroffenheit beim Anblick des Leidens, den Impuls, das Leid zu verringern, und die Geisteshaltung und Ausstrahlung, die gegen den Wunsch zu schaden und grausam zu sein, arbeitet.

Mit-Leid kann aber auch in Kummer und in depressives Schmerzgefühl oder in Hass gegen die Unheilsursachen ausarten. Der Gleichmut upekkhã versucht, diese heilshinderlichen Zustände abzufangen. Muditã wiederum soll dazu führen, allen Lebewesen als Freunden zu begegnen, die man gerne sieht. Sie wirkt damit den negativen Folgen von Karunã entgegen: Sie soll den durch die Erfahrung des nicht abwendbaren Leidens anderer niedergedrückten Geist wieder aufheitern.

Upekkhã ist weder eine positive noch eine negative Haltung. Der Gleichmut hängt eng mit der Aufmerksamkeit, dem Betrachten, zusammen. Er baut alle falsche leidenschaftliche Bindung an die Welt und leidvolle Verstrickung in diese ab. Auch die Upekkhã selbst gilt es noch, als leidhaften Geisteszustand zu überwinden. Die Distanz zur Welt ist selbst noch aus der Distanz zu betrachten: Um ganz und gar zu erkennen und in dieser Erkenntnis Erlösung zu finden. Das heißt, vornehm zu leben, jenseits von Gut und Böse:

Mit einer ungeheuren und stolzen Gelassenheit leben; immer jenseits –. Seine Affekte, sein Für und Wider willkürlich haben und nicht haben, sich auf sie herablassen, für Stunden; sich auf sie setzen, wie auf Pferde, oft wie auf Esel: – man muss nämlich ihre Dummheit so gut wie ihr Feuer zu nützen wissen. Seine dreihundert Vordergründe sich bewahren; auch die schwarze Brille: denn es giebt Fälle, wo uns Niemand in die Augen, noch weniger in unsre »Gründe« sehn darf. Und jenes spitzbübische und heitre Laster sich zur Gesellschaft wählen, die Höflichkeit. Und Herr seiner vier Tugenden bleiben, des Muthes, der Einsicht, des Mitgefühls, der Einsamkeit. Denn die Einsamkeit ist bei uns eine Tugend, als ein sublimer Hang und Drang der Reinlichkeit, welcher erräth, wie es bei Berührung von Mensch und Mensch – »in Gesellschaft« – unvermeidlich-unreinlich zugehn muss. Jede Gemeinschaft macht, irgendwie, irgendwo, irgendwann – »gemein«. (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. Was ist vornehm? Aufzeichnung 284)

von Maria Holm

4 Gedanken zu “The Autist is present

  1. diese beeindruckende performance „the artist is present“ mit dem problem der andauernden präsenz überfordernder wahrnehmung im asperger autismus in beziehung zu setzen, ist eine gelungene „synthese“ von nähe, distanz, entfremdung.
    der außergewöhnlichen präsenz von Marina Abramovic gelang es, ihr gegenüber sitzende mit starken empfindungen zwischen empathie und sprachlosigkeit zu „konfrontieren“.

    was in dieser performance über einen extrem anstrengenden langen zeitraum gelang, auch passive zuschauer einbeziehend, eine gemeinsamkeit der wahrnehmung zu dokumentieren.

    sah diese beeindruckend dokumentierte präsenz „the artist is present“ mehrmals auf dvd. im zeitlichen rahmen wurden parallel einige ihrer performances mit ausgewählten darstellerInnen gezeigt. frühe performances mit ihrem langjährigen lebensgefährten ULAY wurden mit videos und photos dokumentiert. nach der letzten gemeinsamen performance auf der chinesischen mauer ( 2500 km ) trafen sie sich, um sich zu verabschieden. daß Marina unter dieser trennung litt, wurde nicht ausgeblendet.

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  2. nachwort: in analogie zur großen empathie des publikums während dieser performance und demgegenüber die realität der „entfremdung“. kultur der distanz, als das normale verhalten. kein spezielles problem aus der perspektive des asperger autistenmus; nur schwerer zu ertragen. kein individuelles problem. das leben selbst ist so geworden. ob unmittelbare nachbarn oder im öffentlichen raum. wo menschen sich nicht mehr wahrnehmen, sich belästigt fühlen, wenn man sie mit offenen augen ansieht. emotionale kälte, rationale distanz – die ganze bandbreite der entfremdung. dieser begriff ist kein unwort des jahres. in psychologie, philosophie, soziologie und literatur seit jahrzehnten das thema – im diskurs über den gesellschaftlichen wandel.

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