Der große Alienus

Der große Andere und der große Alienus des Autisten stehen sich fremd gegenüber.

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Der große Andere – Lacans symbolische Ordnung – ist die unheimliche Anwesenheit dessen, worin wir uns immer schon bewegen: Das Netz von Regeln, von denen manche präsenter gehalten werden als andere; Regeln, zu denen es auch gehört, über manche Regeln stillzuschweigen, um ihre Einhaltung zu garantieren. Immer nehme ich in diesem Koordinatensystem einen bestimmten Punkt ein, der mir und den anderen hilft, die nötige Orientierung für den Umgang mit dem anderen zu schaffen.

Der große Andere ist selbst in größter Einsamkeit anwesend, d. h. er ist wirksam in allen Handlungen und Gedanken. Diese Virtualität lässt einen niemals dem »man« ganz entrinnen, niemals ganz herausfallen aus dem komplexen System von sozialen Regeln. Individuelle Freiheit kann sich nur in und mit diesem System entfalten; sie besteht wesentlich aus dem Anschein von Freiheit, der entsteht, wenn der Zwang sich als Wahl ausgibt. In den Maschen dieses Netzes kann man durchaus aber auch verloren gehen:

Das gleiche Gefühl der Unzugehörigkeit, des unnötigen Spieles, wohin ich auch gehe: Ich gebe vor, mich für das zu interessieren, was mir gar nichts bedeutet, ich zapple aus Automatik oder Barmherzigkeit, ohne jemals bei der Sache, ohne irgendwo zu sein. Was mich anzieht, ist anderswo, und was dieses Anderswo ist – ich weiß es nicht! (Émile Cioran, Vom Nachteil, geboren zu sein)

Der Ort, wo diese Freiheit ausgehandelt wird, ist die Sprache. Die Beziehung zum großen Anderen ist sprachlich strukturiert. Sprache und soziale Regeln aber sind dem Autisten rätselhaft. Reden, um zu reden; Anschein zu erzeugen, um das Funktionieren der Regeln aufrechtzuerhalten: Alle Akte, die den großen Anderen aufrecht erhalten, erscheinen dem großen Alienus, dem Fremden und Befremdeten, dem Autisten, suspekt.

Der große Andere ist etwas Magisches, nichts, was man über die Vernunft zu erfassen vermag. Er erfordert soziale Intuition, die Aufrechterhaltung um der Sozialität selbst willen. Der Autist aber ist magisch maximal unmusikalisch. Der große Andere bleibt ihm fremd, er will sich frei von seinem Einfluss machen, was freilich nicht gelingen kann. Er sieht die Risse und die Mechanik im symbolischen Gefüge, ohne den Sinngehalt seines Funktionierens intuitiv erfassen und bejahen zu können. Seine Beziehung zum großen Anderen ist distanziert: Er steht zu ihm in reflexiver Distanz, die zwar immer wieder verschwindet – auch er funktioniert –, die ihn aber niemals ganz und gar in dieser Beziehung traumwandlerisch aufgehen lässt.

Die höfliche Verstellung, die als Schmiermittel der symbolischen Mechanik die Wahrheit dieser Einrichtung bestätigt, versteht der Autist falsch: nämlich als Täuschung, die das Gegenteil von Aufrichtigkeit ist. Vielmehr ist sie aber die Wahrheit des Sozialen selbst; Mittel der Dissimulation, sich den anderen vom Leib zu halten und sich ihm zugleich gesellschaftlich zu verbinden. Einverständliche gegenseitige Täuschung ist die soziale Regel schlechthin, die das Aufrechterhalten der Beziehungen, die Wahrheit, immer neu konstituiert.

Das Reale, der Nächste ist für Lacan »das Ding«; seine Anwesenheit ist furchteinflößend, ständige traumatische Drohung, die der Autist ungefiltert erfährt. Sein phantasmatischer Schirm muss besonders gut entwickelt sein, um eine solche Nähe zu ertragen; er flüchtet abwechselnd aus der Realität in die Phantasie und aus der Phantasie, rührt sie zu sehr am Kern des Realen, in die phantasmatisch umschirmte Realität.

Was man laut sagt, was man verschweigt, worauf man insistiert, worauf man verzichtet: All das ist nicht selbst-verständlich, sondern bezieht die Regel erst vom großen Anderen her, dessen Präsenz dem Autisten vage und fremd bleibt. Sein Rückzug von anderen Menschen ist auch der Rückzug vom großen Anderen. Er fühlt sich fremd, wie ein Alien, und auch die anderen bemerken, dass er nicht ganz im großen Anderen, im Koordinatensystem des Sozialen, aufgehoben ist. Die Vermittlung durch den großen Anderen schlägt fehlt und mühsame, andere Strategien des Verstehens müssen an seine Stelle treten.

Diese Kluft aber ist eine kritische. In ihr scheinen die Widersprüche im Symbolischen ungeschönt auf. Nicht länger kann man behaupten, sie nicht zu sehen, wenn erst ein anderer, der Alienus, der dazu die Zeit und das Auge hat, sie vor dem großen Anderen ausgesprochen hat. Er ist die Instanz, die den Mut, die Dummheit, besitzt, eine solche Wahrheit auch gegen die geltenden Regeln auszusprechen.

Man neigt freilich dazu, einen solchen Sprecher in eine vom großen Anderen sanktionierte Rolle, die des Narren oder des Irren, zu bringen und die Wahrheit dadurch zu suspendieren. Man zieht dem nackten Kaiser die Kleider an und legt sich das dicke Fell wieder an. Dann gilt, dass der irrt, der aus der symbolischen Ordnung herausfällt, der auf der logischen und zynischen Wahrheit insistiert, nicht auf der symbolischen. Wie Lacan sagt: Les non-dupes errent, »die Nicht-Genarrten irren«.

von Friedrich Kleinert

5 Gedanken zu “Der große Alienus

  1. Die Illusion die zur Wirklichkeit wird oder zur Matrix, mag sein …
    Gibt es so viel mehr, was ohne Materie auskommt – das ist eher das real Wirkende…

    Wirre Gedanken, welche bei Zeiten verstanden werden, von den Anderen??
    … und denen, die verbunden sind.

    Gehabt euch wohl,
    Raffa.

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