DSM V-ASD/ICD 10-F 84.1

Abkürzungen üben Macht aus, indem sie Objektivität suggerieren, wo sie willkürliche Setzung sind.

dictionary-1619740_1920

Psychische Störungen sind nicht naturwissenschaftlich nachweisbar, es gibt keine Biomarker; der anfänglichen Euphorie der Neuropsychiatrie ist Resignation gewichen. Was bleibt, sind operationalisierte Verhaltensbeschreibungen, mit denen Kliniker arbeiten müssen. Was eine Störung ist, wird in diesem Kontext strikt funktionalistisch gedacht.

Was geschähe aber, wenn man stattdessen die andere Differenz, die besondere Begabung, beschriebe? Die derzeit praktizierte funktionalistische Beschreibung ist nur dann im Vollsinne human, wenn sie darauf abzielt, als leidvoll erfahrene Probleme im Alltag bewältigbar zu machen und den Leidensdruck für den Menschen und seine Umwelt zu reduzieren. Das mag ihr Ziel sein, ihre Praxis ist es kaum.

Eine Störung besagt an sich noch nicht, dass sie auch behandelt werden müsste. Autismus ist eine grundlegende Konstitution, die in verschiedenen Bereichen Schwierigkeiten bereitet, die andere Menschen in geringerem Maße haben. In diesen Bereichen kommt sie phänomenal zum Ausdruck. Er ist aber keine Störung, weil er nicht etwas stört, was sonst reibungslos funktionieren würde; er setzt etwas Anderes als Grundlage an die Stelle jenes Funktionierens.

Diagnosen haben die Funktion, die Kommunikation der Kliniker effizient zu gestalten, Forschung erst möglich zu machen und daraus wiederum Maßstäbe abzuleiten. Diese wiederum sind Grundlage auch der rechtlichen Konsequenzen der Diagnostik und wirkt so in vielfältige Lebensbereiche hinein. Den Phänomenen Namen geben zu wollen, ist tief im Menschen verwurzelt. Namen geben Sicherheit und stiften Orientierung. Sie sind der Versuch, die Kontingenz der Welt zu reduzieren. Die derzeitige Inflation der Diagnosen aber ist selbst autistischer Natur.

Abweichende Menschen, mit abweichender Wahrnehmung und abweichendem Verhalten müssen durch bestimmte klassifizierende Namen erfasst und dadurch virtualiter und realiter kontrolliert werden. Vorhersehbarkeit und Verlässlichkeit sind wichtig in einer Gruppe: Der Andere muss beherrschbar erscheinen, will man ihn nicht von vorhinein vom sozialen Miteinander ausschließen. So ungenau die Benennung auch sein mag, sie ist elementar wichtig.

Der Autist selbst analysiert und diagnostiziert unablässig. Es ist sein Blick, der der Blick eines Fremden ist, der ihn dafür prädisponiert. Alles um sich herum versucht er zu benennen und entdeckt dabei, wie brüchig und unsicher alle Benennung ist. Dass man ihm selbst, das größte Rätsel, das er kennt, mit einem Begriff beikommen will, löst Bestürzung aus. Und doch bietet der Begriff immerhin einen Anhaltspunkt, von dem aus sich die Welt dem Autisten und von dem aus er sich selbst erklären kann.

Aus »Autismus« und »Asperger-Syndrom« (ICD 10-F 84.1) wird im Handbuch DSM-5 »Autism spectrum disorder« (ASD). Die zwei grundlegenden Problembereiche sind: »Soziale-Kommunikation« und »Stereotypien/Rituale« verbunden mit »Sensorischer Störung«. In den Blick gerät nun auch, dass ASD oft nicht bereits in der Kindheit klar zum Ausdruck kommt. Das abschließende Kriterium für die Diagnose ist eine spürbare Funktionsbeeinträchtigung im Alltag. Unerfasst bleiben klinisch unauffällige Autisten oder solche mit dominanten Komorbiditäten.

Es ist aber auch – bisweilen vor allem – die Diagnose selbst, die massive Beeinträchtigungen im Alltag zur Folge haben kann: in der Berufswahl, bei Versicherungen etc. Autisten werden als Risiko begriffen, nicht als Chance. Ausgrenzung und Hilfe gehen manchmal Hand in Hand. Dass es eine Grenze zum Pathologischen hin gibt, ist nicht zu leugnen; wichtig ist aber dennoch, diese Grenze immer wieder als prekär und individuell ins Gedächtnis zu rufen.

Dem Autisten muss die normale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden. Es ist erstaunlich, wie das Bekenntnis zur bedingungslosen Würde eines jeden Menschen schnell mit der praktischen Einschränkung »Ja, aber« einhergeht. Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben darf in keiner Dimension angetastet werden. Je mehr Differenz eine Gesellschaft in sich aufzunehmen bereit ist, desto kultivierter ist sie. Schon Asperger plädierte in diesem Sinne:

In der ganz überwiegenden Zahl der Fälle kommt es nämlich zu einer guten Berufsleistung und damit zu einer sozialen Einordnung, oft in hochgestellten Berufen, oft in so hervorragender Weise, daß man zu der Anschauung kommen muß, niemand als gerade diese autistischen Menschen seien gerade zu solchen Leistungen befähigt. Es ist, als seien ihnen in einer Art kompensatorischer Hypertrophie besondere Fähigkeiten gegeben, als Ausgleich für ihre beträchtlichen Defekte. Die Unbeirrbarkeit und die Durchschlagskraft die in der ›spontanen‹ Aktivität der Autistischen liegt, die Eingeengtheit auf einzelne Gebiete des Lebens, auf ein isoliertes Sonderinteresse, das erweist sich hier als positiver Wert, der diese Menschen auf ihren Gebieten zu besonderen Leistungen befähigt. Gerade bei den Autistischen sehen wir – mit weit größerer Deutlichkeit als bei den ›Normalen‹, daß sie von frühester Jugend an für einen bestimmten Beruf prädestiniert erscheinen, daß dieser Beruf schicksalhaft aus ihren besonderen Anlagen herauswächst. (Asperger, Neue Impulse in der Heilpädagogik)

Autisten mögen andere moralische Verantwortung, andere Probleme und Aufgaben in ihrem Leben haben. Sie sind deswegen nicht mehr oder weniger wert als alle anderen auch. Auch sie sind Teil der Gesellschaft. Die Wissenschaft muss ihre Vorurteile immer wieder zu revidieren bereit sein, will sie der Gesellschaft als Ganzes und den Autisten tatsächlich helfen und ihre Ausgrenzung nicht zementieren, sie qua Diagnose ausschließen von Arbeit, Verbeamtung und Versicherung.

von Anonymous

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu “DSM V-ASD/ICD 10-F 84.1

  1. Absolut richtig 🙂 Verstärke deine Potentiale und Talente… und höre auf, an deine vermeintlichen Schwächen viel Zeit zu verschwenden, nur damit du für die Ideale anderer Weltbilder passgenau wirst.

    Danke für deine tollen Gedanken.

    Ich musste den ICD 10 auswendig lernen, um beim Gesundheitsamt die Zulassung als Heilpraktikerin zu bekommen. Es hat mir viel Kraft gekostet und das Katalogisieren der Menschen hat mir persönlich völlig widersprochen. Und deshalb hab ich die Prüfung dann nicht bestanden ;), ich möchte diesen Unsinn nie mehr auswendig lernen müssen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s