»Ich habe meinen Regenschirm vergessen«

Der Autist ist ein Artist mit Schirm.

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Kein anderes Diktum Friedrich Nietzsches hat – wegen seiner Banalität und gleichzeitigen Rätselhaftigkeit – mehr Aufmerksamkeit der Interpreten gefunden. Der Satz ist kontextlos überliefert und provoziert durch seine Isolation, die Eindeutigkeit seines Inhalts hinter dessen (angenommenen) polyvalenten Performanz verschwinden zu machen. Durch den fehlenden Zusammenhang kann das Gesagte alles oder nichts bedeuten. Die symbolische Ordnung wird hieroglyphisch: die Erfahrung des Autisten, dem die symbolische Struktur, in der alle Aussagen sich eingebettet finden, oft abgeht.

Der Autist kann den Schirm nicht vergessen, weil er ihn ständig aufgespannt halten muss, um die Reize der Umwelt abzuwehren. Der Hagel der Sinneseindrücke lässt den Schirm sich festigen; seine Hermetik oder Durchlässigkeit bestimmt sich durch die Art und die Quantität der durchzulassenden und abzuwehrenden Reize. Der Schirm ist zugleich eine Membran, durch die hindurch er kommuniziert. Der Reizschutz – wie er anhand des Bläschens in Freuds Jenseits des Lustprinzips illustriert wird – ist zugleich Bedingung dafür, dass überhaupt sinnvoll Daten der Umwelt verarbeitet und beantwortet werden können.

Rekonstruktion von Sinn ist die Aufgabe durch die Abschirmung hindurch; Improvisation, wo bei den anderen intuitives Handeln steht. Der Autist als Artist auf dem Hochseil, der balanciert innerhalb der symbolischen Ordnung. Die Kluft unter ihm, die er als abgründige Krise erfährt, die Risse und Bodenlosigkeiten der symbolischen Stadt, in der die anderen wie im Schlaf navigieren. Der Schirm, in der Hand verwachsen, hilft, das Gleichgewicht zu halten.

von Markus Riedl

 


Manuskripteinreichung

Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

Ein Gedanke zu “»Ich habe meinen Regenschirm vergessen«

  1. Eine* AU!Tist*in ist ein*e ARtist*in mit Schirm, die trotz ihres Schirmes hin und wieder stürzt. Mögen die Abgründe nicht zu tief sein oder ein Netz sie vor schlimmen Brüchen bewahren!

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    Hinter dem Bildschirm verschanzen sich die Autisten. Sie üben akrobatisch Kommunikation und lassen die Buchstaben mehrsilbig in Reih‘ und Glied aufmarschieren. Einer Artist*in inmitten der Autisten wurde dies zu langweilig. Sie klappte fuhr den PC herunter und ging tanzen. Einem Freund sagte sie: „Ich werde jetzt hebräisch oder arabisch lernen, dann kann ich meine Gehilf*innen auf dem Feld der Sprache – die Buchstaben – auch mal von rechts nach links in Erscheinung treten lassen.

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