Tantalus

Das zügellose Verlangen nach Nähe und die Unerbittlichkeit der Ferne.

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Löst Nähe bei den meisten das Gefühl von Geborgenheit aus, so verursacht sie bei Autisten Unbehagen. Selbst das Heim ist unheimlich, der Autismus ist eine Existenzform des ständigen Rückzugs. Nichts schlimmer, als aus dem Fenster zu sehen, ohne eingreifen zu können. Nichts schlimmer, als sein Leben lang eingesperrt zu sein zwischen Wänden aus Glas. Nicht schlimmer als das Verlangen, die Distanz zu überbrücken, und die Gewissheit, dass das niemals gelingen wird.

Vielleicht ist kein Schicksal schwerer zu ertragen als das von Tantalus: Die Welt weicht vor seiner Hand zurück, sodass er niemals satt wird von ihrer Berührung. Das ist sein Hunger und Durst: Nicht Trauben und Wasser will er erreichen, er will die Welt berühren, die sich ihm beständig entzieht. Der Autismus ist wesentlich die Erfahrung eines leidvollen Entzugs von Ich und Welt.

Es ist, als ob die Welt in einem Atemzug jubelnd »Ja« sagt und lockt – der Autist ist wesentlich halkyonisch – und zugleich, je näher man ihr kommt, desto weiter zurücktritt. Es ist, als ob der Autist eine vielen verborgene Antwort kennt, diese aber im Moment der Beantwortung selbst als nichtig durchstreicht. Die Distanz ist elementar in jedem Winkel seines Seins.

Der Autismus ist – entgegen der landläufigen Meinung – dafür prädestiniert, ständig seinen eigenen Horizont, seine Sichtgrenze zu überschreiten. Sein Ort ist der der Betrachtung, der theoria. Von diesem exzentrischen Standpunkt aus muss Menschsein überhaupt verhandelt werden. Seine hybride Existenz tritt heraus aus dem Automatismus des Mensch-Seins, er ist an einen anderen Ort verbannt.

Der Autist leidet am »Man« der Welt im Heidegger’schen Sinn. Er leidet an der Gegenwart von Menschen und Sinnesreizen, wenn sie in zu hoher Frequenz und in zu starker Intensität auftreten. Er leidet daran, immer am falschen Ort zu sein: Nicht nur ist er auf dem falschen Planet, er ist selbst ein Planet im Universum, der umherschweift ohne Bahn. Nie gehört er tatsächlich dazu, das Andere ist unüberwindlich. Aber er leidet nicht an einer Krankheit; seine Wahrnehmung weicht bloß von der Norm ab, sodass er spezifische Schwierigkeiten hat, die sich von denen der anderen unterscheiden.

Der Autist improvisiert permanent, hat nirgends Halt, wo andere wissen, was zu tun ist. Er kämpft, wo seine Schlacht immer schon verloren und das Leben unmöglich ist. Doch auch Tantalus muss man sich als einen glücklichen Menschen vorstellen. Wenn sich die Welt auch entzieht, so ist sie doch da, bleibt sie in Sichtweite. Eine andere Art von Nähe ist möglich, eine Zugehörigkeit, in der die Differenz zwar präsent, aber nicht dominant bleiben muss. Das Schreiben ist eine solche Handbewegung hin zur Nähe.

Autisten lesen die Welt als Text. Ein Text kann dunkel sein, aber dort begegnen einem Menschen immerhin durch Distanz gemildert; abstrahiert von dem, was bei menschlicher Rede durch die leibliche Präsenz ablenkt. Es sind der Tendenz nach tiefere Begegnungen, weil die lebensweltlichen immer digressiv sind, immer irgendwie vorbeigehen am Autisten. Er wird nicht satt von ihnen, er bleibt durstig und streckt die Hand weiter aus. Nach den anderen und nach der Sprache selbst: »Wie soll ich es versuchen, Ihnen diese seltsamen geistigen Qualen zu schildern, dies Emporschnellen der Fruchtzweige über meinen ausgereckten Händen, dies Zurückweichen des murmelnden Wassers vor meinen dürstenden Lippen?« (Hugo von Hofmannsthal, Ein Brief)

Was Lord Chandos als plötzlichen und fatalen Eingriff in sein bisheriges Leben und Wahrnehmen erfährt, ist dem Autisten angeboren: Es ist unmöglich, allgemein zu sprechen »und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen«, denn »die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.« Die Konsequenz ist das Verstummen, Chandos werden »alle die Urtheile, die leichthin und mit schlafwandelnder Sicherheit abgegeben zu werden pflegen, so bedenklich, daß ich aufhören mußte, an […] Gesprächen irgend teilzunehmen.«

Es ist da plötzliche eine Distanz zwischen ihm und den Dinge, die aus einer allzu großen Nähe zu kommen scheint: »alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich. Mein Geist zwang mich, alle Dinge, die in einem solchen Gespräch vorkamen, in einer unheimlichen Nähe zu sehen: so wie ich einmal in einem Vergößerungsglas ein Stück von der Haut meines kleinen Fingers gesehen hatte, das einem Blachfeld mit Furchen und Höhlen glich, so ging es mir nun mit den Menschen und Handlungen.«

Was damit zerfällt, ist die Gabe, die dem Autisten entzogen ist, alles »mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen.« Als Chandos sich in die Philosophie flüchten will, überkommt ihn »das Gefühl furchtbarer Einsamkeit; mir war zumuth wie einem, der in einem Garten mit lauter augenlosen Statuen eingesperrt wäre«. Was ihm bleibt, ist ein Dasein, »das Sie, fürchte ich, kaum begreifen können«; es ist »ein Dasein, das sich freilich von dem meiner Nachbarn, meiner Verwandten […] kaum unterscheidet, und das nicht ganz ohne freudige und belebende Augenblicke ist.«

von Markus Riedl

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8 Gedanken zu “Tantalus

      1. Ja, es ist verwandt bzw. darin werden gewisse Übereinstimmungen beschrieben – zumindest, was einige der Symptome betrifft. Der Verweis auf ADHS ist interessant. Ich habe mit sogenannten ADHS-Kindern in einer Grundschule gearbeitet und war fasziniert von ihrer intensiven Wahrnehmung und Phantasie. Ich empfand es als ganz natürlich, dass sie in überfüllten Klassen sowie Sitz-Zwang auf harten Holzstühlen ausrasten. Kinder im Alter von 6-7 Jahren sind bewegt und lernen innerhalb der Bewegung, sie lieben es, dabei Neues zu entdecken. Jedes Kind und menschliche Individuum hat in der Verarbeitung eine eigene Zeit und Geschwindigkeit. Und auch die Sinneseindrücke und neuronalen Netze bzw. die Wahrnehmungs(fähigkeit) und emotionale Disposition ist sehr unterschiedlich. Im Grunde sollte jedes Kind individuell gefördert werden. Eltern sind eh die primären Lehrer*innen. Der Bildungsprozess beginnt bereits im Uterus, da sich darin ja bereits die Sinnesorgane heranbilden. (https://static.uni-graz.at/fileadmin/_Persoenliche_Webseite/parncutt_richard/Pdfs/Pa05praenatal.pdf) Gibt es dafür eine Ausbildung/Schulung von Eltern? Gibt es Schulung in Bezug auf Frühkindpädagogik für die Eltern? Diese gehört sicher nicht dazu: https://www.huffingtonpost.de/entry/kinofilm-elternschule-als-mutter-bin-ich-entsetzt_de_5bcd920fe4b055bc94825e59

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