Mit Hans sprechen

Im Autisten spricht es permanent.

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Es spricht zwar, nur hat er keine Stimme, die diese Sprache so nach außen bringen könnte, dass es ihr angemessen wäre: Es kommt dem Automatismus einfach zu viel dazwischen; mit dem Effekt, dass das Sprechen immer in einer manchmal nur schwer zu fassenden Art und Weise unnatürlich ist: »Die Sprache wirkt auch auf den naiven Zuhörer »anders als normal«, bisweilen »wie eine Karikatur, zu Spott herausfordernd«, schreibt Asperger.

Sprache ist unendlich reich und der Autist nimmt sie in ihrer ganzen ästhetischen Dimension und Fülle wahr: ihren Klang, ihre Klangverbindungen, ihre Bestandteile, die Etymologie, die syntaktische Struktur, ihre untergründig wirksamen semantischen Verbindungen, ihre Vokale und Konsonanten. Er schmeckt den Zungenschlag, spürt den Automatismus der Phrasen, stört sich am Auswendiggelernten.

Aber ihn irritiert auch das, was der Intention des Sprechenden, die ja meist eine strategische ist, dazwischen kommt: das Stottern, das Versprechen, der Abbruch. Auch das Unaufrichtige kehrt die Sprache hervor. Sie ist mehr als ein Spielfeld, sie ist das Elementarste, mit dem der Autist umzugehen hat. Er muss sie sich ganz zu eigen machen, wie Asperger immer wieder beobachtet:

Diese Kinder, vor allem die intellektuell gut Begabten unter ihnen, haben ein geradezu schöpferisches Verhältnis zur Sprache. Sie sind imstande, ihr originelles Erleben, ihre originellen Beobachtungen auch in einer sprachlich originellen Form auszudrücken, sei es nun durch ungewöhnliche Wörter, von denen man annähmen müsste, sie lägen dem Alter oder dem Lebenskreis der Kinder ganz fern, oder sei es durch neugebildete oder wenigstens umgeformte Wörter, die oft ungemein treffsicher und bezeichnend, oft freilich auch recht abwegig sind. (Asperger, Heilpädagogik)

Eine eigene Wahrnehmung, eine eigene Sprache; ein eigener Zugang zu den Dingen, eine eigene Art, auf sie Bezug zu nehmen. Auf dem Terrain der Sprache fühlt sich der Autist auf der einen Seite sehr wohl. Und doch bleibt ihm die Sprache immer etwas Fremdes, so sehr er auch will, dass sie ihm die eigene wird, wie ihm auch das Gegenüber fremd bleibt.

Autistisch zu sein, heißt, Schwierigkeiten zu haben, sich in die Vorstellungswelt und Perspektive des anderen intuitiv hineinzuversetzen (defizitäre theory of mind). Der Forscher Simon Baron-Cohen (Cambridge) vermutet, dass auch die eher monotone Prosodie der Stimme dadurch bedingt wird, dass der Sprechende nicht die Vorstellung des Hörers berücksichtigt, nicht aktiv sein Interesse wecken will. Der Autist hat zwar weniger Intuition für die Vorstellungswelt des anderen, durchaus aber rational erschlossene Hypothesen über sie.

Er geht dafür den Umweg über die Reflexion, über den er das radikal Fremde zu erfassen vermag. Es kommt bei Autisten »zu einer viel massiveren Konfrontation mit Fremdem […] als es bei nicht autistischen Individuen der Fall ist«, wie der Psychoanalytiker Michael Turnheim formuliert (Das Scheitern der Oberfläche). Diese Erfahrung von Fremdheit ist ein Existenzial des Autismus: »Was den Autismus noch vor dem Auftauchen der Frage der Intersubjektivität zunächst auszeichnet, ist das Fremdwerden von Bereichen, die normalerweise als nicht als fremd erscheinen, wie die Stimme oder Teile des eigenen Körpers.«

Das Spezifische des autistischen Erlebens ist, dass »innerhalb des Bereichs dessen, was normalerweise als Eigenes erscheint« das Fremde konfrontativ erscheint. In der Konsequenz dieser Überlegung sieht Turnheim die »mindblindness« des Autisten durch diese Erfahrung von Fremdheit bedingt. Sie ist »von einer allgemeinen Struktur her zu erklären, die sowohl das ›normale‹ als auch das ›pathologische‹ Verhalten zu produzieren imstande ist.«

Mit dem Fremden zu sprechen, ist naturgemäß schwierig. Es bleibt immer ein Akt der Übersetzung, bestimmt von Unsicherheiten und Unwägbarkeiten. Gestik und Mimik des anderen, Gefühls- und Absichtsbekundungen: Erst wenn diese »sozialen Affordanzen« aufgegriffen werden, entsteht eine Reziprozität in der Kommunikationssituation. Das Zwischen und die Distanz spielen darin die entscheidende Rolle:

Alles spielt sich also unter bzw. zwischen uns [entre nous] ab: dieses »Zwischen« hat, wie sein Name es andeutet, weder eine eigene Konsistenz, noch Kontinuität. Es führt nicht von einem zum anderen, es bildet keinen Stoff, keinen Zement, keine Brücke. […] Das »Zwischen« ist die Distanzierung und die Distanz, die vom Singulären als solchem eröffnet wird, und eine Art Verräumlichung seines Sinns. Was nicht die Distanz des »Zwischen« hält, ist nichts als in sich verschmolzene Immanenz und sinnentleert. (Nancy, singulär plural sein)

Wenn die elementare Erfahrung aber die radikaler Fremdheit ist, entsteht die Schwierigkeit, soziale Affordanzen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Aus der reflexiven Distanz gelingt die Kommunikation, weniger aber spontan und intuitiv. Die theory of mind geht Umwege. Der Weg über die Reflexion und die reflektierte Sprache bestimmt den Autisten. Sein Sprechen ist von der Theorie bestimmt, von der Betrachtung und dem Nachdenken. Es erscheint fremd, weil es immer zum Fremden hin spricht.

von Friedrich Kleinert

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5 Gedanken zu “Mit Hans sprechen

  1. in der orientierungslosen kindheit wusste ich noch nicht, warum ich anders war als andere. lange fast ohne sprache der wörter aufgewachsen, mit einer schwer paranoiden mutter und einer älteren, völlig emotionslosen schwester, sonst keinerlei kontakte zur verwandtschaft, im unterricht der volksschule unbeteiligt. so kam ich nach der volksschule in eine sehr gute lehre, mit hilfreichen vorbildern. als ich merkte, wie arm und primitiv meine sprache war ( es gab zuhause keinerlei gespräche ), begann ich nach intensivem lesen von literatur ( allen voran KAFKA ) in einem keller an einem kleinen wackligen tisch selbst in kladden zu schreiben, doch kein tagebuch, sondern eigene sprachschöpfungen. tatsächlich hat mich die bedeutung der sprache zeitlebens umgetrieben. ab 1960 – 1996 gedichte, rationale poesie, poetische ration. ab 1980 sprachbilder / bildersprache , text-bild-objekte. ab 1990-1996 nahezu manisches schreiben, autobiografische erinnerungen an kindheit, jugend und die zeit als erwachsener. das erste von fünf büchern straffte ich zuletzt aud 288 seiten. alle vier bücher ( fotokopien gebunden ) haben den titel: am rand der wörter / ästhetik des scheiterns.

    danke für dieses autismusjournal

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