»noli me tangere«

Distanz ist Berührung, Berührung Distanz.

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Tizians Noli me tangere (um 1514, National Gallery London) zeigt zwei Bewegungen der Hand: die Näherung der Hand und ihre Abweisung. In dieser Darstellung aus dem Leben Jesu ist die conditio humana auf den Punkt gebracht: die Erfahrung des Entzugs auch der größten menschlichen Nähe, nämlich der Aura des Menschen: »Die Aura ist Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft« (Walter Benjamin).

Die Emmaus-Episode, die von Jesu Erscheinen und Verschwinden nach der Auferstehung handelt, spricht die Wahrheit menschlichen Lebens in aller Prägnanz und unabweisbarer Faktizität aus. Man begegnet einander wie aus dem Nichts, man spricht miteinander, ohne einander oder sich selbst zu erkennen, man bricht das Brot, und sobald man glaubt zu wissen, mit wem man am Tisch sitzt, verschwindet er. Der andere ist immer schon an einem anderen Ort und entzieht sich dem Zugriff.

Der Versuch, den anderen tatsächlich zu berühren, muss misslingen. Daher die Warnung: Noli me tangere! Dieses »Berühre mich nicht« ist ein Satz, »der berührt, der, selbst wenn er von jedem Kontext losgelöst ist, nicht nicht berühren kann« (Jean-Luc Nancy, Noli me tangere). Es ist das Heilige, das sich davor scheut, berührt zu werden. Der auferstandene Leib entzieht sich der Verfügbarkeit durch den Menschen, als Maria Magdalena Jesus erkennt und ihn berühren will. Glauben heißt, nicht durch Empirie an ihm rühren zu müssen.

Die Hände als Orte und Träger der Berührung stehen in den bildnerischen Darstellungen der Szene Tizians im Mittelpunkt: »Hände, die bereit sind, sich zu verbinden, die jedoch bereits getrennt und entfernt sind, ebenso wie der Schatten und das Licht, Hände, die mit Begehren vermischte Grüße austauschen, Hände, die auf die Körper zeigen und gen Himmel weisen« (Nancy, Noli me tangere). In Tizians Bild ist unentschieden, ob Marias Hand das Tuch berührt oder nicht, das Jesus von der Hand wegzieht. Die Verhüllung muss, in allem, was es wert ist, bewahrt bleiben:

Die Liebe und die Wahrheit berühren, indem sie abstoßen: Sie lassen zurückweichen, wen sie treffen, denn ihr Erreichen, ihre Beschädigung, offenbart in der Berührung selbst, dass sie außer Reichweite sind. In ihrer Unerreichbarkeit berühren und verletzen sie uns. Was sie uns näherbringt, ist ihr Entfernen: Dies lassen sie uns fühlen, und dieses Gefühl ist ihr Sinn selbst. Der Sinn der Berührung gebietet es, nicht zu berühren. (Nancy, Noli me tangere)

Gibt es ein Berühren ganz ohne Festhalten, eine Begegnung ohne Gewalt? Im griechischen Original steht anstelle des lateinischen tangere das Verb haptó, das ›Berühren‹ und ›Festhalten‹ zugleich bedeutet. Die Erfahrung der Distanz, des Nicht-Festhalten-Könnens ist beim Autisten ausgeprägter als bei anderen. Daher seine Sehnsucht danach, doch zu berühren und berührt zu werden.

Seinem Verlangen nach Berührung ist dennoch ein »Berühre mich nicht« eingeschrieben. Jede Berührung ist traumatisch; sie ist gewaltsam, indem sie den eigenen Leib, ob sie will oder nicht, festhält. Bitte um Distanz und Bitte um Berührung fallen in eins, Lust und Leid werden in der Berührung zugleich ins Unerträgliche gesteigert. Die Verschränkung von Nähe und Distanz in der Beziehung zum anderen ist dem Autisten mysterium tremendum und fascinans zugleich.

von Maria Holm

 

 

 

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