Sichtbar blind

Für die Welt hellsichtig, mit blöden Augen für die Menschen ausgestattet, dem Auge der anderen ausgesetzt.

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Der Mensch ist das Wesen, das sich seiner Sichtbarkeit bewusst ist; das gehört zu seinem anthropologischen Kern. »Nackt zu sein bedeutete, dass er sich vor dem Erblicktwerden fürchtete«, wie Hans Blumenberg die entscheidende Wende des Menschheitsgeschlechts in der Genesis beschreibt (Bilder und Zeiten). Sichtbar zu sein heißt, dem anderen Blick und auch dem anderen Tun ausgeliefert zu sein.

Der Autist wünscht sich, mehr noch vielleicht als alle anderen, unsichtbar zu sein, damit der Makel, der ihm auf die Stirn geschrieben steht, nicht offenbar wird. Sein Erscheinen löst, wohin er geht, Befremden aus. Er ist ein rätselhafter Schatten, zu dem man die Lichtquelle nicht kennt. Immerzu fühlt er den sozialen Blick auf seiner Haut, der ihn abtastet und ergründen will, und der doch schnell an eine Grenze stößt.

Der Mensch befindet sich permanent im öffentlichen Raum. Selbst wenn er alleine ist, ist er nicht ganz für sich: der virtuelle, »große« Andere ist immer präsent. Der Andere, der unablässig Gestik, Mimik und Wort beobachtet; das verinnerliche soziale Auge. Das Bewusstsein, für andere sichtbar zu sein, ist so immer da. Es ist wie in dem von Michel Foucault beschriebenen Panoptikum, der Mensch ist Gefangener seiner Sichtbarkeit: »Die Sichtbarkeit ist eine Falle« (Überwachen und Strafen).

Sichtbarkeit und Empathie stehen aber in elementarer Spannung zueinander. Sowohl die Sichtbarkeit des anderen als auch die eigene ist distanzierungsbedürftig; über Distanz vermitteln wir uns mit uns selbst und miteinander. Mit dem anderen sein, heißt, den anderen mit genügend Abstand betrachten zu können, um so Nähe herzustellen, aus der Ferne ihm nahe zu kommen:

So liegt das zentrale Rätsel der Empathie im ›mit‹, das eine affektive Aufgeschlossenheit für den Anderen in der aufrecht erhaltenen Differenz seiner Anderheit bedeuten soll. So sehr man auch infolge des Mitfühlens geradezu wie der Andere zu fühlen (gegebenenfalls auch zu hassen) und auf dieser Grundlage zu verstehen und zu denken glaubt, so wenig darf das ›wie‹ dazu verführen, anzunehmen, man fühle etwas anstelle des Anderen, an seiner Statt und im Sinne einer Substitution für ihn. In der Empathie fühle ich mit dem Anderen – so wie er oder sie, aber nicht in der genau gleichen, d.h. hier: substituierbaren Art und Weise. Ich fühle für dich oder mit dir, heißt gerade nicht: identisch und an deiner Stelle. (Burkhard Liebsch, Verschiedene Wege vom Selbst zum Anderen)

Die Begegnung geht immer den Weg über die Distanz. Empathie ist für Liebsch »als Transponierung eines affektiven Selbstverhältnisses in ein affektives, nichtindifferentes Verhalten zum Anderen zu verstehen, das die Differenz zwischen Selbst und Anderem nicht tilgt.« Diese Differenz ist bei der Empathie des Autisten besonders ausgeprägt.

Mit ihm zu sympathisieren ist oft schwierig; sozial bleibt er unsichtbar, weil die Differenz zu ihm groß bleibt. Umgekehrt erscheint dem Autisten die Differenz zwischen ihm und dem anderen, die er durch Empathie überbrücken will, unüberwindlich. Viele Rätsel verstellen ihm den Weg, will er seine Empathie unter dem prüfenden Auge des anderen sozial sichtbar werden lassen.

Dass der Vorwurf der mangelnden Empathie des Autisten so präsent ist in der öffentlichen Wahrnehmung, ist vielleicht auch der Projektion der eigenen Empfindungslosigkeit dem Autisten gegenüber geschuldet. Er ist in einem gewissen Bereich eine fast absolute Differenz, ein unleserlicher Fremdkörper; seine soziale Interaktion wirkt unnatürlich, gehemmt, und sie muss es sein, wenn der Autist gesellschaftlich auch nur irgendwie akzeptabel sein will. Denn er muss die Distanz wahren, aus der überhaupt begreifen kann, wie das Spiel gespielt wird.

von Anonymous

 

 

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Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

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