Mutatis mutandis

Die Differenz des Monsters verweist auf die Monstrosität des aufs Normale Zugerichteten.

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Die Film-Vampire der Gegenwart sind durch geregelte Differenzen auf ihr Gegenbild, das bürgerliche Dasein, aufs Genaueste bezogen. Sie ertragen das Licht nicht, altern nicht, sind anders verwundbar, leben die Phantasien der anderen (Drogen und Sex), sie haben manipulative Macht über die anderen. Damit erfüllen sie als Abwehr eines eigenen Begehrens – wie auch die Feen und die anderen Halbwesen – alle Kriterien einer sozialen Exklusion und Dämonisierung, die einer Integration in die Gesellschaft entgegensteht.

In der Serie True Blood verheißt das gleichnamige Getränk, synthetisch hergestelltes Blut, eine sozialverträgliche Lösung der Ernährungsfrage der Vampire. Dass nicht alle das Angebot der Inklusion dankend annehmen und ihrer Natur entsagen, sondern in der Differenz zum Gesellschaftlichen verharren, rechtfertigt schließlich ihre Verfolgung. Die Dialektik des gesellschaftlichen Spiels führt zwar zu neuen Konstellationen, nicht aber zu einer Versöhnung der Antagonisten.

Jede noch so abstruse und lächerlich-tragische Differenz aber, die in der Kleinstadt Bon Temps im Verlauf der Serie aufgebaut worden war, findet sich am Ende (Thank You) im Happy End eingeebnet. Die Fee Sookie flüchtet gemeinsam mit den anderen Überlebenden der Differenz ins kleinbürgerliche Eheglück, vor dem Phantasma in die Realität; der Vampir, das Phantasma, hatte sich zuvor, um ihr das Glück zu ermöglichen, selbst ausgelöscht. Der mächtige Vampir Eric wird gemeinsam mit seiner Gespielin Pam Protagonist in der Werbung für ein neues Vampirprodukt.

Jede Abweichung erhält umgehend ihr Gegengift. Der Kampf zwischen Integration und Desintegration ist ein ungleicher. Gilt das nicht auch für die Frage nach den guten und den schlechten X-Men und der Frage nach ihrer Auslöschung durch ein Heilmittel gegen die Mutation? Neben den Walking Dead (die Angst vor dem eigenen Untotsein, während man sich gegenseitig auffrisst) sind es solche Abweichungen magischer oder genetischer Art, die von einer Sehnsucht nach Differenz zeugen, die zugleich Furcht ist.

Was aber, wenn man durch gerichtete Evolution, durch Eingriffe ins menschliche Genom genetische Abweichungen abschaffen oder hervorbringen könnte? Manipulation des bloßen Lebens, um ein gutes Leben zu erreichen? Was aber ist gut, was ist böse: Was ist Mensch, was Unmensch – was Übermensch? Gary Westfahl hat den Autismus als neuen Schritt in der menschlichen Evolution proklamiert: den »homo aspergerus«, der abseits vom Mainstream (genetisch) prädestiniert sei, Neues und Entscheidendes zu erschaffen.

Die Phantasien der Sciene Fiction gehen so weit, das eigene neurologische System sich freiwillig in der jeweils passenden Art manipulieren zu lassen. Der Vorteil der Dominanz von Analytik gegenüber dem Gefühl: Hirngespinst all jener, die vom Leben überfordert sind und sich vor dem Menschlichen flüchten wollen. Dystopie einer reibungslos funktionierenden Maschine: Zu ihr gibt der real existierende Autismus gerade kein Vorbild ab. Dietmar Dath weist diese Tyrannei der Biologie gegenüber dem Sozialen am 13. März 2006 in der FAZ zurück. Vielleicht führt die Entwicklung der Menschheit ja auch »zur Solidarität, das heißt zu einer Welt, in der die Angst nicht deshalb verschwindet, weil ihre biologische Grundlage entfällt, sondern weil wir ihre soziale abgeschafft haben«.

Not tut auf diesem Weg eine sprachliche Evolution. Hier, nicht zum Übermenschen, kommt Nietzsche ins Spiel. Die Bedeutung von Autismus selbst ist unsicher, wenn folgendes gilt: »Jedes Wort wird sofort dadurch Begriff, daß es eben nicht für das einmalige ganz und gar individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als Erinnerung dienen soll, sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, daß heißt streng genommen niemals gleiche, also auf lauter ungleiche Fälle passen muß.« (Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne).

Im Begriff selbst liegt Differenz: »Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nichtgleichen.« Die Wahrheit ist ein Kampf, ein menschlicher Kampf um die Bezeichnungen, welche die Welt regieren: »Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken«. Auf diesem Feld werden die entscheidenden Differenzen der Menschheit ausgetragen.

von Friedrich Kleinert

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2 Gedanken zu “Mutatis mutandis

  1. Hochinteressant! Zufällig kenne ich die anfänglich besprochene Serie ein wenig. Ich denke, der Attraktivitätsfaktor der Protagonisten liegt in unseren verborgenen Seiten, die sie darstellen, dann aber doch nie irgendwohin passen. Jeder hat so etwas in sich. Die meisten wissen es bloß nicht. Andreswesen. Mir gefällt der Begriff des homo aspergerus nicht sehr. Ich denke dabei an Spargel, aber auch an die Nazizeit. Andreswesen möge bitte die Zukunft werden. Begriffe und Systeme sich wandeln.

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