Hans als Asperger

Der Autist kennt sich selbst am besten.

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Hans Asperger war bereits zur Schulzeit dadurch aufgefallen, dass er eine ausgeprägte Vorliebe für Zitate hatte; oft zitierte er sich auch später selbst und sprach von sich in der dritten Person. Er wird von den Zeitgenossen als Einzelgänger beschrieben, als unnahbar, schweigsam, distanziert, aber auch als interessiert an Gesellschaft. Was Asperger schließlich klinisch beschreibt, ist stark durch seine eigene Person geprägt. Die Wissenschaft bringt Ordnung in die Fülle der Erscheinungen der Welt, wie er sie wahrnimmt:

Ordnung und Erkenntnis des Aufbaues der Dinge ist eines der letzten Ziele der Wissenschaft. In der Fülle der Erscheinungen des Lebens, die voller Gegensätze sind, die mit verschwimmenden Grenzen in einander übergehen, sucht der denkende Mensch dadurch einen festen Standpunkt zu finden, daß er den einzelnen Erscheinungen einen Namen gibt, sie abgrenzt gegen die anderen Erscheinungen, Zusammenhänge, Ähnlichkeiten und Gegensätze feststellt, kurz, die Dinge in eine Ordnung, in ein System bringt. Diese Arbeit ist eine wesentliche Voraussetzung des Erkennens. (Asperger, Die Autistischen Psychopathen im Kindesalter)

Hinter der Prägung des Begriffes steht ein autistisches Verlangen nach Klarheit und Ordnung, nach einem Standpunkt, von dem aus die Welt zu erfassen und zu erkennen ist. Asperger will sich selbst einen Namen, den eigenen, geben, auch wenn er weiß: »Jeder Mensch ist ein einmaliges, unwiederholbares, unteilbares Wesen (›In-dividuum‹), darum auch letztlich unvergleichbar mit anderen.« Unvergleichbar ja, und doch fordert die Taxonomie ihr Recht.

Asperger will den Dingen bis auf den Grund nachgehen und weiß zugleich, dass die Erkenntnis immer unzureichend bleiben wird: »Endlich ist der Mensch das rätselhafteste Geschöpf auf Erden; das innerste Wesen einer Persönlichkeit wird weder dem offenbar, der sich selbst zu erkennen sucht, noch auch dem Blick des Gegenübertretenden, der in einen andern eindringen will.«

Der Blick in die Augen des anderen; die Spiegelung. Asperger erkennt sich in der eigenen Diagnose. Die ewige Suche nach einer Ordnung für die »Vielfalt des Lebens«, nach einer »Typologie« der menschlichen Charaktere hat begonnen. Die Eindimensionalität vorheriger Kategorisierung wie bei Ernst Kretschmer oder Kurt Schneider lehnt er ab: Die »Mehr- oder Vieldimensionalität« soll jetzt jeder systematischen Beschreibung zugrunde liegen. Er liest den Menschen als Text, als Gewebe und lebendigen Organismus:

jeder seiner Wesenszüge ist auf den anderen bezogen, erhält von allen anderen seine bestimmte Färbung, und wirft selbst auf alle anderen ein bestimmtes Licht. Nicht die Gewichte einer Waage, die mit ihren verschiedenen Quantitäten eine bestimmte Endsumme, eine bestimmte »Resultante« ergeben, können als Gleichnis einer Persönlichkeit dienen, sondern ein Gewirk aus vielen lebendigen Fäden, deren jeder den anderen hält und bindet. Die einzelnen seelischen Seiten sind darum keine Konstanten, die, in sich immer gleich, nur in der Quantität verschieden, in Rechnung gesetzt werden können, sondern weisen selber zahlreiche qualitative Verschiedenheiten auf und sind daher nur mit Vorbehalt miteinander vergleichbar.

Asperger will von der Intuition ausgehen und versuchen, so die »Züge aufzuzeigen, von denen aus die zu beurteilende Persönlichkeit durchorganisiert ist«. Während der Nicht-Autist in ununterbrochenen Wechselbeziehungen mit der Umwelt lebt, ständig auf sie reagierend, sind bei dem Autistischen diese Beziehungen in spezifischer Weise limitiert. Der Autistische ist primär »er selbst«. Es ist die Differenz zu den ›normalen‹ Kindern, die in Aspergers Untersuchungen leitend wird.

Asperger untersucht, was seine Patienten von nicht-autistischen Kindern unterscheidet. Seine Beobachtungen beschreiben den Widerspruch zwischen äußerem Eindruck und Innenleben. So sieht er, dass ein Junge oft, »wenn man es gar nicht erwartete, durch Bemerkungen überraschte, die eine ausgezeichnete Erfassung der Situation, eine gute Beurteilung von Menschen verrieten«. Dabei nimmt der Junge die meiste Zeit wenig Anteil an seiner Umwelt, bringt sich aber z. B. selbst auf spielerischem Wege das Rechnen bei.

Was die Kinder, so bemerkt Asperger mit Staunen, lernen, das lernen sie über den Intellekt: »nichts geht […] natürlich, alles nur intellektuell.« Was andere Kinder unbewusst erwerben, kommt den Autisten ins Bewusstsein und wird reflektiert. Das hat auch Folgen für die Art und Weise, wie die Kinder auf die Eingriffe der Pädagogik in ihr Lernen reagieren:

Diese Kinder können vor allem spontan produzieren, können nur originell sein, können aber nur in herabgesetztem Maße lernen, nur schwer mechanisiert werden, sind gar nicht darauf eingestellt, Kenntnisse von den Erwachsenen, etwa vom Lehrer, zu übernehmen. Die besonderen Fähigkeiten und die besonderen Schwierigkeiten dieser Menschen liegen darin begründet – wie denn überhaupt bei jedem Menschen seine Vorzüge und seine Fehler untrennbar zusammenhängen.

Diese Selbstständigkeit als das, was immer gefordert wird, zeigt sich gleichwohl als Problem. Denn eigensinnig sind die Kinder auch darin, was sie lernen wollen. Sie wollen ihre Konzentration nicht unbedingt darauf richten, worauf die Schule sie gerne richten würde: »Sie gehen ihren eigenen Problemen nach, die meist vom Gewöhnlichen so sehr fern liegen, lassen sich ihre Kreise nicht stören, lassen sich meist von anderen gar nicht hineinsehen.«

Die Kinder entwickeln eigene Problemstellungen, sie formulieren sie in ihrer eigenen Sprache. Die im Hintergrund stehende »Originalität des Erlebens« ist ständig innovativ und geht dabei über den Horizont der Altersgenossen weit hinaus: »Diese Gesichtspunkte sind oft von einer ganz erstaunliche Reife, die Probleme, die sie sich stellen, reichen weit über das hinaus, was anderen Kindern gleichen Alters Inhalt des Denkens ist.«

Das greift auch auf den Bereich der Kunst aus. Viele autistischen Kinder haben »ein ganz differenziertes Stilgefühl«, können Kunst und Kitsch treffsicher unterscheiden. Und Asperger sieht ihr Verständnis sogar dem der meisten Erwachsenen überlegen: »sie wissen auch um den Sinn selbst sehr ›schwerer‹ Kunstwerke, mit denen viele Erwachsene nichts anfangen können«.

Obwohl die Kinder sich meist ganz nach Innen zu kehren scheinen, beobachten und analysieren sie ihre Umwelt genau. Sie entwickeln – paradox genug – eine rationale Intuition im Umgang mit Menschen und sozialen Situationen. Gerne in Kontakt treten sie aber nur mit denjenigen, die in ihren unbestechlichen Augen bestehen:

Diese Kinder haben, so erstaunlich das erscheint, ein besonders gutes Gefühl für die Persönlichkeit des Erziehers. So schwierig sie auch selbst unter den günstigsten erzieherischen Bedingungen sind – richtig leiten und auch unterrichten lassen sie sich nur von solchen Menschen, die sie nicht nur verstehen, sondern ihnen auch wirklich gewogen sind, eine Güte und – einen Humor für sie haben.

Sie nehmen psychische Auffälligkeiten an anderen Menschen wahr, die von anderen übersehen werden. Asperger bemerkt, dass sie »ein besonders feines Gefühl für die Abnormität anderer Kinder« haben. Diese präzise Fremdbeobachtung geht freilich mit einer intensiven Selbstbeobachtung einher. Die Kinder »stehen sich selber beobachtend gegenüber, sind sich selbst zum Problem«.

Diese höhere Reflexivität ist als »verstärkte persönliche Distanz« die Grundlage für die gesteigerte begriffliche Erfassung der Umwelt. Voraussetzung auch für die besonderen beruflichen Leistungen in den Bereich, wo eine »gute Abstraktionsfähigkeit« nötig ist, etwa in den Wissenschaften, wo diese Gabe besonders gefragt ist. Etwa in der Wissenschaft von der Psyche des Menschen, die mit dem Staunen über sich selbst und die anderen beginnt; ein Staunen, dass Asperger, dem Vater des Asperger-Autismus, in die Wiege gelegt war.

von Maria Holm

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