Das Leben schreiben

Dichter sein heißt, unablässig sich zu notieren.

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Der Autist denkt das Leben in Schrift. Er entwirft im Kopf Szenarien, um sich zu wappnen, er schreibt seine Geschichte nieder, während – und bisweilen noch ehe – er sie lebt. Er arrangiert die Ereignisse in einen narrativen Strang. Was er erlebt, wird Text. Es sind Aufzeichnungen, wie Malte Laurids Brigge sie niederschreibt, als er endlich, was unerlässlich ist für einen Dichter, für Rilke selbst, tiefer zu sehen gelernt hat: »Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war.«

Plötzlich tut sich etwas Unbekanntes, Tieferes auf: »Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.«Was davor unsichtbar war, tritt nun ins Bewusstsein. Das Innere füllt sich an. Der Dichter sitzt einfach nur da in der Welt und staunt. Auch Malte wäre gerne ein Dichter, lebt aber zur Zeit noch in widrigen Umständen. Wie gerne würde er in der »stillen Stube« sitzen »unter lauter ruhigen, sesshaften Dingen« und den Vögeln im Garten zuhören: »Zu sitzen und auf einen warmen Streifen Nachmittagssonne zu sehen und vieles von vergangenen Mädchen zu wissen und ein Dichter zu sein.«

Diese Ruhe des Dichters, diese Art zu leben findet bei den Besitzern der kleinen Läden an der rue de Seine. Es ist die Einsamkeit, ein Leben ohne Sorge, abgeschieden von den Menschen und doch zur Welt hin jeden Tag geöffnet. Die Existenz hinter der Fensterscheibe. In der Gesellschaft von stillen Tieren sitzen die Händler da, ohne von Kunden behelligt zu werden:

Sieht man aber hinein, so sitzen sie, sitzen und lesen, unbesorgt; sorgen nicht um morgen, ängstigen sich nicht um ein Gelingen, haben einen Hund, der vor ihnen sitzt, gut aufgelegt, oder eine Katze, die die Stille noch größer macht, indem sie die Bücherreihen entlang streicht, als wischte sie die Namen von den Rücken.

Die Katze wischt die Namen aus, weil die Namen das sind, was bedrängt, weil Menschen auf Namen angewiesen sind und doch daran leiden, dass jede Benennung verfehlt, was sie bezeichnen will. Das Auswischen der Namen ist die Utopie einer die Differenzen auslöschenden Rückkehr ins Paradies. Malte träumt davon, sich so ein »Schaufenster« zum Draußen hin zu kaufen und sich »mit einem Hund dahinter zu setzen für zwanzig Jahre.« Diese unheimliche Einsamkeit, ohne Heimat. Was all das bedeutet: Niemand von draußen kann das beurteilen, die Menschen »haben nie einen Einsamen gesehen, sie haben ihn nur gehasst, ohne ihn zu kennen.«

Dieser Hass ist nicht weniger wirksam. Er richtet sich gegen das Fremde und Zurückgezogene. Der Autist leidet an der aufdringlichen Gegenwart der Menschen, an ihrer Rücksichtslosigkeit, die ihr rohes Wesen in jedem Moment nach sich zieht. Der Einsame kann sich nirgends ungestört in sich sammeln. Überall stören und zerstören ihn die Menschen:

Sie sind seine Nachbaren gewesen, die ihn aufbrauchten, und die Stimmen im Nebenzimmer, die ihn versuchten. Sie haben die Dinge aufgereizt gegen ihn, dass sie lärmten und ihn übertönten. Die Kinder verbanden sich wider ihn, da er zart und ein Kind war, und mit jedem Wachsen wuchs er gegen die Erwachsenen an. Sie spürten ihn auf in seinem Versteck wie ein jagdbares Tier, und seine lange Jugend war ohne Schonzeit.

Vielleicht ist die allgemeine Begeisterung für den Außenseiter, den Abgeschnittenen nur die perfide Einverleibung des Zurückgezogenen in das Allgemeine und damit der Versuch der Auslöschung seiner Differenz. Rilke spricht es aus: »Sie hatten Recht in ihrem alten Instinkt: denn er war wirklich ihr Feind«. Eine in sich selbst autistische Geste, die nicht mit dem konfrontiert zu werden erträgt, was in Differenz steht zu dem bereits abgesteckten Horizont. Gesellschaftliche Anerkennung ist die ultimative perfide Strategie, dem Dichter den Rückzug in das, was ihn im Kern ausmacht, zu verunmöglichen:

Sie ahnten, dass sie ihm mit alledem seinen Willen taten; dass sie ihn in seinem Alleinsein bestärkten und ihm halfen, sich abzuscheiden von ihnen für immer. Und nun schlugen sie um und wandten das Letzte an, das Äußerste, den anderen Widerstand: den Ruhm. Und bei diesem Lärmen blickte fast jeder auf und wurde zerstreut.

Der Ruhm, sichtbar zu sein in der Rede und in den Gedanken der anderen, ist das Ende des Dichters und jeder Existenz, die sich notwendigerweise dem Allgemeinen entzieht. Der Effekt ist eine Zerstreuung der Konzentration seines Seins und dessen, was er denen zu sagen hat, die ihn unbarmherzig dem Gewäsch der Welt einverleiben. Sie zwingen den Dichter aus der Realität in die Fiktion.

von Anonymous

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