Anfangen zu sprechen

Für den Autisten ist es das Schwierigste, von sich und zu den anderen zu reden.

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Den Umgang mit der Sprache empfand schon Hans Asperger, der als einer der ersten anfing, vom Autismus zu reden, als prekär. Ihre Funktion als »Träger von Ausdruckserscheinungen«, so erkannte er, macht die Sprache zum Fundament jeden sozialen Miteinanders. Sie teilt unabhängig vom dem Gehalt des Gesagten auch immer etwas über die Affekte und sozialen Rollen der gesellschaftlichen Situation mit:
wes Geistes Kind einer ist, das drückt sich untrüglich in dieser Seite der Sprache aus – wer zu hören versteht, dem entlarvt sich der Mensch durch seine Rede; was Lüge und was Wahrheit, was »tönendes Erz; und klingende Schelle« und was wesenhaftes Sein ist, das erfahren wir vor allem aus jenen Ausdruckserscheinungen.

Zu erkennen, was es mit dem anderen auf sich hat: Das ist laut Asperger die zentrale Funktion der Sprache. Aber eben gerade dieser Bereich ihrer Bedeutung, dasjenige, was an Form und Performanz jenseits der inhaltlichen Aussage aufscheint, verschließt sich dem Autisten oft. Bei Dietmar Zöller (Wenn ich mit euch reden könnte und Ich gebe nicht auf) findet man diese gewisse Unmöglichkeit, jene Funktion der Sprache zu aktualisieren, eindrücklich beschrieben. Denn: »Sprechen wollte ich. Im Kopf waren die Gesprächsbeiträge fertig. Ich wußte sogar, wie mein Gegenüber reagieren würde«.

In der Theorie gelingt, was die Praxis verwehrt: »dann ging nichts, absolut nichts. Oft habe ich ein Gespräch phantasiert, so, wie es hätte laufen können.« Was in der Phantasie so leicht sich sagen lässt, scheitert in der Realität an der Unfähigkeit zur Artikulation. Mit manchen Menschen, mit den vertrauten, lässt es sich leichter reden: Wie von selbst, so traumwandlerisch sicher wie bei den anderen, geht es aber nie. Der Autist will durchaus mit anderen sprechen; doch trifft er auf widrigste Umstände, auf die Menschen selbst, die er allzu intensiv wahrnimmt: »Menschen kann ich oft nicht angucken, ohne irritiert zu werden.« Diese Irritation kommt daher, dass ihm kaum etwas verborgen bleibt: »Da ist oft so viel Leid zu sehen oder so eine Maske, die ich erst recht nicht ertrage. Ich sehe ja immer zuviel und ziehe mich darum zurück.«

Die Sprache ist bekanntlich vielleicht eher dazu da, zu verbergen, was es mit dem Gegenüber auf sich hat. Es ist kein Desinteresse am Gegenüber, es ist die verwirrende Präsenz desselben, die das Sprechen so schwierig macht. Die Sensibilität gegenüber dem Leid und der Maskenhaftigkeit des Menschen lässt den Autisten verstummen und zwingt ihn zum Rückzug. Eine indirekte Konfrontation mit den Menschen stellt dagegen das Lesen dar. Diese gemilderte Präsenz reduziert die Wucht der Erscheinung; und dennoch: »Ich habe so viel im Kopf, daß ich manchmal fast platze. Ich muß manchmal die Decke über den Kopf ziehen, um mich abzuschirmen.«

Der Rückzug aus der Kommunikation ist nicht nur Folge einer solchen Überlastung, er resultiert auch aus der Erkenntnis, dass der Autist‌ die Regeln der allgemeinen Lüge nicht im Schlaf beherrscht, so wie die anderen es tun. Zwar behauptet man das eine, doch tut das andere. Die soziale Wahrheit ist immer eine andere, als diejenige der Sache selbst:
Wenn ich reden könnte, müßte ich mich gewaltig umstellen. Die Gedanken sind frei, aber sagen darf man nicht alles. Ich bin in meinen Gedanken oft bissig und hart. Ich denke die Wahrheit, sagen darf ich sie nicht, denn die Wahrheit kann verletzen, kann Menschen kaputtmachen.

Für die soziale Wahrheit fehlt die Intuition, desto stärker tritt die objektive hervor. Die aber ist sozial unaussprechlich, was dem Autisten klar vor Augen steht: »So bin ich ein bequemer Zeitgenosse und fordere niemanden heraus.« Was ihm bleibt, ist eine andere Art zu reden, eine poetische, wie sie bei Birger Sellin zu beobachten ist (Ich will kein Inmich mehr sein/ich deserteur einer artigen autistenrasse). Die Wahrnehmung der reflektiert-distanzierten Wahrheit über das Soziale konfligiert mit dem gleichzeitigen Wunsch nach Anerkennung: »einen quatschkopf wie mich sehen die menschen nicht eben gern / will einer werden den man gerne sieht«.

Nur das Schreiben, sagt Sellin, verbindet die Autisten, »sagenhafte ungeheuer«, mit der anderen Welt. Aber auch das Schreiben, die für sich niedergelegte Sprache, die zu dem anderen spricht, ist eine andere Sprache; eine eigene Sprache, die sich nur abschirmend dem öffnet, wie man eben allgemein – bis zum Gerede hin – so spricht:

unsere sprache klingt mehr aus tiefen der einsamkeit
sie ist wirbelnder totaler erster anfang
sie lebt aus frischen und azurfarbenen hoffnungen
sie anerkennt nicht solche falschen redewendungen weil sie ohne effekthascherei umsetzt was in der seele lebt

Die normale Sprache scheint evolutionär dem autistischen Sprechen gegenüber zu verharren: »deine sprache ist aber wirklich sehr affenmäßig einfältig«. Ist das nicht der Vorwurf alles Lyrischen an die Welt? Dichterisch sprechen, heißt, aus der Mitte der Existenz heraus zu reden zu denen, die sich auf diese fremde Sprache einlassen können. Es bleibt dem Autisten keine Wahl, ist er doch

ein wesen das sich mitteilt
das sich schenkend einbringt
einsam sich in einer erlauchten gesellschaft ersatzlos anerkennung sucht und verständigung
ich werde alle sinne in diese richtung lenken

Sellin möchte seine autistische Erfahrung »umwandeln und in eine form bringen die allgemeine wahrheiten der sogenannten einsamen erdenwesen widerspiegelt«. Diese Spiegelung, unter Verkehrung der eigenen Sprachnot, resultiert aus ihrer unabweislichen Notwendigkeit. Zugänglich ist es nur denen, die sich um Zugang bemühen: »einer ohne witterung für wundersame dinge wird mich nicht verstehen«. Wie viele aber sind tatsächlich poetisch ansprechbar?

Die Erkenntnis gilt: »ohne sprache sind wir tote isolierte ausgestoßene apparaturen«. Es bleibt eine prometheische Aufgabe, »stummen die sprache zu bringen«. Jenen Stummen, zu denen die Autisten ihrer Natur nach so schwer sprechen können, und deren Sprache der Autist kaum begreift: »die menschen sind unberechenbar und aparte ungeheuer«. Die eigene Bedrängnis, nicht frei sprechen zu können, »irgendwo eine blockierung«, wirft Sellin trotzig nach draußen zurück:

quatsch ist ich bin autistisch
die anderen sind es
sie sind eingeengt durch massenhafte erziehungsmaßnahmen
widerliche sittengesetze und moralbegriffe

Die Normalen sind »aparte Ungeheuer«, an denen etwas aufscheint, was dem Menschen zugehörig ist und zugleich ihre Existenz an einen anderen Ort verweist. Der Blick für das Monströse, Ungeheuerliche am Menschen – und für seine skrupellose Sprache – macht den Autisten zum Kritiker des Diskurses, zu dem er keinen rechten Zugang findet, weil er mit der falschen Ernsthaftigkeit geführt wird

Der Psychoanalytiker Jacques Lacan definiert den Autisten: »Das sind einfach Leute, für die das Gewicht der Worte etwas sehr Ernstes ist und für die es nicht einfach ist, es sich mit diesen Worten leicht zu machen.« Daher scheuen sie sich vor dem sprachlichen Ausdruck des eigenen Innenlebens, weil die Worte immer unzureichend sind. Sprache nehmen sie ernster und anders wahr als die meisten anderen. Autisten wollen sich adäquat ausdrücken und bemerken dabei, dass das unmöglich ist.

Ihnen ist ein Hang zum Konkretismus eigen. »Die Sprache drückt wesentlich nur Allgemeines überhaupt aus; was man aber meint, ist das Besondere, Einzelne. Man kann daher das, was man meint, in der Sprache nicht sagen«, schreibt Hegel in den Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie. Man kann sich niemals selbst ganz aussprechen. Was man »meint«, was »mein« sein soll, ist immer schon draußen, gehört immer schon anderen, Lacans »großem Anderen«.

Sprache sind niemals »nur« Worte. Lacan unterscheidet zwischen Sagen (énonciation) und Gesagtem (énoncé). Der Autist empfindet zu reden aber vorwiegend als Gerede, weswegen es ihm schwerfällt, sich auf eine Aussage (énoncé) festzulegen, soll doch das Individuum eine Aussage mit sich führen, die ihm seine unverkennbare Stimme verleiht. Sagen ist unzuverlässig, wie unter diesen Umständen eine Aussage machen?

Die Stimme des Autisten ist brüchig; sie lässt sich immer schon auf die Mängel der Sprache ein: Auf die Mängel der eigenen Artikulation und auf den Zwang, im Miteinander diese Mangelhaftigkeit der Sprache ernst zu nehmen und ernsthaft auf sie zu antworten. Autisten stehen in einem unmittelbaren Bezug zur Sache; Sprache erscheint da bereits als Abirrung von dem Eigentlichen.

Der Autist »leidet an der Negativität der Sprache. Davon zeugt die Angst vor dem schwarzen Loch, das sich durch die Kluft zwischen dem Ding und seiner Vorstellung auftut« (Jean-Claude Maleval). Er strebt hinter diese Kluft zurück; doch der Rückzug des Autisten muss misslingen, immer Bewegung bleiben, weil es kein Zurück in einen – unmöglichen – Zusammenfall von Sein und Sprache gibt.

Alain Didier-Weill sieht in der »sidération« das Grundmoment des Autismus. Es ist das Schwanken zwischen Entgeisterung des Gestirns und der considération, der aufmerksamen Beobachtung (Hans Saettele, Zur Diskussion des Autismus). Das Sprechen geht mit dem repetitiven Aussetzen der Stimme einher; der Versuch, sich auszusprechen, mit der Vermeidung, Ich zu sagen.

Als elementare Frage formuliert Saettele: »wie kann ich einen Platz in der Sprache einnehmen, nachdem ich aus dieser, da sie mich entgeistert hat (ich meine damit die sidération), ausgebrochen bin«? Autisten nehmen angesichts dieses Problems zur Sprache eine dezentrierte Stellung ein; sie bleiben »auf der Schwelle zur Sprache Verhaftete« (Henri Rey-Flaud). Sie weigern sich, ihr Sein sprachlich einfach preiszugeben; Ethiker des Wortes, ist ihr Schicksal tendenziell das Verstummen.

von Michael Leitz

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Ein Gedanke zu “Anfangen zu sprechen

  1. dann sind autisten sehr sensible, feinfühlige und empathische menschen.
    sie nehmen das wort wörtlich.
    so wäre es richtig mit der sprache umzugehen.

    wohl bin ich keine autistin, doch in der kindheit überkamen mich bgedanken, wenn jemand eine böse aussage über einen anderen getroffen hatte und derjenige dabei war, und die große frage nach dem warum?
    warum hast du das gesagt?
    derjenige ist doch kein ******.
    woher kommt diese bosheit?

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