Autismus und Narzissmus

Narziss blickt in den Teich, der Autist in den Abgrund.

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Der selbstsüchtige Narziss ist siech vom Selbst: Wohin er auch blickt, bespiegelt er sich nur selbst. Verwehrt bleibt ihm jede Erfahrung des Anderen. Dieser Zwang zum Positiven lässt Negativität gar nicht erst aufkommen. Der andere ist kein Widerstand, sondern Spiegelfläche. Wie die Medusa verhärtet er nur das Ich des Narzissten, der sich selbst darin sieht. Was er am anderen versteht, wird sofort in den eigenen Horizont eingegliedert.

Wie auch sollte die Differenz zum anderen fruchtbar werden, wenn die Distanz zum eigenen Ich schon fehlt? »Das narzisstische Subjekt verschmilzt so sehr mit sich selbst, dass es nicht möglich ist, mit sich zu spielen. Der depressiv gewordene Narziss ertrinkt in seiner grenzenlosen Intimität zu sich« (Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft).

Im Gegensatz zum Narzissten zieht der Autist klare Grenzen zwischen dem Ich und dem Anderen. Der Andere erscheint ihm in seiner ganzen Fremdheit. Die Andersheit erscheint in ihrer Negativität anziehend. Der andere ist ihm nicht Spiegel, sondern faszinierender Abgrund. Die Tiefe ist dunkel; Vertrauen muss haben, wer sich auf sie einlässt.

Das Selbst verliert sich am anderen: »Der Eros gilt dem Anderen im emphatischen Sinne, der sich ins Regime des Ich nicht einholen lässt« (Han, Agonie des Eros). Der andere bleibt unzugänglich, atopisch, und auratisch, nah und fern zugleich. Der Autist ist in sich verhaftet, aber er ist sich auch selbst der andere. Diese Distanz etabliert Bezüge, wo dem Narzissten diese im eigenen Ich verschwimmen.

von Wiebke Schmittner

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9 Gedanken zu “Autismus und Narzissmus

  1. Spannend beschrieben. Ich definiere mich nicht als Autistin, aber ich finde, dass ich autistische Züge habe. Der Fremde als der Abgrund. Mir wird Sprache geschenkt für mein bisheriges Stottern.

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  2. Ich habe lange in den Abgrund geschaut, doch nicht weil ich im Spektrum bin, sondern weil ich schon seit meinen Teenager-Jahren depressiv bin – mittlerweile ist es nur noch latent und ich spüre den Abgrund „nur“ noch hinter mir.

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