Edith Sheffers Buch »Aspergers Kinder«

Entweder, oder.

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Edith Sheffers »Aspergers Kinder« zeichnet nach, wie der historische Kontext Hans Aspergers Beschreibung des Autismus wesentlich geprägt hat. Das nationalsozialistische Regime kannte als Optionen zur Umgestaltung des Menschen in seinem Sinne die Optionen Behandlung oder Beseitigung. Wer nicht – oder nur unter als unverhältnismäßig angesehenem Aufwand – korrigiert werden konnte, wurde im Zuge der Euthanasie-Politik ermordet. Die Definition, wer für die Nazis noch zu retten war und wer sterben musste, war dabei stets im Fluss und passte sich opportunistisch den jeweiligen Erfordernissen der Ideologie an. Das gilt auch für Aspergers Beschreibung des Autismus, deren Dynamik dem Buch folgend hier wiedergegeben wird.

Für Asperger gab es Autisten, die sozial integrierbar waren und solche, bei denen das nicht möglich war. Die »Reinigung« der »Volksgemeinschaft« traf dann auch etwa 200.000 unerwünschte, geistig oder körperlich auffällige Menschen. Wer nicht in die soziale Gemeinschaft im Sinne der Nationalsozialisten integriert werden konnte, sollte vernichtet werden. In den dreißiger Jahren beobachtete man in der Wiener Heilpädagogischen Abteilung Kinder, die sich nicht in die Gruppe einfügten, deren »Aufmerksamkeit und Empfindungen« oft »anderswo« zu sein schienen, die als »Fremdkörper und störend« auffielen. Ihre besondere Begabung wurde teilweise erkannt und als positiv für den weiteren Werdegang begriffen, bis bald deren Nützlichkeit nur noch am gesellschaftlichen Wert im faschistischen Kollektiv bemessen wurde. Asperger schrieb im Jahr 1944, dass es neben solchen nützlichen Eigenschaften auch Patienten gäbe mit »automatenhaften Gewohnheiten, mit als Leistung unbrauchbaren, schrullenhaften Interessen«.

Schon 1938, nach dem »Anschluss« Österreichs, änderte sich sein Ton entscheidend: »Das Ganze ist mehr als der Teil, das Volk wichtiger als der einzelne«. Autismus definiert er zugleich als »Störung der Anpassung an die Umwelt«, als »Störung der Instinktfunktionen«, »Störung der Beziehungen zu anderen Menschen« und »Störung des Verständnisses für die Situation«. Es sei eine Tatsache, »dass diese Menschen niemand so richtig gern haben«, und »auch die Gemeinschaft lehnt sie ab«. Er verweist auf ihre »gemütlichen Bosheiten« und den »Mangel an Respekt vor der Autorität«. Seine Beschreibungen sind aber durchgehend ambivalent, da er auch die besonderen Begabungen bemerkte: »da die Befunde so sehr widerspruchsvoll sind, dass verschiedene Beurteiler von ihrem Standpunkt zu ganz entgegengesetzten Urteilen kommen; man kann solche Menschen mit guten Gründen sowohl für Wunderkinder wie auch für schwachsinnig halten!«

Stellt man zwei Definitionen nebeneinander, erkennt man die Tendenz der Verhärtung bei Asperger. Im Jahr 1937: »Es ist unmöglich, von einem starren System aus Forderungen für die Diagnose und vor allem für die pädagogische Therapie aufzustellen.« Dann im Jahr 1944: »Der Autistische ist nur »er selbst« (daher das Wort autos), nicht ein lebendiger Teil eines größeren Organismus, von diesem ständig beeinflusst und ständig auf diesen wirkend.« Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges revidierte Asperger wieder seine Definition des Autismus als Psychopathie und sprach nun von »Charaktervarianten«. Jeder könne sich vorübergehend autistisch verhalten.

Die Entwicklung des Begriffes im Sinne einer Sammeldiagnostik führt das fort. Für das gleiche Phänomen scheint es individuelle Ausprägungen und heterogene biologische Ursachen zu geben. Strukturell existiert immer noch eine Unterscheidung zwischen nützlichen und dysfunktionalen Erscheinungsformen, gelungener Anpassung an die Forderungen der leistungsorientierten Arbeitswelt einer- und gescheiterter Anpassung andererseits – mit allen praktischen gesellschaftlichen Konsequenzen.

von Maria Holm

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