Begriffliche Schwäche, individueller Ausdruck

Wir sind anders gleich.

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Um die Charakteristika von Autismus zu beschreiben, werden in der Forschung häufig Begriffe gebracht wie Neuronale Hyperkonnektivität, -reaktivität oder -funktionalität, Hyperreaktive Amygdala, Neuronale Hypo- oder Hypersynchronisationsdefizite, Exekutive Dysfunktionen, Hyper- und Hyposensibilität, Filter- und Kohärenzschwäche. Der Autismus, so scheint es, ist in einem Zuviel und einem Zuwenig zugleich angesiedelt. Mal sind die neuronalen Prozesse zu rasch, mal zu langsam, mal sind sie zu sehr miteinander, dann wieder zu wenig miteinander vermittelt. Gemessen an dem impliziten Standard, der diesen Begriffen innewohnt, weichen die neuronalen Prozesse des Autismus ab von der Funktionsweise, die als neurotypische Ausprägung beschrieben wird.

Die Anerkennung der Mannigfaltigkeit von Gehirnen, Denk- und Verhaltensweisen, von atypischer neuronaler Konnektivität, wird seit längerem gefordert. Autismus ist eine Form menschlichen Seins, eine neurologische Variation unter vielen. Das Anderssein soll gleichwertig sein gegenüber dem Normalsein, seiner Existenz die gleiche Würde zukommen. Eher befremdliche Schwächen werden mit erstaunlichen Stärken aufgewogen: Wahrnehmungsbegabung fürs Detail, für Muster und die Differenz, ausgeprägte Sensibilität, Konzentration, Ausdauer etc. – Und tatsächlich, wer sagt, dass das Detail nicht wichtiger ist als das Ganze, kann das Detail doch das Ganze in Frage stellen? Wer kann bestimmen, wie viel der neurologische Filter wirklich abschirmen sollte? Wer legt fest, wie viel ich fühlen soll?

Mir scheint, wir Autisten haben leicht verschobene Maßstäbe, aber die gleichen elementaren Bedürfnisse wie wohl die meisten anderen. Jeder will ein gutes Leben. Ein gutes Leben geht weit über das Funktionieren in Schule und Beruf hinaus. Ein gutes Leben ist Sicherheit und Freiheit, ist Ich und Du. Politik und Gesellschaft haben die Aufgabe, den Rahmen für ein gutes Leben zu bilden, jeder für sich, ihn auszufüllen. Das Gefühl, das Leben in den eigenen Händen zu haben, wenig Stress, verlässliche Strukturen, Arbeit, Ruhe, Geborgenheit, Anregung, Anerkennung: All das für sich auszubalancieren, ist für jeden Menschen eine lebenslange Herausforderung. Je nach neurologischer Ausprägung kämpft hier jeder seinen einzigartigen Kampf, mit seinen persönlichen befremdlichen Schwächen und erstaunlichen Stärken.

Und ich – ja auch ich leide. Es ist kein Glück, geboren zu sein. Mein neurologisches System befindet sich meistens im Überlebensmodus. Sich abzuschirmen ist ebenso wichtig, wie sich zu öffnen: dem Kleinen und dem Großen. Vielen Dinge gehen wie im Schlaf und von Zauberhand, andere sind unendlich zäh und mühsam. Ich habe einige Jahre in Oxford geforscht und gelehrt, und die größte Herausforderung war der smalltalk auf dem Flur. Ich habe eine ärgerliche Angst vor Menschen und zugleich genieße ich ihre Gegenwart und die Gespräche. Manchmal kann ich kaum einen Fuß vor den anderen setzen, und dann wieder fliegt mir alles zu. Ich habe Familie, Freunde und Partner und fühle mich doch oft verloren. Froh bin ich, dass ich viele Probleme, die andere haben, nicht kenne, und kenne mich doch bei meinen eigenen Problemen kaum aus. Überforderung und Langeweile, Erschöpfung und grenzenlose Energie pendeln so hin und her. – Geboren zu sein, ist kein Unglück, es hätte schlimmer kommen können.

von Anonymous

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7 Gedanken zu “Begriffliche Schwäche, individueller Ausdruck

  1. danke für diesen starken beitrag zum problem der differenzierung zwischen wissenschaftlicher kategorien in begriffen, denen das entscheidende fehlt, die sprache der annäherung. kann und will nicht das merkmal des asperger autismus auf so simple verallgemeinerung reduziert lesen und erleben, was viel zu oft als „unfähigkeit zur empathie“ genannt wird. noch dazu, wenn scheinbar intelligente individuen darunter alles subsumieren, was anders in verbaler und in körpersprache sich darstellt, da ist schnell gesagt, der ist autistisch, weil unverständlich bleibend in der kommunikation. ich kann mich in und mit diesem beitrag sehr stark identifizieren und meine zeitlebens andauernde verunsicherung bestand nicht darin, mich nur um mich selbst zu drehen, das gegenteil war und ist so, dass es nur wenige menschen gab und gibt, wo die stärken und nicht die schwächen eine beziehung begleiten und tragen. nochmals danke für diesen beitrag, es zu lesen und zu begreifen, ist mehr wert als eine therapeut und eine therapeutin, habe beide als völlig unfähig erlebt, überhaupt ein feedback zu geben, weil meine sprache und das konzentrierte schildern der probleme in keines ihrer schablonen passte.

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  2. danke, bin verblüfft und zugleich erfreut, ja gerne, da ich mich kaum getraut habe, direkt einen kommentar zu senden. habe mit 50 jahren in einer schweren krise mehrere jahre lang tausende seiten geschrieben und diese später in 4 Bereiche strukturiert, korrigiert, gekürzt. im buch zur biografie der kindheit schrieb ich phänomale erinnerungen ausschliesslich aus dem visuellen gedächtnis heraus, denn ich wuchs völlig orientierungslos und lange fast ohne sprache auf, die mutter schwer paranoid, die ältere schwester stumm, völlig emotionslos, sonst keinerlei kontakte zur verwandtschaft. aufgewachsen im sozialen brennpunkt, noch lange in grosser armut. das fehlen jeglicher orientierung kann ich aus erwachsener sicht auch positiv als elementares moment begreifen, da es keinerlei erziehungsmassnahmen gab, weder sozial, mental, emotional. da früh den fehlenden vater ersetzend, betteln um nicht zu verhungern, musste ich, was ich wahrnahm und empfand, mir selbst irgendwie erklären, nicht mit der minimalen, ja primitiven sprache ( dialekt der strasse ), wohl meist mit bildern, vorstellungen, fantasien. erst nach der volksschule hatte die sprache eine sehr starke bedeutung, als ich 1958 das grosse glück hatte, in eine lehre zu gehen, zum ersten mal gleich 4 Vorbilder hatte ( 3 jahre lehre als plakatmaler, ausnahme, die eigentliche lehre als schaufenstergestalter habe ich nur 3 monate und die abschlussprüfung machen müssen ). die frau brachte mich zur literatur und dies war der augenblick, zu merken, wie rudimentär meine sprache war und ich habe mit dem lesen grosser literatur tatsächlich mir die bildung ermöglicht und mir damit ein zur reflektion fähiges bewusstsein aufgebaut. letzer satz: mit 16 jahren fing ich an, mit eigenen sprachschöpfungen, frühe gedichte und gedanken in kladden aufzuschreiben – das schreiben zu lernen, hat mir zeitlebens geholfen, mich zwischen innenwelt und aussenwelt zu bewegen und was im jeweiligen kontext kaum oder gar nicht möglich war, das fremde in worte zu fassen, das bekannte zu hinterfragen, das vertraute zu lieben.

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      1. es kann noch eine geraume zeit dauern, bis ich ein manuskript einreiche. sonst oft sehr spontan, hält mich der grosse respekt zum autismus journal davon ab, einen beitrag zu senden, der von persönlichen erfahrungen ausgehend nicht nur ein individuelles anderssein in worte fasst, sondern darüber hinaus das subjektive fremdsein als gesellschaftlich „determiniertes“ verhalten nachvollziehbar macht. nicht das individuelle anderssein ist das problem, sondern wie im erweiterten feld jeglicher handicaps und behinderungen versucht wird, ob inklusion oder integration, mit besonders geschulten mitarbeitern die probleme des alltags zu bewältigen, wo zu kompensieren eher zutreffe.
        solange das ideal des wirtschaftlichen wachstums und die damit einhergehenden hierarchien im arbeitsleben dazu führen, wer mit wem, wie und warum zur kommunikation fähig und zum verständnis der andersdenkenden oder andershandelnden bereit sei, da liegt der hund begraben. solange ein entscheidender wertewandel nicht konsequent umgesetzt und auch praktiziert wird, solange ist der unterschied zwischen normal angepasst und unangepasstem asperger autismus nicht wirklich relevant.

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