Notiz zu Greta Thunberg

Kognitive Dissonanz und Wandel schließen sich aus.

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Kognitive Dissonanz ist eine unangenehme Erfahrung; sie will umgehend zur Konsonanz reduziert werden, indem Situationen, welche die Dissonanz erhöhen, gemieden werden. Die Erfahrung von Dissonanz kommt aus einer logischen Inkonsistenz, z.B. zwischen verschiedenen kulturellen Regeln oder aus dem Widerspruch zwischen Einsicht und Handeln. Die Überzeugung gleicht sich an die Handlung an, um rechtfertigend Praxis und Selbstbild in Einklang zu bringen. Diese Selbsttäuschung bringt Erleichterung im psychischen System und will aufrechterhalten werden: „Der Rechthaber entwickelt, um nur ja die narzißtische Schädigung von sich fern zu halten, die ihm durch die Preisgabe der Meinung widerfährt, einen Scharfsinn, der oft weit seine intellektuellen Verhältnisse übersteigt.“ (Adorno, Meinung Wahn Gesellschaft).

Wo aber der Narzissmus grassiert, ist der Wandel noch weit. Wo eine Einsicht ausgesprochen wird, die unbequem ist, trifft sie auf taube Ohren: „Ihr sprecht nur von grünem, ewigen Wirtschaftswachstum, weil ihr zu viel Angst habt, euch unbeliebt zu machen. Ihr sprecht nur darüber, mit den immer gleichen schlechten Ideen weiterzumachen, die uns in diese Krise geführt haben. Und das, obwohl die einzige vernünftige Entscheidung wäre, die Notbremse zu ziehen“, moniert Greta Thunberg: „Ihr seid nicht einmal erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen.“ Es sei so, „dass die Leute zwar immer das eine sagen, aber das Gegenteil davon machen.“ Die Wahrheit ist, sie ist unbequem: „Einige Leute sagen, dass ich studieren sollte, um Klimawissenschaftlerin zu werden, damit ich die Klimakrise ‚lösen kann‘. Aber die Klimakrise ist bereits gelöst. Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen. Alles, was wir tun müssen, ist aufzuwachen und uns zu verändern.“

Als Autist ist es schwierig, Einsichten zu verdrängen, ist es schwierig, gegen die Logik zu handeln: „Ich denke, wenn ich kein Asperger hätte, wäre das hier nicht möglich gewesen. Ich hätte einfach weiter so gelebt und gedacht, wie jeder andere auch. Ich sehe die Welt aus einer anderen Perspektive – Schwarz und Weiß“, sagt Thunberg. Sie sei „realistischer“ als anderer; sie folge konsequenter der Logik, welche die Fakten hervorruft: „Und mein Gewissen lässt nicht zu, nicht zu handeln. Ich muss etwas tun – ansonsten kann ich nachts nicht schlafen.“ Doch vielen scheint es ganz im Gegenteil den Schlaf zu rauben, wenn die eigene kognitive Dissonanz in Frage gestellt wird, und das auch noch von einem streikenden Kind.

Aber es ist für die Kinder zunehmend sinnlos, in der Schule für eine Zukunft zu lernen, wenn diese Zukunft selbst in Frage steht. Die Schule hat die Aufgabe, tradiertes Wissen weiterzugeben; dieses Wissen aber hat in eine Sackgasse geführt. Die Katastrophe ist bereits da, die Geschichte findet jetzt statt, nicht im Unterricht. Daher muss das „unsichtbare Mädchen […], das in der Schule ganz hinten gesessen hat“, sichtbar werden. Nur ein Bruch mit dem Status quo kann die Dynamiken freisetzen, die notwendig für einen Wandel sind: „Wir Kinder tun oft nicht das, was ihr Erwachsenen von uns verlangt. Aber wir ahmen euch nach. Und weil ihr Erwachsenen euch nicht für meine Zukunft interessiert, werde ich eure Regeln nicht beachten“, so Thunberg. Die Schüler streiken schon. Wann folgen die Lehrer? – „Geratet in Panik.“

von Anonymous

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Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

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7 Gedanken zu “Notiz zu Greta Thunberg

  1. ich sehe, lese ( erleben allenfalls so, dass es mich real ver_ärgert ) hier in einigen blogs, dass Greta Thunberg mit krassen worten zum feindbild wird und zwar nicht von den dümmsten, sondern von eigentlich intelligenten leuten, die ihre verachtung benutzen, instrumentalieren, um aufmerksamkeit und zustimmung ( möglichst viele likes und follower ) zu bekommen. im selbigen blog beschimpfter er ( blog hypermental…) pauschal und verächtlich alle asperger, ich sendete einen kommentar, woraufhin er seine wortwahl. zur gleichen zeit begrüsste mich eine aspergin offen mit hallo – mit ihr kommuniziere ich seitdem am häufigsten, immer offen, direkt, ohne sprachprobleme. kurz: so wurde aus negativem eine positive basis zur kommunikation.

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  2. Der Artikel selbst sagt/gibt mir fast nichts, außer das Thunberg Zitat, dass ich leider in dem Artikel, den ich quasi zu Greta verfasst habe, nicht verwendet habe, weil ich es nicht kannte :(.
    „Ihr sprecht nur von grünem, ewigen Wirtschaftswachstum, weil ihr zu viel Angst habt, euch unbeliebt zu machen. Ihr sprecht nur darüber, mit den immer gleichen schlechten Ideen weiterzumachen, die uns in diese Krise geführt haben. Und das, obwohl die einzige vernünftige Entscheidung wäre, die Notbremse zu ziehen“
    Obwohl ich also den anthropogenen Klimawandel überhaupt nicht sehe, gehe ich mit dieser Aussage vollinhaltlich d’accord. Ist doch schön, wenn zwei Wege das gleiche Ziel haben.

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