Dünnhäuter. Hochsensibilität und Autismus

Hochsensibilität bezeichnet eine im Vergleich zur Mehrheit der Menschen deutlich höhere Empfindlichkeit gegenüber äußeren und inneren Reizen aufgrund eines veranlagungsbedingt besonders leicht erregbaren Nervensystems. Das bringt eine subtilere, umfangreichere, nuancenreichere und intensivere Wahrnehmung mit sich; ebenso eine ausgeprägte Feinfühligkeit, eine höhere emotionale Reaktivität und eine gründlichere und komplexere Informationsverarbeitung. Damit einher gehen ein früheres Erreichen eines Zustands der Überstimulation und ein längeres Nachklingen des Erlebten. Hochsensibilität ist ein fest verankertes, unabänderliches Persönlichkeitsmerkmal, das bei 15 bis 20 Prozent der Menschen, Männern wie Frauen, auftritt. (Ulrike Hensel)

 

ganesha-1853602_1920

Der Vorwurf, man solle doch nicht dauernd überreagieren, nicht so empfindlich sein, sich nicht so anstellen oder sich nicht wieder in etwas hineinsteigern, begleitet jeden Hochsensiblen. Er ist wie der Autist ein Wesen vom anderen Stern; er reagiert auf äußere Reize wie Lärm, Geruch, optische Reize viel stärker als die meisten anderen Menschen. Ebenso ist er ungleich empfänglicher für die eigenen emotionalen Reize und die der anderen. Zu dieser höheren Empfänglichkeit gesellen sich Probleme mit der Emotionsregulierung und Erschöpfung beim overload. Hochsensibler wie Autist brauchen Rückzug, um leerzulaufen und wieder auf ein erträgliches Erregungsniveau zu kommen.

Hochsensibilität ist eine spezielle Variante in der Ausprägung des Nervensystems wie auch Autismus eine besondere Form desselben darstellt. Elaine Arons The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You von 1996 hat das Phänomen erstmals in dieser Terminologie ausführlich beschrieben. Vier Indikatoren für Hochsensibilität benennt sie: Gründliche Informationsverarbeitung, Übererregbarkeit, emotionale Intensität oder Reaktivität und sensorische Empfindlichkeit. Die Wahrnehmungsfilter sind weniger ausgeprägt, was zu Problemen führt, die die meisten anderen nicht kennen. Diese Hochreaktivität ist neuronal nachweisbar. Es fällt dem Hochsensiblen schwer, die richtige Balance zwischen Über- und Unterforderung zu finden, zwischen Erholungspausen und konzentrierter Tätigkeit, zwischen Gemeinschaft und Fürsichsein.

Man kann sich nicht ein dickes Fell zulegen, man bleibt nackt. Erst, wenn man anerkennt, dass man anders ist, kann man sich in seiner Haut zurechtfinden; erst, wenn man aufhört, Erwartungen erfüllen zu wollen, die zwar den meisten anderen völlig normal erscheinen, die für einen selbst aber nichts als eine Zumutung bedeuten. Nur so lässt sich eine Überstimulation vermeiden, die zu emotionalen Ausbrüchen und Erschöpfung führt. Der eigene Wohlfühlbereich ist eng: Schnell ist irgendein Aspekt der Umwelt zuviel und wirkt belastend; die Welt ist immer ein wenig zuviel, und ohne individuelle Überlebensstrategien geht der Hochsensible unter.

Die Hochsensibilität ist durch Argumente und Ermunterung nicht aus der Welt zu schaffen. Ihre Erlebniswelt unterscheidet sich von derjenigen der meisten Menschen. Diese durchschnittliche Erlebniswelt wiederum bleibt dem Hochsensiblen ein Rätsel. Die Nicht-Hochsensiblen sind anders; die Reize dringen zu ihnen gar nicht in dieser Intensität durch; sie sind Dickhäuter, die viel weniger angeht, viel weniger aufwühlt, viel weniger belästigt; sie denken viel weniger über sich und die Welt nach. In diesem Sinne haben sie eine sensorische und kognitive Schwäche. Dass sie allgemein als die Starken erscheinen, ist dem Umstand geschuldet, dass sie im Alltag einfach reibungsloser funktionieren. Die Herde zieht weiter.

von Anonymous

Werbeanzeigen

9 Gedanken zu “Dünnhäuter. Hochsensibilität und Autismus

  1. Vielen Dank für diese Worte. Genauso und ähnlich erlebe ich die Welt. Lange habe ich nicht verstanden, warum ich scheinbar nicht gemacht bin, für diese „normalen“ Alltäglichkeiten wie z.B. Smalltalk, große Menschengruppen, laute Musik oder auch intensive Gerüche. Alles ist für mich irgendwie „zu…“
    Wenn ich früher als Sensibelchen bezeichnet wurde, hat mich das getroffen. Heute trage ich diese Bezeichnung mit Stolz, denn die HS ist kein Makel, sondern eher eine Fähigkeit.

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich habe erst sehr spät (mit um die 30) gemerkt, dass das auf mich zutrifft. Die Schwierigkeit liegt denke ich darin, dass man keine Vergleichsmöglichkeiten hat. Nicht wie bei einer Grippe, wo man eben merkt, ob man sie hat oder nicht, weil man beide Zustände kennt. Umso schöner, heute vermehrt solche Texte zu lese! Die Menschen müssen endlich lernen, dass nicht alle so „robust“ sind.

    Gefällt 2 Personen

  3. Ich habe es auch erst so spät gemerkt, und wollte dann immer noch so sein oder so scheinen wie die anderen. Leider kann man durch die Überforderung auch Schaden nehmen. Aber auch mit posttraumatischer Belastungsstörung reagieren Menschen sehr empfindlich. Welcher Begriff auf mich zutrifft, weiß ich nicht. Erst jetzt mit über 60 kann ich es entspannt gut finden, die bessere Wahrnehmung, die ja in spirituellen Gruppen mühsam geübt wird. Die Menschen aber meist finden es besser, robust zu sein-Katzen können beides.

    Liken

  4. Glaubst du nicht dass Hochsensibilität unser aller ursprüngliches Wesen ist?
    Vielleicht viele das in der heutigen Zeit verloren haben?
    Sollte doch so sein, dass wir spüren wie es dem anderen geht, was uns gut tut und was zu viel ist.
    Ich glaube auch dass das „Zu Viel“ früher in der Form auch nicht existierte und die „Hochsensibilität“ erst jetzt in der lauten, vollen, zugestellten, teils oberflächlichen, materialistischen Welt zum Problem wird?
    Überall Überfluss, zu viele Dinge, zu viele Menschen, zu viele Möglichkeiten, zu viele Meinungen und vor allem zu viel zugepflasterte Natur.
    Das fehlt uns allen und macht Probleme…
    Was meinst du?

    Liken

    1. Danke für Deinen Kommentar!

      Verschiedene neurologische Ausprägungen gab es trivialerweise schon immer. Möglich ist es, dass die gesellschaftlichen Anforderungen und Umstände heutzutage es in anderer spezifischer Weise schwierig macht für Hochsensible. Und auch dass diese Differenz wiederum etwas darüber aussagt, was schiefläuft.

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s