Lorenz Wagner: Der Junge, der zu viel fühlte. Wie ein weltbekannter Hirnforscher und sein Sohn unser Bild von Autisten für immer verändern (München 2018). Ein Nachtrag zu dem Artikel „Intense World“

Statt über den Makel der Autisten sollte man über den Makel der Gesellschaft reden. Wir sagen, Autisten fehlt Empathie. Nein. Uns fehlt sie. Für die Autisten.

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Als Nachtrag zu „Intense World“ möchte ich das Buch von Lorenz Wagner Der Junge, der zu viel fühlte empfehlen. Der Autor Lorenz hat die Familie Markram eine Weile begleitet: vor allem den Neurowissenschaftler Markram und seinen autistischen Sohn. Markram versucht die Funktionsweise des Gehirns zu verstehen, um auch seinen Sohn besser verstehen zu können. Das Buch beschreibt die Frustrationen im Alltag und die Kluft zwischen Wissenschaft und Familienleben gut recherchiert und einfühlsam.

Auch der Paradigmenwechsel in der Autismusforschung durch Markram wird geschildert: Autisten sind nicht weniger sensibel und empathisch, sondern sind es vielmehr in überdurchschnittlichem Maße. Ausgelöst wird diese Erkenntnis durch die Beschäftigung weg von den hemmenden Zellen im Gehirn hin zu den verstärkenden: „Diese Verstärkerzellen empfanden die Reize doppelt so stark, sie redeten mehr miteinander […] Ein Signal-Feuerwerk, doppelt so schnell, doppelt so weit sichtbar. Wunderzellen. […] Wenn in der Hirnrinde die Eindrücke nur so rasten, so müsste das auf den Mandelkern wirken, Emotionen, Gefühle, Erinnerungen im Übermaß müssten entstehen.“

Das führt zu einem Paradoxon, Innen und Außen stehen im Widerspruch zu einander: „Ihr Gefühlsreichtum lässt Autisten gefühlsarm erscheinen. Vor allem drei Hirnbereiche sind betroffen: Vorderlappen, Neocortex und Mandelkern. Bei den einen steckt der Autismus mehr im Vorderlappen, bei den anderen in der Hirnrinde. Bei manchen feuern die Zellen besonders wild, bei anderen nur ein wenig stärker.“

Im Kapitel „Wie Kai die Welt sah“ wird beschrieben, wie ein autistisches Kind von der Umwelt sensorisch überwältigt wird. Markram empfiehlt daher, ein Umfeld zu schaffen, das eine Überforderung verhindert und so das Gehirn nicht überfordert, sondern angemessen stimuliert: „Plastizität ist die Grundlage allen Lernens. […] Auch das Gehirn des Autisten passt sich an: Es blockt Gefahren, die laute Welt, uns.“ Das Verhalten ist einer Überreizung geschuldet, einem Schutzreflex, der zum Überleben notwendig ist.

von Irene Beck

 

Ein Gedanke zu “Lorenz Wagner: Der Junge, der zu viel fühlte. Wie ein weltbekannter Hirnforscher und sein Sohn unser Bild von Autisten für immer verändern (München 2018). Ein Nachtrag zu dem Artikel „Intense World“

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