Nachtrag zu: „Mutismus und motorische Dyspraxie“. Eine Denkbewegung.

Wo die Hand nicht sicher greift, geht auch die Handlung fehl.

hand-2223109_1920

Martin Heidegger schreibt in Was heißt Denken? über die menschliche Hand: „Mit der Hand hat es eine eigene Bewandtnis. Die Hand gehört nach der gewöhnlichen Vorstellung zum Organismus unseres Leibes. Allein das Wesen der Hand läßt sich nie als ein leibliches Greiforgan bestimmen oder von diesem her erklären. Greiforgane besitzt z.B. der Affe, aber er hat keine Hand. Die Hand ist von allen Greiforganen: Tatzen, Krallen, Fängen, unendlich, d.h. durch einen Abgrund des Wesens verschieden. Nur ein Wesen, das spricht, d.h. denkt, kann die Hand haben und in der Handhabung Werke der Hand vollbringen.“ Die Handhabung der Hand macht den Menschen aus.

Die Hand ist das Instrument, die Welt zu begreifen. Sie ist die Brücke zu Welt hin, um Handlung möglich zu machen. Was aber bedeutet es für den Autisten, wenn gerade diese Verbindung unsicher ist? Florian Peter Riegg hat das Phänomen in seiner Dissertation an der Philipps-Universität Marburg „Bewegungskontrolle der Handmotorik bei Patienten mit Asperger Autismus“ untersucht. Er erforscht die motorischen Funktionen von Asperger-Patienten auf prädiktive Kontrollmechanismen und Bewegungskoordination anhand einer Reihe von Experimenten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Unter anderem kam der Purdue Pegboard Test zum Einsatz: Dabei müssen kleine Metallstifte in untereinander angeordnete, vorgestanzte Löcher schnellstmöglich in einer vorgegebenen Zeit gesteckt werden.

Riegg kommt zu dem Ergebnis: „Über alle Versuche hinweg gemein waren den Ergebnissen der Patienten, dass die Bewegungsgeschwindigkeit verlangsamt war. Am deutlichsten zeigte sich diese Auffälligkeit im Purdue Pegboard Test, in dem die Asperger-Patienten hochsignifikant langsamer waren als die Kontrollprobanden. […] Wir hingegen sehen die Ursache der Verlangsamung eher in einer gestörten neuronalen Verarbeitung im Kleinhirn. […] Zum anderen war es uns möglich, in Versuchen, welche prädiktive Kontrollmechanismen beanspruchen, zu zeigen, dass Patienten mit Asperger-Autismus Defizite in der zeitlichen Koordination von verschiedenen Muskelgruppen einer Extremität aufweisen. Dies offenbarte sich vor allem beim Greifen nach einem Objekt und bei der Kopplung der Griffkraft an die Lastkraft beim Anheben eines Objektes. Wir vermuten, dass die zum Teil verlangsamte Bewegungsausführung darin begründet sein könnte, dass Patienten auf diese Weise das Auftreten von noch stärkeren Defiziten in der zeitlichen Abstimmung von Einzelbewegungskomponenten vermeiden können.“

Was heißt es, sich anders zu bewegen, weil auch die Wahrnehmung anders ist? Die Bewegung passt sich an die neuronale Verarbeitung an, wir bewegen uns in der Welt, wie es unser neuronales Netzwerk erlaubt. Unsere Handlungen sind langsamer. Wir tanzen neben dem Takt. Wir haben Schwierigkeiten, koordinierte Bewegungen auszuführen. Gleichzeitig ist auch unsere Art zu denken anders, unser Denken bewegt sich anders fort. Es ist vielleicht nicht ein „Abgrund des Wesens“, aber sicher eine Kluft, die uns von anderen trennt. Man sieht es unseren Bewegungen an, unseren Gedanken, auch den Dingen, die wir hervorbringen. Wir aber sprechen von dieser Kluft, wir bewegen uns zu auf den anderen, auch die Sprache trägt und handelt.

von Wiebke Schmittner

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s