Mein Autismus, dein Autismus.

Warum Neurodiversität unabdingbar ist und vor allem unter Autisten gelebt werden sollte.

levi-saunders-vbeGoD9a5tI-unsplash

Als ich mich vor einigen Jahren dafür entschied, meinen sich verhärtenden Verdacht abklären zu lassen, ob ich denn wirklich Autistin bin (oder auch nicht), meldete ich mich in einem gängigen Online-Forum für Autisten an. Für mich war es der erste Schritt meines Comingouts, zunächst noch mir selbst gegenüber, da ich die Jahre davor oft verdrängt und auch geleugnet hatte, dass ich autistisch sein könnte. Meine innere Stimmung war feierlich und silbergrau, ich sah mich bildlich das Forum betreten und rufen: „Hallo, hier bin ich, eine von euch!“ Und hoffte, dort mit offenen Armen von Weggefährten, Gleichartigen und Leidesgenossen empfangen zu werden. Dem war nicht so.

Was ich dort in der Community fand, waren lauter Einzelgänger (nicht, dass mich das bei Autisten verwundert hätte), ein paar Platzhirsche und chronisch anwesende Leer-Inhalt-Poster und hier und da Moderatoren. Vor allem aber wunderte mich diese Wer-ist-der-autistischste-Autist-Einstellung: Wer hat die meisten Diagnosen? Oder auch beliebt: Wieviel Grad der Schwerbehinderung hast du? Statt dass alle zusammenhalten und sich als recht große Minderheit präsentieren, wird dem einen oder anderen sogar die Diagnose abgesprochen, weil er Dinge in seinem Leben erreicht hat, die angeblich nicht autismuskonform sind.

Nun habe ich seither viele Bücher von Autisten gelesen und noch viel mehr Autisten getroffen. Sie alle sind unterschiedlich, weil sie Individuen sind. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist ihre Diagnose, meist Asperger-Autismus, wie ich sie auch habe.
Ich muss zugeben, dass ich anfangs versucht war, mich in Gegenwart von anderen Autisten oft sehr autistisch zu geben, weil ich Angst hatte, nicht als Gleiche unter Gleichen wahrgenommen zu werden. Vermutlich aufgrund der ersten Erfahrungen im Forum. Da sich das aber unnatürlich anfühlte und mir Kraft raubte, da das auch nur eine Form der Kompensation darstellt, ließ ich es bleiben und wurde belohnt mit tiefen Einblicken in die Seelen der Anderen. Ich lernte unsere Unterschiede kennen und schätzen und weiß jetzt, dass nicht alle Autisten gleich sind, nicht einmal ähnlich. Mit vielen komme ich gut zurecht, mit anderen gar nicht.

Betrachten wir meine Erfahrungen unter dem Gesichtspunkt der Neurodiversität, wird schnell klar, wo der oft gemachte Denkfehler versteckt ist. Es geht hier nicht um Autisten, Nicht-Autisten oder Möchtegern-Autisten, sondern um Menschen. Die zunehmende Pathologisierung in unserer Gesellschaft sorgt dafür, dass wir uns vermehrt über unsere Diagnosen wahrnehmen. Und aber auch, die Diagnose als Pathologie. Also: „der Autismus“ in mir, oder jemand „mit Autismus“. Vielmehr sollten wir uns als Menschen wahrnehmen, die in ihrer unendlichen Vielfalt hier und da ähnliche Wesenszüge aufweisen, besondere Denk- und Wahrnehmungsformen mitbringen. Jeder Mensch hat seine persönlichen Stärken und Schwächen.

Es ist also nicht „der Autismus“ in mir, der verhindert, dass ich nicht in vollen Restaurants sitzen und die Zeit dort genießen kann, sondern die Erwartungshaltung ist falsch. Unsere westliche Lebensform gibt vor, dass wir das nicht nur tun, sondern auch mögen müssen. Das macht man halt so. Und wer anders ist, mit dem stimmt was nicht. Bestenfalls wird so etwas als Macke abgetan, sollten diese sich aber häufen, ist die gesellschaftliche Exklusion schon garantiert. Wer Geschick und Charisma mitbringt, kann sich als Exzentriker durchschlagen. Das klappt in Britannien allerdings besser als hierzulande.

Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde. (Margaret Mead)

Was also tun? Zunächst sollten wir Autisten uns untereinander darauf einigen, dass jeder von uns auf seine Art und Weise autistisch sein darf. Wie wollen wir denn Toleranz und Akzeptanz von den Neurotypischen einfordern, wenn wir diese nicht vorleben? Wir sollten Autismus nicht als eine Diagnose verstehen, sondern als eine Kultur. Eine Lebensform, die abseits des Mainstreams stattfindet und gesund ist, weil sie nicht krank macht. Wenn wir es schaffen, den Menschen „ohne Autismus“ das zu vermitteln, dann werden sie auch aufhören, uns als krank und behindert wahrzunehmen, sondern bestenfalls als gesunde Menschen mit anderen Präferenzen und Wahrnehmungen.

Natürlich ist das keine Lösung für all unsere Probleme, aber für viele. Und es wird lange dauern, bis sich ein neues Denken in der Gesellschaft durchsetzt, daher ist es umso wichtiger, dass wir mit gutem Beispiel voranschreiten. Neurodiversität betrifft natürlich nicht nur uns Autisten, sondern auch die ADHSler, und ADSler, die Hochsensiblen, die Hochbegabten und viele mehr. Wenn sich also jemand zur autistischen Kultur bekennt, dann sollten wir ihn im Sinne der Diversität willkommen heißen, egal wie autistisch er ist, ob er eine Diagnose hat oder wie hoch sein GdB ist, denn auch für uns gilt: Zusammen sind wir stark. Und wir brauchen Stärke und Zusammenhalt, um die Gesellschaft zu verändern.

(Vorliegender Text ist genderneutral und schließt alle Menschen ein, ohne über ihr Geschlecht zu urteilen oder zu bestimmen.)

von Elja von Rabenstein

https://eljasbriefe.home.blog

Bild: unsplash, levi saunders

4 Gedanken zu “Mein Autismus, dein Autismus.

  1. Ein sehr, sehr wichtiger Beitrag.
    Ich befinde mich zur Zeit in der Diagnostik und nicht mal das weiß jemand von mir.
    Ich denke es ist schon wichtig, eine Diagnose zu haben um entsprechende Hilfe zu bekommen -wenn man möchte.
    Ansonsten ist es tatsächlich so, dass alle individuell sind. Das wird oft vergessen und vernachlässigt.
    Vor allem auch immer noch wenn es um Frauen geht. Da braucht es definitiv mehr Aufklärung und mehr Fortbildungen zu.

    Liebe Grüße

    Liked by 2 people

  2. Vielen Dank für deinen Beitrag!
    Ich bin sehr vorsichtig geworden mit Diagnosen, mit in Schubladen stecken, der ist so und du bist anders. Wir sind alle Menschen wie du schon sagst.
    Mein Teenie Sohn hatte schon immer einige schulische Probleme und letztes Jahr haben wir seine Psyche “austesten” lassen. Rausgekommen sind seitenlange Diagnosen mit denen wir in solchen Foren wohl auftrumpfen könnten 😉 (Von ADS, über Leseschwäche, Diskalkulie, Depression, die Vermutung auf Asperger und einiges mehr). Asperger haben wir nicht weiter abklären lassen, weil ich keinen Sinn darin sah. Ich fragte die Ärztin, was es mir bringt dass ich es weiß und nachdem ich erfahren habe, dass es außer Psychotherapie, die er eh machte nicht viel gab, lies ich es sein.

    Er war nach der Diagnose auf deren Anraten bei einer Gruppentherapie für Jugendliche (Aufbau Selbstwert). Dort war eine andere Psychotherapeutin, die mir erzählte, dass sich nach dem Lesen vom Bericht meines Jungen nicht glaubte dass er da mitmachen kann. Von Anfang an hat sie ihn ganz anders gesehen als die Dame die den Bericht schrieb. Sie sah bei ihm zwar einen sehr ruhigen introvertierten Jungen aber alles im normalen Bereich.

    Also bitte lasst euch nicht verunsichern und turnt nicht zu viel in solchen Communities rum. Man findet sonst immer mehr “Fehler” an sich, das kann doch nicht gut sein.

    Und wer sagt denn schon dass es ein Fehler ist…ich glaube unsere heutige schnelle Welt ist der “Fehler”, da kommen viele Menschen nicht mit, auch ich als Hochsensible (und wer weiß was ich sonst noch so alles bin) tu mir schwer. Aber wir sind eben wie wir sind und wir spüren was wir spüren und das ist wunderbar so!!!

    Alles Liebe!
    Ute

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  3. Das spricht mich sehr an. Ich bin Dreiundsechzig, und habe erst vor kurzem die Einsicht gewonnen, dass ich Asperger Autistin bin. Nein, das wurde noch nicht medizinisch mit einer hieb- und stichfesten Diagnose bestätigt, aber nachdem ich mich in Literatur über Autismus vertieft und mehrere Tests mitgemacht habe, besteht für mich kein Zweifel mehr daran. Es ergibt in der Rückschau auf mein Leben, mein Verhalten, mein Schicksal für mich einfach Sinn, dass ich das Asperger Syndrom habe. Zudem bin ich noch sehr am Bedenken und Abwägen, ob mir in meinem doch schon gesetzten Alter eine medizinisch-psychologische Diagnose überhaupt groß helfen würde. Ich bin in völliger Unkenntnis meiner Besonderheit bislang eigentlich recht ordentlich durchs Leben gewandert (obwohl ich immer schon gewusst habe, dass ich “anders” bin), habe Kindheit und Jugend mit einer oftmals höchst grausamen Mutter, neben Schlägen und Drohungen war das sogenannte Gaslighting ihre ganz besondere Spezialität, und einem labilen, schwachen Vater überlebt – was mich immer wieder verwundert – und mich 43 Jahre lang in Berufen gut durchgeschlagen – Servicefachkraft und Museumsaufsicht – die für AutistenInnen eigentlich so gar nicht geeignet sind. Neben dem Asperger Syndrom habe ich eine genetisch bedingte, fortschreitende und nicht heilbare, sehr seltene Form von Muskelschwund, eine sogenannte Titinopathie, und bin deshalb seit Anfang des Jahres in voller Erwerbsminderungsrente.
    Ich bin sehr froh, auf diesen Blog gestoßen zu sein. Es ist hilfreich und erleichternd zu erkennen, dass man mit seinen Besonderheiten nicht alleine ist.

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