Gibt es eine Kultur des Autismus?

Ein Aufruf.

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Klaus Kokemoor spricht in Autismus neu verstehen (Munderfing 2016) eine interessante Frage an, die „Begegnung mit einer anderen Kultur“, wie der Untertitel lautet: Ist der Autist das „Kind einer anderen Kultur“, hat er ein anderes Bewusstsein? Gibt es, bei aller Individualität, eine „gewisse Übereinstimmung“ zwischen Autisten?

Man ist leicht versucht, die Frage mit Ja zu beantworten. Doch was heißt dann „Kultur“, was heißt „Autismus“? Was sind die Konsequenzen dieser Annahme? Braucht es zwischen Autisten und Neurotypischen eine interkulturelle Kompetenz? Ist der Unterschied derart, dass man von verschiedenen Kulturen reden kann? Kann es überhaupt so etwas wie eine Kultur des Autismus geben?

In anderen Worten: Gibt es ein Set von Verhaltensweisen, die Autisten teilen, die sich abheben von denen der Neurotypischen? Interessen, Normen, Sichtweisen, die allen Autisten spezifisch gemeinsam sind? Lassen sich Möglichkeiten und Unmöglichkeiten identifizieren, bedingt durch die neuronale Disposition, die diesen Differenzen zugrunde liegen? Was ist dem Autisten unmöglich, aber auch: was ist gerade ihm möglich?

Das „Bild einer Art kultureller Übereinstimmung“ speist sich daraus, dass das Verhalten des Autisten sich, in Abgrenzung zu Neurotypischen, aus anderen Lustquellen, einer anderen Logik speist. Was dem einen funktional ist, kann dem anderen dysfunktional sein und vice versa. Jeder hat eine andere Überlebensstrategie, z.B. Blickkontakt aufrechtzuerhalten, ist für den Neurotypischen funktional, um etwa emotionale Nähe herzustellen, für den Autisten aber ist das Vermeiden funktional, da die Amygdala ansonsten auf die Reizüberflutung hin überreagiert.

Der Autismus selbst ist unsichtbar, was sichtbar ist, sind die Bewältigungsstrategien, die Sprache und Verhalten bestimmen: Die Rückversicherung am eigenen Körper, an festen Strukturen, die Orientierung am Detail, sie reagieren alle auf das Problem des fehlenden ganzheitlichen Eindrucks, der die neurotypische Wahrnehmung bestimmt. Eine andere Wahrnehmung aber, ein anderes Denken benötigt die Übersetzungstätigkeit von einer Kultur in die andere.

Entsteht dadurch aber eine eigene Lebenswelt des Autismus, die daraus besteht, was innerhalb dieser Gruppe von Menschen als normal, relevant und plausibel gilt? Lässt sich der Kulturbegriff des offenen Netzwerks mit unscharfen Rändern anwenden, in dem Mehrwertigkeit in dem Sinne herrscht, dass die Identität des Einzelnen im Fluss ist, der gleichzeitig verschiedenen, auch widersprüchlichen Lebenswelten zugehören kann? Und wie sieht das konkret aus?

Welche Musik hören, welche Serien sehen wir?
Worin spiegeln wir uns?
Haben wir einen Dialekt, eine bestimmte Art zu reden?
Kleidung, wie ziehen wir uns an?
Wie wohnen wir?
Was glauben wir? Sind wir religiös?
Wofür geben wir Geld aus?
Was arbeiten wir?
Was ist uns wichtig?
Was verabscheuen wir?
Wie reisen wir?
Was nervt uns?

Welche Fragen lassen sich sinnvoll stellen, um das zu ergründen, was eine „Kultur des Autismus“ ausmachen könnte?

Die Redaktion freut sich über Gedanken, die an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können.

von Irene Beck

 

6 Gedanken zu “Gibt es eine Kultur des Autismus?

  1. dies sind interessante aspekte, bloß lassen sie eines, das wesentliche aus: wie, wo, wann, begegnen sich Autisten und Neurotypische, in einer gesellschaft wie der unsrigen überhaupt noch?
    zumal zunächst rein äußerlich kein sichtbarer unterschied erkennbar ist, im öffentlichen raum, es äußerst selten, sowohl zwischen Neurotypischen und Autisten kaum zur kontaktaufnahme kommen kann, als namenlose in der menge.
    wiederum ein ANDERES kriterium, ob arm oder reich, privilegiert oder nicht, das sind doch offensichtliche grenzen, dann allerdings entscheidet eher die kleidung als ein gesicht, die zugehörigkeit zur „peergroup“, zu gleichgesinnten, ob reich oder arm, ob kraten, alternative, karrierist*innen oder außenseiter.

    aber „welche musik“? ist doch musik die einzige sprache, die weltweit verstanden werden KANN.
    habe das fernsehen seit januar 2019 abgeschafft, zweifelte jahrelang im TV am „kulturbegriff“.
    ob jemand wie ich arte favorisiere oder die masse „holt mich hier raus“ – da dürften Autisten nur eine kleine minderheit sein, die sich das freiwillig antun.

    wenn ich in letzter zeit neue beiträge las, etwa den von „teamgeist“ mit „wissenschaftlichen“ quellen, kann ich nur noch den noch schütteln. in welchem land, in welcher „kultur“, in welcher arbeitswelt ist die autorin aufgewachsen? unübersehbar hat sich die gesamte arbeitswelt entscheidend geändert, trotz aller kritischen aspekte, ohne teamgeist läuft gar nichts, ob in supermärkten oder handelsketten. falls jmand da mobbt, ist er / sie nicht tragbar und fliegt raus.
    ein sympathisches lächeln erleichtert den job und das individuelle.

    die gesellschaftliche realität kennen zu viele menschen nur noch aus filmen im fernsehen, nehmen kaum oder nicht mehr wahr, wie das sichtbare, spürbare leben IST. immer in eile, trudeln im vorübergehn vorbei am mitmenschen.

    dietmar wegewitz

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  2. Zwei Gedanken bewegen mich dabei:

    Neurotypisch als Abgrenzung zum Autismus erinnert mich an „Schwul oder Hetero“:

    Seit 100 Jahren könnten wir auch der These von Sigmund Freud folgen, dass der Mensch bisexuell angelegt sei, aber die weiteren Forschungen von Magnus Hirschfeld wurden mit seinem Institut von den Nazis und ihren eugenischen Ärzten so gründlich diskreditiert und zerstört, dass die „sexuellen Zwischenstufen“ bis heute wenig bekannt sind.

    Dabei ist heute in der Sexualpädagogik die Grundlage, dass es ein breites Spektrum sowohl der sexuellen Grundausstattung als der hormonellen Entwicklung und der sexuellen Orientierung gibt, die im Lauf des Lebens mehrfach veränderlich sind, nicht nur in Pubertät und nach einschneidenden Erfahrungen, sondern auch in Lebensphasen und Alter.

    Mein zweiter Gedanke wäre ein grundlegender Blick aus den Zeiten der Aufklärung auf die Welt:

    Folgen autistische Menschen eher dem aufgeklärt rationalen Materialismus, und wie viele suchen ihr Heil in idealistischen Ideen, religiösen Vorstellungen und von anderen propagierten Gefühlen wie Liebe, Sehnsucht, Heimat, Treue …

    Ich habe zwar diskursive Erfahrungen mit etlichen Freunden, aber finde die Abgrenzungen nicht ….

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  3. Meine Beobachtung: Welche gemeinsame Kultur? Ich hatte eine Begegnung mit einem anderen Autisten. Die Unterschiede hätten nicht größer sein können. Da habe ich mit manchen Neurotypischen mehr gemeinsam. Und selbst unter denen wäre ich auch ohne Autismus Angehörige einer Minderheit. Von Autisten gar nicht erst zu reden. Vielleicht ist das Gemeinsame von Autisten, dass sie eben immerzu Exoten sind. Auch in rein autistischen Gruppen.

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  4. Autismus ist für mich zunächst ein `Zuschreibungsmerkmal´ für Menschen, die anders sind, und ich gehe davon aus, dass jeder dafür mehr oder weniger prädisponiert ist, ohne dass dieses Merkmal der Abgrenzung soz. die Oberhand gewinnt. In dieser Hinsicht spricht `die Fachwelt´ von einem autistischen Spektrum, das sehr weit gestreut ist.
    Das einzige Merkmal einer autistischen Kultur liegt für mich in einer Art `wertfreien Abgrenzung in sich selbst´, in welcher Form auch immer. Ein anderer Begriff fällt mir dazu nicht ein.
    Soweit mein Versuch einer Erklärung.
    Jürgen aus Loy (PJP als Blogger)

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