Rotwein und Nüsse

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Und die Fenster von unsichtbarer

Flut gereinigt,

die Abwesenheit von Schmerz,

die gleiche alte Geschichte,

lyrisch verscherzt,

 

manche maßen sich gar an,

Menschen zu sein,

ein verzeihlicher Irrtum

von Rotwein und Nüssen,

 

und ein aufmunterndes Wort,

ohne Absicht in den Raum gestellt,

wie der Elefant aus Gips,

der den Staub einfängt,

 

und wir blicken in die Fenster,

wir rinnen das Glas entlang,

mit salzigen Händen tasten wir

über den Tisch hin,

 

reichen einander die Rüssel

über Stock und Stein hinweg

 

Von Anonymous

 

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Mein Autismus, dein Autismus.

Warum Neurodiversität unabdingbar ist und vor allem unter Autisten gelebt werden sollte.

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Als ich mich vor einigen Jahren dafür entschied, meinen sich verhärtenden Verdacht abklären zu lassen, ob ich denn wirklich Autistin bin (oder auch nicht), meldete ich mich in einem gängigen Online-Forum für Autisten an. Für mich war es der erste Schritt meines Comingouts, zunächst noch mir selbst gegenüber, da ich die Jahre davor oft verdrängt und auch geleugnet hatte, dass ich autistisch sein könnte. Meine innere Stimmung war feierlich und silbergrau, ich sah mich bildlich das Forum betreten und rufen: „Hallo, hier bin ich, eine von euch!“ Und hoffte, dort mit offenen Armen von Weggefährten, Gleichartigen und Leidesgenossen empfangen zu werden. Dem war nicht so.

Was ich dort in der Community fand, waren lauter Einzelgänger (nicht, dass mich das bei Autisten verwundert hätte), ein paar Platzhirsche und chronisch anwesende Leer-Inhalt-Poster und hier und da Moderatoren. Vor allem aber wunderte mich diese Wer-ist-der-autistischste-Autist-Einstellung: Wer hat die meisten Diagnosen? Oder auch beliebt: Wieviel Grad der Schwerbehinderung hast du? Statt dass alle zusammenhalten und sich als recht große Minderheit präsentieren, wird dem einen oder anderen sogar die Diagnose abgesprochen, weil er Dinge in seinem Leben erreicht hat, die angeblich nicht autismuskonform sind.

Nun habe ich seither viele Bücher von Autisten gelesen und noch viel mehr Autisten getroffen. Sie alle sind unterschiedlich, weil sie Individuen sind. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist ihre Diagnose, meist Asperger-Autismus, wie ich sie auch habe.
Ich muss zugeben, dass ich anfangs versucht war, mich in Gegenwart von anderen Autisten oft sehr autistisch zu geben, weil ich Angst hatte, nicht als Gleiche unter Gleichen wahrgenommen zu werden. Vermutlich aufgrund der ersten Erfahrungen im Forum. Da sich das aber unnatürlich anfühlte und mir Kraft raubte, da das auch nur eine Form der Kompensation darstellt, ließ ich es bleiben und wurde belohnt mit tiefen Einblicken in die Seelen der Anderen. Ich lernte unsere Unterschiede kennen und schätzen und weiß jetzt, dass nicht alle Autisten gleich sind, nicht einmal ähnlich. Mit vielen komme ich gut zurecht, mit anderen gar nicht.

Betrachten wir meine Erfahrungen unter dem Gesichtspunkt der Neurodiversität, wird schnell klar, wo der oft gemachte Denkfehler versteckt ist. Es geht hier nicht um Autisten, Nicht-Autisten oder Möchtegern-Autisten, sondern um Menschen. Die zunehmende Pathologisierung in unserer Gesellschaft sorgt dafür, dass wir uns vermehrt über unsere Diagnosen wahrnehmen. Und aber auch, die Diagnose als Pathologie. Also: „der Autismus“ in mir, oder jemand „mit Autismus“. Vielmehr sollten wir uns als Menschen wahrnehmen, die in ihrer unendlichen Vielfalt hier und da ähnliche Wesenszüge aufweisen, besondere Denk- und Wahrnehmungsformen mitbringen. Jeder Mensch hat seine persönlichen Stärken und Schwächen.

Es ist also nicht „der Autismus“ in mir, der verhindert, dass ich nicht in vollen Restaurants sitzen und die Zeit dort genießen kann, sondern die Erwartungshaltung ist falsch. Unsere westliche Lebensform gibt vor, dass wir das nicht nur tun, sondern auch mögen müssen. Das macht man halt so. Und wer anders ist, mit dem stimmt was nicht. Bestenfalls wird so etwas als Macke abgetan, sollten diese sich aber häufen, ist die gesellschaftliche Exklusion schon garantiert. Wer Geschick und Charisma mitbringt, kann sich als Exzentriker durchschlagen. Das klappt in Britannien allerdings besser als hierzulande.

Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde. (Margaret Mead)

Was also tun? Zunächst sollten wir Autisten uns untereinander darauf einigen, dass jeder von uns auf seine Art und Weise autistisch sein darf. Wie wollen wir denn Toleranz und Akzeptanz von den Neurotypischen einfordern, wenn wir diese nicht vorleben? Wir sollten Autismus nicht als eine Diagnose verstehen, sondern als eine Kultur. Eine Lebensform, die abseits des Mainstreams stattfindet und gesund ist, weil sie nicht krank macht. Wenn wir es schaffen, den Menschen „ohne Autismus“ das zu vermitteln, dann werden sie auch aufhören, uns als krank und behindert wahrzunehmen, sondern bestenfalls als gesunde Menschen mit anderen Präferenzen und Wahrnehmungen.

Natürlich ist das keine Lösung für all unsere Probleme, aber für viele. Und es wird lange dauern, bis sich ein neues Denken in der Gesellschaft durchsetzt, daher ist es umso wichtiger, dass wir mit gutem Beispiel voranschreiten. Neurodiversität betrifft natürlich nicht nur uns Autisten, sondern auch die ADHSler, und ADSler, die Hochsensiblen, die Hochbegabten und viele mehr. Wenn sich also jemand zur autistischen Kultur bekennt, dann sollten wir ihn im Sinne der Diversität willkommen heißen, egal wie autistisch er ist, ob er eine Diagnose hat oder wie hoch sein GdB ist, denn auch für uns gilt: Zusammen sind wir stark. Und wir brauchen Stärke und Zusammenhalt, um die Gesellschaft zu verändern.

(Vorliegender Text ist genderneutral und schließt alle Menschen ein, ohne über ihr Geschlecht zu urteilen oder zu bestimmen.)

von Elja von Rabenstein

https://eljasbriefe.home.blog

Bild: unsplash, levi saunders

Nachtrag zu: „Mutismus und motorische Dyspraxie“. Eine Denkbewegung.

Wo die Hand nicht sicher greift, geht auch die Handlung fehl.

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Martin Heidegger schreibt in Was heißt Denken? über die menschliche Hand: „Mit der Hand hat es eine eigene Bewandtnis. Die Hand gehört nach der gewöhnlichen Vorstellung zum Organismus unseres Leibes. Allein das Wesen der Hand läßt sich nie als ein leibliches Greiforgan bestimmen oder von diesem her erklären. Greiforgane besitzt z.B. der Affe, aber er hat keine Hand. Die Hand ist von allen Greiforganen: Tatzen, Krallen, Fängen, unendlich, d.h. durch einen Abgrund des Wesens verschieden. Nur ein Wesen, das spricht, d.h. denkt, kann die Hand haben und in der Handhabung Werke der Hand vollbringen.“ Die Handhabung der Hand macht den Menschen aus.

Die Hand ist das Instrument, die Welt zu begreifen. Sie ist die Brücke zu Welt hin, um Handlung möglich zu machen. Was aber bedeutet es für den Autisten, wenn gerade diese Verbindung unsicher ist? Florian Peter Riegg hat das Phänomen in seiner Dissertation an der Philipps-Universität Marburg „Bewegungskontrolle der Handmotorik bei Patienten mit Asperger Autismus“ untersucht. Er erforscht die motorischen Funktionen von Asperger-Patienten auf prädiktive Kontrollmechanismen und Bewegungskoordination anhand einer Reihe von Experimenten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Unter anderem kam der Purdue Pegboard Test zum Einsatz: Dabei müssen kleine Metallstifte in untereinander angeordnete, vorgestanzte Löcher schnellstmöglich in einer vorgegebenen Zeit gesteckt werden.

Riegg kommt zu dem Ergebnis: „Über alle Versuche hinweg gemein waren den Ergebnissen der Patienten, dass die Bewegungsgeschwindigkeit verlangsamt war. Am deutlichsten zeigte sich diese Auffälligkeit im Purdue Pegboard Test, in dem die Asperger-Patienten hochsignifikant langsamer waren als die Kontrollprobanden. […] Wir hingegen sehen die Ursache der Verlangsamung eher in einer gestörten neuronalen Verarbeitung im Kleinhirn. […] Zum anderen war es uns möglich, in Versuchen, welche prädiktive Kontrollmechanismen beanspruchen, zu zeigen, dass Patienten mit Asperger-Autismus Defizite in der zeitlichen Koordination von verschiedenen Muskelgruppen einer Extremität aufweisen. Dies offenbarte sich vor allem beim Greifen nach einem Objekt und bei der Kopplung der Griffkraft an die Lastkraft beim Anheben eines Objektes. Wir vermuten, dass die zum Teil verlangsamte Bewegungsausführung darin begründet sein könnte, dass Patienten auf diese Weise das Auftreten von noch stärkeren Defiziten in der zeitlichen Abstimmung von Einzelbewegungskomponenten vermeiden können.“

Was heißt es, sich anders zu bewegen, weil auch die Wahrnehmung anders ist? Die Bewegung passt sich an die neuronale Verarbeitung an, wir bewegen uns in der Welt, wie es unser neuronales Netzwerk erlaubt. Unsere Handlungen sind langsamer. Wir tanzen neben dem Takt. Wir haben Schwierigkeiten, koordinierte Bewegungen auszuführen. Gleichzeitig ist auch unsere Art zu denken anders, unser Denken bewegt sich anders fort. Es ist vielleicht nicht ein „Abgrund des Wesens“, aber sicher eine Kluft, die uns von anderen trennt. Man sieht es unseren Bewegungen an, unseren Gedanken, auch den Dingen, die wir hervorbringen. Wir aber sprechen von dieser Kluft, wir bewegen uns zu auf den anderen, auch die Sprache trägt und handelt.

von Wiebke Schmittner

Manuskripteinreichung

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Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht. Ab und an werden auch Lyrik und literarische Kurzprosa Veröffentlichung finden.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

Lorenz Wagner: Der Junge, der zu viel fühlte. Wie ein weltbekannter Hirnforscher und sein Sohn unser Bild von Autisten für immer verändern (München 2018). Ein Nachtrag zu dem Artikel „Intense World“

Statt über den Makel der Autisten sollte man über den Makel der Gesellschaft reden. Wir sagen, Autisten fehlt Empathie. Nein. Uns fehlt sie. Für die Autisten.

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Als Nachtrag zu „Intense World“ möchte ich das Buch von Lorenz Wagner Der Junge, der zu viel fühlte empfehlen. Der Autor Lorenz hat die Familie Markram eine Weile begleitet: vor allem den Neurowissenschaftler Markram und seinen autistischen Sohn. Markram versucht die Funktionsweise des Gehirns zu verstehen, um auch seinen Sohn besser verstehen zu können. Das Buch beschreibt die Frustrationen im Alltag und die Kluft zwischen Wissenschaft und Familienleben gut recherchiert und einfühlsam.

Auch der Paradigmenwechsel in der Autismusforschung durch Markram wird geschildert: Autisten sind nicht weniger sensibel und empathisch, sondern sind es vielmehr in überdurchschnittlichem Maße. Ausgelöst wird diese Erkenntnis durch die Beschäftigung weg von den hemmenden Zellen im Gehirn hin zu den verstärkenden: „Diese Verstärkerzellen empfanden die Reize doppelt so stark, sie redeten mehr miteinander […] Ein Signal-Feuerwerk, doppelt so schnell, doppelt so weit sichtbar. Wunderzellen. […] Wenn in der Hirnrinde die Eindrücke nur so rasten, so müsste das auf den Mandelkern wirken, Emotionen, Gefühle, Erinnerungen im Übermaß müssten entstehen.“

Das führt zu einem Paradoxon, Innen und Außen stehen im Widerspruch zu einander: „Ihr Gefühlsreichtum lässt Autisten gefühlsarm erscheinen. Vor allem drei Hirnbereiche sind betroffen: Vorderlappen, Neocortex und Mandelkern. Bei den einen steckt der Autismus mehr im Vorderlappen, bei den anderen in der Hirnrinde. Bei manchen feuern die Zellen besonders wild, bei anderen nur ein wenig stärker.“

Im Kapitel „Wie Kai die Welt sah“ wird beschrieben, wie ein autistisches Kind von der Umwelt sensorisch überwältigt wird. Markram empfiehlt daher, ein Umfeld zu schaffen, das eine Überforderung verhindert und so das Gehirn nicht überfordert, sondern angemessen stimuliert: „Plastizität ist die Grundlage allen Lernens. […] Auch das Gehirn des Autisten passt sich an: Es blockt Gefahren, die laute Welt, uns.“ Das Verhalten ist einer Überreizung geschuldet, einem Schutzreflex, der zum Überleben notwendig ist.

von Irene Beck

 

Mutismus und motorische Dyspraxie.

Wir sind ungeschickt, im Sprechen, im Handeln, im Bewegen.

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Autisten haben eine ausgeprägte fluide Intelligenz, die Fähigkeit, Muster oder Gesetzmäßigkeiten im Chaos zu erkennen, logische Schlüsse zu ziehen und Beziehungen zwischen Sachverhalten zu erfassen. Dabei ist aber die kristalline Intelligenz eingeschränkt, die Fähigkeit, erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten praktisch umzusetzen. Das betrifft zum Beispiel den Versuch, theoretisch erworbene Bewegungsabläufe motorisch zu vollziehen. Wir sind immer irgendwie dyspraktisch, ungelenk und ungeschickt. Wir fallen im Sport über die eigenen Füße.

Diese Dyspraxie führt auch zum selektiven Mutismus, zum Verstummen oder der Beeinträchtigung der sprachlichen Kommunikation in bestimmten Situationen. Wir schweigen in Gruppen, im Klassenzimmer, gegenüber verwirrenden Personen. Unsere Amygdala feuert, wir sind gelähmt. Die motorischen Funktionen, auch das Sprechen, sind blockiert. Wir können dann nicht spontan unsere Gedanken äußeren, wir können nicht denken, nicht sprechen. Unsere Epochalnoten sind unterirdisch. – Na gut, dann balanciere ich halt auf dem Brett vorm Kopf.

Von Anonymous

Dünnhäuter. Hochsensibilität und Autismus

Hochsensibilität bezeichnet eine im Vergleich zur Mehrheit der Menschen deutlich höhere Empfindlichkeit gegenüber äußeren und inneren Reizen aufgrund eines veranlagungsbedingt besonders leicht erregbaren Nervensystems. Das bringt eine subtilere, umfangreichere, nuancenreichere und intensivere Wahrnehmung mit sich; ebenso eine ausgeprägte Feinfühligkeit, eine höhere emotionale Reaktivität und eine gründlichere und komplexere Informationsverarbeitung. Damit einher gehen ein früheres Erreichen eines Zustands der Überstimulation und ein längeres Nachklingen des Erlebten. Hochsensibilität ist ein fest verankertes, unabänderliches Persönlichkeitsmerkmal, das bei 15 bis 20 Prozent der Menschen, Männern wie Frauen, auftritt. (Ulrike Hensel)

 

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Der Vorwurf, man solle doch nicht dauernd überreagieren, nicht so empfindlich sein, sich nicht so anstellen oder sich nicht wieder in etwas hineinsteigern, begleitet jeden Hochsensiblen. Er ist wie der Autist ein Wesen vom anderen Stern; er reagiert auf äußere Reize wie Lärm, Geruch, optische Reize viel stärker als die meisten anderen Menschen. Ebenso ist er ungleich empfänglicher für die eigenen emotionalen Reize und die der anderen. Zu dieser höheren Empfänglichkeit gesellen sich Probleme mit der Emotionsregulierung und Erschöpfung beim overload. Hochsensibler wie Autist brauchen Rückzug, um leerzulaufen und wieder auf ein erträgliches Erregungsniveau zu kommen.

Hochsensibilität ist eine spezielle Variante in der Ausprägung des Nervensystems wie auch Autismus eine besondere Form desselben darstellt. Elaine Arons The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You von 1996 hat das Phänomen erstmals in dieser Terminologie ausführlich beschrieben. Vier Indikatoren für Hochsensibilität benennt sie: Gründliche Informationsverarbeitung, Übererregbarkeit, emotionale Intensität oder Reaktivität und sensorische Empfindlichkeit. Die Wahrnehmungsfilter sind weniger ausgeprägt, was zu Problemen führt, die die meisten anderen nicht kennen. Diese Hochreaktivität ist neuronal nachweisbar. Es fällt dem Hochsensiblen schwer, die richtige Balance zwischen Über- und Unterforderung zu finden, zwischen Erholungspausen und konzentrierter Tätigkeit, zwischen Gemeinschaft und Fürsichsein.

Man kann sich nicht ein dickes Fell zulegen, man bleibt nackt. Erst, wenn man anerkennt, dass man anders ist, kann man sich in seiner Haut zurechtfinden; erst, wenn man aufhört, Erwartungen erfüllen zu wollen, die zwar den meisten anderen völlig normal erscheinen, die für einen selbst aber nichts als eine Zumutung bedeuten. Nur so lässt sich eine Überstimulation vermeiden, die zu emotionalen Ausbrüchen und Erschöpfung führt. Der eigene Wohlfühlbereich ist eng: Schnell ist irgendein Aspekt der Umwelt zuviel und wirkt belastend; die Welt ist immer ein wenig zuviel, und ohne individuelle Überlebensstrategien geht der Hochsensible unter.

Die Hochsensibilität ist durch Argumente und Ermunterung nicht aus der Welt zu schaffen. Ihre Erlebniswelt unterscheidet sich von derjenigen der meisten Menschen. Diese durchschnittliche Erlebniswelt wiederum bleibt dem Hochsensiblen ein Rätsel. Die Nicht-Hochsensiblen sind anders; die Reize dringen zu ihnen gar nicht in dieser Intensität durch; sie sind Dickhäuter, die viel weniger angeht, viel weniger aufwühlt, viel weniger belästigt; sie denken viel weniger über sich und die Welt nach. In diesem Sinne haben sie eine sensorische und kognitive Schwäche. Dass sie allgemein als die Starken erscheinen, ist dem Umstand geschuldet, dass sie im Alltag einfach reibungsloser funktionieren. Die Herde zieht weiter.

von Anonymous