Edith Sheffers Buch »Aspergers Kinder«

Entweder, oder.

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Edith Sheffers »Aspergers Kinder« zeichnet nach, wie der historische Kontext Hans Aspergers Beschreibung des Autismus wesentlich geprägt hat. Das nationalsozialistische Regime kannte als Optionen zur Umgestaltung des Menschen in seinem Sinne die Optionen Behandlung oder Beseitigung. Wer nicht – oder nur unter als unverhältnismäßig angesehenem Aufwand – korrigiert werden konnte, wurde im Zuge der Euthanasie-Politik ermordet. Die Definition, wer für die Nazis noch zu retten war und wer sterben musste, war dabei stets im Fluss und passte sich opportunistisch den jeweiligen Erfordernissen der Ideologie an. Das gilt auch für Aspergers Beschreibung des Autismus, deren Dynamik dem Buch folgend hier wiedergegeben wird.

Für Asperger gab es Autisten, die sozial integrierbar waren und solche, bei denen das nicht möglich war. Die »Reinigung« der »Volksgemeinschaft« traf dann auch etwa 200.000 unerwünschte, geistig oder körperlich auffällige Menschen. Wer nicht in die soziale Gemeinschaft im Sinne der Nationalsozialisten integriert werden konnte, sollte vernichtet werden. In den dreißiger Jahren beobachtete man in der Wiener Heilpädagogischen Abteilung Kinder, die sich nicht in die Gruppe einfügten, deren »Aufmerksamkeit und Empfindungen« oft »anderswo« zu sein schienen, die als »Fremdkörper und störend« auffielen. Ihre besondere Begabung wurde teilweise erkannt und als positiv für den weiteren Werdegang begriffen, bis bald deren Nützlichkeit nur noch am gesellschaftlichen Wert im faschistischen Kollektiv bemessen wurde. Asperger schrieb im Jahr 1944, dass es neben solchen nützlichen Eigenschaften auch Patienten gäbe mit »automatenhaften Gewohnheiten, mit als Leistung unbrauchbaren, schrullenhaften Interessen«.

Schon 1938, nach dem »Anschluss« Österreichs, änderte sich sein Ton entscheidend: »Das Ganze ist mehr als der Teil, das Volk wichtiger als der einzelne«. Autismus definiert er zugleich als »Störung der Anpassung an die Umwelt«, als »Störung der Instinktfunktionen«, »Störung der Beziehungen zu anderen Menschen« und »Störung des Verständnisses für die Situation«. Es sei eine Tatsache, »dass diese Menschen niemand so richtig gern haben«, und »auch die Gemeinschaft lehnt sie ab«. Er verweist auf ihre »gemütlichen Bosheiten« und den »Mangel an Respekt vor der Autorität«. Seine Beschreibungen sind aber durchgehend ambivalent, da er auch die besonderen Begabungen bemerkte: »da die Befunde so sehr widerspruchsvoll sind, dass verschiedene Beurteiler von ihrem Standpunkt zu ganz entgegengesetzten Urteilen kommen; man kann solche Menschen mit guten Gründen sowohl für Wunderkinder wie auch für schwachsinnig halten!«

Stellt man zwei Definitionen nebeneinander, erkennt man die Tendenz der Verhärtung bei Asperger. Im Jahr 1937: »Es ist unmöglich, von einem starren System aus Forderungen für die Diagnose und vor allem für die pädagogische Therapie aufzustellen.« Dann im Jahr 1944: »Der Autistische ist nur »er selbst« (daher das Wort autos), nicht ein lebendiger Teil eines größeren Organismus, von diesem ständig beeinflusst und ständig auf diesen wirkend.« Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges revidierte Asperger wieder seine Definition des Autismus als Psychopathie und sprach nun von »Charaktervarianten«. Jeder könne sich vorübergehend autistisch verhalten.

Die Entwicklung des Begriffes im Sinne einer Sammeldiagnostik führt das fort. Für das gleiche Phänomen scheint es individuelle Ausprägungen und heterogene biologische Ursachen zu geben. Strukturell existiert immer noch eine Unterscheidung zwischen nützlichen und dysfunktionalen Erscheinungsformen, gelungener Anpassung an die Forderungen der leistungsorientierten Arbeitswelt einer- und gescheiterter Anpassung andererseits – mit allen praktischen gesellschaftlichen Konsequenzen.

von Maria Holm

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Autismus und Narzissmus

Narziss blickt in den Teich, der Autist in den Abgrund.

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Der selbstsüchtige Narziss ist siech vom Selbst: Wohin er auch blickt, bespiegelt er sich nur selbst. Verwehrt bleibt ihm jede Erfahrung des Anderen. Dieser Zwang zum Positiven lässt Negativität gar nicht erst aufkommen. Der andere ist kein Widerstand, sondern Spiegelfläche. Wie die Medusa verhärtet er nur das Ich des Narzissten, der sich selbst darin sieht. Was er am anderen versteht, wird sofort in den eigenen Horizont eingegliedert.

Wie auch sollte die Differenz zum anderen fruchtbar werden, wenn die Distanz zum eigenen Ich schon fehlt? »Das narzisstische Subjekt verschmilzt so sehr mit sich selbst, dass es nicht möglich ist, mit sich zu spielen. Der depressiv gewordene Narziss ertrinkt in seiner grenzenlosen Intimität zu sich« (Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft).

Im Gegensatz zum Narzissten zieht der Autist klare Grenzen zwischen dem Ich und dem Anderen. Der Andere erscheint ihm in seiner ganzen Fremdheit. Die Andersheit erscheint in ihrer Negativität anziehend. Der andere ist ihm nicht Spiegel, sondern faszinierender Abgrund. Die Tiefe ist dunkel; Vertrauen muss haben, wer sich auf sie einlässt.

Das Selbst verliert sich am anderen: »Der Eros gilt dem Anderen im emphatischen Sinne, der sich ins Regime des Ich nicht einholen lässt« (Han, Agonie des Eros). Der andere bleibt unzugänglich, atopisch, und auratisch, nah und fern zugleich. Der Autist ist in sich verhaftet, aber er ist sich auch selbst der andere. Diese Distanz etabliert Bezüge, wo dem Narzissten diese im eigenen Ich verschwimmen.

von Wiebke Schmittner

Anfangen zu sprechen

Für den Autisten ist es das Schwierigste, von sich und zu den anderen zu reden.

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Den Umgang mit der Sprache empfand schon Hans Asperger, der als einer der ersten anfing, vom Autismus zu reden, als prekär. Ihre Funktion als »Träger von Ausdruckserscheinungen«, so erkannte er, macht die Sprache zum Fundament jeden sozialen Miteinanders. Sie teilt unabhängig vom dem Gehalt des Gesagten auch immer etwas über die Affekte und sozialen Rollen der gesellschaftlichen Situation mit:
wes Geistes Kind einer ist, das drückt sich untrüglich in dieser Seite der Sprache aus – wer zu hören versteht, dem entlarvt sich der Mensch durch seine Rede; was Lüge und was Wahrheit, was »tönendes Erz; und klingende Schelle« und was wesenhaftes Sein ist, das erfahren wir vor allem aus jenen Ausdruckserscheinungen.

Zu erkennen, was es mit dem anderen auf sich hat: Das ist laut Asperger die zentrale Funktion der Sprache. Aber eben gerade dieser Bereich ihrer Bedeutung, dasjenige, was an Form und Performanz jenseits der inhaltlichen Aussage aufscheint, verschließt sich dem Autisten oft. Bei Dietmar Zöller (Wenn ich mit euch reden könnte und Ich gebe nicht auf) findet man diese gewisse Unmöglichkeit, jene Funktion der Sprache zu aktualisieren, eindrücklich beschrieben. Denn: »Sprechen wollte ich. Im Kopf waren die Gesprächsbeiträge fertig. Ich wußte sogar, wie mein Gegenüber reagieren würde«.

In der Theorie gelingt, was die Praxis verwehrt: »dann ging nichts, absolut nichts. Oft habe ich ein Gespräch phantasiert, so, wie es hätte laufen können.« Was in der Phantasie so leicht sich sagen lässt, scheitert in der Realität an der Unfähigkeit zur Artikulation. Mit manchen Menschen, mit den vertrauten, lässt es sich leichter reden: Wie von selbst, so traumwandlerisch sicher wie bei den anderen, geht es aber nie. Der Autist will durchaus mit anderen sprechen; doch trifft er auf widrigste Umstände, auf die Menschen selbst, die er allzu intensiv wahrnimmt: »Menschen kann ich oft nicht angucken, ohne irritiert zu werden.« Diese Irritation kommt daher, dass ihm kaum etwas verborgen bleibt: »Da ist oft so viel Leid zu sehen oder so eine Maske, die ich erst recht nicht ertrage. Ich sehe ja immer zuviel und ziehe mich darum zurück.«

Die Sprache ist bekanntlich vielleicht eher dazu da, zu verbergen, was es mit dem Gegenüber auf sich hat. Es ist kein Desinteresse am Gegenüber, es ist die verwirrende Präsenz desselben, die das Sprechen so schwierig macht. Die Sensibilität gegenüber dem Leid und der Maskenhaftigkeit des Menschen lässt den Autisten verstummen und zwingt ihn zum Rückzug. Eine indirekte Konfrontation mit den Menschen stellt dagegen das Lesen dar. Diese gemilderte Präsenz reduziert die Wucht der Erscheinung; und dennoch: »Ich habe so viel im Kopf, daß ich manchmal fast platze. Ich muß manchmal die Decke über den Kopf ziehen, um mich abzuschirmen.«

Der Rückzug aus der Kommunikation ist nicht nur Folge einer solchen Überlastung, er resultiert auch aus der Erkenntnis, dass der Autist‌ die Regeln der allgemeinen Lüge nicht im Schlaf beherrscht, so wie die anderen es tun. Zwar behauptet man das eine, doch tut das andere. Die soziale Wahrheit ist immer eine andere, als diejenige der Sache selbst:
Wenn ich reden könnte, müßte ich mich gewaltig umstellen. Die Gedanken sind frei, aber sagen darf man nicht alles. Ich bin in meinen Gedanken oft bissig und hart. Ich denke die Wahrheit, sagen darf ich sie nicht, denn die Wahrheit kann verletzen, kann Menschen kaputtmachen.

Für die soziale Wahrheit fehlt die Intuition, desto stärker tritt die objektive hervor. Die aber ist sozial unaussprechlich, was dem Autisten klar vor Augen steht: »So bin ich ein bequemer Zeitgenosse und fordere niemanden heraus.« Was ihm bleibt, ist eine andere Art zu reden, eine poetische, wie sie bei Birger Sellin zu beobachten ist (Ich will kein Inmich mehr sein/ich deserteur einer artigen autistenrasse). Die Wahrnehmung der reflektiert-distanzierten Wahrheit über das Soziale konfligiert mit dem gleichzeitigen Wunsch nach Anerkennung: »einen quatschkopf wie mich sehen die menschen nicht eben gern / will einer werden den man gerne sieht«.

Nur das Schreiben, sagt Sellin, verbindet die Autisten, »sagenhafte ungeheuer«, mit der anderen Welt. Aber auch das Schreiben, die für sich niedergelegte Sprache, die zu dem anderen spricht, ist eine andere Sprache; eine eigene Sprache, die sich nur abschirmend dem öffnet, wie man eben allgemein – bis zum Gerede hin – so spricht:

unsere sprache klingt mehr aus tiefen der einsamkeit
sie ist wirbelnder totaler erster anfang
sie lebt aus frischen und azurfarbenen hoffnungen
sie anerkennt nicht solche falschen redewendungen weil sie ohne effekthascherei umsetzt was in der seele lebt

Die normale Sprache scheint evolutionär dem autistischen Sprechen gegenüber zu verharren: »deine sprache ist aber wirklich sehr affenmäßig einfältig«. Ist das nicht der Vorwurf alles Lyrischen an die Welt? Dichterisch sprechen, heißt, aus der Mitte der Existenz heraus zu reden zu denen, die sich auf diese fremde Sprache einlassen können. Es bleibt dem Autisten keine Wahl, ist er doch

ein wesen das sich mitteilt
das sich schenkend einbringt
einsam sich in einer erlauchten gesellschaft ersatzlos anerkennung sucht und verständigung
ich werde alle sinne in diese richtung lenken

Sellin möchte seine autistische Erfahrung »umwandeln und in eine form bringen die allgemeine wahrheiten der sogenannten einsamen erdenwesen widerspiegelt«. Diese Spiegelung, unter Verkehrung der eigenen Sprachnot, resultiert aus ihrer unabweislichen Notwendigkeit. Zugänglich ist es nur denen, die sich um Zugang bemühen: »einer ohne witterung für wundersame dinge wird mich nicht verstehen«. Wie viele aber sind tatsächlich poetisch ansprechbar?

Die Erkenntnis gilt: »ohne sprache sind wir tote isolierte ausgestoßene apparaturen«. Es bleibt eine prometheische Aufgabe, »stummen die sprache zu bringen«. Jenen Stummen, zu denen die Autisten ihrer Natur nach so schwer sprechen können, und deren Sprache der Autist kaum begreift: »die menschen sind unberechenbar und aparte ungeheuer«. Die eigene Bedrängnis, nicht frei sprechen zu können, »irgendwo eine blockierung«, wirft Sellin trotzig nach draußen zurück:

quatsch ist ich bin autistisch
die anderen sind es
sie sind eingeengt durch massenhafte erziehungsmaßnahmen
widerliche sittengesetze und moralbegriffe

Die Normalen sind »aparte Ungeheuer«, an denen etwas aufscheint, was dem Menschen zugehörig ist und zugleich ihre Existenz an einen anderen Ort verweist. Der Blick für das Monströse, Ungeheuerliche am Menschen – und für seine skrupellose Sprache – macht den Autisten zum Kritiker des Diskurses, zu dem er keinen rechten Zugang findet, weil er mit der falschen Ernsthaftigkeit geführt wird

Der Psychoanalytiker Jacques Lacan definiert den Autisten: »Das sind einfach Leute, für die das Gewicht der Worte etwas sehr Ernstes ist und für die es nicht einfach ist, es sich mit diesen Worten leicht zu machen.« Daher scheuen sie sich vor dem sprachlichen Ausdruck des eigenen Innenlebens, weil die Worte immer unzureichend sind. Sprache nehmen sie ernster und anders wahr als die meisten anderen. Autisten wollen sich adäquat ausdrücken und bemerken dabei, dass das unmöglich ist.

Ihnen ist ein Hang zum Konkretismus eigen. »Die Sprache drückt wesentlich nur Allgemeines überhaupt aus; was man aber meint, ist das Besondere, Einzelne. Man kann daher das, was man meint, in der Sprache nicht sagen«, schreibt Hegel in den Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie. Man kann sich niemals selbst ganz aussprechen. Was man »meint«, was »mein« sein soll, ist immer schon draußen, gehört immer schon anderen, Lacans »großem Anderen«.

Sprache sind niemals »nur« Worte. Lacan unterscheidet zwischen Sagen (énonciation) und Gesagtem (énoncé). Der Autist empfindet zu reden aber vorwiegend als Gerede, weswegen es ihm schwerfällt, sich auf eine Aussage (énoncé) festzulegen, soll doch das Individuum eine Aussage mit sich führen, die ihm seine unverkennbare Stimme verleiht. Sagen ist unzuverlässig, wie unter diesen Umständen eine Aussage machen?

Die Stimme des Autisten ist brüchig; sie lässt sich immer schon auf die Mängel der Sprache ein: Auf die Mängel der eigenen Artikulation und auf den Zwang, im Miteinander diese Mangelhaftigkeit der Sprache ernst zu nehmen und ernsthaft auf sie zu antworten. Autisten stehen in einem unmittelbaren Bezug zur Sache; Sprache erscheint da bereits als Abirrung von dem Eigentlichen.

Der Autist »leidet an der Negativität der Sprache. Davon zeugt die Angst vor dem schwarzen Loch, das sich durch die Kluft zwischen dem Ding und seiner Vorstellung auftut« (Jean-Claude Maleval). Er strebt hinter diese Kluft zurück; doch der Rückzug des Autisten muss misslingen, immer Bewegung bleiben, weil es kein Zurück in einen – unmöglichen – Zusammenfall von Sein und Sprache gibt.

Alain Didier-Weill sieht in der »sidération« das Grundmoment des Autismus. Es ist das Schwanken zwischen Entgeisterung des Gestirns und der considération, der aufmerksamen Beobachtung (Hans Saettele, Zur Diskussion des Autismus). Das Sprechen geht mit dem repetitiven Aussetzen der Stimme einher; der Versuch, sich auszusprechen, mit der Vermeidung, Ich zu sagen.

Als elementare Frage formuliert Saettele: »wie kann ich einen Platz in der Sprache einnehmen, nachdem ich aus dieser, da sie mich entgeistert hat (ich meine damit die sidération), ausgebrochen bin«? Autisten nehmen angesichts dieses Problems zur Sprache eine dezentrierte Stellung ein; sie bleiben »auf der Schwelle zur Sprache Verhaftete« (Henri Rey-Flaud). Sie weigern sich, ihr Sein sprachlich einfach preiszugeben; Ethiker des Wortes, ist ihr Schicksal tendenziell das Verstummen.

von Michael Leitz

Der mit allem sympathisierende Maler

Odysseus im Schneesturm des Lebens.

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William Turner wurde von seinen Zeitgenossen als zurückgezogen und unnahbar beschrieben. Wie der Biograph Anthony Bailey (Standing in the Sun) schreibt: »Like an animal, he adopted a defensive posture part of the time.« Die Widersprüchlichkeit von Turners Wesen irritierte seine Umgebung: Er zeigte sich einmal abweisend, einmal gesellig, einmal unfreundlich, dann wieder zuvorkommend. Auffällig war en auch sein Äußeres und sein soziales Auftreten: »He was a confused speaker, a muddled writer, and an artist – sometimes touchingly precise, sometimes blazingly free«. Charles Robert Leslie erinnert sich folgendermaßen an Turner, der ihm dem Kapitän eines Dampfschiffes zu ähneln schien:

Turner was short and stout, and had a sturdy, sailor-like walk. There was, in fact, nothing elegant in his appearance. He might be taken for the captain of a river steamboat at a first glance; but a second would find far more in his face than belongs to any ordinary mied. There was that peculiar keenness of expression in his eye that is only seen in men of constant habits of observation.

Der Oxforder Gelehrte John Ruskin gibt ein weiteres Porträt nach der ersten Begegnung mit dem hochgeschätzten Turner, »the man who beyond all doubt is the greatest of the age; greatest in every faculty of the imagination, in every branch of scenic knowledge; at once the painter and poet of the day«. Das erste Treffen fand am 22. Juni 1840 statt; Ruskin war 21, Turner bereits 65 Jahre alt:

Everybody had described him to me as coarse, boorish, unintellectual, vulgar. This I knew to be impossible. I found in him a somewhat eccentric, keen-mannered, matter-of-fast, English-minded gentleman: good-natured evidently, bad-tempered evidently, hating humbug of all sorts, shrewd, perhaps a little selfish, highly intellectual, the powers of his mind not brought out with any delight in their manifestation, or intention of display, but flashing out occasionally in a word or a look.

Ruskin beschäftigt sich sehr intensiv mit Turners Werk. In Modern Painters schreibt er, je mehr Sympathie ein Maler mit dem Gemalten empfinde, desto gelunger sei auch das künstlerische Produkt: »It is mainly because the one painter has communion of heart with his subject, and the other only casts his eyes upon it feelinglessly, that the work of the one is greater than that of the other.« Die größte Fähigkeit zur Sympathie spricht er, wenig verwunderlich, Turner zu: »he has shown, in casual incidents, and byways, a range of feeling which no other painter, as far as I know, can equal«.

Biographisch belegt ist die von Ruskin beschriebene Sympathie, die den Stil des »Turnerian Picturesque« begründete, durch verschiedene biographische Anekdoten aus Turners Leben. Auf dem Weg nach Burgh Island sitzt der Maler ruhig da, während das Schiff vom Sturm gebeutelt wird: »He sat in the stern sheets intensly watching the sea, and not at all affected by the motion. When we were on the crest of a wave he now and then said … ›That’s fine! Fine!‹«

Einen solchen Sturm hat Turner später auch auf Leinwand gebannt. Er beschreibt das Gemälde Snowstorm im Jahr 1842 im Academy Catalogue mit folgenden Worten: »Steamboat off the harbour mouth making signals, and going by the lead. The author was in this storm the night the Ariel left Harwich.« Ruskin stößt in dieser Beschreibung auf den auffälligen Gebrauch des Wortes »author« an der Stelle des zu erwartenden »artist«. Turner ist derjenige, der das Abgebildete authentifiziert, er hat es mehr gefunden, als dass er das Gezeigte in seiner Imagination erfunden hätte. Sein Bild soll seine faktischen Wahrnehmungen wahrheitsgemäß wiedergeben.

Die Kritk spricht dagegen vom mangelhaften Überblick, den das Bild gewährte: »Where the steam-boat is – where the harbour begins, or where it ends – which are the signals, and which the author in the Ariel … are matters past our finding out.« Sie will das Durcheinander des Sturms aufklären: »before any further account of the vessel can be given, it will be necessary to wait until the storm is cleared off a little. The sooner the better.« Auf Kritik an dem Bild, es wurde auch als »a mass of soapsuds and whitewash« beschrieben, reagierte Turner gereizt. Ruskin erlebte mit, wie Turner diese Kritik erreichte:

after dinner, sitting in his arm-chair by the fire, I heard him muttering low to himself at intervals, »Soapsuds and whitewash!« again, and again, and again. At last I went to him, asking »why he minded what they said?« Then he burst out, »Soapsuds and whitewash! What would they have? I wonder what they think the sea’s like ? I wish they’d been in it.

Nicht der Vorwurf schlechter künstlerische Gestaltung störte ihn, sondern der Vorwurf der Unaufrichtigkeit. Was Turner beobachtet hat, hat er so auch wahrheitsgemäß wiedergegeben. Daran zu zweifeln, steht den Kritikern seiner Meinung nach nicht zu. Aber auch auf Beobachter, die das Meer schon selbst erlebt haben, trifft Turner. Ruskin gibt eine von William Kingsley überlieferte Anekdote wieder:

I had taken my mother and a cousin to see Turner’s pictures, and, as my mother knows nothing about art, I was taking her down the gallery to look at the large ›Richmond Park‹, but as we were passing the ›Snowstorm‹ she stopped before it, and I could hardly get her to look at any other picture; and she told me a great deal more about it than I had any notion of, though I have seen many sea storms. She had been in such a scene on the coast of Holland during the war.

Als Kingsley Turner von dieser Begeisterung berichtet, kommt es zu einer bemerkenswerten Replik: »I did not paint it to be understood, but I wished to show what such a scene was like; I got the sailors to lash me to the mast to observe it; I was lashed for four hours, and I did not expect to escape, but I felt bound to record it if I did. But no one had any business to like the picture.« Unter Lebensgefahr arbeitet Turner an dem Bild, und das nicht, damit es später irgend jemand versteht oder Gefallen daran findet.

Turner lässt sich wie Odysseus, der nicht dem Gesang der Sirenen erliegen will, an den Mast binden. Er nimmt eine Position zwischen reflexiv-beobachtender Distanz und emotionaler Involviertheit ein. Aus dieser Erfahrung entsteht das Gemälde. Niemand kann Turner verstehen, kann empfinden, wie er empfunden hat. Das einzige, was er tun will, ist authentisches Zeugnis seines Erlebnisses ablegen (»record«).

Auf Kingsleys Hinweis, seine Mutter habe eine eigene Erinnerung in Turners Gemälde vom Sturm wiedergefunden, reagiert Turner scharf: »›Is your mother a painter?‹ ›No.‹ ›Then she ought to have been thinking of something else.‹« Niemand kann die identische Sympathie mit den Dingen empfinden; im Sturm des Lebens verharrt man immer für sich alleine.

von Irene Beck

 

Das Leben schreiben

Dichter sein heißt, unablässig sich zu notieren.

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Der Autist denkt das Leben in Schrift. Er entwirft im Kopf Szenarien, um sich zu wappnen, er schreibt seine Geschichte nieder, während – und bisweilen noch ehe – er sie lebt. Er arrangiert die Ereignisse in einen narrativen Strang. Was er erlebt, wird Text. Es sind Aufzeichnungen, wie Malte Laurids Brigge sie niederschreibt, als er endlich, was unerlässlich ist für einen Dichter, für Rilke selbst, tiefer zu sehen gelernt hat: »Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war.«

Plötzlich tut sich etwas Unbekanntes, Tieferes auf: »Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.«Was davor unsichtbar war, tritt nun ins Bewusstsein. Das Innere füllt sich an. Der Dichter sitzt einfach nur da in der Welt und staunt. Auch Malte wäre gerne ein Dichter, lebt aber zur Zeit noch in widrigen Umständen. Wie gerne würde er in der »stillen Stube« sitzen »unter lauter ruhigen, sesshaften Dingen« und den Vögeln im Garten zuhören: »Zu sitzen und auf einen warmen Streifen Nachmittagssonne zu sehen und vieles von vergangenen Mädchen zu wissen und ein Dichter zu sein.«

Diese Ruhe des Dichters, diese Art zu leben findet bei den Besitzern der kleinen Läden an der rue de Seine. Es ist die Einsamkeit, ein Leben ohne Sorge, abgeschieden von den Menschen und doch zur Welt hin jeden Tag geöffnet. Die Existenz hinter der Fensterscheibe. In der Gesellschaft von stillen Tieren sitzen die Händler da, ohne von Kunden behelligt zu werden:

Sieht man aber hinein, so sitzen sie, sitzen und lesen, unbesorgt; sorgen nicht um morgen, ängstigen sich nicht um ein Gelingen, haben einen Hund, der vor ihnen sitzt, gut aufgelegt, oder eine Katze, die die Stille noch größer macht, indem sie die Bücherreihen entlang streicht, als wischte sie die Namen von den Rücken.

Die Katze wischt die Namen aus, weil die Namen das sind, was bedrängt, weil Menschen auf Namen angewiesen sind und doch daran leiden, dass jede Benennung verfehlt, was sie bezeichnen will. Das Auswischen der Namen ist die Utopie einer die Differenzen auslöschenden Rückkehr ins Paradies. Malte träumt davon, sich so ein »Schaufenster« zum Draußen hin zu kaufen und sich »mit einem Hund dahinter zu setzen für zwanzig Jahre.« Diese unheimliche Einsamkeit, ohne Heimat. Was all das bedeutet: Niemand von draußen kann das beurteilen, die Menschen »haben nie einen Einsamen gesehen, sie haben ihn nur gehasst, ohne ihn zu kennen.«

Dieser Hass ist nicht weniger wirksam. Er richtet sich gegen das Fremde und Zurückgezogene. Der Autist leidet an der aufdringlichen Gegenwart der Menschen, an ihrer Rücksichtslosigkeit, die ihr rohes Wesen in jedem Moment nach sich zieht. Der Einsame kann sich nirgends ungestört in sich sammeln. Überall stören und zerstören ihn die Menschen:

Sie sind seine Nachbaren gewesen, die ihn aufbrauchten, und die Stimmen im Nebenzimmer, die ihn versuchten. Sie haben die Dinge aufgereizt gegen ihn, dass sie lärmten und ihn übertönten. Die Kinder verbanden sich wider ihn, da er zart und ein Kind war, und mit jedem Wachsen wuchs er gegen die Erwachsenen an. Sie spürten ihn auf in seinem Versteck wie ein jagdbares Tier, und seine lange Jugend war ohne Schonzeit.

Vielleicht ist die allgemeine Begeisterung für den Außenseiter, den Abgeschnittenen nur die perfide Einverleibung des Zurückgezogenen in das Allgemeine und damit der Versuch der Auslöschung seiner Differenz. Rilke spricht es aus: »Sie hatten Recht in ihrem alten Instinkt: denn er war wirklich ihr Feind«. Eine in sich selbst autistische Geste, die nicht mit dem konfrontiert zu werden erträgt, was in Differenz steht zu dem bereits abgesteckten Horizont. Gesellschaftliche Anerkennung ist die ultimative perfide Strategie, dem Dichter den Rückzug in das, was ihn im Kern ausmacht, zu verunmöglichen:

Sie ahnten, dass sie ihm mit alledem seinen Willen taten; dass sie ihn in seinem Alleinsein bestärkten und ihm halfen, sich abzuscheiden von ihnen für immer. Und nun schlugen sie um und wandten das Letzte an, das Äußerste, den anderen Widerstand: den Ruhm. Und bei diesem Lärmen blickte fast jeder auf und wurde zerstreut.

Der Ruhm, sichtbar zu sein in der Rede und in den Gedanken der anderen, ist das Ende des Dichters und jeder Existenz, die sich notwendigerweise dem Allgemeinen entzieht. Der Effekt ist eine Zerstreuung der Konzentration seines Seins und dessen, was er denen zu sagen hat, die ihn unbarmherzig dem Gewäsch der Welt einverleiben. Sie zwingen den Dichter aus der Realität in die Fiktion.

von Anonymous

Hans als Asperger

Der Autist kennt sich selbst am besten.

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Hans Asperger war bereits zur Schulzeit dadurch aufgefallen, dass er eine ausgeprägte Vorliebe für Zitate hatte; oft zitierte er sich auch später selbst und sprach von sich in der dritten Person. Er wird von den Zeitgenossen als Einzelgänger beschrieben, als unnahbar, schweigsam, distanziert, aber auch als interessiert an Gesellschaft. Was Asperger schließlich klinisch beschreibt, ist stark durch seine eigene Person geprägt. Die Wissenschaft bringt Ordnung in die Fülle der Erscheinungen der Welt, wie er sie wahrnimmt:

Ordnung und Erkenntnis des Aufbaues der Dinge ist eines der letzten Ziele der Wissenschaft. In der Fülle der Erscheinungen des Lebens, die voller Gegensätze sind, die mit verschwimmenden Grenzen in einander übergehen, sucht der denkende Mensch dadurch einen festen Standpunkt zu finden, daß er den einzelnen Erscheinungen einen Namen gibt, sie abgrenzt gegen die anderen Erscheinungen, Zusammenhänge, Ähnlichkeiten und Gegensätze feststellt, kurz, die Dinge in eine Ordnung, in ein System bringt. Diese Arbeit ist eine wesentliche Voraussetzung des Erkennens. (Asperger, Die Autistischen Psychopathen im Kindesalter)

Hinter der Prägung des Begriffes steht ein autistisches Verlangen nach Klarheit und Ordnung, nach einem Standpunkt, von dem aus die Welt zu erfassen und zu erkennen ist. Asperger will sich selbst einen Namen, den eigenen, geben, auch wenn er weiß: »Jeder Mensch ist ein einmaliges, unwiederholbares, unteilbares Wesen (›In-dividuum‹), darum auch letztlich unvergleichbar mit anderen.« Unvergleichbar ja, und doch fordert die Taxonomie ihr Recht.

Asperger will den Dingen bis auf den Grund nachgehen und weiß zugleich, dass die Erkenntnis immer unzureichend bleiben wird: »Endlich ist der Mensch das rätselhafteste Geschöpf auf Erden; das innerste Wesen einer Persönlichkeit wird weder dem offenbar, der sich selbst zu erkennen sucht, noch auch dem Blick des Gegenübertretenden, der in einen andern eindringen will.«

Der Blick in die Augen des anderen; die Spiegelung. Asperger erkennt sich in der eigenen Diagnose. Die ewige Suche nach einer Ordnung für die »Vielfalt des Lebens«, nach einer »Typologie« der menschlichen Charaktere hat begonnen. Die Eindimensionalität vorheriger Kategorisierung wie bei Ernst Kretschmer oder Kurt Schneider lehnt er ab: Die »Mehr- oder Vieldimensionalität« soll jetzt jeder systematischen Beschreibung zugrunde liegen. Er liest den Menschen als Text, als Gewebe und lebendigen Organismus:

jeder seiner Wesenszüge ist auf den anderen bezogen, erhält von allen anderen seine bestimmte Färbung, und wirft selbst auf alle anderen ein bestimmtes Licht. Nicht die Gewichte einer Waage, die mit ihren verschiedenen Quantitäten eine bestimmte Endsumme, eine bestimmte »Resultante« ergeben, können als Gleichnis einer Persönlichkeit dienen, sondern ein Gewirk aus vielen lebendigen Fäden, deren jeder den anderen hält und bindet. Die einzelnen seelischen Seiten sind darum keine Konstanten, die, in sich immer gleich, nur in der Quantität verschieden, in Rechnung gesetzt werden können, sondern weisen selber zahlreiche qualitative Verschiedenheiten auf und sind daher nur mit Vorbehalt miteinander vergleichbar.

Asperger will von der Intuition ausgehen und versuchen, so die »Züge aufzuzeigen, von denen aus die zu beurteilende Persönlichkeit durchorganisiert ist«. Während der Nicht-Autist in ununterbrochenen Wechselbeziehungen mit der Umwelt lebt, ständig auf sie reagierend, sind bei dem Autistischen diese Beziehungen in spezifischer Weise limitiert. Der Autistische ist primär »er selbst«. Es ist die Differenz zu den ›normalen‹ Kindern, die in Aspergers Untersuchungen leitend wird.

Asperger untersucht, was seine Patienten von nicht-autistischen Kindern unterscheidet. Seine Beobachtungen beschreiben den Widerspruch zwischen äußerem Eindruck und Innenleben. So sieht er, dass ein Junge oft, »wenn man es gar nicht erwartete, durch Bemerkungen überraschte, die eine ausgezeichnete Erfassung der Situation, eine gute Beurteilung von Menschen verrieten«. Dabei nimmt der Junge die meiste Zeit wenig Anteil an seiner Umwelt, bringt sich aber z. B. selbst auf spielerischem Wege das Rechnen bei.

Was die Kinder, so bemerkt Asperger mit Staunen, lernen, das lernen sie über den Intellekt: »nichts geht […] natürlich, alles nur intellektuell.« Was andere Kinder unbewusst erwerben, kommt den Autisten ins Bewusstsein und wird reflektiert. Das hat auch Folgen für die Art und Weise, wie die Kinder auf die Eingriffe der Pädagogik in ihr Lernen reagieren:

Diese Kinder können vor allem spontan produzieren, können nur originell sein, können aber nur in herabgesetztem Maße lernen, nur schwer mechanisiert werden, sind gar nicht darauf eingestellt, Kenntnisse von den Erwachsenen, etwa vom Lehrer, zu übernehmen. Die besonderen Fähigkeiten und die besonderen Schwierigkeiten dieser Menschen liegen darin begründet – wie denn überhaupt bei jedem Menschen seine Vorzüge und seine Fehler untrennbar zusammenhängen.

Diese Selbstständigkeit als das, was immer gefordert wird, zeigt sich gleichwohl als Problem. Denn eigensinnig sind die Kinder auch darin, was sie lernen wollen. Sie wollen ihre Konzentration nicht unbedingt darauf richten, worauf die Schule sie gerne richten würde: »Sie gehen ihren eigenen Problemen nach, die meist vom Gewöhnlichen so sehr fern liegen, lassen sich ihre Kreise nicht stören, lassen sich meist von anderen gar nicht hineinsehen.«

Die Kinder entwickeln eigene Problemstellungen, sie formulieren sie in ihrer eigenen Sprache. Die im Hintergrund stehende »Originalität des Erlebens« ist ständig innovativ und geht dabei über den Horizont der Altersgenossen weit hinaus: »Diese Gesichtspunkte sind oft von einer ganz erstaunliche Reife, die Probleme, die sie sich stellen, reichen weit über das hinaus, was anderen Kindern gleichen Alters Inhalt des Denkens ist.«

Das greift auch auf den Bereich der Kunst aus. Viele autistischen Kinder haben »ein ganz differenziertes Stilgefühl«, können Kunst und Kitsch treffsicher unterscheiden. Und Asperger sieht ihr Verständnis sogar dem der meisten Erwachsenen überlegen: »sie wissen auch um den Sinn selbst sehr ›schwerer‹ Kunstwerke, mit denen viele Erwachsene nichts anfangen können«.

Obwohl die Kinder sich meist ganz nach Innen zu kehren scheinen, beobachten und analysieren sie ihre Umwelt genau. Sie entwickeln – paradox genug – eine rationale Intuition im Umgang mit Menschen und sozialen Situationen. Gerne in Kontakt treten sie aber nur mit denjenigen, die in ihren unbestechlichen Augen bestehen:

Diese Kinder haben, so erstaunlich das erscheint, ein besonders gutes Gefühl für die Persönlichkeit des Erziehers. So schwierig sie auch selbst unter den günstigsten erzieherischen Bedingungen sind – richtig leiten und auch unterrichten lassen sie sich nur von solchen Menschen, die sie nicht nur verstehen, sondern ihnen auch wirklich gewogen sind, eine Güte und – einen Humor für sie haben.

Sie nehmen psychische Auffälligkeiten an anderen Menschen wahr, die von anderen übersehen werden. Asperger bemerkt, dass sie »ein besonders feines Gefühl für die Abnormität anderer Kinder« haben. Diese präzise Fremdbeobachtung geht freilich mit einer intensiven Selbstbeobachtung einher. Die Kinder »stehen sich selber beobachtend gegenüber, sind sich selbst zum Problem«.

Diese höhere Reflexivität ist als »verstärkte persönliche Distanz« die Grundlage für die gesteigerte begriffliche Erfassung der Umwelt. Voraussetzung auch für die besonderen beruflichen Leistungen in den Bereich, wo eine »gute Abstraktionsfähigkeit« nötig ist, etwa in den Wissenschaften, wo diese Gabe besonders gefragt ist. Etwa in der Wissenschaft von der Psyche des Menschen, die mit dem Staunen über sich selbst und die anderen beginnt; ein Staunen, dass Asperger, dem Vater des Asperger-Autismus, in die Wiege gelegt war.

von Maria Holm

Mutatis mutandis

Die Differenz des Monsters verweist auf die Monstrosität des aufs Normale Zugerichteten.

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Die Film-Vampire der Gegenwart sind durch geregelte Differenzen auf ihr Gegenbild, das bürgerliche Dasein, aufs Genaueste bezogen. Sie ertragen das Licht nicht, altern nicht, sind anders verwundbar, leben die Phantasien der anderen (Drogen und Sex), sie haben manipulative Macht über die anderen. Damit erfüllen sie als Abwehr eines eigenen Begehrens – wie auch die Feen und die anderen Halbwesen – alle Kriterien einer sozialen Exklusion und Dämonisierung, die einer Integration in die Gesellschaft entgegensteht.

In der Serie True Blood verheißt das gleichnamige Getränk, synthetisch hergestelltes Blut, eine sozialverträgliche Lösung der Ernährungsfrage der Vampire. Dass nicht alle das Angebot der Inklusion dankend annehmen und ihrer Natur entsagen, sondern in der Differenz zum Gesellschaftlichen verharren, rechtfertigt schließlich ihre Verfolgung. Die Dialektik des gesellschaftlichen Spiels führt zwar zu neuen Konstellationen, nicht aber zu einer Versöhnung der Antagonisten.

Jede noch so abstruse und lächerlich-tragische Differenz aber, die in der Kleinstadt Bon Temps im Verlauf der Serie aufgebaut worden war, findet sich am Ende (Thank You) im Happy End eingeebnet. Die Fee Sookie flüchtet gemeinsam mit den anderen Überlebenden der Differenz ins kleinbürgerliche Eheglück, vor dem Phantasma in die Realität; der Vampir, das Phantasma, hatte sich zuvor, um ihr das Glück zu ermöglichen, selbst ausgelöscht. Der mächtige Vampir Eric wird gemeinsam mit seiner Gespielin Pam Protagonist in der Werbung für ein neues Vampirprodukt.

Jede Abweichung erhält umgehend ihr Gegengift. Der Kampf zwischen Integration und Desintegration ist ein ungleicher. Gilt das nicht auch für die Frage nach den guten und den schlechten X-Men und der Frage nach ihrer Auslöschung durch ein Heilmittel gegen die Mutation? Neben den Walking Dead (die Angst vor dem eigenen Untotsein, während man sich gegenseitig auffrisst) sind es solche Abweichungen magischer oder genetischer Art, die von einer Sehnsucht nach Differenz zeugen, die zugleich Furcht ist.

Was aber, wenn man durch gerichtete Evolution, durch Eingriffe ins menschliche Genom genetische Abweichungen abschaffen oder hervorbringen könnte? Manipulation des bloßen Lebens, um ein gutes Leben zu erreichen? Was aber ist gut, was ist böse: Was ist Mensch, was Unmensch – was Übermensch? Gary Westfahl hat den Autismus als neuen Schritt in der menschlichen Evolution proklamiert: den »homo aspergerus«, der abseits vom Mainstream (genetisch) prädestiniert sei, Neues und Entscheidendes zu erschaffen.

Die Phantasien der Sciene Fiction gehen so weit, das eigene neurologische System sich freiwillig in der jeweils passenden Art manipulieren zu lassen. Der Vorteil der Dominanz von Analytik gegenüber dem Gefühl: Hirngespinst all jener, die vom Leben überfordert sind und sich vor dem Menschlichen flüchten wollen. Dystopie einer reibungslos funktionierenden Maschine: Zu ihr gibt der real existierende Autismus gerade kein Vorbild ab. Dietmar Dath weist diese Tyrannei der Biologie gegenüber dem Sozialen am 13. März 2006 in der FAZ zurück. Vielleicht führt die Entwicklung der Menschheit ja auch »zur Solidarität, das heißt zu einer Welt, in der die Angst nicht deshalb verschwindet, weil ihre biologische Grundlage entfällt, sondern weil wir ihre soziale abgeschafft haben«.

Not tut auf diesem Weg eine sprachliche Evolution. Hier, nicht zum Übermenschen, kommt Nietzsche ins Spiel. Die Bedeutung von Autismus selbst ist unsicher, wenn folgendes gilt: »Jedes Wort wird sofort dadurch Begriff, daß es eben nicht für das einmalige ganz und gar individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als Erinnerung dienen soll, sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, daß heißt streng genommen niemals gleiche, also auf lauter ungleiche Fälle passen muß.« (Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne).

Im Begriff selbst liegt Differenz: »Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nichtgleichen.« Die Wahrheit ist ein Kampf, ein menschlicher Kampf um die Bezeichnungen, welche die Welt regieren: »Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken«. Auf diesem Feld werden die entscheidenden Differenzen der Menschheit ausgetragen.

von Friedrich Kleinert