Mein Autismus, dein Autismus.

Warum Neurodiversität unabdingbar ist und vor allem unter Autisten gelebt werden sollte.

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Als ich mich vor einigen Jahren dafür entschied, meinen sich verhärtenden Verdacht abklären zu lassen, ob ich denn wirklich Autistin bin (oder auch nicht), meldete ich mich in einem gängigen Online-Forum für Autisten an. Für mich war es der erste Schritt meines Comingouts, zunächst noch mir selbst gegenüber, da ich die Jahre davor oft verdrängt und auch geleugnet hatte, dass ich autistisch sein könnte. Meine innere Stimmung war feierlich und silbergrau, ich sah mich bildlich das Forum betreten und rufen: „Hallo, hier bin ich, eine von euch!“ Und hoffte, dort mit offenen Armen von Weggefährten, Gleichartigen und Leidesgenossen empfangen zu werden. Dem war nicht so.

Was ich dort in der Community fand, waren lauter Einzelgänger (nicht, dass mich das bei Autisten verwundert hätte), ein paar Platzhirsche und chronisch anwesende Leer-Inhalt-Poster und hier und da Moderatoren. Vor allem aber wunderte mich diese Wer-ist-der-autistischste-Autist-Einstellung: Wer hat die meisten Diagnosen? Oder auch beliebt: Wieviel Grad der Schwerbehinderung hast du? Statt dass alle zusammenhalten und sich als recht große Minderheit präsentieren, wird dem einen oder anderen sogar die Diagnose abgesprochen, weil er Dinge in seinem Leben erreicht hat, die angeblich nicht autismuskonform sind.

Nun habe ich seither viele Bücher von Autisten gelesen und noch viel mehr Autisten getroffen. Sie alle sind unterschiedlich, weil sie Individuen sind. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist ihre Diagnose, meist Asperger-Autismus, wie ich sie auch habe.
Ich muss zugeben, dass ich anfangs versucht war, mich in Gegenwart von anderen Autisten oft sehr autistisch zu geben, weil ich Angst hatte, nicht als Gleiche unter Gleichen wahrgenommen zu werden. Vermutlich aufgrund der ersten Erfahrungen im Forum. Da sich das aber unnatürlich anfühlte und mir Kraft raubte, da das auch nur eine Form der Kompensation darstellt, ließ ich es bleiben und wurde belohnt mit tiefen Einblicken in die Seelen der Anderen. Ich lernte unsere Unterschiede kennen und schätzen und weiß jetzt, dass nicht alle Autisten gleich sind, nicht einmal ähnlich. Mit vielen komme ich gut zurecht, mit anderen gar nicht.

Betrachten wir meine Erfahrungen unter dem Gesichtspunkt der Neurodiversität, wird schnell klar, wo der oft gemachte Denkfehler versteckt ist. Es geht hier nicht um Autisten, Nicht-Autisten oder Möchtegern-Autisten, sondern um Menschen. Die zunehmende Pathologisierung in unserer Gesellschaft sorgt dafür, dass wir uns vermehrt über unsere Diagnosen wahrnehmen. Und aber auch, die Diagnose als Pathologie. Also: „der Autismus“ in mir, oder jemand „mit Autismus“. Vielmehr sollten wir uns als Menschen wahrnehmen, die in ihrer unendlichen Vielfalt hier und da ähnliche Wesenszüge aufweisen, besondere Denk- und Wahrnehmungsformen mitbringen. Jeder Mensch hat seine persönlichen Stärken und Schwächen.

Es ist also nicht „der Autismus“ in mir, der verhindert, dass ich nicht in vollen Restaurants sitzen und die Zeit dort genießen kann, sondern die Erwartungshaltung ist falsch. Unsere westliche Lebensform gibt vor, dass wir das nicht nur tun, sondern auch mögen müssen. Das macht man halt so. Und wer anders ist, mit dem stimmt was nicht. Bestenfalls wird so etwas als Macke abgetan, sollten diese sich aber häufen, ist die gesellschaftliche Exklusion schon garantiert. Wer Geschick und Charisma mitbringt, kann sich als Exzentriker durchschlagen. Das klappt in Britannien allerdings besser als hierzulande.

Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde. (Margaret Mead)

Was also tun? Zunächst sollten wir Autisten uns untereinander darauf einigen, dass jeder von uns auf seine Art und Weise autistisch sein darf. Wie wollen wir denn Toleranz und Akzeptanz von den Neurotypischen einfordern, wenn wir diese nicht vorleben? Wir sollten Autismus nicht als eine Diagnose verstehen, sondern als eine Kultur. Eine Lebensform, die abseits des Mainstreams stattfindet und gesund ist, weil sie nicht krank macht. Wenn wir es schaffen, den Menschen „ohne Autismus“ das zu vermitteln, dann werden sie auch aufhören, uns als krank und behindert wahrzunehmen, sondern bestenfalls als gesunde Menschen mit anderen Präferenzen und Wahrnehmungen.

Natürlich ist das keine Lösung für all unsere Probleme, aber für viele. Und es wird lange dauern, bis sich ein neues Denken in der Gesellschaft durchsetzt, daher ist es umso wichtiger, dass wir mit gutem Beispiel voranschreiten. Neurodiversität betrifft natürlich nicht nur uns Autisten, sondern auch die ADHSler, und ADSler, die Hochsensiblen, die Hochbegabten und viele mehr. Wenn sich also jemand zur autistischen Kultur bekennt, dann sollten wir ihn im Sinne der Diversität willkommen heißen, egal wie autistisch er ist, ob er eine Diagnose hat oder wie hoch sein GdB ist, denn auch für uns gilt: Zusammen sind wir stark. Und wir brauchen Stärke und Zusammenhalt, um die Gesellschaft zu verändern.

(Vorliegender Text ist genderneutral und schließt alle Menschen ein, ohne über ihr Geschlecht zu urteilen oder zu bestimmen.)

von Elja von Rabenstein

https://eljasbriefe.home.blog

Bild: unsplash, levi saunders

Nachtrag zu: „Mutismus und motorische Dyspraxie“. Eine Denkbewegung.

Wo die Hand nicht sicher greift, geht auch die Handlung fehl.

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Martin Heidegger schreibt in Was heißt Denken? über die menschliche Hand: „Mit der Hand hat es eine eigene Bewandtnis. Die Hand gehört nach der gewöhnlichen Vorstellung zum Organismus unseres Leibes. Allein das Wesen der Hand läßt sich nie als ein leibliches Greiforgan bestimmen oder von diesem her erklären. Greiforgane besitzt z.B. der Affe, aber er hat keine Hand. Die Hand ist von allen Greiforganen: Tatzen, Krallen, Fängen, unendlich, d.h. durch einen Abgrund des Wesens verschieden. Nur ein Wesen, das spricht, d.h. denkt, kann die Hand haben und in der Handhabung Werke der Hand vollbringen.“ Die Handhabung der Hand macht den Menschen aus.

Die Hand ist das Instrument, die Welt zu begreifen. Sie ist die Brücke zu Welt hin, um Handlung möglich zu machen. Was aber bedeutet es für den Autisten, wenn gerade diese Verbindung unsicher ist? Florian Peter Riegg hat das Phänomen in seiner Dissertation an der Philipps-Universität Marburg „Bewegungskontrolle der Handmotorik bei Patienten mit Asperger Autismus“ untersucht. Er erforscht die motorischen Funktionen von Asperger-Patienten auf prädiktive Kontrollmechanismen und Bewegungskoordination anhand einer Reihe von Experimenten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Unter anderem kam der Purdue Pegboard Test zum Einsatz: Dabei müssen kleine Metallstifte in untereinander angeordnete, vorgestanzte Löcher schnellstmöglich in einer vorgegebenen Zeit gesteckt werden.

Riegg kommt zu dem Ergebnis: „Über alle Versuche hinweg gemein waren den Ergebnissen der Patienten, dass die Bewegungsgeschwindigkeit verlangsamt war. Am deutlichsten zeigte sich diese Auffälligkeit im Purdue Pegboard Test, in dem die Asperger-Patienten hochsignifikant langsamer waren als die Kontrollprobanden. […] Wir hingegen sehen die Ursache der Verlangsamung eher in einer gestörten neuronalen Verarbeitung im Kleinhirn. […] Zum anderen war es uns möglich, in Versuchen, welche prädiktive Kontrollmechanismen beanspruchen, zu zeigen, dass Patienten mit Asperger-Autismus Defizite in der zeitlichen Koordination von verschiedenen Muskelgruppen einer Extremität aufweisen. Dies offenbarte sich vor allem beim Greifen nach einem Objekt und bei der Kopplung der Griffkraft an die Lastkraft beim Anheben eines Objektes. Wir vermuten, dass die zum Teil verlangsamte Bewegungsausführung darin begründet sein könnte, dass Patienten auf diese Weise das Auftreten von noch stärkeren Defiziten in der zeitlichen Abstimmung von Einzelbewegungskomponenten vermeiden können.“

Was heißt es, sich anders zu bewegen, weil auch die Wahrnehmung anders ist? Die Bewegung passt sich an die neuronale Verarbeitung an, wir bewegen uns in der Welt, wie es unser neuronales Netzwerk erlaubt. Unsere Handlungen sind langsamer. Wir tanzen neben dem Takt. Wir haben Schwierigkeiten, koordinierte Bewegungen auszuführen. Gleichzeitig ist auch unsere Art zu denken anders, unser Denken bewegt sich anders fort. Es ist vielleicht nicht ein „Abgrund des Wesens“, aber sicher eine Kluft, die uns von anderen trennt. Man sieht es unseren Bewegungen an, unseren Gedanken, auch den Dingen, die wir hervorbringen. Wir aber sprechen von dieser Kluft, wir bewegen uns zu auf den anderen, auch die Sprache trägt und handelt.

von Wiebke Schmittner

Manuskripteinreichung

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Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht. Ab und an werden auch Lyrik und literarische Kurzprosa Veröffentlichung finden.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

Lorenz Wagner: Der Junge, der zu viel fühlte. Wie ein weltbekannter Hirnforscher und sein Sohn unser Bild von Autisten für immer verändern (München 2018). Ein Nachtrag zu dem Artikel „Intense World“

Statt über den Makel der Autisten sollte man über den Makel der Gesellschaft reden. Wir sagen, Autisten fehlt Empathie. Nein. Uns fehlt sie. Für die Autisten.

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Als Nachtrag zu „Intense World“ möchte ich das Buch von Lorenz Wagner Der Junge, der zu viel fühlte empfehlen. Der Autor Lorenz hat die Familie Markram eine Weile begleitet: vor allem den Neurowissenschaftler Markram und seinen autistischen Sohn. Markram versucht die Funktionsweise des Gehirns zu verstehen, um auch seinen Sohn besser verstehen zu können. Das Buch beschreibt die Frustrationen im Alltag und die Kluft zwischen Wissenschaft und Familienleben gut recherchiert und einfühlsam.

Auch der Paradigmenwechsel in der Autismusforschung durch Markram wird geschildert: Autisten sind nicht weniger sensibel und empathisch, sondern sind es vielmehr in überdurchschnittlichem Maße. Ausgelöst wird diese Erkenntnis durch die Beschäftigung weg von den hemmenden Zellen im Gehirn hin zu den verstärkenden: „Diese Verstärkerzellen empfanden die Reize doppelt so stark, sie redeten mehr miteinander […] Ein Signal-Feuerwerk, doppelt so schnell, doppelt so weit sichtbar. Wunderzellen. […] Wenn in der Hirnrinde die Eindrücke nur so rasten, so müsste das auf den Mandelkern wirken, Emotionen, Gefühle, Erinnerungen im Übermaß müssten entstehen.“

Das führt zu einem Paradoxon, Innen und Außen stehen im Widerspruch zu einander: „Ihr Gefühlsreichtum lässt Autisten gefühlsarm erscheinen. Vor allem drei Hirnbereiche sind betroffen: Vorderlappen, Neocortex und Mandelkern. Bei den einen steckt der Autismus mehr im Vorderlappen, bei den anderen in der Hirnrinde. Bei manchen feuern die Zellen besonders wild, bei anderen nur ein wenig stärker.“

Im Kapitel „Wie Kai die Welt sah“ wird beschrieben, wie ein autistisches Kind von der Umwelt sensorisch überwältigt wird. Markram empfiehlt daher, ein Umfeld zu schaffen, das eine Überforderung verhindert und so das Gehirn nicht überfordert, sondern angemessen stimuliert: „Plastizität ist die Grundlage allen Lernens. […] Auch das Gehirn des Autisten passt sich an: Es blockt Gefahren, die laute Welt, uns.“ Das Verhalten ist einer Überreizung geschuldet, einem Schutzreflex, der zum Überleben notwendig ist.

von Irene Beck

 

Mutismus und motorische Dyspraxie.

Wir sind ungeschickt, im Sprechen, im Handeln, im Bewegen.

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Autisten haben eine ausgeprägte fluide Intelligenz, die Fähigkeit, Muster oder Gesetzmäßigkeiten im Chaos zu erkennen, logische Schlüsse zu ziehen und Beziehungen zwischen Sachverhalten zu erfassen. Dabei ist aber die kristalline Intelligenz eingeschränkt, die Fähigkeit, erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten praktisch umzusetzen. Das betrifft zum Beispiel den Versuch, theoretisch erworbene Bewegungsabläufe motorisch zu vollziehen. Wir sind immer irgendwie dyspraktisch, ungelenk und ungeschickt. Wir fallen im Sport über die eigenen Füße.

Diese Dyspraxie führt auch zum selektiven Mutismus, zum Verstummen oder der Beeinträchtigung der sprachlichen Kommunikation in bestimmten Situationen. Wir schweigen in Gruppen, im Klassenzimmer, gegenüber verwirrenden Personen. Unsere Amygdala feuert, wir sind gelähmt. Die motorischen Funktionen, auch das Sprechen, sind blockiert. Wir können dann nicht spontan unsere Gedanken äußeren, wir können nicht denken, nicht sprechen. Unsere Epochalnoten sind unterirdisch. – Na gut, dann balanciere ich halt auf dem Brett vorm Kopf.

Von Anonymous

Dünnhäuter. Hochsensibilität und Autismus

Hochsensibilität bezeichnet eine im Vergleich zur Mehrheit der Menschen deutlich höhere Empfindlichkeit gegenüber äußeren und inneren Reizen aufgrund eines veranlagungsbedingt besonders leicht erregbaren Nervensystems. Das bringt eine subtilere, umfangreichere, nuancenreichere und intensivere Wahrnehmung mit sich; ebenso eine ausgeprägte Feinfühligkeit, eine höhere emotionale Reaktivität und eine gründlichere und komplexere Informationsverarbeitung. Damit einher gehen ein früheres Erreichen eines Zustands der Überstimulation und ein längeres Nachklingen des Erlebten. Hochsensibilität ist ein fest verankertes, unabänderliches Persönlichkeitsmerkmal, das bei 15 bis 20 Prozent der Menschen, Männern wie Frauen, auftritt. (Ulrike Hensel)

 

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Der Vorwurf, man solle doch nicht dauernd überreagieren, nicht so empfindlich sein, sich nicht so anstellen oder sich nicht wieder in etwas hineinsteigern, begleitet jeden Hochsensiblen. Er ist wie der Autist ein Wesen vom anderen Stern; er reagiert auf äußere Reize wie Lärm, Geruch, optische Reize viel stärker als die meisten anderen Menschen. Ebenso ist er ungleich empfänglicher für die eigenen emotionalen Reize und die der anderen. Zu dieser höheren Empfänglichkeit gesellen sich Probleme mit der Emotionsregulierung und Erschöpfung beim overload. Hochsensibler wie Autist brauchen Rückzug, um leerzulaufen und wieder auf ein erträgliches Erregungsniveau zu kommen.

Hochsensibilität ist eine spezielle Variante in der Ausprägung des Nervensystems wie auch Autismus eine besondere Form desselben darstellt. Elaine Arons The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You von 1996 hat das Phänomen erstmals in dieser Terminologie ausführlich beschrieben. Vier Indikatoren für Hochsensibilität benennt sie: Gründliche Informationsverarbeitung, Übererregbarkeit, emotionale Intensität oder Reaktivität und sensorische Empfindlichkeit. Die Wahrnehmungsfilter sind weniger ausgeprägt, was zu Problemen führt, die die meisten anderen nicht kennen. Diese Hochreaktivität ist neuronal nachweisbar. Es fällt dem Hochsensiblen schwer, die richtige Balance zwischen Über- und Unterforderung zu finden, zwischen Erholungspausen und konzentrierter Tätigkeit, zwischen Gemeinschaft und Fürsichsein.

Man kann sich nicht ein dickes Fell zulegen, man bleibt nackt. Erst, wenn man anerkennt, dass man anders ist, kann man sich in seiner Haut zurechtfinden; erst, wenn man aufhört, Erwartungen erfüllen zu wollen, die zwar den meisten anderen völlig normal erscheinen, die für einen selbst aber nichts als eine Zumutung bedeuten. Nur so lässt sich eine Überstimulation vermeiden, die zu emotionalen Ausbrüchen und Erschöpfung führt. Der eigene Wohlfühlbereich ist eng: Schnell ist irgendein Aspekt der Umwelt zuviel und wirkt belastend; die Welt ist immer ein wenig zuviel, und ohne individuelle Überlebensstrategien geht der Hochsensible unter.

Die Hochsensibilität ist durch Argumente und Ermunterung nicht aus der Welt zu schaffen. Ihre Erlebniswelt unterscheidet sich von derjenigen der meisten Menschen. Diese durchschnittliche Erlebniswelt wiederum bleibt dem Hochsensiblen ein Rätsel. Die Nicht-Hochsensiblen sind anders; die Reize dringen zu ihnen gar nicht in dieser Intensität durch; sie sind Dickhäuter, die viel weniger angeht, viel weniger aufwühlt, viel weniger belästigt; sie denken viel weniger über sich und die Welt nach. In diesem Sinne haben sie eine sensorische und kognitive Schwäche. Dass sie allgemein als die Starken erscheinen, ist dem Umstand geschuldet, dass sie im Alltag einfach reibungsloser funktionieren. Die Herde zieht weiter.

von Anonymous

Dunkles Glas – Autismus und Depression.

Das Glück verläuft im Bogen.

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Es ist die Leere, die einen verzweifeln lässt, das dunkle Glas, das einen umgibt und alles abschattet, dem man sich nähert. Wenn mein Gehirn nicht auf eine Aufgabe gerichtet ist, schottet es ab, läuft es leer, wird alles dumpf und öde. Ich bin dann gar nicht richtig da. Und weil das so ist, schwinge ich auch nicht mit anderen mit, was mich weiter isoliert. Selbst wenn von außen betrachtet alles stimmt in meinem Leben, es bleibt eine Qual, weil es gefühlt von mir meilenweit entfernt stattfindet. Ich bin von Angst gelähmt. – Das also sind meine Nachtgedanken.

Und meine Gedanken am Morgen sind folgende: Ich möchte etwas tun, ich möchte etwas erschaffen, etwas entdecken, gemeinsam mit anderen. Ich finde meine Wege, ich überspiele meine Schwierigkeiten, ich richte mich in meiner Nische ein. Im Flow fühle ich mich geborgen, alle Mühsal verschwindet. Ich spüre, welche Kraft ich habe, wie ich mich weniger sorge als die anderen, wie ich in manchen Dingen freier bin. Es ist fast wie Schweben und ein wenig schmerzhaft. – Ja, Glas umgibt mich, aber dieses Glas ist hell vom Licht.

von Anonymous

Notiz zu Greta Thunberg

Kognitive Dissonanz und Wandel schließen sich aus.

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Kognitive Dissonanz ist eine unangenehme Erfahrung; sie will umgehend zur Konsonanz reduziert werden, indem Situationen, welche die Dissonanz erhöhen, gemieden werden. Die Erfahrung von Dissonanz kommt aus einer logischen Inkonsistenz, z.B. zwischen verschiedenen kulturellen Regeln oder aus dem Widerspruch zwischen Einsicht und Handeln. Die Überzeugung gleicht sich an die Handlung an, um rechtfertigend Praxis und Selbstbild in Einklang zu bringen. Diese Selbsttäuschung bringt Erleichterung im psychischen System und will aufrechterhalten werden: „Der Rechthaber entwickelt, um nur ja die narzißtische Schädigung von sich fern zu halten, die ihm durch die Preisgabe der Meinung widerfährt, einen Scharfsinn, der oft weit seine intellektuellen Verhältnisse übersteigt.“ (Adorno, Meinung Wahn Gesellschaft).

Wo aber der Narzissmus grassiert, ist der Wandel noch weit. Wo eine Einsicht ausgesprochen wird, die unbequem ist, trifft sie auf taube Ohren: „Ihr sprecht nur von grünem, ewigen Wirtschaftswachstum, weil ihr zu viel Angst habt, euch unbeliebt zu machen. Ihr sprecht nur darüber, mit den immer gleichen schlechten Ideen weiterzumachen, die uns in diese Krise geführt haben. Und das, obwohl die einzige vernünftige Entscheidung wäre, die Notbremse zu ziehen“, moniert Greta Thunberg: „Ihr seid nicht einmal erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen.“ Es sei so, „dass die Leute zwar immer das eine sagen, aber das Gegenteil davon machen.“ Die Wahrheit ist, sie ist unbequem: „Einige Leute sagen, dass ich studieren sollte, um Klimawissenschaftlerin zu werden, damit ich die Klimakrise ‚lösen kann‘. Aber die Klimakrise ist bereits gelöst. Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen. Alles, was wir tun müssen, ist aufzuwachen und uns zu verändern.“

Als Autist ist es schwierig, Einsichten zu verdrängen, ist es schwierig, gegen die Logik zu handeln: „Ich denke, wenn ich kein Asperger hätte, wäre das hier nicht möglich gewesen. Ich hätte einfach weiter so gelebt und gedacht, wie jeder andere auch. Ich sehe die Welt aus einer anderen Perspektive – Schwarz und Weiß“, sagt Thunberg. Sie sei „realistischer“ als anderer; sie folge konsequenter der Logik, welche die Fakten hervorruft: „Und mein Gewissen lässt nicht zu, nicht zu handeln. Ich muss etwas tun – ansonsten kann ich nachts nicht schlafen.“ Doch vielen scheint es ganz im Gegenteil den Schlaf zu rauben, wenn die eigene kognitive Dissonanz in Frage gestellt wird, und das auch noch von einem streikenden Kind.

Aber es ist für die Kinder zunehmend sinnlos, in der Schule für eine Zukunft zu lernen, wenn diese Zukunft selbst in Frage steht. Die Schule hat die Aufgabe, tradiertes Wissen weiterzugeben; dieses Wissen aber hat in eine Sackgasse geführt. Die Katastrophe ist bereits da, die Geschichte findet jetzt statt, nicht im Unterricht. Daher muss das „unsichtbare Mädchen […], das in der Schule ganz hinten gesessen hat“, sichtbar werden. Nur ein Bruch mit dem Status quo kann die Dynamiken freisetzen, die notwendig für einen Wandel sind: „Wir Kinder tun oft nicht das, was ihr Erwachsenen von uns verlangt. Aber wir ahmen euch nach. Und weil ihr Erwachsenen euch nicht für meine Zukunft interessiert, werde ich eure Regeln nicht beachten“, so Thunberg. Die Schüler streiken schon. Wann folgen die Lehrer? – „Geratet in Panik.“

von Anonymous

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Manuskripteinreichung

Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

Begriffliche Schwäche, individueller Ausdruck

Wir sind anders gleich.

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Um die Charakteristika von Autismus zu beschreiben, werden in der Forschung häufig Begriffe gebracht wie Neuronale Hyperkonnektivität, -reaktivität oder -funktionalität, Hyperreaktive Amygdala, Neuronale Hypo- oder Hypersynchronisationsdefizite, Exekutive Dysfunktionen, Hyper- und Hyposensibilität, Filter- und Kohärenzschwäche. Der Autismus, so scheint es, ist in einem Zuviel und einem Zuwenig zugleich angesiedelt. Mal sind die neuronalen Prozesse zu rasch, mal zu langsam, mal sind sie zu sehr miteinander, dann wieder zu wenig miteinander vermittelt. Gemessen an dem impliziten Standard, der diesen Begriffen innewohnt, weichen die neuronalen Prozesse des Autismus ab von der Funktionsweise, die als neurotypische Ausprägung beschrieben wird.

Die Anerkennung der Mannigfaltigkeit von Gehirnen, Denk- und Verhaltensweisen, von atypischer neuronaler Konnektivität, wird seit längerem gefordert. Autismus ist eine Form menschlichen Seins, eine neurologische Variation unter vielen. Das Anderssein soll gleichwertig sein gegenüber dem Normalsein, seiner Existenz die gleiche Würde zukommen. Eher befremdliche Schwächen werden mit erstaunlichen Stärken aufgewogen: Wahrnehmungsbegabung fürs Detail, für Muster und die Differenz, ausgeprägte Sensibilität, Konzentration, Ausdauer etc. – Und tatsächlich, wer sagt, dass das Detail nicht wichtiger ist als das Ganze, kann das Detail doch das Ganze in Frage stellen? Wer kann bestimmen, wie viel der neurologische Filter wirklich abschirmen sollte? Wer legt fest, wie viel ich fühlen soll?

Mir scheint, wir Autisten haben leicht verschobene Maßstäbe, aber die gleichen elementaren Bedürfnisse wie wohl die meisten anderen. Jeder will ein gutes Leben. Ein gutes Leben geht weit über das Funktionieren in Schule und Beruf hinaus. Ein gutes Leben ist Sicherheit und Freiheit, ist Ich und Du. Politik und Gesellschaft haben die Aufgabe, den Rahmen für ein gutes Leben zu bilden, jeder für sich, ihn auszufüllen. Das Gefühl, das Leben in den eigenen Händen zu haben, wenig Stress, verlässliche Strukturen, Arbeit, Ruhe, Geborgenheit, Anregung, Anerkennung: All das für sich auszubalancieren, ist für jeden Menschen eine lebenslange Herausforderung. Je nach neurologischer Ausprägung kämpft hier jeder seinen einzigartigen Kampf, mit seinen persönlichen befremdlichen Schwächen und erstaunlichen Stärken.

Und ich – ja auch ich leide. Es ist kein Glück, geboren zu sein. Mein neurologisches System befindet sich meistens im Überlebensmodus. Sich abzuschirmen ist ebenso wichtig, wie sich zu öffnen: dem Kleinen und dem Großen. Vielen Dinge gehen wie im Schlaf und von Zauberhand, andere sind unendlich zäh und mühsam. Ich habe einige Jahre in Oxford geforscht und gelehrt, und die größte Herausforderung war der smalltalk auf dem Flur. Ich habe eine ärgerliche Angst vor Menschen und zugleich genieße ich ihre Gegenwart und die Gespräche. Manchmal kann ich kaum einen Fuß vor den anderen setzen, und dann wieder fliegt mir alles zu. Ich habe Familie, Freunde und Partner und fühle mich doch oft verloren. Froh bin ich, dass ich viele Probleme, die andere haben, nicht kenne, und kenne mich doch bei meinen eigenen Problemen kaum aus. Überforderung und Langeweile, Erschöpfung und grenzenlose Energie pendeln so hin und her. – Geboren zu sein, ist kein Unglück, es hätte schlimmer kommen können.

von Anonymous

Edith Sheffers Buch »Aspergers Kinder«

Entweder, oder.

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Edith Sheffers »Aspergers Kinder« zeichnet nach, wie der historische Kontext Hans Aspergers Beschreibung des Autismus wesentlich geprägt hat. Das nationalsozialistische Regime kannte als Optionen zur Umgestaltung des Menschen in seinem Sinne die Optionen Behandlung oder Beseitigung. Wer nicht – oder nur unter als unverhältnismäßig angesehenem Aufwand – korrigiert werden konnte, wurde im Zuge der Euthanasie-Politik ermordet. Die Definition, wer für die Nazis noch zu retten war und wer sterben musste, war dabei stets im Fluss und passte sich opportunistisch den jeweiligen Erfordernissen der Ideologie an. Das gilt auch für Aspergers Beschreibung des Autismus, deren Dynamik dem Buch folgend hier wiedergegeben wird.

Für Asperger gab es Autisten, die sozial integrierbar waren und solche, bei denen das nicht möglich war. Die »Reinigung« der »Volksgemeinschaft« traf dann auch etwa 200.000 unerwünschte, geistig oder körperlich auffällige Menschen. Wer nicht in die soziale Gemeinschaft im Sinne der Nationalsozialisten integriert werden konnte, sollte vernichtet werden. In den dreißiger Jahren beobachtete man in der Wiener Heilpädagogischen Abteilung Kinder, die sich nicht in die Gruppe einfügten, deren »Aufmerksamkeit und Empfindungen« oft »anderswo« zu sein schienen, die als »Fremdkörper und störend« auffielen. Ihre besondere Begabung wurde teilweise erkannt und als positiv für den weiteren Werdegang begriffen, bis bald deren Nützlichkeit nur noch am gesellschaftlichen Wert im faschistischen Kollektiv bemessen wurde. Asperger schrieb im Jahr 1944, dass es neben solchen nützlichen Eigenschaften auch Patienten gäbe mit »automatenhaften Gewohnheiten, mit als Leistung unbrauchbaren, schrullenhaften Interessen«.

Schon 1938, nach dem »Anschluss« Österreichs, änderte sich sein Ton entscheidend: »Das Ganze ist mehr als der Teil, das Volk wichtiger als der einzelne«. Autismus definiert er zugleich als »Störung der Anpassung an die Umwelt«, als »Störung der Instinktfunktionen«, »Störung der Beziehungen zu anderen Menschen« und »Störung des Verständnisses für die Situation«. Es sei eine Tatsache, »dass diese Menschen niemand so richtig gern haben«, und »auch die Gemeinschaft lehnt sie ab«. Er verweist auf ihre »gemütlichen Bosheiten« und den »Mangel an Respekt vor der Autorität«. Seine Beschreibungen sind aber durchgehend ambivalent, da er auch die besonderen Begabungen bemerkte: »da die Befunde so sehr widerspruchsvoll sind, dass verschiedene Beurteiler von ihrem Standpunkt zu ganz entgegengesetzten Urteilen kommen; man kann solche Menschen mit guten Gründen sowohl für Wunderkinder wie auch für schwachsinnig halten!«

Stellt man zwei Definitionen nebeneinander, erkennt man die Tendenz der Verhärtung bei Asperger. Im Jahr 1937: »Es ist unmöglich, von einem starren System aus Forderungen für die Diagnose und vor allem für die pädagogische Therapie aufzustellen.« Dann im Jahr 1944: »Der Autistische ist nur »er selbst« (daher das Wort autos), nicht ein lebendiger Teil eines größeren Organismus, von diesem ständig beeinflusst und ständig auf diesen wirkend.« Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges revidierte Asperger wieder seine Definition des Autismus als Psychopathie und sprach nun von »Charaktervarianten«. Jeder könne sich vorübergehend autistisch verhalten.

Die Entwicklung des Begriffes im Sinne einer Sammeldiagnostik führt das fort. Für das gleiche Phänomen scheint es individuelle Ausprägungen und heterogene biologische Ursachen zu geben. Strukturell existiert immer noch eine Unterscheidung zwischen nützlichen und dysfunktionalen Erscheinungsformen, gelungener Anpassung an die Forderungen der leistungsorientierten Arbeitswelt einer- und gescheiterter Anpassung andererseits – mit allen praktischen gesellschaftlichen Konsequenzen.

von Maria Holm