Sichtbar blind

Für die Welt hellsichtig, mit blöden Augen für die Menschen ausgestattet, dem Auge der anderen ausgesetzt.

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Der Mensch ist das Wesen, das sich seiner Sichtbarkeit bewusst ist; das gehört zu seinem anthropologischen Kern. »Nackt zu sein bedeutete, dass er sich vor dem Erblicktwerden fürchtete«, wie Hans Blumenberg die entscheidende Wende des Menschheitsgeschlechts in der Genesis beschreibt (Bilder und Zeiten). Sichtbar zu sein heißt, dem anderen Blick und auch dem anderen Tun ausgeliefert zu sein.

Der Autist wünscht sich, mehr noch vielleicht als alle anderen, unsichtbar zu sein, damit der Makel, der ihm auf die Stirn geschrieben steht, nicht offenbar wird. Sein Erscheinen löst, wohin er geht, Befremden aus. Er ist ein rätselhafter Schatten, zu dem man die Lichtquelle nicht kennt. Immerzu fühlt er den sozialen Blick auf seiner Haut, der ihn abtastet und ergründen will, und der doch schnell an eine Grenze stößt.

Der Mensch befindet sich permanent im öffentlichen Raum. Selbst wenn er alleine ist, ist er nicht ganz für sich: der virtuelle, »große« Andere ist immer präsent. Der Andere, der unablässig Gestik, Mimik und Wort beobachtet; das verinnerliche soziale Auge. Das Bewusstsein, für andere sichtbar zu sein, ist so immer da. Es ist wie in dem von Michel Foucault beschriebenen Panoptikum, der Mensch ist Gefangener seiner Sichtbarkeit: »Die Sichtbarkeit ist eine Falle« (Überwachen und Strafen).

Sichtbarkeit und Empathie stehen aber in elementarer Spannung zueinander. Sowohl die Sichtbarkeit des anderen als auch die eigene ist distanzierungsbedürftig; über Distanz vermitteln wir uns mit uns selbst und miteinander. Mit dem anderen sein, heißt, den anderen mit genügend Abstand betrachten zu können, um so Nähe herzustellen, aus der Ferne ihm nahe zu kommen:

So liegt das zentrale Rätsel der Empathie im ›mit‹, das eine affektive Aufgeschlossenheit für den Anderen in der aufrecht erhaltenen Differenz seiner Anderheit bedeuten soll. So sehr man auch infolge des Mitfühlens geradezu wie der Andere zu fühlen (gegebenenfalls auch zu hassen) und auf dieser Grundlage zu verstehen und zu denken glaubt, so wenig darf das ›wie‹ dazu verführen, anzunehmen, man fühle etwas anstelle des Anderen, an seiner Statt und im Sinne einer Substitution für ihn. In der Empathie fühle ich mit dem Anderen – so wie er oder sie, aber nicht in der genau gleichen, d.h. hier: substituierbaren Art und Weise. Ich fühle für dich oder mit dir, heißt gerade nicht: identisch und an deiner Stelle. (Burkhard Liebsch, Verschiedene Wege vom Selbst zum Anderen)

Die Begegnung geht immer den Weg über die Distanz. Empathie ist für Liebsch »als Transponierung eines affektiven Selbstverhältnisses in ein affektives, nichtindifferentes Verhalten zum Anderen zu verstehen, das die Differenz zwischen Selbst und Anderem nicht tilgt.« Diese Differenz ist bei der Empathie des Autisten besonders ausgeprägt.

Mit ihm zu sympathisieren ist oft schwierig; sozial bleibt er unsichtbar, weil die Differenz zu ihm groß bleibt. Umgekehrt erscheint dem Autisten die Differenz zwischen ihm und dem anderen, die er durch Empathie überbrücken will, unüberwindlich. Viele Rätsel verstellen ihm den Weg, will er seine Empathie unter dem prüfenden Auge des anderen sozial sichtbar werden lassen.

Dass der Vorwurf der mangelnden Empathie des Autisten so präsent ist in der öffentlichen Wahrnehmung, ist vielleicht auch der Projektion der eigenen Empfindungslosigkeit dem Autisten gegenüber geschuldet. Er ist in einem gewissen Bereich eine fast absolute Differenz, ein unleserlicher Fremdkörper; seine soziale Interaktion wirkt unnatürlich, gehemmt, und sie muss es sein, wenn der Autist gesellschaftlich auch nur irgendwie akzeptabel sein will. Denn er muss die Distanz wahren, aus der überhaupt begreifen kann, wie das Spiel gespielt wird.

von Anonymous

 

 

Manuskripteinreichung

Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

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»noli me tangere«

Distanz ist Berührung, Berührung Distanz.

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Tizians Noli me tangere (um 1514, National Gallery London) zeigt zwei Bewegungen der Hand: die Näherung der Hand und ihre Abweisung. In dieser Darstellung aus dem Leben Jesu ist die conditio humana auf den Punkt gebracht: die Erfahrung des Entzugs auch der größten menschlichen Nähe, nämlich der Aura des Menschen: »Die Aura ist Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft« (Walter Benjamin).

Die Emmaus-Episode, die von Jesu Erscheinen und Verschwinden nach der Auferstehung handelt, spricht die Wahrheit menschlichen Lebens in aller Prägnanz und unabweisbarer Faktizität aus. Man begegnet einander wie aus dem Nichts, man spricht miteinander, ohne einander oder sich selbst zu erkennen, man bricht das Brot, und sobald man glaubt zu wissen, mit wem man am Tisch sitzt, verschwindet er. Der andere ist immer schon an einem anderen Ort und entzieht sich dem Zugriff.

Der Versuch, den anderen tatsächlich zu berühren, muss misslingen. Daher die Warnung: Noli me tangere! Dieses »Berühre mich nicht« ist ein Satz, »der berührt, der, selbst wenn er von jedem Kontext losgelöst ist, nicht nicht berühren kann« (Jean-Luc Nancy, Noli me tangere). Es ist das Heilige, das sich davor scheut, berührt zu werden. Der auferstandene Leib entzieht sich der Verfügbarkeit durch den Menschen, als Maria Magdalena Jesus erkennt und ihn berühren will. Glauben heißt, nicht durch Empirie an ihm rühren zu müssen.

Die Hände als Orte und Träger der Berührung stehen in den bildnerischen Darstellungen der Szene Tizians im Mittelpunkt: »Hände, die bereit sind, sich zu verbinden, die jedoch bereits getrennt und entfernt sind, ebenso wie der Schatten und das Licht, Hände, die mit Begehren vermischte Grüße austauschen, Hände, die auf die Körper zeigen und gen Himmel weisen« (Nancy, Noli me tangere). In Tizians Bild ist unentschieden, ob Marias Hand das Tuch berührt oder nicht, das Jesus von der Hand wegzieht. Die Verhüllung muss, in allem, was es wert ist, bewahrt bleiben:

Die Liebe und die Wahrheit berühren, indem sie abstoßen: Sie lassen zurückweichen, wen sie treffen, denn ihr Erreichen, ihre Beschädigung, offenbart in der Berührung selbst, dass sie außer Reichweite sind. In ihrer Unerreichbarkeit berühren und verletzen sie uns. Was sie uns näherbringt, ist ihr Entfernen: Dies lassen sie uns fühlen, und dieses Gefühl ist ihr Sinn selbst. Der Sinn der Berührung gebietet es, nicht zu berühren. (Nancy, Noli me tangere)

Gibt es ein Berühren ganz ohne Festhalten, eine Begegnung ohne Gewalt? Im griechischen Original steht anstelle des lateinischen tangere das Verb haptó, das ›Berühren‹ und ›Festhalten‹ zugleich bedeutet. Die Erfahrung der Distanz, des Nicht-Festhalten-Könnens ist beim Autisten ausgeprägter als bei anderen. Daher seine Sehnsucht danach, doch zu berühren und berührt zu werden.

Seinem Verlangen nach Berührung ist dennoch ein »Berühre mich nicht« eingeschrieben. Jede Berührung ist traumatisch; sie ist gewaltsam, indem sie den eigenen Leib, ob sie will oder nicht, festhält. Bitte um Distanz und Bitte um Berührung fallen in eins, Lust und Leid werden in der Berührung zugleich ins Unerträgliche gesteigert. Die Verschränkung von Nähe und Distanz in der Beziehung zum anderen ist dem Autisten mysterium tremendum und fascinans zugleich.

von Maria Holm

 

 

 

Mit Hans sprechen

Im Autisten spricht es permanent.

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Es spricht zwar, nur hat er keine Stimme, die diese Sprache so nach außen bringen könnte, dass es ihr angemessen wäre: Es kommt dem Automatismus einfach zu viel dazwischen; mit dem Effekt, dass das Sprechen immer in einer manchmal nur schwer zu fassenden Art und Weise unnatürlich ist: »Die Sprache wirkt auch auf den naiven Zuhörer »anders als normal«, bisweilen »wie eine Karikatur, zu Spott herausfordernd«, schreibt Asperger.

Sprache ist unendlich reich und der Autist nimmt sie in ihrer ganzen ästhetischen Dimension und Fülle wahr: ihren Klang, ihre Klangverbindungen, ihre Bestandteile, die Etymologie, die syntaktische Struktur, ihre untergründig wirksamen semantischen Verbindungen, ihre Vokale und Konsonanten. Er schmeckt den Zungenschlag, spürt den Automatismus der Phrasen, stört sich am Auswendiggelernten.

Aber ihn irritiert auch das, was der Intention des Sprechenden, die ja meist eine strategische ist, dazwischen kommt: das Stottern, das Versprechen, der Abbruch. Auch das Unaufrichtige kehrt die Sprache hervor. Sie ist mehr als ein Spielfeld, sie ist das Elementarste, mit dem der Autist umzugehen hat. Er muss sie sich ganz zu eigen machen, wie Asperger immer wieder beobachtet:

Diese Kinder, vor allem die intellektuell gut Begabten unter ihnen, haben ein geradezu schöpferisches Verhältnis zur Sprache. Sie sind imstande, ihr originelles Erleben, ihre originellen Beobachtungen auch in einer sprachlich originellen Form auszudrücken, sei es nun durch ungewöhnliche Wörter, von denen man annähmen müsste, sie lägen dem Alter oder dem Lebenskreis der Kinder ganz fern, oder sei es durch neugebildete oder wenigstens umgeformte Wörter, die oft ungemein treffsicher und bezeichnend, oft freilich auch recht abwegig sind. (Asperger, Heilpädagogik)

Eine eigene Wahrnehmung, eine eigene Sprache; ein eigener Zugang zu den Dingen, eine eigene Art, auf sie Bezug zu nehmen. Auf dem Terrain der Sprache fühlt sich der Autist auf der einen Seite sehr wohl. Und doch bleibt ihm die Sprache immer etwas Fremdes, so sehr er auch will, dass sie ihm die eigene wird, wie ihm auch das Gegenüber fremd bleibt.

Autistisch zu sein, heißt, Schwierigkeiten zu haben, sich in die Vorstellungswelt und Perspektive des anderen intuitiv hineinzuversetzen (defizitäre theory of mind). Der Forscher Simon Baron-Cohen (Cambridge) vermutet, dass auch die eher monotone Prosodie der Stimme dadurch bedingt wird, dass der Sprechende nicht die Vorstellung des Hörers berücksichtigt, nicht aktiv sein Interesse wecken will. Der Autist hat zwar weniger Intuition für die Vorstellungswelt des anderen, durchaus aber rational erschlossene Hypothesen über sie.

Er geht dafür den Umweg über die Reflexion, über den er das radikal Fremde zu erfassen vermag. Es kommt bei Autisten »zu einer viel massiveren Konfrontation mit Fremdem […] als es bei nicht autistischen Individuen der Fall ist«, wie der Psychoanalytiker Michael Turnheim formuliert (Das Scheitern der Oberfläche). Diese Erfahrung von Fremdheit ist ein Existenzial des Autismus: »Was den Autismus noch vor dem Auftauchen der Frage der Intersubjektivität zunächst auszeichnet, ist das Fremdwerden von Bereichen, die normalerweise als nicht als fremd erscheinen, wie die Stimme oder Teile des eigenen Körpers.«

Das Spezifische des autistischen Erlebens ist, dass »innerhalb des Bereichs dessen, was normalerweise als Eigenes erscheint« das Fremde konfrontativ erscheint. In der Konsequenz dieser Überlegung sieht Turnheim die »mindblindness« des Autisten durch diese Erfahrung von Fremdheit bedingt. Sie ist »von einer allgemeinen Struktur her zu erklären, die sowohl das ›normale‹ als auch das ›pathologische‹ Verhalten zu produzieren imstande ist.«

Mit dem Fremden zu sprechen, ist naturgemäß schwierig. Es bleibt immer ein Akt der Übersetzung, bestimmt von Unsicherheiten und Unwägbarkeiten. Gestik und Mimik des anderen, Gefühls- und Absichtsbekundungen: Erst wenn diese »sozialen Affordanzen« aufgegriffen werden, entsteht eine Reziprozität in der Kommunikationssituation. Das Zwischen und die Distanz spielen darin die entscheidende Rolle:

Alles spielt sich also unter bzw. zwischen uns [entre nous] ab: dieses »Zwischen« hat, wie sein Name es andeutet, weder eine eigene Konsistenz, noch Kontinuität. Es führt nicht von einem zum anderen, es bildet keinen Stoff, keinen Zement, keine Brücke. […] Das »Zwischen« ist die Distanzierung und die Distanz, die vom Singulären als solchem eröffnet wird, und eine Art Verräumlichung seines Sinns. Was nicht die Distanz des »Zwischen« hält, ist nichts als in sich verschmolzene Immanenz und sinnentleert. (Nancy, singulär plural sein)

Wenn die elementare Erfahrung aber die radikaler Fremdheit ist, entsteht die Schwierigkeit, soziale Affordanzen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Aus der reflexiven Distanz gelingt die Kommunikation, weniger aber spontan und intuitiv. Die theory of mind geht Umwege. Der Weg über die Reflexion und die reflektierte Sprache bestimmt den Autisten. Sein Sprechen ist von der Theorie bestimmt, von der Betrachtung und dem Nachdenken. Es erscheint fremd, weil es immer zum Fremden hin spricht.

von Friedrich Kleinert

Tantalus

Das zügellose Verlangen nach Nähe und die Unerbittlichkeit der Ferne.

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Löst Nähe bei den meisten das Gefühl von Geborgenheit aus, so verursacht sie bei Autisten Unbehagen. Selbst das Heim ist unheimlich, der Autismus ist eine Existenzform des ständigen Rückzugs. Nichts schlimmer, als aus dem Fenster zu sehen, ohne eingreifen zu können. Nichts schlimmer, als sein Leben lang eingesperrt zu sein zwischen Wänden aus Glas. Nicht schlimmer als das Verlangen, die Distanz zu überbrücken, und die Gewissheit, dass das niemals gelingen wird.

Vielleicht ist kein Schicksal schwerer zu ertragen als das von Tantalus: Die Welt weicht vor seiner Hand zurück, sodass er niemals satt wird von ihrer Berührung. Das ist sein Hunger und Durst: Nicht Trauben und Wasser will er erreichen, er will die Welt berühren, die sich ihm beständig entzieht. Der Autismus ist wesentlich die Erfahrung eines leidvollen Entzugs von Ich und Welt.

Es ist, als ob die Welt in einem Atemzug jubelnd »Ja« sagt und lockt – der Autist ist wesentlich halkyonisch – und zugleich, je näher man ihr kommt, desto weiter zurücktritt. Es ist, als ob der Autist eine vielen verborgene Antwort kennt, diese aber im Moment der Beantwortung selbst als nichtig durchstreicht. Die Distanz ist elementar in jedem Winkel seines Seins.

Der Autismus ist – entgegen der landläufigen Meinung – dafür prädestiniert, ständig seinen eigenen Horizont, seine Sichtgrenze zu überschreiten. Sein Ort ist der der Betrachtung, der theoria. Von diesem exzentrischen Standpunkt aus muss Menschsein überhaupt verhandelt werden. Seine hybride Existenz tritt heraus aus dem Automatismus des Mensch-Seins, er ist an einen anderen Ort verbannt.

Der Autist leidet am »Man« der Welt im Heidegger’schen Sinn. Er leidet an der Gegenwart von Menschen und Sinnesreizen, wenn sie in zu hoher Frequenz und in zu starker Intensität auftreten. Er leidet daran, immer am falschen Ort zu sein: Nicht nur ist er auf dem falschen Planet, er ist selbst ein Planet im Universum, der umherschweift ohne Bahn. Nie gehört er tatsächlich dazu, das Andere ist unüberwindlich. Aber er leidet nicht an einer Krankheit; seine Wahrnehmung weicht bloß von der Norm ab, sodass er spezifische Schwierigkeiten hat, die sich von denen der anderen unterscheiden.

Der Autist improvisiert permanent, hat nirgends Halt, wo andere wissen, was zu tun ist. Er kämpft, wo seine Schlacht immer schon verloren und das Leben unmöglich ist. Doch auch Tantalus muss man sich als einen glücklichen Menschen vorstellen. Wenn sich die Welt auch entzieht, so ist sie doch da, bleibt sie in Sichtweite. Eine andere Art von Nähe ist möglich, eine Zugehörigkeit, in der die Differenz zwar präsent, aber nicht dominant bleiben muss. Das Schreiben ist eine solche Handbewegung hin zur Nähe.

Autisten lesen die Welt als Text. Ein Text kann dunkel sein, aber dort begegnen einem Menschen immerhin durch Distanz gemildert; abstrahiert von dem, was bei menschlicher Rede durch die leibliche Präsenz ablenkt. Es sind der Tendenz nach tiefere Begegnungen, weil die lebensweltlichen immer digressiv sind, immer irgendwie vorbeigehen am Autisten. Er wird nicht satt von ihnen, er bleibt durstig und streckt die Hand weiter aus. Nach den anderen und nach der Sprache selbst: »Wie soll ich es versuchen, Ihnen diese seltsamen geistigen Qualen zu schildern, dies Emporschnellen der Fruchtzweige über meinen ausgereckten Händen, dies Zurückweichen des murmelnden Wassers vor meinen dürstenden Lippen?« (Hugo von Hofmannsthal, Ein Brief)

Was Lord Chandos als plötzlichen und fatalen Eingriff in sein bisheriges Leben und Wahrnehmen erfährt, ist dem Autisten angeboren: Es ist unmöglich, allgemein zu sprechen »und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen«, denn »die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.« Die Konsequenz ist das Verstummen, Chandos werden »alle die Urtheile, die leichthin und mit schlafwandelnder Sicherheit abgegeben zu werden pflegen, so bedenklich, daß ich aufhören mußte, an […] Gesprächen irgend teilzunehmen.«

Es ist da plötzliche eine Distanz zwischen ihm und den Dinge, die aus einer allzu großen Nähe zu kommen scheint: »alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich. Mein Geist zwang mich, alle Dinge, die in einem solchen Gespräch vorkamen, in einer unheimlichen Nähe zu sehen: so wie ich einmal in einem Vergößerungsglas ein Stück von der Haut meines kleinen Fingers gesehen hatte, das einem Blachfeld mit Furchen und Höhlen glich, so ging es mir nun mit den Menschen und Handlungen.«

Was damit zerfällt, ist die Gabe, die dem Autisten entzogen ist, alles »mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen.« Als Chandos sich in die Philosophie flüchten will, überkommt ihn »das Gefühl furchtbarer Einsamkeit; mir war zumuth wie einem, der in einem Garten mit lauter augenlosen Statuen eingesperrt wäre«. Was ihm bleibt, ist ein Dasein, »das Sie, fürchte ich, kaum begreifen können«; es ist »ein Dasein, das sich freilich von dem meiner Nachbarn, meiner Verwandten […] kaum unterscheidet, und das nicht ganz ohne freudige und belebende Augenblicke ist.«

von Markus Riedl

»Ich habe meinen Regenschirm vergessen«

Der Autist ist ein Artist mit Schirm.

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Kein anderes Diktum Friedrich Nietzsches hat – wegen seiner Banalität und gleichzeitigen Rätselhaftigkeit – mehr Aufmerksamkeit der Interpreten gefunden. Der Satz ist kontextlos überliefert und provoziert durch seine Isolation, die Eindeutigkeit seines Inhalts hinter dessen (angenommenen) polyvalenten Performanz verschwinden zu machen. Durch den fehlenden Zusammenhang kann das Gesagte alles oder nichts bedeuten. Die symbolische Ordnung wird hieroglyphisch: die Erfahrung des Autisten, dem die symbolische Struktur, in der alle Aussagen sich eingebettet finden, oft abgeht.

Der Autist kann den Schirm nicht vergessen, weil er ihn ständig aufgespannt halten muss, um die Reize der Umwelt abzuwehren. Der Hagel der Sinneseindrücke lässt den Schirm sich festigen; seine Hermetik oder Durchlässigkeit bestimmt sich durch die Art und die Quantität der durchzulassenden und abzuwehrenden Reize. Der Schirm ist zugleich eine Membran, durch die hindurch er kommuniziert. Der Reizschutz – wie er anhand des Bläschens in Freuds Jenseits des Lustprinzips illustriert wird – ist zugleich Bedingung dafür, dass überhaupt sinnvoll Daten der Umwelt verarbeitet und beantwortet werden können.

Rekonstruktion von Sinn ist die Aufgabe durch die Abschirmung hindurch; Improvisation, wo bei den anderen intuitives Handeln steht. Der Autist als Artist auf dem Hochseil, der balanciert innerhalb der symbolischen Ordnung. Die Kluft unter ihm, die er als abgründige Krise erfährt, die Risse und Bodenlosigkeiten der symbolischen Stadt, in der die anderen wie im Schlaf navigieren. Der Schirm, in der Hand verwachsen, hilft, das Gleichgewicht zu halten.

von Markus Riedl

 


Manuskripteinreichung

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DSM V-ASD/ICD 10-F 84.1

Abkürzungen üben Macht aus, indem sie Objektivität suggerieren, wo sie willkürliche Setzung sind.

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Psychische Störungen sind nicht naturwissenschaftlich nachweisbar, es gibt keine Biomarker; der anfänglichen Euphorie der Neuropsychiatrie ist Resignation gewichen. Was bleibt, sind operationalisierte Verhaltensbeschreibungen, mit denen Kliniker arbeiten müssen. Was eine Störung ist, wird in diesem Kontext strikt funktionalistisch gedacht.

Was geschähe aber, wenn man stattdessen die andere Differenz, die besondere Begabung, beschriebe? Die derzeit praktizierte funktionalistische Beschreibung ist nur dann im Vollsinne human, wenn sie darauf abzielt, als leidvoll erfahrene Probleme im Alltag bewältigbar zu machen und den Leidensdruck für den Menschen und seine Umwelt zu reduzieren. Das mag ihr Ziel sein, ihre Praxis ist es kaum.

Eine Störung besagt an sich noch nicht, dass sie auch behandelt werden müsste. Autismus ist eine grundlegende Konstitution, die in verschiedenen Bereichen Schwierigkeiten bereitet, die andere Menschen in geringerem Maße haben. In diesen Bereichen kommt sie phänomenal zum Ausdruck. Er ist aber keine Störung, weil er nicht etwas stört, was sonst reibungslos funktionieren würde; er setzt etwas Anderes als Grundlage an die Stelle jenes Funktionierens.

Diagnosen haben die Funktion, die Kommunikation der Kliniker effizient zu gestalten, Forschung erst möglich zu machen und daraus wiederum Maßstäbe abzuleiten. Diese wiederum sind Grundlage auch der rechtlichen Konsequenzen der Diagnostik und wirkt so in vielfältige Lebensbereiche hinein. Den Phänomenen Namen geben zu wollen, ist tief im Menschen verwurzelt. Namen geben Sicherheit und stiften Orientierung. Sie sind der Versuch, die Kontingenz der Welt zu reduzieren. Die derzeitige Inflation der Diagnosen aber ist selbst autistischer Natur.

Abweichende Menschen, mit abweichender Wahrnehmung und abweichendem Verhalten müssen durch bestimmte klassifizierende Namen erfasst und dadurch virtualiter und realiter kontrolliert werden. Vorhersehbarkeit und Verlässlichkeit sind wichtig in einer Gruppe: Der Andere muss beherrschbar erscheinen, will man ihn nicht von vorhinein vom sozialen Miteinander ausschließen. So ungenau die Benennung auch sein mag, sie ist elementar wichtig.

Der Autist selbst analysiert und diagnostiziert unablässig. Es ist sein Blick, der der Blick eines Fremden ist, der ihn dafür prädisponiert. Alles um sich herum versucht er zu benennen und entdeckt dabei, wie brüchig und unsicher alle Benennung ist. Dass man ihm selbst, das größte Rätsel, das er kennt, mit einem Begriff beikommen will, löst Bestürzung aus. Und doch bietet der Begriff immerhin einen Anhaltspunkt, von dem aus sich die Welt dem Autisten und von dem aus er sich selbst erklären kann.

Aus »Autismus« und »Asperger-Syndrom« (ICD 10-F 84.1) wird im Handbuch DSM-5 »Autism spectrum disorder« (ASD). Die zwei grundlegenden Problembereiche sind: »Soziale-Kommunikation« und »Stereotypien/Rituale« verbunden mit »Sensorischer Störung«. In den Blick gerät nun auch, dass ASD oft nicht bereits in der Kindheit klar zum Ausdruck kommt. Das abschließende Kriterium für die Diagnose ist eine spürbare Funktionsbeeinträchtigung im Alltag. Unerfasst bleiben klinisch unauffällige Autisten oder solche mit dominanten Komorbiditäten.

Es ist aber auch – bisweilen vor allem – die Diagnose selbst, die massive Beeinträchtigungen im Alltag zur Folge haben kann: in der Berufswahl, bei Versicherungen etc. Autisten werden als Risiko begriffen, nicht als Chance. Ausgrenzung und Hilfe gehen manchmal Hand in Hand. Dass es eine Grenze zum Pathologischen hin gibt, ist nicht zu leugnen; wichtig ist aber dennoch, diese Grenze immer wieder als prekär und individuell ins Gedächtnis zu rufen.

Dem Autisten muss die normale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden. Es ist erstaunlich, wie das Bekenntnis zur bedingungslosen Würde eines jeden Menschen schnell mit der praktischen Einschränkung »Ja, aber« einhergeht. Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben darf in keiner Dimension angetastet werden. Je mehr Differenz eine Gesellschaft in sich aufzunehmen bereit ist, desto kultivierter ist sie. Schon Asperger plädierte in diesem Sinne:

In der ganz überwiegenden Zahl der Fälle kommt es nämlich zu einer guten Berufsleistung und damit zu einer sozialen Einordnung, oft in hochgestellten Berufen, oft in so hervorragender Weise, daß man zu der Anschauung kommen muß, niemand als gerade diese autistischen Menschen seien gerade zu solchen Leistungen befähigt. Es ist, als seien ihnen in einer Art kompensatorischer Hypertrophie besondere Fähigkeiten gegeben, als Ausgleich für ihre beträchtlichen Defekte. Die Unbeirrbarkeit und die Durchschlagskraft die in der ›spontanen‹ Aktivität der Autistischen liegt, die Eingeengtheit auf einzelne Gebiete des Lebens, auf ein isoliertes Sonderinteresse, das erweist sich hier als positiver Wert, der diese Menschen auf ihren Gebieten zu besonderen Leistungen befähigt. Gerade bei den Autistischen sehen wir – mit weit größerer Deutlichkeit als bei den ›Normalen‹, daß sie von frühester Jugend an für einen bestimmten Beruf prädestiniert erscheinen, daß dieser Beruf schicksalhaft aus ihren besonderen Anlagen herauswächst. (Asperger, Neue Impulse in der Heilpädagogik)

Autisten mögen andere moralische Verantwortung, andere Probleme und Aufgaben in ihrem Leben haben. Sie sind deswegen nicht mehr oder weniger wert als alle anderen auch. Auch sie sind Teil der Gesellschaft. Die Wissenschaft muss ihre Vorurteile immer wieder zu revidieren bereit sein, will sie der Gesellschaft als Ganzes und den Autisten tatsächlich helfen und ihre Ausgrenzung nicht zementieren, sie qua Diagnose ausschließen von Arbeit, Verbeamtung und Versicherung.

von Anonymous

Der große Alienus

Der große Andere und der große Alienus des Autisten stehen sich fremd gegenüber.

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Der große Andere – Lacans symbolische Ordnung – ist die unheimliche Anwesenheit dessen, worin wir uns immer schon bewegen: Das Netz von Regeln, von denen manche präsenter gehalten werden als andere; Regeln, zu denen es auch gehört, über manche Regeln stillzuschweigen, um ihre Einhaltung zu garantieren. Immer nehme ich in diesem Koordinatensystem einen bestimmten Punkt ein, der mir und den anderen hilft, die nötige Orientierung für den Umgang mit dem anderen zu schaffen.

Der große Andere ist selbst in größter Einsamkeit anwesend, d. h. er ist wirksam in allen Handlungen und Gedanken. Diese Virtualität lässt einen niemals dem »man« ganz entrinnen, niemals ganz herausfallen aus dem komplexen System von sozialen Regeln. Individuelle Freiheit kann sich nur in und mit diesem System entfalten; sie besteht wesentlich aus dem Anschein von Freiheit, der entsteht, wenn der Zwang sich als Wahl ausgibt. In den Maschen dieses Netzes kann man durchaus aber auch verloren gehen:

Das gleiche Gefühl der Unzugehörigkeit, des unnötigen Spieles, wohin ich auch gehe: Ich gebe vor, mich für das zu interessieren, was mir gar nichts bedeutet, ich zapple aus Automatik oder Barmherzigkeit, ohne jemals bei der Sache, ohne irgendwo zu sein. Was mich anzieht, ist anderswo, und was dieses Anderswo ist – ich weiß es nicht! (Émile Cioran, Vom Nachteil, geboren zu sein)

Der Ort, wo diese Freiheit ausgehandelt wird, ist die Sprache. Die Beziehung zum großen Anderen ist sprachlich strukturiert. Sprache und soziale Regeln aber sind dem Autisten rätselhaft. Reden, um zu reden; Anschein zu erzeugen, um das Funktionieren der Regeln aufrechtzuerhalten: Alle Akte, die den großen Anderen aufrecht erhalten, erscheinen dem großen Alienus, dem Fremden und Befremdeten, dem Autisten, suspekt.

Der große Andere ist etwas Magisches, nichts, was man über die Vernunft zu erfassen vermag. Er erfordert soziale Intuition, die Aufrechterhaltung um der Sozialität selbst willen. Der Autist aber ist magisch maximal unmusikalisch. Der große Andere bleibt ihm fremd, er will sich frei von seinem Einfluss machen, was freilich nicht gelingen kann. Er sieht die Risse und die Mechanik im symbolischen Gefüge, ohne den Sinngehalt seines Funktionierens intuitiv erfassen und bejahen zu können. Seine Beziehung zum großen Anderen ist distanziert: Er steht zu ihm in reflexiver Distanz, die zwar immer wieder verschwindet – auch er funktioniert –, die ihn aber niemals ganz und gar in dieser Beziehung traumwandlerisch aufgehen lässt.

Die höfliche Verstellung, die als Schmiermittel der symbolischen Mechanik die Wahrheit dieser Einrichtung bestätigt, versteht der Autist falsch: nämlich als Täuschung, die das Gegenteil von Aufrichtigkeit ist. Vielmehr ist sie aber die Wahrheit des Sozialen selbst; Mittel der Dissimulation, sich den anderen vom Leib zu halten und sich ihm zugleich gesellschaftlich zu verbinden. Einverständliche gegenseitige Täuschung ist die soziale Regel schlechthin, die das Aufrechterhalten der Beziehungen, die Wahrheit, immer neu konstituiert.

Das Reale, der Nächste ist für Lacan »das Ding«; seine Anwesenheit ist furchteinflößend, ständige traumatische Drohung, die der Autist ungefiltert erfährt. Sein phantasmatischer Schirm muss besonders gut entwickelt sein, um eine solche Nähe zu ertragen; er flüchtet abwechselnd aus der Realität in die Phantasie und aus der Phantasie, rührt sie zu sehr am Kern des Realen, in die phantasmatisch umschirmte Realität.

Was man laut sagt, was man verschweigt, worauf man insistiert, worauf man verzichtet: All das ist nicht selbst-verständlich, sondern bezieht die Regel erst vom großen Anderen her, dessen Präsenz dem Autisten vage und fremd bleibt. Sein Rückzug von anderen Menschen ist auch der Rückzug vom großen Anderen. Er fühlt sich fremd, wie ein Alien, und auch die anderen bemerken, dass er nicht ganz im großen Anderen, im Koordinatensystem des Sozialen, aufgehoben ist. Die Vermittlung durch den großen Anderen schlägt fehlt und mühsame, andere Strategien des Verstehens müssen an seine Stelle treten.

Diese Kluft aber ist eine kritische. In ihr scheinen die Widersprüche im Symbolischen ungeschönt auf. Nicht länger kann man behaupten, sie nicht zu sehen, wenn erst ein anderer, der Alienus, der dazu die Zeit und das Auge hat, sie vor dem großen Anderen ausgesprochen hat. Er ist die Instanz, die den Mut, die Dummheit, besitzt, eine solche Wahrheit auch gegen die geltenden Regeln auszusprechen.

Man neigt freilich dazu, einen solchen Sprecher in eine vom großen Anderen sanktionierte Rolle, die des Narren oder des Irren, zu bringen und die Wahrheit dadurch zu suspendieren. Man zieht dem nackten Kaiser die Kleider an und legt sich das dicke Fell wieder an. Dann gilt, dass der irrt, der aus der symbolischen Ordnung herausfällt, der auf der logischen und zynischen Wahrheit insistiert, nicht auf der symbolischen. Wie Lacan sagt: Les non-dupes errent, »die Nicht-Genarrten irren«.

von Friedrich Kleinert