Dunkles Glas – Autismus und Depression.

Das Glück verläuft im Bogen.

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Es ist die Leere, die einen verzweifeln lässt, das dunkle Glas, das einen umgibt und alles abschattet, dem man sich nähert. Wenn mein Gehirn nicht auf eine Aufgabe gerichtet ist, schottet es ab, läuft es leer, wird alles dumpf und öde. Ich bin dann gar nicht richtig da. Und weil das so ist, schwinge ich auch nicht mit anderen mit, was mich weiter isoliert. Selbst wenn von außen betrachtet alles stimmt in meinem Leben, es bleibt eine Qual, weil es gefühlt von mir meilenweit entfernt stattfindet. Ich bin von Angst gelähmt. – Das also sind meine Nachtgedanken.

Und meine Gedanken am Morgen sind folgende: Ich möchte etwas tun, ich möchte etwas erschaffen, etwas entdecken, gemeinsam mit anderen. Ich finde meine Wege, ich überspiele meine Schwierigkeiten, ich richte mich in meiner Nische ein. Im Flow fühle ich mich geborgen, alle Mühsal verschwindet. Ich spüre, welche Kraft ich habe, wie ich mich weniger sorge als die anderen, wie ich in manchen Dingen freier bin. Es ist fast wie Schweben und ein wenig schmerzhaft. – Ja, Glas umgibt mich, aber dieses Glas ist hell vom Licht.

von Anonymous

Notiz zu Greta Thunberg

Kognitive Dissonanz und Wandel schließen sich aus.

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Kognitive Dissonanz ist eine unangenehme Erfahrung; sie will umgehend zur Konsonanz reduziert werden, indem Situationen, welche die Dissonanz erhöhen, gemieden werden. Die Erfahrung von Dissonanz kommt aus einer logischen Inkonsistenz, z.B. zwischen verschiedenen kulturellen Regeln oder aus dem Widerspruch zwischen Einsicht und Handeln. Die Überzeugung gleicht sich an die Handlung an, um rechtfertigend Praxis und Selbstbild in Einklang zu bringen. Diese Selbsttäuschung bringt Erleichterung im psychischen System und will aufrechterhalten werden: „Der Rechthaber entwickelt, um nur ja die narzißtische Schädigung von sich fern zu halten, die ihm durch die Preisgabe der Meinung widerfährt, einen Scharfsinn, der oft weit seine intellektuellen Verhältnisse übersteigt.“ (Adorno, Meinung Wahn Gesellschaft).

Wo aber der Narzissmus grassiert, ist der Wandel noch weit. Wo eine Einsicht ausgesprochen wird, die unbequem ist, trifft sie auf taube Ohren: „Ihr sprecht nur von grünem, ewigen Wirtschaftswachstum, weil ihr zu viel Angst habt, euch unbeliebt zu machen. Ihr sprecht nur darüber, mit den immer gleichen schlechten Ideen weiterzumachen, die uns in diese Krise geführt haben. Und das, obwohl die einzige vernünftige Entscheidung wäre, die Notbremse zu ziehen“, moniert Greta Thunberg: „Ihr seid nicht einmal erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen.“ Es sei so, „dass die Leute zwar immer das eine sagen, aber das Gegenteil davon machen.“ Die Wahrheit ist, sie ist unbequem: „Einige Leute sagen, dass ich studieren sollte, um Klimawissenschaftlerin zu werden, damit ich die Klimakrise ‚lösen kann‘. Aber die Klimakrise ist bereits gelöst. Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen. Alles, was wir tun müssen, ist aufzuwachen und uns zu verändern.“

Als Autist ist es schwierig, Einsichten zu verdrängen, ist es schwierig, gegen die Logik zu handeln: „Ich denke, wenn ich kein Asperger hätte, wäre das hier nicht möglich gewesen. Ich hätte einfach weiter so gelebt und gedacht, wie jeder andere auch. Ich sehe die Welt aus einer anderen Perspektive – Schwarz und Weiß“, sagt Thunberg. Sie sei „realistischer“ als anderer; sie folge konsequenter der Logik, welche die Fakten hervorruft: „Und mein Gewissen lässt nicht zu, nicht zu handeln. Ich muss etwas tun – ansonsten kann ich nachts nicht schlafen.“ Doch vielen scheint es ganz im Gegenteil den Schlaf zu rauben, wenn die eigene kognitive Dissonanz in Frage gestellt wird, und das auch noch von einem streikenden Kind.

Aber es ist für die Kinder zunehmend sinnlos, in der Schule für eine Zukunft zu lernen, wenn diese Zukunft selbst in Frage steht. Die Schule hat die Aufgabe, tradiertes Wissen weiterzugeben; dieses Wissen aber hat in eine Sackgasse geführt. Die Katastrophe ist bereits da, die Geschichte findet jetzt statt, nicht im Unterricht. Daher muss das „unsichtbare Mädchen […], das in der Schule ganz hinten gesessen hat“, sichtbar werden. Nur ein Bruch mit dem Status quo kann die Dynamiken freisetzen, die notwendig für einen Wandel sind: „Wir Kinder tun oft nicht das, was ihr Erwachsenen von uns verlangt. Aber wir ahmen euch nach. Und weil ihr Erwachsenen euch nicht für meine Zukunft interessiert, werde ich eure Regeln nicht beachten“, so Thunberg. Die Schüler streiken schon. Wann folgen die Lehrer? – „Geratet in Panik.“

von Anonymous

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Manuskripteinreichung

Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

Begriffliche Schwäche, individueller Ausdruck

Wir sind anders gleich.

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Um die Charakteristika von Autismus zu beschreiben, werden in der Forschung häufig Begriffe gebracht wie Neuronale Hyperkonnektivität, -reaktivität oder -funktionalität, Hyperreaktive Amygdala, Neuronale Hypo- oder Hypersynchronisationsdefizite, Exekutive Dysfunktionen, Hyper- und Hyposensibilität, Filter- und Kohärenzschwäche. Der Autismus, so scheint es, ist in einem Zuviel und einem Zuwenig zugleich angesiedelt. Mal sind die neuronalen Prozesse zu rasch, mal zu langsam, mal sind sie zu sehr miteinander, dann wieder zu wenig miteinander vermittelt. Gemessen an dem impliziten Standard, der diesen Begriffen innewohnt, weichen die neuronalen Prozesse des Autismus ab von der Funktionsweise, die als neurotypische Ausprägung beschrieben wird.

Die Anerkennung der Mannigfaltigkeit von Gehirnen, Denk- und Verhaltensweisen, von atypischer neuronaler Konnektivität, wird seit längerem gefordert. Autismus ist eine Form menschlichen Seins, eine neurologische Variation unter vielen. Das Anderssein soll gleichwertig sein gegenüber dem Normalsein, seiner Existenz die gleiche Würde zukommen. Eher befremdliche Schwächen werden mit erstaunlichen Stärken aufgewogen: Wahrnehmungsbegabung fürs Detail, für Muster und die Differenz, ausgeprägte Sensibilität, Konzentration, Ausdauer etc. – Und tatsächlich, wer sagt, dass das Detail nicht wichtiger ist als das Ganze, kann das Detail doch das Ganze in Frage stellen? Wer kann bestimmen, wie viel der neurologische Filter wirklich abschirmen sollte? Wer legt fest, wie viel ich fühlen soll?

Mir scheint, wir Autisten haben leicht verschobene Maßstäbe, aber die gleichen elementaren Bedürfnisse wie wohl die meisten anderen. Jeder will ein gutes Leben. Ein gutes Leben geht weit über das Funktionieren in Schule und Beruf hinaus. Ein gutes Leben ist Sicherheit und Freiheit, ist Ich und Du. Politik und Gesellschaft haben die Aufgabe, den Rahmen für ein gutes Leben zu bilden, jeder für sich, ihn auszufüllen. Das Gefühl, das Leben in den eigenen Händen zu haben, wenig Stress, verlässliche Strukturen, Arbeit, Ruhe, Geborgenheit, Anregung, Anerkennung: All das für sich auszubalancieren, ist für jeden Menschen eine lebenslange Herausforderung. Je nach neurologischer Ausprägung kämpft hier jeder seinen einzigartigen Kampf, mit seinen persönlichen befremdlichen Schwächen und erstaunlichen Stärken.

Und ich – ja auch ich leide. Es ist kein Glück, geboren zu sein. Mein neurologisches System befindet sich meistens im Überlebensmodus. Sich abzuschirmen ist ebenso wichtig, wie sich zu öffnen: dem Kleinen und dem Großen. Vielen Dinge gehen wie im Schlaf und von Zauberhand, andere sind unendlich zäh und mühsam. Ich habe einige Jahre in Oxford geforscht und gelehrt, und die größte Herausforderung war der smalltalk auf dem Flur. Ich habe eine ärgerliche Angst vor Menschen und zugleich genieße ich ihre Gegenwart und die Gespräche. Manchmal kann ich kaum einen Fuß vor den anderen setzen, und dann wieder fliegt mir alles zu. Ich habe Familie, Freunde und Partner und fühle mich doch oft verloren. Froh bin ich, dass ich viele Probleme, die andere haben, nicht kenne, und kenne mich doch bei meinen eigenen Problemen kaum aus. Überforderung und Langeweile, Erschöpfung und grenzenlose Energie pendeln so hin und her. – Geboren zu sein, ist kein Unglück, es hätte schlimmer kommen können.

von Anonymous

Edith Sheffers Buch »Aspergers Kinder«

Entweder, oder.

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Edith Sheffers »Aspergers Kinder« zeichnet nach, wie der historische Kontext Hans Aspergers Beschreibung des Autismus wesentlich geprägt hat. Das nationalsozialistische Regime kannte als Optionen zur Umgestaltung des Menschen in seinem Sinne die Optionen Behandlung oder Beseitigung. Wer nicht – oder nur unter als unverhältnismäßig angesehenem Aufwand – korrigiert werden konnte, wurde im Zuge der Euthanasie-Politik ermordet. Die Definition, wer für die Nazis noch zu retten war und wer sterben musste, war dabei stets im Fluss und passte sich opportunistisch den jeweiligen Erfordernissen der Ideologie an. Das gilt auch für Aspergers Beschreibung des Autismus, deren Dynamik dem Buch folgend hier wiedergegeben wird.

Für Asperger gab es Autisten, die sozial integrierbar waren und solche, bei denen das nicht möglich war. Die »Reinigung« der »Volksgemeinschaft« traf dann auch etwa 200.000 unerwünschte, geistig oder körperlich auffällige Menschen. Wer nicht in die soziale Gemeinschaft im Sinne der Nationalsozialisten integriert werden konnte, sollte vernichtet werden. In den dreißiger Jahren beobachtete man in der Wiener Heilpädagogischen Abteilung Kinder, die sich nicht in die Gruppe einfügten, deren »Aufmerksamkeit und Empfindungen« oft »anderswo« zu sein schienen, die als »Fremdkörper und störend« auffielen. Ihre besondere Begabung wurde teilweise erkannt und als positiv für den weiteren Werdegang begriffen, bis bald deren Nützlichkeit nur noch am gesellschaftlichen Wert im faschistischen Kollektiv bemessen wurde. Asperger schrieb im Jahr 1944, dass es neben solchen nützlichen Eigenschaften auch Patienten gäbe mit »automatenhaften Gewohnheiten, mit als Leistung unbrauchbaren, schrullenhaften Interessen«.

Schon 1938, nach dem »Anschluss« Österreichs, änderte sich sein Ton entscheidend: »Das Ganze ist mehr als der Teil, das Volk wichtiger als der einzelne«. Autismus definiert er zugleich als »Störung der Anpassung an die Umwelt«, als »Störung der Instinktfunktionen«, »Störung der Beziehungen zu anderen Menschen« und »Störung des Verständnisses für die Situation«. Es sei eine Tatsache, »dass diese Menschen niemand so richtig gern haben«, und »auch die Gemeinschaft lehnt sie ab«. Er verweist auf ihre »gemütlichen Bosheiten« und den »Mangel an Respekt vor der Autorität«. Seine Beschreibungen sind aber durchgehend ambivalent, da er auch die besonderen Begabungen bemerkte: »da die Befunde so sehr widerspruchsvoll sind, dass verschiedene Beurteiler von ihrem Standpunkt zu ganz entgegengesetzten Urteilen kommen; man kann solche Menschen mit guten Gründen sowohl für Wunderkinder wie auch für schwachsinnig halten!«

Stellt man zwei Definitionen nebeneinander, erkennt man die Tendenz der Verhärtung bei Asperger. Im Jahr 1937: »Es ist unmöglich, von einem starren System aus Forderungen für die Diagnose und vor allem für die pädagogische Therapie aufzustellen.« Dann im Jahr 1944: »Der Autistische ist nur »er selbst« (daher das Wort autos), nicht ein lebendiger Teil eines größeren Organismus, von diesem ständig beeinflusst und ständig auf diesen wirkend.« Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges revidierte Asperger wieder seine Definition des Autismus als Psychopathie und sprach nun von »Charaktervarianten«. Jeder könne sich vorübergehend autistisch verhalten.

Die Entwicklung des Begriffes im Sinne einer Sammeldiagnostik führt das fort. Für das gleiche Phänomen scheint es individuelle Ausprägungen und heterogene biologische Ursachen zu geben. Strukturell existiert immer noch eine Unterscheidung zwischen nützlichen und dysfunktionalen Erscheinungsformen, gelungener Anpassung an die Forderungen der leistungsorientierten Arbeitswelt einer- und gescheiterter Anpassung andererseits – mit allen praktischen gesellschaftlichen Konsequenzen.

von Maria Holm

Autismus und Narzissmus

Narziss blickt in den Teich, der Autist in den Abgrund.

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Der selbstsüchtige Narziss ist siech vom Selbst: Wohin er auch blickt, bespiegelt er sich nur selbst. Verwehrt bleibt ihm jede Erfahrung des Anderen. Dieser Zwang zum Positiven lässt Negativität gar nicht erst aufkommen. Der andere ist kein Widerstand, sondern Spiegelfläche. Wie die Medusa verhärtet er nur das Ich des Narzissten, der sich selbst darin sieht. Was er am anderen versteht, wird sofort in den eigenen Horizont eingegliedert.

Wie auch sollte die Differenz zum anderen fruchtbar werden, wenn die Distanz zum eigenen Ich schon fehlt? »Das narzisstische Subjekt verschmilzt so sehr mit sich selbst, dass es nicht möglich ist, mit sich zu spielen. Der depressiv gewordene Narziss ertrinkt in seiner grenzenlosen Intimität zu sich« (Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft).

Im Gegensatz zum Narzissten zieht der Autist klare Grenzen zwischen dem Ich und dem Anderen. Der Andere erscheint ihm in seiner ganzen Fremdheit. Die Andersheit erscheint in ihrer Negativität anziehend. Der andere ist ihm nicht Spiegel, sondern faszinierender Abgrund. Die Tiefe ist dunkel; Vertrauen muss haben, wer sich auf sie einlässt.

Das Selbst verliert sich am anderen: »Der Eros gilt dem Anderen im emphatischen Sinne, der sich ins Regime des Ich nicht einholen lässt« (Han, Agonie des Eros). Der andere bleibt unzugänglich, atopisch, und auratisch, nah und fern zugleich. Der Autist ist in sich verhaftet, aber er ist sich auch selbst der andere. Diese Distanz etabliert Bezüge, wo dem Narzissten diese im eigenen Ich verschwimmen.

von Wiebke Schmittner


Manuskripteinreichung

Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht. Ab und an werden auch Lyrik und literarische Kurzprosa Veröffentlichung finden.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

Anfangen zu sprechen

Für den Autisten ist es das Schwierigste, von sich und zu den anderen zu reden.

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Den Umgang mit der Sprache empfand schon Hans Asperger, der als einer der ersten anfing, vom Autismus zu reden, als prekär. Ihre Funktion als »Träger von Ausdruckserscheinungen«, so erkannte er, macht die Sprache zum Fundament jeden sozialen Miteinanders. Sie teilt unabhängig vom dem Gehalt des Gesagten auch immer etwas über die Affekte und sozialen Rollen der gesellschaftlichen Situation mit:
wes Geistes Kind einer ist, das drückt sich untrüglich in dieser Seite der Sprache aus – wer zu hören versteht, dem entlarvt sich der Mensch durch seine Rede; was Lüge und was Wahrheit, was »tönendes Erz; und klingende Schelle« und was wesenhaftes Sein ist, das erfahren wir vor allem aus jenen Ausdruckserscheinungen.

Zu erkennen, was es mit dem anderen auf sich hat: Das ist laut Asperger die zentrale Funktion der Sprache. Aber eben gerade dieser Bereich ihrer Bedeutung, dasjenige, was an Form und Performanz jenseits der inhaltlichen Aussage aufscheint, verschließt sich dem Autisten oft. Bei Dietmar Zöller (Wenn ich mit euch reden könnte und Ich gebe nicht auf) findet man diese gewisse Unmöglichkeit, jene Funktion der Sprache zu aktualisieren, eindrücklich beschrieben. Denn: »Sprechen wollte ich. Im Kopf waren die Gesprächsbeiträge fertig. Ich wußte sogar, wie mein Gegenüber reagieren würde«.

In der Theorie gelingt, was die Praxis verwehrt: »dann ging nichts, absolut nichts. Oft habe ich ein Gespräch phantasiert, so, wie es hätte laufen können.« Was in der Phantasie so leicht sich sagen lässt, scheitert in der Realität an der Unfähigkeit zur Artikulation. Mit manchen Menschen, mit den vertrauten, lässt es sich leichter reden: Wie von selbst, so traumwandlerisch sicher wie bei den anderen, geht es aber nie. Der Autist will durchaus mit anderen sprechen; doch trifft er auf widrigste Umstände, auf die Menschen selbst, die er allzu intensiv wahrnimmt: »Menschen kann ich oft nicht angucken, ohne irritiert zu werden.« Diese Irritation kommt daher, dass ihm kaum etwas verborgen bleibt: »Da ist oft so viel Leid zu sehen oder so eine Maske, die ich erst recht nicht ertrage. Ich sehe ja immer zuviel und ziehe mich darum zurück.«

Die Sprache ist bekanntlich vielleicht eher dazu da, zu verbergen, was es mit dem Gegenüber auf sich hat. Es ist kein Desinteresse am Gegenüber, es ist die verwirrende Präsenz desselben, die das Sprechen so schwierig macht. Die Sensibilität gegenüber dem Leid und der Maskenhaftigkeit des Menschen lässt den Autisten verstummen und zwingt ihn zum Rückzug. Eine indirekte Konfrontation mit den Menschen stellt dagegen das Lesen dar. Diese gemilderte Präsenz reduziert die Wucht der Erscheinung; und dennoch: »Ich habe so viel im Kopf, daß ich manchmal fast platze. Ich muß manchmal die Decke über den Kopf ziehen, um mich abzuschirmen.«

Der Rückzug aus der Kommunikation ist nicht nur Folge einer solchen Überlastung, er resultiert auch aus der Erkenntnis, dass der Autist‌ die Regeln der allgemeinen Lüge nicht im Schlaf beherrscht, so wie die anderen es tun. Zwar behauptet man das eine, doch tut das andere. Die soziale Wahrheit ist immer eine andere, als diejenige der Sache selbst:
Wenn ich reden könnte, müßte ich mich gewaltig umstellen. Die Gedanken sind frei, aber sagen darf man nicht alles. Ich bin in meinen Gedanken oft bissig und hart. Ich denke die Wahrheit, sagen darf ich sie nicht, denn die Wahrheit kann verletzen, kann Menschen kaputtmachen.

Für die soziale Wahrheit fehlt die Intuition, desto stärker tritt die objektive hervor. Die aber ist sozial unaussprechlich, was dem Autisten klar vor Augen steht: »So bin ich ein bequemer Zeitgenosse und fordere niemanden heraus.« Was ihm bleibt, ist eine andere Art zu reden, eine poetische, wie sie bei Birger Sellin zu beobachten ist (Ich will kein Inmich mehr sein/ich deserteur einer artigen autistenrasse). Die Wahrnehmung der reflektiert-distanzierten Wahrheit über das Soziale konfligiert mit dem gleichzeitigen Wunsch nach Anerkennung: »einen quatschkopf wie mich sehen die menschen nicht eben gern / will einer werden den man gerne sieht«.

Nur das Schreiben, sagt Sellin, verbindet die Autisten, »sagenhafte ungeheuer«, mit der anderen Welt. Aber auch das Schreiben, die für sich niedergelegte Sprache, die zu dem anderen spricht, ist eine andere Sprache; eine eigene Sprache, die sich nur abschirmend dem öffnet, wie man eben allgemein – bis zum Gerede hin – so spricht:

unsere sprache klingt mehr aus tiefen der einsamkeit
sie ist wirbelnder totaler erster anfang
sie lebt aus frischen und azurfarbenen hoffnungen
sie anerkennt nicht solche falschen redewendungen weil sie ohne effekthascherei umsetzt was in der seele lebt

Die normale Sprache scheint evolutionär dem autistischen Sprechen gegenüber zu verharren: »deine sprache ist aber wirklich sehr affenmäßig einfältig«. Ist das nicht der Vorwurf alles Lyrischen an die Welt? Dichterisch sprechen, heißt, aus der Mitte der Existenz heraus zu reden zu denen, die sich auf diese fremde Sprache einlassen können. Es bleibt dem Autisten keine Wahl, ist er doch

ein wesen das sich mitteilt
das sich schenkend einbringt
einsam sich in einer erlauchten gesellschaft ersatzlos anerkennung sucht und verständigung
ich werde alle sinne in diese richtung lenken

Sellin möchte seine autistische Erfahrung »umwandeln und in eine form bringen die allgemeine wahrheiten der sogenannten einsamen erdenwesen widerspiegelt«. Diese Spiegelung, unter Verkehrung der eigenen Sprachnot, resultiert aus ihrer unabweislichen Notwendigkeit. Zugänglich ist es nur denen, die sich um Zugang bemühen: »einer ohne witterung für wundersame dinge wird mich nicht verstehen«. Wie viele aber sind tatsächlich poetisch ansprechbar?

Die Erkenntnis gilt: »ohne sprache sind wir tote isolierte ausgestoßene apparaturen«. Es bleibt eine prometheische Aufgabe, »stummen die sprache zu bringen«. Jenen Stummen, zu denen die Autisten ihrer Natur nach so schwer sprechen können, und deren Sprache der Autist kaum begreift: »die menschen sind unberechenbar und aparte ungeheuer«. Die eigene Bedrängnis, nicht frei sprechen zu können, »irgendwo eine blockierung«, wirft Sellin trotzig nach draußen zurück:

quatsch ist ich bin autistisch
die anderen sind es
sie sind eingeengt durch massenhafte erziehungsmaßnahmen
widerliche sittengesetze und moralbegriffe

Die Normalen sind »aparte Ungeheuer«, an denen etwas aufscheint, was dem Menschen zugehörig ist und zugleich ihre Existenz an einen anderen Ort verweist. Der Blick für das Monströse, Ungeheuerliche am Menschen – und für seine skrupellose Sprache – macht den Autisten zum Kritiker des Diskurses, zu dem er keinen rechten Zugang findet, weil er mit der falschen Ernsthaftigkeit geführt wird

Der Psychoanalytiker Jacques Lacan definiert den Autisten: »Das sind einfach Leute, für die das Gewicht der Worte etwas sehr Ernstes ist und für die es nicht einfach ist, es sich mit diesen Worten leicht zu machen.« Daher scheuen sie sich vor dem sprachlichen Ausdruck des eigenen Innenlebens, weil die Worte immer unzureichend sind. Sprache nehmen sie ernster und anders wahr als die meisten anderen. Autisten wollen sich adäquat ausdrücken und bemerken dabei, dass das unmöglich ist.

Ihnen ist ein Hang zum Konkretismus eigen. »Die Sprache drückt wesentlich nur Allgemeines überhaupt aus; was man aber meint, ist das Besondere, Einzelne. Man kann daher das, was man meint, in der Sprache nicht sagen«, schreibt Hegel in den Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie. Man kann sich niemals selbst ganz aussprechen. Was man »meint«, was »mein« sein soll, ist immer schon draußen, gehört immer schon anderen, Lacans »großem Anderen«.

Sprache sind niemals »nur« Worte. Lacan unterscheidet zwischen Sagen (énonciation) und Gesagtem (énoncé). Der Autist empfindet zu reden aber vorwiegend als Gerede, weswegen es ihm schwerfällt, sich auf eine Aussage (énoncé) festzulegen, soll doch das Individuum eine Aussage mit sich führen, die ihm seine unverkennbare Stimme verleiht. Sagen ist unzuverlässig, wie unter diesen Umständen eine Aussage machen?

Die Stimme des Autisten ist brüchig; sie lässt sich immer schon auf die Mängel der Sprache ein: Auf die Mängel der eigenen Artikulation und auf den Zwang, im Miteinander diese Mangelhaftigkeit der Sprache ernst zu nehmen und ernsthaft auf sie zu antworten. Autisten stehen in einem unmittelbaren Bezug zur Sache; Sprache erscheint da bereits als Abirrung von dem Eigentlichen.

Der Autist »leidet an der Negativität der Sprache. Davon zeugt die Angst vor dem schwarzen Loch, das sich durch die Kluft zwischen dem Ding und seiner Vorstellung auftut« (Jean-Claude Maleval). Er strebt hinter diese Kluft zurück; doch der Rückzug des Autisten muss misslingen, immer Bewegung bleiben, weil es kein Zurück in einen – unmöglichen – Zusammenfall von Sein und Sprache gibt.

Alain Didier-Weill sieht in der »sidération« das Grundmoment des Autismus. Es ist das Schwanken zwischen Entgeisterung des Gestirns und der considération, der aufmerksamen Beobachtung (Hans Saettele, Zur Diskussion des Autismus). Das Sprechen geht mit dem repetitiven Aussetzen der Stimme einher; der Versuch, sich auszusprechen, mit der Vermeidung, Ich zu sagen.

Als elementare Frage formuliert Saettele: »wie kann ich einen Platz in der Sprache einnehmen, nachdem ich aus dieser, da sie mich entgeistert hat (ich meine damit die sidération), ausgebrochen bin«? Autisten nehmen angesichts dieses Problems zur Sprache eine dezentrierte Stellung ein; sie bleiben »auf der Schwelle zur Sprache Verhaftete« (Henri Rey-Flaud). Sie weigern sich, ihr Sein sprachlich einfach preiszugeben; Ethiker des Wortes, ist ihr Schicksal tendenziell das Verstummen.

von Michael Leitz

Der mit allem sympathisierende Maler

Odysseus im Schneesturm des Lebens.

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William Turner wurde von seinen Zeitgenossen als zurückgezogen und unnahbar beschrieben. Wie der Biograph Anthony Bailey (Standing in the Sun) schreibt: »Like an animal, he adopted a defensive posture part of the time.« Die Widersprüchlichkeit von Turners Wesen irritierte seine Umgebung: Er zeigte sich einmal abweisend, einmal gesellig, einmal unfreundlich, dann wieder zuvorkommend. Auffällig war en auch sein Äußeres und sein soziales Auftreten: »He was a confused speaker, a muddled writer, and an artist – sometimes touchingly precise, sometimes blazingly free«. Charles Robert Leslie erinnert sich folgendermaßen an Turner, der ihm dem Kapitän eines Dampfschiffes zu ähneln schien:

Turner was short and stout, and had a sturdy, sailor-like walk. There was, in fact, nothing elegant in his appearance. He might be taken for the captain of a river steamboat at a first glance; but a second would find far more in his face than belongs to any ordinary mied. There was that peculiar keenness of expression in his eye that is only seen in men of constant habits of observation.

Der Oxforder Gelehrte John Ruskin gibt ein weiteres Porträt nach der ersten Begegnung mit dem hochgeschätzten Turner, »the man who beyond all doubt is the greatest of the age; greatest in every faculty of the imagination, in every branch of scenic knowledge; at once the painter and poet of the day«. Das erste Treffen fand am 22. Juni 1840 statt; Ruskin war 21, Turner bereits 65 Jahre alt:

Everybody had described him to me as coarse, boorish, unintellectual, vulgar. This I knew to be impossible. I found in him a somewhat eccentric, keen-mannered, matter-of-fast, English-minded gentleman: good-natured evidently, bad-tempered evidently, hating humbug of all sorts, shrewd, perhaps a little selfish, highly intellectual, the powers of his mind not brought out with any delight in their manifestation, or intention of display, but flashing out occasionally in a word or a look.

Ruskin beschäftigt sich sehr intensiv mit Turners Werk. In Modern Painters schreibt er, je mehr Sympathie ein Maler mit dem Gemalten empfinde, desto gelunger sei auch das künstlerische Produkt: »It is mainly because the one painter has communion of heart with his subject, and the other only casts his eyes upon it feelinglessly, that the work of the one is greater than that of the other.« Die größte Fähigkeit zur Sympathie spricht er, wenig verwunderlich, Turner zu: »he has shown, in casual incidents, and byways, a range of feeling which no other painter, as far as I know, can equal«.

Biographisch belegt ist die von Ruskin beschriebene Sympathie, die den Stil des »Turnerian Picturesque« begründete, durch verschiedene biographische Anekdoten aus Turners Leben. Auf dem Weg nach Burgh Island sitzt der Maler ruhig da, während das Schiff vom Sturm gebeutelt wird: »He sat in the stern sheets intensly watching the sea, and not at all affected by the motion. When we were on the crest of a wave he now and then said … ›That’s fine! Fine!‹«

Einen solchen Sturm hat Turner später auch auf Leinwand gebannt. Er beschreibt das Gemälde Snowstorm im Jahr 1842 im Academy Catalogue mit folgenden Worten: »Steamboat off the harbour mouth making signals, and going by the lead. The author was in this storm the night the Ariel left Harwich.« Ruskin stößt in dieser Beschreibung auf den auffälligen Gebrauch des Wortes »author« an der Stelle des zu erwartenden »artist«. Turner ist derjenige, der das Abgebildete authentifiziert, er hat es mehr gefunden, als dass er das Gezeigte in seiner Imagination erfunden hätte. Sein Bild soll seine faktischen Wahrnehmungen wahrheitsgemäß wiedergeben.

Die Kritk spricht dagegen vom mangelhaften Überblick, den das Bild gewährte: »Where the steam-boat is – where the harbour begins, or where it ends – which are the signals, and which the author in the Ariel … are matters past our finding out.« Sie will das Durcheinander des Sturms aufklären: »before any further account of the vessel can be given, it will be necessary to wait until the storm is cleared off a little. The sooner the better.« Auf Kritik an dem Bild, es wurde auch als »a mass of soapsuds and whitewash« beschrieben, reagierte Turner gereizt. Ruskin erlebte mit, wie Turner diese Kritik erreichte:

after dinner, sitting in his arm-chair by the fire, I heard him muttering low to himself at intervals, »Soapsuds and whitewash!« again, and again, and again. At last I went to him, asking »why he minded what they said?« Then he burst out, »Soapsuds and whitewash! What would they have? I wonder what they think the sea’s like ? I wish they’d been in it.

Nicht der Vorwurf schlechter künstlerische Gestaltung störte ihn, sondern der Vorwurf der Unaufrichtigkeit. Was Turner beobachtet hat, hat er so auch wahrheitsgemäß wiedergegeben. Daran zu zweifeln, steht den Kritikern seiner Meinung nach nicht zu. Aber auch auf Beobachter, die das Meer schon selbst erlebt haben, trifft Turner. Ruskin gibt eine von William Kingsley überlieferte Anekdote wieder:

I had taken my mother and a cousin to see Turner’s pictures, and, as my mother knows nothing about art, I was taking her down the gallery to look at the large ›Richmond Park‹, but as we were passing the ›Snowstorm‹ she stopped before it, and I could hardly get her to look at any other picture; and she told me a great deal more about it than I had any notion of, though I have seen many sea storms. She had been in such a scene on the coast of Holland during the war.

Als Kingsley Turner von dieser Begeisterung berichtet, kommt es zu einer bemerkenswerten Replik: »I did not paint it to be understood, but I wished to show what such a scene was like; I got the sailors to lash me to the mast to observe it; I was lashed for four hours, and I did not expect to escape, but I felt bound to record it if I did. But no one had any business to like the picture.« Unter Lebensgefahr arbeitet Turner an dem Bild, und das nicht, damit es später irgend jemand versteht oder Gefallen daran findet.

Turner lässt sich wie Odysseus, der nicht dem Gesang der Sirenen erliegen will, an den Mast binden. Er nimmt eine Position zwischen reflexiv-beobachtender Distanz und emotionaler Involviertheit ein. Aus dieser Erfahrung entsteht das Gemälde. Niemand kann Turner verstehen, kann empfinden, wie er empfunden hat. Das einzige, was er tun will, ist authentisches Zeugnis seines Erlebnisses ablegen (»record«).

Auf Kingsleys Hinweis, seine Mutter habe eine eigene Erinnerung in Turners Gemälde vom Sturm wiedergefunden, reagiert Turner scharf: »›Is your mother a painter?‹ ›No.‹ ›Then she ought to have been thinking of something else.‹« Niemand kann die identische Sympathie mit den Dingen empfinden; im Sturm des Lebens verharrt man immer für sich alleine.

von Irene Beck