Wozu ein AutismusJournal?

Will man vom »Autismus« reden, muss man von seiner Mitte her sprechen.

Was heißt es, vom »Autismus« zu reden, vom »Autismus« her? Ist »Autismus« überhaupt begrifflich zu entfalten? Und wer soll diese Arbeit wagen, etwa der »Autist«? – Wer sonst aber, als jemand, der im »Autismus« lebt, könnte das Phänomen betrachten? Der »Autismus« erfährt hier nicht nur eine kritische Reflexion; das Vorliegende ist auch im genitivus subjectivus eine Kritik, die der »Autismus« am eigenen Begriff übt. Wenn in dieser Kritik die Rede vom Autismus ist, dann immer nur als durchgestrichene Bezugnahme, was die Referenz als brüchige und kritisierte kennzeichnet.

Eine Betrachtung des Autismus kann nicht anders als autistisch sein. Autismus ist kein einfach beobachtbares Phänomen wie der Flug eines Vogels. Nosologisch ist diese Erscheinung klassifizierbar, aber eben nur phänomenal: der äußeren (›pathologischen‹) Erscheinung nach, deren Beurteilung eine diffizile Angelegenheit ist. Die hier vorgelegte Kritik redet zwar notgedrungen allgemein von dem Autismus; was aber damit erfasst werden soll, ist das Konkret-Allgemeine des Autismus des Verfassers der im Folgenden ausgebreiteten Kritik.

Geht bei anderen Erscheinungen des Geistes, die dem Pathologischen zugeordnet werden, wie etwa bei der Depression oder der Schizophrenie, bei dem Betroffenen die Selbstreflexivität und deren Möglichkeit der Artikulation zunehmend verloren, so wächst im Verlauf des autistischen Lebens die Fähigkeit zu dessen Artikulation. Niemand als der Autist selbst versteht den Autismus und niemand sonst kann ihn adäquat artikulieren. Was Außenstehende vermögen, ist das Phänomen auf einen verallgemeinerbaren, damit immer vulgären Begriff zu bringen. Der Begriff wird dem autistischen Erleben selbst damit aber äußerlich bleiben.

Eine Betrachtung des Autismus wird aus dem autistischen Erleben selber heraus entspringen müssen. Sie handelt damit nicht nur begrifflich vom Autismus, sondern sie ist selbst auch dem Wesen nach autistisch. Bestimmt ist sie von »lauter Ich«, das sich Gehör verschafft. Das Ich mag im Autismus »lauter« sein, indem es einen Bannkreis erzeugt, aus dem herauszukommen oft schwierig ist. Es ist aber auch zugleich »lauter« im Sinne von »geläutert«, verfeinert doch die beständige Selbst-Kritik, die der Autismus mit sich bringt, den Blick auf das eigene Ich.

Die Kritik wird das Vorurteil unterlaufen, das autistische Denken drehe sich nur um sich selbst. Vielmehr erscheint der Autismus prädestiniert dafür, durch die reflexive Distanz eine Nähe zu den Phänomenen zu erlangen – gerade, weil sie sich dem intuitiven Zugriff entziehen. Der Autist erlebt sich selbst und sein eigenes Leben nicht intuitiv. Er ist innerlich wie von Glas überzogen. Es ist eine dem Denken fruchtbare Trennung von der Welt, die eine das Dasein ständig begleitende geistige Anstrengung und Betrachtung provoziert.

Diese Denken wacht jeden Morgen mit dem platonischen Staunen auf, der Urszene geistiger Durchdringung der Welt. Kein Feld, das dem Autisten nicht fremd und rätselhaft wäre. Eines aber fehlt ihm ganz gewiss: der Überblick, der synthetisierende, dabei das Konkrete kühn unterschlagende Blick. Ihm geht die Begabung fürs System ab. So sehr er auch Muster und Strukturen erkennt, so total muss er doch vor der Mannigfaltigkeit der Erfahrungen kapitulieren. Wie allgemein kann also eine Philosophie des Autismus sein, wenn das Allgemeine seinem Blick als unmöglich erscheint – und wenn jeder einzelne Autist anders sieht und empfindet?

Was im AutismusJournal vorgelegt wird, kann nur eine Einladung sein. Eine Einladung, die Welt einmal anders zu erfahren, vor anderen Problemen zu stehen, denen der unüberbrückbaren Distanz zu sich selbst, zu den anderen und zu den Dingen. Es ist ein Denken ohne ethische Implikationen. Das Denken wird autistisch sein, aber ein autistisches Denken, das sich nach außen wendet und öffnet. Diese Kritik stellt keinen Ratgeber im Umgang mit Autisten dar, auch keinen zur Selbsthilfe oder -diagnose, und erst recht keinen medizinhistorischen Abriss oder eine psychiatrische Handreichung. Ihre Lektüre kann an jeder Stelle begonnen und fortgesetzt werden.

Es gibt keinen Autismus; es gibt nur individuelle Erfahrungen von Welt, die man unter diesen Begriff zusammenfasst. Er fasst Gemeinsamkeiten in der neuronalen und phänomenologischen Ausprägung einer Minderheit der Menschen zusammen, ohne dass er in der Lage ist, eine adäquate, differenzierte Beschreibung dessen zu leisten, was er vorgibt zu enthalten. Das Idiosynkratische des Autismus sperrt sich gegen das Allgemeine.

Vor einer neuen, angemesseneren Benennung des Phänomens steht die Revision des alten Begriffes: »Der idiot savant, wie man zuerst den Autisten nannte, wäre als Begriff zu entlasten und vielleicht verwendbar für jene Abenteurer, die anders verbunden sind als nur untereinander. Das Verbundensein wiedererstarkt in der Absonderung. Der Abgesonderte ist ja der idiotes im antiken Wortsinn.« (Botho Strauß, Lichter des Toren)

Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

Die Redaktion