Der große Alienus

Der große Andere und der große Alienus des Autisten stehen sich fremd gegenüber.

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Der große Andere – Lacans symbolische Ordnung – ist die unheimliche Anwesenheit dessen, worin wir uns immer schon bewegen: Das Netz von Regeln, von denen manche präsenter gehalten werden als andere; Regeln, zu denen es auch gehört, über manche Regeln stillzuschweigen, um ihre Einhaltung zu garantieren. Immer nehme ich in diesem Koordinatensystem einen bestimmten Punkt ein, der mir und den anderen hilft, die nötige Orientierung für den Umgang mit dem anderen zu schaffen.

Der große Andere ist selbst in größter Einsamkeit anwesend, d. h. er ist wirksam in allen Handlungen und Gedanken. Diese Virtualität lässt einen niemals dem »man« ganz entrinnen, niemals ganz herausfallen aus dem komplexen System von sozialen Regeln. Individuelle Freiheit kann sich nur in und mit diesem System entfalten; sie besteht wesentlich aus dem Anschein von Freiheit, der entsteht, wenn der Zwang sich als Wahl ausgibt. In den Maschen dieses Netzes kann man durchaus aber auch verloren gehen:

Das gleiche Gefühl der Unzugehörigkeit, des unnötigen Spieles, wohin ich auch gehe: Ich gebe vor, mich für das zu interessieren, was mir gar nichts bedeutet, ich zapple aus Automatik oder Barmherzigkeit, ohne jemals bei der Sache, ohne irgendwo zu sein. Was mich anzieht, ist anderswo, und was dieses Anderswo ist – ich weiß es nicht! (Émile Cioran, Vom Nachteil, geboren zu sein)

Der Ort, wo diese Freiheit ausgehandelt wird, ist die Sprache. Die Beziehung zum großen Anderen ist sprachlich strukturiert. Sprache und soziale Regeln aber sind dem Autisten rätselhaft. Reden, um zu reden; Anschein zu erzeugen, um das Funktionieren der Regeln aufrechtzuerhalten: Alle Akte, die den großen Anderen aufrecht erhalten, erscheinen dem großen Alienus, dem Fremden und Befremdeten, dem Autisten, suspekt.

Der große Andere ist etwas Magisches, nichts, was man über die Vernunft zu erfassen vermag. Er erfordert soziale Intuition, die Aufrechterhaltung um der Sozialität selbst willen. Der Autist aber ist magisch maximal unmusikalisch. Der große Andere bleibt ihm fremd, er will sich frei von seinem Einfluss machen, was freilich nicht gelingen kann. Er sieht die Risse und die Mechanik im symbolischen Gefüge, ohne den Sinngehalt seines Funktionierens intuitiv erfassen und bejahen zu können. Seine Beziehung zum großen Anderen ist distanziert: Er steht zu ihm in reflexiver Distanz, die zwar immer wieder verschwindet – auch er funktioniert –, die ihn aber niemals ganz und gar in dieser Beziehung traumwandlerisch aufgehen lässt.

Die höfliche Verstellung, die als Schmiermittel der symbolischen Mechanik die Wahrheit dieser Einrichtung bestätigt, versteht der Autist falsch: nämlich als Täuschung, die das Gegenteil von Aufrichtigkeit ist. Vielmehr ist sie aber die Wahrheit des Sozialen selbst; Mittel der Dissimulation, sich den anderen vom Leib zu halten und sich ihm zugleich gesellschaftlich zu verbinden. Einverständliche gegenseitige Täuschung ist die soziale Regel schlechthin, die das Aufrechterhalten der Beziehungen, die Wahrheit, immer neu konstituiert.

Das Reale, der Nächste ist für Lacan »das Ding«; seine Anwesenheit ist furchteinflößend, ständige traumatische Drohung, die der Autist ungefiltert erfährt. Sein phantasmatischer Schirm muss besonders gut entwickelt sein, um eine solche Nähe zu ertragen; er flüchtet abwechselnd aus der Realität in die Phantasie und aus der Phantasie, rührt sie zu sehr am Kern des Realen, in die phantasmatisch umschirmte Realität.

Was man laut sagt, was man verschweigt, worauf man insistiert, worauf man verzichtet: All das ist nicht selbst-verständlich, sondern bezieht die Regel erst vom großen Anderen her, dessen Präsenz dem Autisten vage und fremd bleibt. Sein Rückzug von anderen Menschen ist auch der Rückzug vom großen Anderen. Er fühlt sich fremd, wie ein Alien, und auch die anderen bemerken, dass er nicht ganz im großen Anderen, im Koordinatensystem des Sozialen, aufgehoben ist. Die Vermittlung durch den großen Anderen schlägt fehlt und mühsame, andere Strategien des Verstehens müssen an seine Stelle treten.

Diese Kluft aber ist eine kritische. In ihr scheinen die Widersprüche im Symbolischen ungeschönt auf. Nicht länger kann man behaupten, sie nicht zu sehen, wenn erst ein anderer, der Alienus, der dazu die Zeit und das Auge hat, sie vor dem großen Anderen ausgesprochen hat. Er ist die Instanz, die den Mut, die Dummheit, besitzt, eine solche Wahrheit auch gegen die geltenden Regeln auszusprechen.

Man neigt freilich dazu, einen solchen Sprecher in eine vom großen Anderen sanktionierte Rolle, die des Narren oder des Irren, zu bringen und die Wahrheit dadurch zu suspendieren. Man zieht dem nackten Kaiser die Kleider an und legt sich das dicke Fell wieder an. Dann gilt, dass der irrt, der aus der symbolischen Ordnung herausfällt, der auf der logischen und zynischen Wahrheit insistiert, nicht auf der symbolischen. Wie Lacan sagt: Les non-dupes errent, »die Nicht-Genarrten irren«.

von Friedrich Kleinert

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The Autist is present

Der Autist ist ganz der Gegenwart anheim gefallen.

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Die Präsenz des Leibes und der Zeit: In Marina Abramovics Performance, in der sie monatelang auf einem Stuhl im New Yorker MoMa einzelnen Besuchern schweigend und regungslos gegenüber saß, konfrontiert sie diese mit ihrer reinen, überwältigenden Gegenwart, die alles Tun der Welt als nichtig zeigt. Ihre Präsenz erschüttert die Existenz des Betrachters, der sich seiner plötzlich inne wird. Der Autist findet sich einer ähnlich intensiven Präsenz Stunde um Stunde ausgesetzt.

Er hat einen intensiven Bezug zur Gegenwart, der sowohl das Festhalten an Vergangenem als auch die Orientierung an der Zukunft zurückstehen lässt. Wie ein Tier tendiert er dazu, in der Gegenwart zu ruhen. Das Verhältnis zur Welt und sich selbst lässt sich analog zu den vier brahmischen Geisteszustände (apramãnas) der buddhistischen Tradition fassen: Wohlwollen (Maitrî), Mitleid (karunã), Freude (muditã) und Gleichmut (upekkhã).

Die systematische Kultivierung der vier Geisteszustände bereiten dem Buddhisten den Weg zur Erlösung von der leidvollen Existenz. Neben der emotionalen Erfahrung geht es um die Einsicht in das wahre leidvolle und nichtige Wesen der Welt und dem Kreislauf der Wiedergeburt. Die Ethik, die in den apramãnas aufscheint, zeigt eine Wesensverwandtschaft mit bestimmten Zügen des autistischen Erlebens.

Maitrî wirkt Feindschaft, Übelwollen und Hassgefühlen entgegen und fördert eine liebvolle, wohlwollende Haltung gegenüber allen Lebewesen. Es ist Freundschaft und Geduld. Es ist Wohlwollen sich selbst und der Welt gegenüber. Karunã, das Mitgefühl, betrifft das Leiden anderer Lebewesen. Es umfasst die emotionale Betroffenheit beim Anblick des Leidens, den Impuls, das Leid zu verringern, und die Geisteshaltung und Ausstrahlung, die gegen den Wunsch zu schaden und grausam zu sein, arbeitet.

Mit-Leid kann aber auch in Kummer und in depressives Schmerzgefühl oder in Hass gegen die Unheilsursachen ausarten. Der Gleichmut upekkhã versucht, diese heilshinderlichen Zustände abzufangen. Muditã wiederum soll dazu führen, allen Lebewesen als Freunden zu begegnen, die man gerne sieht. Sie wirkt damit den negativen Folgen von Karunã entgegen: Sie soll den durch die Erfahrung des nicht abwendbaren Leidens anderer niedergedrückten Geist wieder aufheitern.

Upekkhã ist weder eine positive noch eine negative Haltung. Der Gleichmut hängt eng mit der Aufmerksamkeit, dem Betrachten, zusammen. Er baut alle falsche leidenschaftliche Bindung an die Welt und leidvolle Verstrickung in diese ab. Auch die Upekkhã selbst gilt es noch, als leidhaften Geisteszustand zu überwinden. Die Distanz zur Welt ist selbst noch aus der Distanz zu betrachten: Um ganz und gar zu erkennen und in dieser Erkenntnis Erlösung zu finden. Das heißt, vornehm zu leben, jenseits von Gut und Böse:

Mit einer ungeheuren und stolzen Gelassenheit leben; immer jenseits –. Seine Affekte, sein Für und Wider willkürlich haben und nicht haben, sich auf sie herablassen, für Stunden; sich auf sie setzen, wie auf Pferde, oft wie auf Esel: – man muss nämlich ihre Dummheit so gut wie ihr Feuer zu nützen wissen. Seine dreihundert Vordergründe sich bewahren; auch die schwarze Brille: denn es giebt Fälle, wo uns Niemand in die Augen, noch weniger in unsre »Gründe« sehn darf. Und jenes spitzbübische und heitre Laster sich zur Gesellschaft wählen, die Höflichkeit. Und Herr seiner vier Tugenden bleiben, des Muthes, der Einsicht, des Mitgefühls, der Einsamkeit. Denn die Einsamkeit ist bei uns eine Tugend, als ein sublimer Hang und Drang der Reinlichkeit, welcher erräth, wie es bei Berührung von Mensch und Mensch – »in Gesellschaft« – unvermeidlich-unreinlich zugehn muss. Jede Gemeinschaft macht, irgendwie, irgendwo, irgendwann – »gemein«. (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. Was ist vornehm? Aufzeichnung 284)

von Maria Holm

Die Erschaffung einer Sonnenblume

»Sei kreativ!« – »Wie denn nicht?«

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Während Simon Baron-Cohen den Autismus als extreme Ausprägung des männlichen Gehirns zu erklären versucht (The Essential Difference), sieht der Psychiater Michael Fitzgerald (The Genesis of Artistic Creativity) in ihm die Entstehung von Kreativität überhaupt begründet. Ihm geht es primär um die Diagnose und Beschreibung der Symptome berühmter Persönlichkeiten, unter ihnen Vincent van Gogh.

Wenn man die Frage nach der neurologischen Basis weiter fasst, kommt in den Blick, dass neurologische Besonderheiten, welche mit ungewöhnlicher Kreativität einhergehen, wie auch Tourette, Parkinson, ADHS und Schizophrenie mit einer verminderten latenten Inhibition zusammenhängen könnten. Der Begriff bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, Reize unbewusst filtern zu können, sich auf bestimmte zu konzentrieren und andere auszublenden, also zwischen wichtigen und unwichtigen Reizen zu selektieren. Kreativität heißt, dass die normale Filterung gestört wird. Ist sie aber immer durchlässig, ist das Gehirn auch immer kreativ, befindet sich im permanenten Ausnahmezustand.

Der Ansturm der Reize von Innen und Außen zwingt dazu, mit den Reizen kreativ umzugehen; sie können nicht einfach unbewusst sortiert und ad acta gelegt werden. Die Welt erscheint in ihrer ungefilterten Gewalt. Die Sinnesorgane sind nicht nur dazu da, die Welt zu erschließen, sondern auch dazu, sie zu verschließen. Kann derjenige, der ihr ausgeliefert ist, dem Chaos mit Strukturierung begegnen, wird die Kreativität produktiv. Gelingt das nicht, wirkt die verminderte latente Inhibition destruktiv. Die Psychologin Shelley Carson hat das vor allem in Hinblick auf die Schizophrenie untersucht.

Van Gogh wurde zum Prototyp des scheiternden Künstlers der Moderne. Seine Kunst wird als Notwehr gegen die Welt verstanden, in der er sich kaum zurechtfand. Seine Biographie ist geprägt von Rückzug, Konflikten, der Abhängigkeit von seinem Bruder Theo. Auch seine Versuche, Teil der Gemeinschaft der einfachen Leute zu werden, schlug fehl. All diese Mängel der Lebenspraxis habe Vincent in seiner Kunst und Kunstreflexion kompensiert, sei schließlich aber dem eigenen Genie erlegen. Die Wirklichkeit sei in den Werken – und in seinem Leben – immer mehr zurückgetreten hinter der unzugänglichen, subjektiven Sphäre.

Das Gemalte aber will sich dem Betrachter mitteilen: »Die Maler begreifen die Natur & haben sie lieb & lehren uns sehen« (1874). Die Malerei ist für van Gogh rastlose Arbeit: »wenn ich nichts tue, wenn ich nichts lerne, wenn ich nicht mehr suche, dann bin ich verloren« (1880). Im gleichen Jahr beschreibt er die Folgen einer solchen intensiven Vertiefung in sein Metier:

Nun ist der, der sich in all das vertieft, manchmal anstößig, shocking für die anderen, und ohne es zu wollen, versündigt er sich mehr oder weniger gegen bestimmte Formen und Sitten und gesellschaftliche Konventionen. Trotzdem ist es traurig, wenn man ihm das übelnimmt. Du weißt zum Beispiel genau, daß ich oft mein Äußeres vernachlässigt habe, das gebe ich zu, und ich gebe auch zu, daß das shocking ist. Aber dafür sind Geldmangel und Elend verantwortlich, und dann ist auch eine tiefe Mutlosigkeit schuld daran, und manchmal ist es auch ein geeignetes Mittel, um sich die nötige Einsamkeit zu sichern, damit man sich mehr oder weniger in das eine oder andere Studium, das einen beschäftigt, vertiefen kann.

Vicent deutet gegenüber dem Bruder an, dass er selbst ein »Nichtstuer wider Willen, der innerlich von einem großen Wunsch nach Tätigkeit verzehrt wird«, sei. Er sei jemand, »der nichts tut, weil es ihm völlig unmöglich ist, etwas zu tun, weil er wie im Gefängnis ist, weil er nicht hat, was er bräuchte, um produktiv zu sein, weil die unglücklichen Umstände ihn dazu machen«. Hätte er nur die rechten Produktionsbedingungen, ein solcher »Nichtstuer« könnte etwas aus sich machen, denn er »weiß oft selbst nicht, was er tun könnte, aber er fühlt instinktiv, ich bin trotzdem zu irgend etwas gut! Ich spüre meine Daseinsberechtigung!«

Das Dasein des Malers macht aus, die Natur zu zeigen, wie er sie sieht: »Zwar wende ich der Natur absolut den Rücken zu, wenn ich eine Skizze zu einem Bild umarbeite, die Farben bestimme, vergrößere oder vereinfache, aber was die Formen anbetrifft, habe ich Angst, vom Wirklichen abzuweichen, nicht genau genug zu sein«. Van Gogh ist der Realität treu, wie er sie wahrnimmt: »es kümmert mich weniger, ob meine Farben buchstäblich genau dieselben sind, wenn sie nur schön auf meiner Leinwand wirken, ebenso schön, wie sie im Leben wirken« (1885). Sein Schaffen ist »ein Sichdurcharbeiten durch eine unsichtbare eiserne Wand, die zwischen dem, was man fühlt, und dem, was man kann, zu stehen scheint«; diese Wand muss man »untergraben und durchfeilen, langsam und mit Geduld« (1882).

Die »Vier verwelkten Sonnenblumen« von 1887, wahrscheinlich, wie Van Gogh im Jahr 1888 schreibt, »von Sonnenaufgang an« gemalt, weil die Blumen rasch welk werden und »man das Ganze in einem Zug machen muß«, wenden die Schnittkanten dem Betrachter zu. Dadurch ist derjenige, der sie geschnitten hat, im Bild präsent. Die rechte Blume wendet ihren Kopf weg, während die anderen tournesols sich im Verwelken noch dem Licht zuwenden. Der Sonnenblumenmaler van Gogh, wie Paul Gaugin ihn nannte, malt das Züngeln der Zeit an den Blüten, die Sonnenblumen, wie sie auf ihn wirken »durch eine unsichtbare eiserne Wand«. Sein intensiver Blick nimmt mehr wahr an den Dingen. Er ist realistischer.

Eine der vier Sonnenblumen liegt vom Betrachter und vom Licht abgewandt im Hintergrund. Die linken drei Blumen haben im Licht der Sonne Kerne gebildet, die rechte verbirgt sie. Vielleicht sah die vierte ein Zuviel an Licht, sodass sie sich abwenden musste. Ihr Antlitz, ihr widerständiges Entgegenleuchten, konzentriert sich flammend in der Schnittkante, die in die den anderen entgegengesetzte Richtung weist. Sie kehrt sich ab von der Gemeinschaft. Im Rückzug berührt sie in der »Symphonie in Blau und Gelb« doch kaum die Nachbarn, deren Stängel ins transzendente Blau ragen. Van Gogh zeigt drei Sonnenblumen und eine, die Welt und sich selbst.

von Anonymous

 

 

Manuskripteinreichung

Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

 

 

 

 

In Toleranz

Zur (Des-)Integration des Autismus.

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Kann der real existierende Autismus, sofern er nicht als postmoderne politische Subjektivierung unter vielen verstanden wird, dabei helfen, die Frage nach dem ökonomischen System radikal zu stellen? Die gängige Politisierung des Autismus als Sonderinteresse verhindert jede vollwertige Anerkennung als Seinsmodus. Die im prekären Verhältnis von Autismus und Arbeitsfähigkeit aufscheinende Kritik, die letztlich auf die Notwendigkeit einer Revision des Wirtschaftssystems hinausliefe, wird schlicht unterschlagen.

Auch der Autismus fällt so der Entpolitisierung der Ökonomie zugunsten der Politisierung der Partikularinteressen (Veganismus, Homosexualität, Ethnie, Feminismus etc.) zum Opfer, deren Sprachrohre damit im falschen Bewusstsein, mit dessen nur scheinbarer Aufhebung sie sich zufrieden geben, gefangen bleiben. Der Autismus wird in die gültige Logik des Kapitalismus integriert; man überlegt, wo Autismus in der Wirtschaft funktional ist (›Bildung‹ hat das gleiche Schicksal), wo er doch viel mehr das Potential birgt, das Wesen der Wirtschaft selbst zu verändern, wie auch den Begriff von Arbeit:

Die wahre Arbeit, die eine fortwährende Verklärungstätigkeit sein könnte, sinkt zu einer Betätigung der Entäußerung, des Austritts aus dem Zentrum des Wesens herab. Es ist bezeichnend, daß in der modernen Welt die Arbeit auf eine ausschließlich äußere Tätigkeit hindeutet. Deshalb verwirklicht der Mensch nicht sich durch sie, sondern er verwirklicht irgend etwas. Der Umstand, daß jeder Mensch einer Karriere nachgehen, in irgendeine Lebensform, die ihm fast niemals entspricht, eintreten muß, ist Ausdruck der Vertrottelungstendenz durch Arbeitswut. (Émile Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung)

Stellt nicht der Autismus den Menschen als homo oeconomicus überhaupt in Frage, weil Autismus keine Krankheit ist, sondern eine andere Seinsform des Menschen? Seine Integration ins kapitalistische System ist ein weiteres Beispiel der Absorbierung des kritischen Potential eines Phänomens. Seine subversive Kraft wird weg geschliffen, indem es in den gängigen Fürsorge-Diskurs der Politik eingegliedert wird:

all diese unaufhörliche Aktivität flüssiger, sich verwandelnder Identitäten, die sich der Herstellung von vielgestaltigen ad-hoc-Koalitionen und so fort widmen, hat etwas Unechtes an sich und gleicht letztlich dem Zwangsneurotiker, der unaufhörlich daherredet und auch sonst fürchterlich aktiv ist, gerade um zu vermeiden, dass etwas – etwas, das wirklich zählt – nicht gestört wird, und weiter hübsch still hält. Anstatt also die neuen Freiheiten und Verantwortlichkeiten zu bejubeln, die uns eine »zweite Moderne« beschert hat, ist es viel wichtiger, sich auf dasjenige zu konzentrieren, was in dieser ganzen globalen Verflüssigung und Reflexivität dasselbe bleibt, was diesem Im-Fluss-befindlichen als eigentlicher Antriebsmotor dient: die unerbittliche Logik des Kapitals. (Slavoj Žižek, Ein Plädoyer für die Intoleranz)

Eine linke Position bezöge sich, anstatt sich in Einzelkämpfen aufzureiben, auf etwas Universales, »das strukturell deplaziert, ›aus den Fugen‹ ist«. Der Autismus ist solch ein Element: »Die universale Dimension ›scheint durch‹ das symptomatische deplazierte Element hindurch, das dem Ganzen angehört, ohne eigentlich Teil von ihm zu sein« (Žižek). Die gegenwärtige Rede über den Autismus steht immer in Gefahr, ins Partikulare abzugleiten und die eigentliche Sache dadurch zu verfehlen. Die Bewegung jeder Forderung muss sein, den Autismus als den Fremdkörper im gesellschaftlichen Gefüge kenntlich zu machen, der er bleibt, solange nicht das Gefüge selbst sich neu konstelliert.

Trägt er nicht das Potential in sich, die allgemeine Ordnung zu hinterfragen, indem er ihr Verdrängtes ist, das ans Licht kommt, eines ihrer Symptome und Teile, »die, obgleich sie der existierenden universalen Ordnung inhärent sind, keinen ›eigentlichen Platz‹ in ihr finden« (Žižek, Ein Plädoyer für die Intoleranz)? Das reale Risiko besteht nicht in Diskrimierung, sondern vielmehr darin, dass die Inklusion ein noch viel größeres Übel als gesellschaftliche Intoleranz von der Kritik ausschließt; dasjenige, was einer Änderung bedarf, das besonders an dem, was an Unbekanntem im Vertrauten hervortritt, sichtbar wird, nämlich an der Arbeitswelt selbst. Es ist das Fremde, das in Frage stellt, worin sich die Heimischen längst eingerichtet haben:

Die Menschen arbeiten gemeinhin allzu viel, um noch sie selbst zu sein. Die Arbeit ist ein Fluch. Doch der Mensch hat diesen Fluch in eine Wollust umgemünzt. Aus allen Kräften und nur um der Arbeit willen arbeiten, sich an der Anstrengung laben, die unweigerlich zu belanglosen Errungenschaften führt, sich vorstellen, daß man sich nur durch objektive und unausgesetzte Arbeit verwirklichen kann, darin liegt das Empörende und Unbegreifliche. Die beharrliche und ununterbrochene Arbeit verblödet, trivialisiert und entpersönlicht. (Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung)

von Nikolas Weber

Von der Tiefe ausgehen

Auch in der Psychoanalyse ist der Autist ein Fremder.

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Michael Turnheim sieht im Autismus eine Herausforderung, »die nicht mehr darauf beruht, das Menschliche durch scharfe Gegensätze und Grenzen zu definieren« (Das Scheitern der Oberfläche: Autismus, Psychose und Biopolitik) Ihm geht es darum, »energisch die grundsätzliche Menschlichkeit der autistischen Eigenarten zu behaupten.« Was zunächst befremdlich klingt, zielt in die Tiefe des autistischen Erlebens.

Die Psychoanalyse stellt der kognitivistischen mindblindness-theory eine Sichtweise entgegen, die von der radikalen und universalen Fremdheitserfahrung des Autisten seinen Ausgang nimmt. Turnheim sieht eine nicht ausgelöschte Heterogenität in der psychischen Struktur am Werk, die das Sprechen als das Sprechen eines anderen und den eigenen Leib als den eines anderen charakterisiert.

Beim Autisten kommt es »zu einer viel massiveren Konfrontation mit Fremden« als bei der psychischen Entwicklung der anderen. Das Fremde ist nicht nur der andere, sondern auch die eigene Stimme oder der eigene Körper. Turnheim erklärt diese Erfahrung »von einer allgemeinen Struktur her, die sowohl das ›normale‹ als auch das ›pathologische‹ Verhalten zu produzieren imstande ist«. Der kognitivistische Begriff von Fremdheit erfährt in dieser Konsequenz eine Radikalisierung:

Die Unfähigkeit, zutreffende Schlüsse hinsichtlich dessen zu ziehen, was sich im Kopf anderer abspielt, würde also nicht als isolierte Störung (oder, weitere Hypothese der Kognitivisten, als Folge des unzureichenden Funktionierens eines »zentralen Denkprozesses«) anzusehen sein. Sie würde eher mit einer zunächst bestehenden Unmöglichkeit, sich gegenüber mehr oder weniger allgegenwärtigem Fremden hinreichend zu schützen, zusammenhängen.

Die Auslöschung des Eigenen im Fremden misslingt, sodass die Selbstaffektion nicht rein ist. Auch Donald Meltzer sieht beim Autismus ein Scheitern der projektiven Identifizierung, die eine klar begrenzte Heterogenität im Eigenen herstellt. Autismus ist daher nicht »einer Abwesenheit intellektueller, oder neurologischer Fähigkeiten zuschreiben«, bemerkt Turnheim. Was vorliegt, ist eher eine »Modifikation« oder ein »Ausbleiben jener ersten Spaltungsprozesse […], welche die Bedingung für einen bestimmten Umgang mit Heterogenität darstellen.«

Wenn die Spaltung, »durch welche inneres Fremdes, bevor es projiziert wird, als lokalisierbar zu erscheinen vermag«, nicht durchgeführt wird, gelingt die »Herstellung von Gewissheit über die Absichten des anderen« nur schlecht. Dem Autisten erscheint das eigene Physische nicht als eigener »Leib«, sondern als fremder »Körper« (in Husserls Terminologie). Das Fremde erscheint in der Folge überall; es ist nicht klar abgegrenzt:

Im »Normalfall« entstehen die Phänomene anscheinend reiner Selbstaffektion aufgrund der Auslöschung bereits in identifizierbarer Weise in Wirkung getretener Hetero-Affektion. Im Autismus schließt diese Allgegenwart des Fremden solche Auslöschung prinzipiell aus, was zu dem hoffnungslosen Versuch führt, eine Domäne dieseits des dauernden Einbruchs von Heterogenem zu kontrollieren. Wesentlich ist hier aber, dass dasjenige, was einbricht […] normalerweise vergessener Fremdheit entspricht.

Es kommt zur ständigen Ablagerung von Fremdem im Reizoffenen, sodass sich der Autist daraufhin als Ermöglichung einer Öffnung zur Umwelt hin verschließt, wie Meltzer beobachtet. Die Einkapselung gegenüber der Außenwelt bildet den Reizschutz, auf dem angesichts der Überreizung überhaupt Reagibilität stattfinden kann. Es ist die »ursprüngliche und ungefilterte Überschwemmung durch Fremdes insgesamt, die dann zu sekundären Abkapselungsreaktionen führt«, bemerkt Turnheim.

Die radikale Erfahrung der Fremdheit, die jeder macht, kann der Autist nicht vergessen: dass die eigene Hand im Handeln schon nicht mehr ihm gehört, dass er »sich die bereits die Heterogenität des Signifikanten voraussetzende Stimme nicht wiederanzueignen vermag«. Das Sprechen ist daher nicht wiederbelebtes Sprechen, »in dem der schriftliche, das heißt letztlich ›tödliche‹ Aspekt von Sprache insgesamt in den Vordergrund rückt«.

Die Bevorzugung der Schrift und des pseudoschriftlichen Sprechens leitet sich ab von dem »Ausbleiben der Auslöschung des Zeichens, wodurch dessen normalerweise dem Vergessen anheim fallende Fremdheit manifest wird.« Niemals aber kann es beim Menschen eine »reine« Selbstaffektion geben, niemals ist das Fremde völlig ausgelöscht. Im Autismus bleibt dieses Fremde immer präsent.

Der Autist hat daher auch ein problematisches Verhältnis zur Repräsentation und will nicht im Sprechen »Kraft gegen eine Form« eintauschen (Jacques Derrida). Er bringt immer wieder ins Gedächtnis, dass Sprechen eine Wiederbelebung ist, die erst »nach jenen Abtötungswirkungen erfolgt, die das Schriftliche an Sprache überhaupt auszeichnen«. Der Autist will diese Abtötung nicht mitmachen:

Er ist nicht bereit, seine eigene Vernichtung zu akzeptieren um »normal« sprechen zu können. Die Verweigerung einer solchen Verwandlung bringt die »anomale« Freilegung dessen mit sich, was an Sprache überhaupt von ursprünglicher Schriftlichkeit abhängt. In Bezug auf die folglich im Autismus vorherrschende Funktion des Buchstabens und der »ursprünglichen Gewalt von Schrift« wäre die etwa bestehende schützende Funktion einer Beschränkung auf Schreiben als sekundär einzustufen.

Autisten vergessen nicht, dass die Sprache niemals ihre eigene ist, dass sie immer fremd und in gewissem Sinne tot ist. Das zeigt sich im Wiederholen der Worte oder daran, dass sie gar nicht sprechen oder nur manchmal das Schweigen brechen. Turnheim sieht darin eine »radikale Weigerung«. Autisten wissen, »dass die Worte nicht ihnen gehören und erinnern uns in unerträglicher Weise an diese Wahrheit. Statt zu sprechen, beschränken sie sich darauf, zu zeigen, dass Sprache immer Wiederholung und Tod mit sich bringt.«

von Anonymous


Manuskripteinreichung

Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

Planeten

Auf seiner Bahn durchs Universum irren.

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Planeten sind Wandelsterne, die durch den schönen Kosmos ziehen. Von einem fixen Punkt aus betrachtet, erscheint das All als von sinngesättigten Gesetzen durchregierte Konstellation. Während die meisten einen solchen festen Punkt haben – nennen wir das die fixe Idee des Sonnensystems – sind Autisten in etwas einbegriffen, was man in Abhebung dazu als Planetensystem bezeichnen könnte. Ihre Ordnung geht von der Vielfalt aus, den tausend Bahnen, Abstoßungen und Attraktionen im Gefüge dessen, was, ist man Teil dieses Ganzen, zugleich als Chaos erscheint.

Die Perspektive der Planeten (daheim auf immer dem falschen Planeten) ist in sich vielfältig. Verbunden sind die Planeten durch ihre Gattung, so unterschiedlich ihre Bahn auch sein mag. Jeder Planet ist mit anderen Wünschen und Wahrnehmungen besiedelt, hat sich ein anderes Ziel gesetzt, ist andere Wege gegangen. Jeder ist eine Welt für sich, unterwegs zwischen den tausend anderen Welten, die er täglich passiert. Der Autismus ist nicht einfach Abschottung gegen die Welt; er ist eine Existenz, deren Welterfahrung sehr eigen ist, weil sie sich von denen der anderen unterscheidet. Alles ist durch eine gewisse, unabweisbare Differenz bestimmt, die über den Horizont des »Man« hinausgeht. Der Blick ist ein anderer:

wenn gerade der Psychiater darauf angewiesen ist, über die Schranken und Aporien seiner Wissenschaft hinauszuschauen und die Ganzheit des Seins der seinem Verstehen und seiner Behandlung anvertrauten Menschen in den Blick zu bekommen, öffnet ihm die Daseinsanalytik den Horizont für einen solchen Blick. Denn in ihr ist der Horizont gleicherweise frei für das Verständnis des Menschen als kreatürliches oder natürliches Sein, wie als gemeinschaftsbestimmtes oder geschichtliches Sein, und zwar aus einer Seinsschau, also ohne daß es zu einer Trennung kommt von Leib, Seele und Geist. (Ludwig Binswanger, Die Bedeutung der Daseinsanalytik Martin Heideggers für das Selbstverständnis der Psychiatrie)

Autismus ist ein Dasein, nicht die Zutat zu einer Existenz, die davon unabhängig existieren könnte. Eine Welt, möglich und unmöglich zugleich; autonom bis zu den Grenzen der heteronomen Einrichtungen, die ihre Freiheit beschneiden; separiert hin zu den tausend anderen Welten, mit denen es doch eine Einheit bildet. Das Dasein ist als geworfenes, durchstimmt, das heißt umfangen, benommen und durchschwungen vom Seienden im Ganzen. Infolgedessen ist es auch in seinen Weltentwürfen nicht »frei«. Seine »Ohnmacht« zeigt sich hier darin, daß ihm durch die Eingenommenheit vom Seienden, durch seine Faktizität, gewisse Möglichkeiten seines In-der-Welt-sein-Könnens entzogen sind, wenn auch gerade dieser Entzug es ist, der dem Dasein wiederum seine Macht verleiht; denn er ist es, der ihm erst die »wirklich« ergreifbaren Möglichkeiten des Weltentwurfs entgegenbringt.

Die Würde des Menschen besteht – sofern diese Begründung nicht auch tautologisch ist – in der Dignität, für sich eine eigene Welt zu besitzen. Wie das Ineinander von Objektivem und Subjektiven, das darin eingeht, auch immer strukturiert und in sich gewichtet ist, diese Welt ist ein irreduzibles Ganzes. Bestimmt ist sie von ganz eigenen Möglichkeiten, nicht von einer Programmierung; sie ist Dasein, nicht Maschine.

von Markus Riedl

Spektrum des Schreibens

Die Aufgabe ist: Das Leben nicht abweisen.

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So viel Einsicht es auch gewährt, wenn man sich selbst als Autist erkennt, so wenig ist damit schon getan. Die Erkenntnis zieht nicht die Bewältigung des Problems nach sich. Vielmehr erkannt man, dass dieses Problem immer gewahrt bleiben wird, dass man sich ein Leben lang daran abarbeiten muss. Schreiben ist nur eine von vielen denkbaren Formen, mit der Aporie umzugehen.

Autistische Literatur hat signifikante Merkmale (Julie Brown führt das in ihrer Studie Writers on the Spectrum: How Autism and Asperger Syndrome Have Influenced Literary Writing aus). Die Figurengestaltung zeigt die Unsicherheit in der Beherrschung der sozialen Codes, das Problem der Kommunikation sowie die Orientierung an Mustern, welche die autistischen Autoren gleichwohl durchbrechen und verändern, und den Niederschlag der speziellen sensorischen Wahrnehmung auf die Beschreibung der Welt.

Diesen Schriftstellern geht es nicht um die Story, sondern viel mehr um (sprachliche) Details. Symbolik und Assoziationen herrschen vor. Das dominierende Thema ist das des Befremdlichen, des außenstehenden Beobachters, der alles merkwürdig und bemerkenswert findet. Auf den common sense nehmen diese Autoren wenig Rücksicht und geben viel von ihrer Individualität ins Schreiben hinein. Zu diesen Schriftstellern gehören Hans Christian Andersen, Lewis Caroll oder James Joyce.

Materialiter schlägt sich das autistische Schreiben in unübersichtlichen, unordentlich geschriebenen Notizen nieder; in einem chaotischen Schaffensprozess, der von Collage, von Einfügen und Ausschneiden geprägt ist. Franz Kafkas Schreiben gehört in diesen Zusammenhang. Es ist ein Schreiben, das um Worte kreist, das sich treiben lässt, um irgendwann eine Erzählung aus dem zunächst in Notizheften Festgehaltenem auszuschneiden. Kafkas Die Abweisung ist die Erzählung einer autistischen Grenzerfahrung; sie ist als Teil des Bandes Betrachtung eine Betrachtung über die Unmöglichkeit der Begegnung.

Die kleine Erzählung beginnt mit der Imagination einer Begegnung mit »einem schönen Mädchen«, welches das poetische Ich Folgendes bitten würde: »Sei so gut, komm mit mir«. Wenn sie aber »stumm vorübergeht, so meint sie damit«, was der Erzähler in wörtlicher Rede im Anschluss wiedergibt, nämlich, dass er weder vornehm, noch exotisch noch anders in irgendeiner Art interessant sei. Das schöne Mädchen entzieht sich in der Phantasie des Erzählers der Bitte, mit ihm zu kommen, sowie dem unverblümten Befehl, ihm gut zu sein.

Der zwischen Bitte und Befehl schwankende Anruf misslingt, weil er gewaltsam ins Sein des anderen eingreifen will, weil er die erotische Konnotation schon zu deutlich in sich trägt und so explizit wird, was im gesellschaftlichen Triebhaushalt implizit verhandelt wird. Das Mädchen muss stumm vorübergehen. Die Pointe liegt darin, dass er die Abweisung durch sein inneres Reden vorwegnimmt, sodass er sich es erspart, seine Phantasie in die Realität umsetzen zu müssen.

Diese Furcht zeigt sich auch darin, dass er seinerseits Einwände gegen eine Begegnung mit dem Mädchen vorbringen muss, das keine Berühmtheit oder Königin und bei näherem Hinsehen so schön auch gar nicht sei. Das Fazit versöhnt den Feigen mit sich selbst. Eine Begegnung wird als ganz und gar unmöglich herbeigeredet. Die reale Begegnung birgt schließlich die Gefahr der Enttäuschung in sich, daher ist sie zu vermeiden. Dass eine solche »Abweisung« aber »nicht wahr« ist, tritt »unwiderleglich bewußt« zutage: »Ja, wir haben beide recht und, um uns dessen nicht unwiderleglich bewußt zu werden, wollen wir, nicht wahr, lieber jeder allein nach Hause gehn.«

Der Autist entwirft ständig Text für dieses Spiel, das er nicht versteht, aber zu begreifen beginnt: Es ist Ernst, dem man sich kaum entziehen kann. Der Innenraum rüstet sich durch dieses imaginäre Probehandeln gegen die Überraschung durch die unberechenbare Außenwelt. Der Autist erfährt Überrumpelungen leichter und schockhafter als andere. Er nimmt sie in größerer Intensität wahr, gleichgültig, ob sie liebevoll oder aggressiv sind: Es sind Überwältigungen, die bedrohlich erscheinen, weil sie ein Durcheinander verursachen; die Koordinaten des sozialen Gefüges, in dem sich der Autist eh nur schwer zurechtfindet, labyrinthisch werden lassen.

Näherung und Abwendung sind für ihn oft eine einzige Bewegung. Die übers Fiktionale laufende Simulation des Sozialen zielt aber nicht ausschließlich auf Vermeidung, sondern viel mehr gerade auf dessen Verwirklichung. Die imaginären Begegnungen machen reale erst möglich und wappnen den Autisten dafür, diese zu bewältigen, auch wenn er nach fast jeder menschlichen Begegnung allein »nach Hause« gehen muss.

von Wiebke Schmittner