Teamgeist

Fiktive vs. reale Teams

Pixabay_ Reimund Bertrams

Als Kind mochte ich Fernsehserien mit Teams besonders gerne. Mich hat die Idee fasziniert, dass jeder Einzelne Stärken und Schwächen hat, dass individuelle Schwächen akzeptiert und die individuellen Stärken so gesehen und genutzt werden, dass am Ende ein Ziel nur durch Zusammenarbeit erreicht werden kann. Dieser Teamcharakter zeigte sich zum Beispiel in „Teenage Mutant Ninja Turtles“:

Leonardo: ein natürlicher Anführer, manchmal zu stur und ziemlich egozentrisch.
Raphael: wütend, impulsiv, aber auch der Komiker des Teams.
Michelangelo: sehr kindisch, aber lebenslustig, loyal und stark.
Und mein persönlicher Favorit als Kind, Donatello: der ungeschickte Wissenschaftler.

Ja, sie sind in gewisser Weise stereotyp, aber ich finde die Kernbotschaft wichtig: dass völlig unterschiedliche Charaktere gemeinsam ein funktionierendes Team bilden, ohne ihre Unterschiede zu verspotten und die Stärken des Einzelnen zu betonen. Dieses vielfältige Team arbeitet noch besser, als wenn jede Schildkröte allein arbeiten würde. Sie hat mir wirklich gefallen. Die Idee von diversen Teams. Dieses Muster wurde in fast allen Kinderserien der 80er und 90er Jahre, wie z.B. „Ghostbusters“ oder „Sailor Moon“, wiederholt.

Die erschreckende Erkenntnis kam, wenn man die Fiktion mit der Realität verglich: Die Vielfalt der beliebten Kinderserien war keineswegs realitätsnah. Im wirklichen Leben wurden Konformität und Homogenität als Ideal propagiert. Die Anderen werden ausgeschlossen, gemobbt oder bestenfalls als Maskottchen von oben nach unten geschleppt. Ein ideales Team besteht in Wirklichkeit nur aus „Leonardos“, Menschen, die vorgeben, Leonardo zu sein, Menschen, die Leonardo nachahmen und Menschen, die Leonardo gehorchen … Es gibt keinen Platz für Donatellos Weltbild, Raffaels Art zu sein oder Michelangelos Meinung in realen Teams.

Die Macht der Sprache und des Framings

Bis vor kurzem konzentrierte sich die Psychologie vor allem auf „Schwächen und Defizite“, anstatt bestehende Stärken zu stärken und hervorzuheben. Und auch heute noch, sowohl in der Pädagogik als auch in der Psychologie, ist die eigene und gegenseitige Akzeptanz nicht das Ziel. Stattdessen gibt es Diagnosen, die hauptsächlich auf Defiziten basieren. Selbst mögliche Stärken werden neu definiert, so dass sie nur als Schwächen erscheinen.

Einige der so genannten „Defizite/Schwächen“ des Autismus-Spektrums sind eine Frage der Interpretation, der Definition, des Kontextes. Und die Mehrheit, die Neurotypischen, definieren den Status quo: Was normal ist, ist gut. Bei uns Autisten ist es so, dass alle unsere „Unterschiede“ negativ interpretiert werden, obwohl einige Eigenschaften je nach Standpunkt auch als positiv angesehen werden können.

Als Gedankenexperiment habe ich nun einige typische Persönlichkeitsmerkmale von autistischen und neurotypischen Menschen so umformuliert, dass das Autistische positiver dargestellt wird als das Neurotypische, um die Kraft der Sprache in diesem Zusammenhang zu veranschaulichen. Die folgenden gemeinsamen Merkmale von Neurotypischen sind wissenschaftlich bekannt und werden seit Jahrzehnten erforscht. Ihre Auswirkungen können z.B. zu Kriegen und Mobbing führen. Dennoch werden sie nicht als neurotypische „Defizite“ eingestuft, obwohl sie als solche definiert werden können.

Beispiele für Defizite des durchschnittlichen neurotypischen Menschen

Dies sind häufige negative Eigenschaften neurotypischer Menschen:

• Neurotypische Menschen können von Autoritäten leicht beeinflusst werden – und neigen dazu, der Autorität auch auf gewalttätige und unmoralische Weise zu gehorchen.
• Neurotypische sind auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe angewiesen – sie neigen dazu, andere aktiv auszuschließen, einer Gruppe anzugehören und ihre Individualität aufzugeben.
• Die Gruppenzugehörigkeit führt zu einem starken Ausschlussverhalten, das sogar eine Tendenz auslöst, die eigene Gruppe auf Kosten anderer zu bevorzugen, auch wenn dies bedeutet, dass der Gewinn in der Gruppe geopfert wird.

Diese negativen Tendenzen neurotypischer Menschen wurden im Milgram-Experiment (Milgram, 1963), in Studien zur Gruppenkonformität und Gruppenzwang (Asch, 1951, 1956) und in der Forschung zur Diskriminierung und Ausgrenzung von Nicht-Gruppenmitgliedern (Tajfel, 1970) gezeigt.

Beispiele für Stärken von Autisten

Diese gemeinsamen autistischen Eigenschaften könnten die oben genannten neurotypischen Defizite kompensieren (wenn diese Stärken nicht pathologisiert würden):

• Autisten besitzen ein starkes Moralsystem im Sinne von Kants kategorischem Imperativ, das nicht leicht durch Gruppenzwang erschüttert wird.
• Sie haben einen hohen Gerechtigkeitssinn und eine hohe Sensibilität für das Leiden anderer.
• Ein weiteres positives Merkmal ist ihre hohe Sensibilität für Stimmungen anderer Menschen.
(Quellen: Garnett, Attwood, Peterson & Kelly, 2013; Markram, & Markram, 2010).

Diese Listen könnten fortgesetzt werden … Traurig ist jedoch, dass unsere gemeinsamen Stärken, wie z.B. ein starkes Moralsystem, das ganz im Sinne von Kant ist, als „Inflexibilität“ stigmatisiert werden, während der für viele neurotypische Menschen charakteristische „blinde Gehorsam“ als normal angesehen wird. Das ist die Kraft der Sprache, die Kraft des Framings … Das ist die Macht der Mehrheit, die definiert, was als Defizit bezeichnet wird und was nicht.

Stärken und Schwächen

Ich wünsche mir eine Welt, in der wir mit unseren Stärken und Schwächen akzeptiert werden. Ich wünsche mir, dass Neurotypische erkennen, dass sie auch Schwächen haben, die einige von uns Autisten gut ergänzen könnten, wenn wir in Teams aufgenommen würden. Ich denke, wenn die Menschen den Autisten mehr zuhören würden, könnten wir gemeinsam eine bessere Welt schaffen.
Ich will keine Welt von Leonardos, in der die Donatellos, Raffaels und Michelangelos ausgeschlossen sind. Ich wünsche mir unterschiedliche, heterogene und respektvolle Teams, in denen individuelle Schwächen und Stärken reflektiert und akzeptiert werden. Weil wir alle Stärken und Schwächen haben. Aber leider vergessen neurotypische Menschen allzu oft ihre Schwächen und achten nicht auf die Stärken der neurodiversen Menschen. Sie scheinen nicht zu verstehen, wie Teams funktionieren sollen.

von Nihilivonne

https://www.nihilivonne.com/
https://spectralness.wordpress.com/
Bild: Pixabay, Reimund Bertrams

Quellen

Asch, S. E. (1951). Effects of group pressure upon the modification and distortion of judgment. In H. Guetzkow (ed.) Groups, leadership and men. Pittsburgh, PA: Carnegie Press.

Asch, S. E. (1956). Studies of independence and conformity: I. A minority of one against a unanimous majority. Psychological Monographs, 70(9), 1–70.

Garnett, M. S., Attwood, T., Peterson, C., & Kelly, A. B. (2013). Autism spectrum conditions among children and adolescents: A new profiling tool. Australian Journal of Psychology, 65(4), 206–213. doi: 10.1111/ajpy.12022

Kant, I. (2004). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Markram, K., & Markram, H. (2010). The Intense World Theory: A unifying theory of the neurobiology of autism. Frontiers in Human Neuroscience, 4. doi: 10.3389/fnhum.2010.00224

Milgram, Stanley (1963). Behavioral Study of Obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology. 67(4), 371–8. doi: 10.1037/h0040525

Tajfel, H. (1970). Experiments in intergroup discrimination. Scientific American, 223, 96–102.

Lyrik 3: Schnee riecht …

Ein metaphorisches Gedicht

Ich riech den Schnee er riecht nach Dorf ganz vertraut nach Haus und Hof.
Nach Kindheit riecht er recht vertraut: süß und bitter
frisch und muffig
gut gewürzt und schal zugleich.

Er riecht nach Schule Bohnerwachs
Kreide, Tafelschwamm ganz nass.
Nach Pipi auch nach Schulbuchdunst,
Fußschweiß riech ich, ungewaschner Hals und Ohrenschmalz.

Er riecht nach Kuhstall süßlich scharf und stechend, nach warmer frischer Milch erst rahmig süß und später sauer.

Nach Kirchgang riecht er unverdrossen
Mottenpulver Schweiß und Seife,
Witwentracht und Tannengrün,
nach Kerzenduft und nach Gesangbuch.

Nach warmem Blute riecht er
und nach dem Dunst vom den Gedärmen
der dampfend aus dem Leib von Schweinen, sich süßlich mischt mit feisten Wurstgerüchen die brodelnd aus dem Kessel wabern.

von Armin Herzberger
http://arminherzberger.com/2015/10/15/schnee-riecht/

Lyrik 2: F*** die Henne

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Ich wuchs auf und wurde kleingehalten
ich affenkind das mit den wölfen heult
keine kuhhaut hätte in mein zimmer gepasst
mit scheisshausparolen beschrieb ich die wände
und verzog mich in den toten winkel

die faust in der tasche war mein unterpfand fürs leben
ich war an überflüssigkeit schwer zu überbieten
die welt würde auch ohne mich nicht klarkommen
das stand fest und niemand rüttelte daran

lern erst mal einen job ergreifen
doch der job ist niemals da
dann musste in die ferne schweifen blablala

ich bin die leere fratze der versprechen
die pinkelgasse und der kratzer in den wolken
ich bin das gute gewissen des straßenräubers
und die schreienden lücken im lebenslauf

glaubst du wirklich einer klimpert mit den sternen
eher kratzt einer sich am sack und china fällt um
es kommt die erlösende mail mit bargewinn
das große glück im spiel der liebe beide nicht

nichts geschieht im schlepptau der tage

einer hat die zeit gestohlen
gib sie wieder her sonst wird dich
der teufel holen das ist gar nicht schwer

von Anonymous


Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht. Ab und an werden auch Lyrik und literarische Kurzprosa Veröffentlichung finden.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.

Lyrik 1: Rotwein und Nüsse

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Und die Fenster von unsichtbarer

Flut gereinigt,

die Abwesenheit von Schmerz,

die gleiche alte Geschichte,

lyrisch verscherzt,

 

manche maßen sich gar an,

Menschen zu sein,

ein verzeihlicher Irrtum

von Rotwein und Nüssen,

 

und ein aufmunterndes Wort,

ohne Absicht in den Raum gestellt,

wie der Elefant aus Gips,

der den Staub einfängt,

 

und wir blicken in die Fenster,

wir rinnen das Glas entlang,

mit salzigen Händen tasten wir

über den Tisch hin,

 

reichen einander die Rüssel

über Stock und Stein hinweg

 

Von Anonymous

 

Mein Autismus, dein Autismus.

Warum Neurodiversität unabdingbar ist und vor allem unter Autisten gelebt werden sollte.

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Als ich mich vor einigen Jahren dafür entschied, meinen sich verhärtenden Verdacht abklären zu lassen, ob ich denn wirklich Autistin bin (oder auch nicht), meldete ich mich in einem gängigen Online-Forum für Autisten an. Für mich war es der erste Schritt meines Comingouts, zunächst noch mir selbst gegenüber, da ich die Jahre davor oft verdrängt und auch geleugnet hatte, dass ich autistisch sein könnte. Meine innere Stimmung war feierlich und silbergrau, ich sah mich bildlich das Forum betreten und rufen: „Hallo, hier bin ich, eine von euch!“ Und hoffte, dort mit offenen Armen von Weggefährten, Gleichartigen und Leidesgenossen empfangen zu werden. Dem war nicht so.

Was ich dort in der Community fand, waren lauter Einzelgänger (nicht, dass mich das bei Autisten verwundert hätte), ein paar Platzhirsche und chronisch anwesende Leer-Inhalt-Poster und hier und da Moderatoren. Vor allem aber wunderte mich diese Wer-ist-der-autistischste-Autist-Einstellung: Wer hat die meisten Diagnosen? Oder auch beliebt: Wieviel Grad der Schwerbehinderung hast du? Statt dass alle zusammenhalten und sich als recht große Minderheit präsentieren, wird dem einen oder anderen sogar die Diagnose abgesprochen, weil er Dinge in seinem Leben erreicht hat, die angeblich nicht autismuskonform sind.

Nun habe ich seither viele Bücher von Autisten gelesen und noch viel mehr Autisten getroffen. Sie alle sind unterschiedlich, weil sie Individuen sind. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist ihre Diagnose, meist Asperger-Autismus, wie ich sie auch habe.
Ich muss zugeben, dass ich anfangs versucht war, mich in Gegenwart von anderen Autisten oft sehr autistisch zu geben, weil ich Angst hatte, nicht als Gleiche unter Gleichen wahrgenommen zu werden. Vermutlich aufgrund der ersten Erfahrungen im Forum. Da sich das aber unnatürlich anfühlte und mir Kraft raubte, da das auch nur eine Form der Kompensation darstellt, ließ ich es bleiben und wurde belohnt mit tiefen Einblicken in die Seelen der Anderen. Ich lernte unsere Unterschiede kennen und schätzen und weiß jetzt, dass nicht alle Autisten gleich sind, nicht einmal ähnlich. Mit vielen komme ich gut zurecht, mit anderen gar nicht.

Betrachten wir meine Erfahrungen unter dem Gesichtspunkt der Neurodiversität, wird schnell klar, wo der oft gemachte Denkfehler versteckt ist. Es geht hier nicht um Autisten, Nicht-Autisten oder Möchtegern-Autisten, sondern um Menschen. Die zunehmende Pathologisierung in unserer Gesellschaft sorgt dafür, dass wir uns vermehrt über unsere Diagnosen wahrnehmen. Und aber auch, die Diagnose als Pathologie. Also: „der Autismus“ in mir, oder jemand „mit Autismus“. Vielmehr sollten wir uns als Menschen wahrnehmen, die in ihrer unendlichen Vielfalt hier und da ähnliche Wesenszüge aufweisen, besondere Denk- und Wahrnehmungsformen mitbringen. Jeder Mensch hat seine persönlichen Stärken und Schwächen.

Es ist also nicht „der Autismus“ in mir, der verhindert, dass ich nicht in vollen Restaurants sitzen und die Zeit dort genießen kann, sondern die Erwartungshaltung ist falsch. Unsere westliche Lebensform gibt vor, dass wir das nicht nur tun, sondern auch mögen müssen. Das macht man halt so. Und wer anders ist, mit dem stimmt was nicht. Bestenfalls wird so etwas als Macke abgetan, sollten diese sich aber häufen, ist die gesellschaftliche Exklusion schon garantiert. Wer Geschick und Charisma mitbringt, kann sich als Exzentriker durchschlagen. Das klappt in Britannien allerdings besser als hierzulande.

Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde. (Margaret Mead)

Was also tun? Zunächst sollten wir Autisten uns untereinander darauf einigen, dass jeder von uns auf seine Art und Weise autistisch sein darf. Wie wollen wir denn Toleranz und Akzeptanz von den Neurotypischen einfordern, wenn wir diese nicht vorleben? Wir sollten Autismus nicht als eine Diagnose verstehen, sondern als eine Kultur. Eine Lebensform, die abseits des Mainstreams stattfindet und gesund ist, weil sie nicht krank macht. Wenn wir es schaffen, den Menschen „ohne Autismus“ das zu vermitteln, dann werden sie auch aufhören, uns als krank und behindert wahrzunehmen, sondern bestenfalls als gesunde Menschen mit anderen Präferenzen und Wahrnehmungen.

Natürlich ist das keine Lösung für all unsere Probleme, aber für viele. Und es wird lange dauern, bis sich ein neues Denken in der Gesellschaft durchsetzt, daher ist es umso wichtiger, dass wir mit gutem Beispiel voranschreiten. Neurodiversität betrifft natürlich nicht nur uns Autisten, sondern auch die ADHSler, und ADSler, die Hochsensiblen, die Hochbegabten und viele mehr. Wenn sich also jemand zur autistischen Kultur bekennt, dann sollten wir ihn im Sinne der Diversität willkommen heißen, egal wie autistisch er ist, ob er eine Diagnose hat oder wie hoch sein GdB ist, denn auch für uns gilt: Zusammen sind wir stark. Und wir brauchen Stärke und Zusammenhalt, um die Gesellschaft zu verändern.

(Vorliegender Text ist genderneutral und schließt alle Menschen ein, ohne über ihr Geschlecht zu urteilen oder zu bestimmen.)

von Elja von Rabenstein

https://eljasbriefe.home.blog

Bild: unsplash, levi saunders

Nachtrag zu: „Mutismus und motorische Dyspraxie“. Eine Denkbewegung.

Wo die Hand nicht sicher greift, geht auch die Handlung fehl.

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Martin Heidegger schreibt in Was heißt Denken? über die menschliche Hand: „Mit der Hand hat es eine eigene Bewandtnis. Die Hand gehört nach der gewöhnlichen Vorstellung zum Organismus unseres Leibes. Allein das Wesen der Hand läßt sich nie als ein leibliches Greiforgan bestimmen oder von diesem her erklären. Greiforgane besitzt z.B. der Affe, aber er hat keine Hand. Die Hand ist von allen Greiforganen: Tatzen, Krallen, Fängen, unendlich, d.h. durch einen Abgrund des Wesens verschieden. Nur ein Wesen, das spricht, d.h. denkt, kann die Hand haben und in der Handhabung Werke der Hand vollbringen.“ Die Handhabung der Hand macht den Menschen aus.

Die Hand ist das Instrument, die Welt zu begreifen. Sie ist die Brücke zu Welt hin, um Handlung möglich zu machen. Was aber bedeutet es für den Autisten, wenn gerade diese Verbindung unsicher ist? Florian Peter Riegg hat das Phänomen in seiner Dissertation an der Philipps-Universität Marburg „Bewegungskontrolle der Handmotorik bei Patienten mit Asperger Autismus“ untersucht. Er erforscht die motorischen Funktionen von Asperger-Patienten auf prädiktive Kontrollmechanismen und Bewegungskoordination anhand einer Reihe von Experimenten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Unter anderem kam der Purdue Pegboard Test zum Einsatz: Dabei müssen kleine Metallstifte in untereinander angeordnete, vorgestanzte Löcher schnellstmöglich in einer vorgegebenen Zeit gesteckt werden.

Riegg kommt zu dem Ergebnis: „Über alle Versuche hinweg gemein waren den Ergebnissen der Patienten, dass die Bewegungsgeschwindigkeit verlangsamt war. Am deutlichsten zeigte sich diese Auffälligkeit im Purdue Pegboard Test, in dem die Asperger-Patienten hochsignifikant langsamer waren als die Kontrollprobanden. […] Wir hingegen sehen die Ursache der Verlangsamung eher in einer gestörten neuronalen Verarbeitung im Kleinhirn. […] Zum anderen war es uns möglich, in Versuchen, welche prädiktive Kontrollmechanismen beanspruchen, zu zeigen, dass Patienten mit Asperger-Autismus Defizite in der zeitlichen Koordination von verschiedenen Muskelgruppen einer Extremität aufweisen. Dies offenbarte sich vor allem beim Greifen nach einem Objekt und bei der Kopplung der Griffkraft an die Lastkraft beim Anheben eines Objektes. Wir vermuten, dass die zum Teil verlangsamte Bewegungsausführung darin begründet sein könnte, dass Patienten auf diese Weise das Auftreten von noch stärkeren Defiziten in der zeitlichen Abstimmung von Einzelbewegungskomponenten vermeiden können.“

Was heißt es, sich anders zu bewegen, weil auch die Wahrnehmung anders ist? Die Bewegung passt sich an die neuronale Verarbeitung an, wir bewegen uns in der Welt, wie es unser neuronales Netzwerk erlaubt. Unsere Handlungen sind langsamer. Wir tanzen neben dem Takt. Wir haben Schwierigkeiten, koordinierte Bewegungen auszuführen. Gleichzeitig ist auch unsere Art zu denken anders, unser Denken bewegt sich anders fort. Es ist vielleicht nicht ein „Abgrund des Wesens“, aber sicher eine Kluft, die uns von anderen trennt. Man sieht es unseren Bewegungen an, unseren Gedanken, auch den Dingen, die wir hervorbringen. Wir aber sprechen von dieser Kluft, wir bewegen uns zu auf den anderen, auch die Sprache trägt und handelt.

von Wiebke Schmittner

Manuskripteinreichung

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Die Redaktion freut sich über Beiträge in Essayform, die gerne zum Lektorat an autismusjournal@emailn.de geschickt werden können. Sie sollten naturgemäß zum AutismusJournal passende Themen wählen sowie einen Umfang haben, der einem Journalbeitrag entspricht. Ab und an werden auch Lyrik und literarische Kurzprosa Veröffentlichung finden.

Das AutismusJournal versteht sich als Gedankenforum für Reflexionen zum Dasein als Autist. Es richtet sich an alle, die ein Interesse daran haben, zu artikulieren oder zu verstehen, was es heißt, Autist zu sein. Es will thematisch orientierte Einfälle versammeln, die im Horizont autistischer Welterfahrung stehen. Das Journal erscheint online in zwangsloser Folge.