Janosch und das Glück

Das Geheimnis der Freiheit ist, keine Blumen gießen zu müssen.

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»Am liebsten wäre ich unsichtbar«, bekannte Janosch einmal. Je weniger man sich nach außen preisgibt, umso näher kommt man diesem ersehnten Verschwinden. In dieser Möglichkeit liegt das Glück und die Fähigkeit, als Herr Janosch zu überleben. In Von dem Glück, als Herr Janosch überlebt zu haben berichtet Janosch in einem der wenigen Interviews, die er nicht als reine Zumutung empfunden zu haben scheint, was ihm wirklich wichtig ist, und das ist zu allererst seine Freiheit:

Machen können, was Ich will. Kein Zwang, schon Blumen gießen zu müssen, ist mir zuviel Zwang. Ein Haus bedienen, nicht wegfahren können, weil der Hund Futter braucht. Und schon gar eine Frau, die dich nicht gehen läßt, aber auch nicht mitkommen will. Kinder, – du mußt einen idiotischen Job ein Leben lang ausüben, weil sie ernährt werden müssen.

Diese alltäglichen Zwänge sind »Kerker, wenn nicht gar Tod«. All das zerstört die »Magie der ersten Jahre« im Menschsein, die Jahre der lange verlorenen Kindheit. Diese Magie versucht Janosch dennoch sich durch weitgehende Bedürfnislosigkeit zu bewahren, denn »wer nichts braucht, der hat alles«. Der Verzicht, der mit dem Fehlen von Pflichten einhergeht, eröffnet die Freiheit, die ihm zum Überleben unabdingbar ist: »Du mußt so leben, daß du morgen sagen kannst, ich gehe jetzt, wohin ich gehen will. Du gehst nicht, aber du könntest, das reicht schon. Schon die Vorschrift eines Kalenders, an welchem Tag nicht gearbeitet werden soll, ist mir nicht erträglich.«

So lebt Janosch auf einer spanischen Insel, bei gutem Wein und ab und an einem guten Stück Fleisch; er lebt in Ruhe und Freiheit. Von den Frauen hat er sich schon lange aus Enttäuschung abgewendet, weil seine »hemmungslose Zuneigung und Dienstbereitschaft« immer abgelehnt worden war. So lebt er nun glücklich fern von der Tyrannei der Frauen, wie er sie empfindet. Er hat die Bedingungen seiner Existenz gefunden und sich darin eingerichtet.

Und trotzdem wünscht er sich, nicht wiedergeboren zu werden: »Dazu muß ich sagen, daß ich nicht an mir leide, sondern an dem, was rundherum geschieht und sich nicht ändern läßt. Eben weil der Mensch eine Sau ist.« Und diese Wahrheit spricht er aus, ohne die »freundliche Kunst der alltäglichen Lüge«. Worum aber geht es im Leben, was ist das movens seiner Existenz? »Durchkommen. Es geht doch vorwiegend für uns alle darum, durchzukommen. Möglichst schadenfrei durch das Leben zum fröhlichen Tod. Nichts zu verlieren, wenn man stirbt.«

Es geht ums Durchkommen, ums Überleben, um nichts weiter. Eine solche Haltung ist bereits das Glück, das viele vergebens suchen. Es ist ein Glück, das nicht von kontingenten Umständen abhängig ist, sondern aus dem eigenen Inneren kommt. Es ist vor allem negativ als Freiheit von Belästigung bestimmt:

Mein Glücksgefühl hat mit den äußeren momentanen Umständen nichts zu tun. Du kannst im Gefängnis sitzen und mit einmal überkommt dich eine große Seligkeit. […] Heut ist es: allein sein, keine Fragen beantworten zu sollen. Keinen Druck von Leuten, die irgendwas von mir wollen, mir also Arbeit aufschwätzen – also mich in Ruhe lassen.

Das Glück als »Grenzbewohner« ist es, zu überleben. Auch wenn Janosch selbst das eigentlich gar nicht zu hoffen gewagt hatte: »Ich habe nicht erwartet, daß ich überlebe, als ich die Welt und die Menschen anfing zu begreifen. Und schon gar nicht, daß ich so gut überlebte. Und das ist das Glück.« Dieses Glück ist die Wahrheit. Was die anderen Wahrheit nennen, ist nur der Moment des Denkens selbst:

Heute sehe ich das von der einen Seite, morgen von der anderen, und wenn Sie mich morgen das gleiche fragen, kann ich morgen das Gegenteil darauf antworten und es wird für mich wieder richtig sein. Denn beides ist immer wahr. Der Mensch ist einmal eine Sau und dann wieder ein wunderbares Wesen.

In diesem Zwiespalt ist Janosch »hochbegabt für unauffälliges Verschwinden«. Dieses Verschwinden aber ist ungemein produktiv. Denn Janosch beobachtet unsichtbar, was die anderen nicht wahrnehmen können oder wollen, und notiert es für sie: »Alle anderen sehen es freilich auch, nur sie nehmen es nicht wahr, und wenn, dann schreiben sie es nicht auf. Oder es ist ihnen Gewohnheit geworden.« Was den meisten verschwindet, macht Janosch in magischen Büchern sichtbar, in randständigen Existenzen mit einem Hang zum Hedonismus: Attraktoren alles Kindlichen.

von Nikolas Weber

Cambridge: Im Elfenbeinturm draußen (2)

Der Mensch ist ein verspieltes Wesen, zum Spiel abgerichtet.

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Das hier ist der zweite Teil meiner Kolumne über das Leben an der Universität Cambridge. Im ersten Teil ging es um das gesellschaftliche Spiel. Was ein Spiel aber genau ist, hat auch einen anderen Forscher am Trinity College Cambridge beschäftigt, Ludwig Wittgenstein. Als Wittgenstein anfing, bei Bertrand Russell zu studieren, war der sehr irritiert von dessem »deutschen« Arbeitseifer. Die meiste Zeit des Studiums verbrachte Wittgenstein abgeschieden in Norwegen, um nicht abgelenkt zu sein und nicht seinen Geist noch mehr durch Gespräche mit intelligenten Leuten zu prostituieren, wie er gesagt haben soll.Jahre später wird er dann selbst Fellow am Trinity College. Im Michaelmas term 1946 schreibt er in einem Brief:

I’ve had two lectures so far. There’s a crowd coming to them as always at the beginning of the year when they don’t know what to expect. Still my lectures went quite well, except for the fact that during my second lecture I sometimes got so exhausted that I could hardly speak. But my brain, oddly enough, was very active. What’s to become of it all I don’t know. I plan to see a doctor (not a psychologist) about it, hoping, completely against hope, that he can advise me something. I dislike this place intensely, and the worst part of it is that I haven’t got a real friend here, i.e., someone who’ld go out of his way to do something for me.

Die Vorlesungen, Norman Malcolm berichtet darüber, fanden in Wittgensteins Räumen im Whewell’s Court statt, zweimal die Woche zwischen fünf und sieben Uhr am Nachmittag. Die Studenten brachten Stühle mit oder saßen zusammengedrängt auf dem Boden. Die Wohnung hatte kaum Möbel, als Dekoration nicht mehr als ein paar Blumentöpfe. Wittgenstein saß auf einem einfachen Holzstuhl in der Mitte des Raumes. Hier entwickelt er seine Gedanken im Gespräch mit den Studenten. Wollte Wittgenstein einen Gedanken zunächst alleine entwickeln, herrschte dazwischen lange Stille. Die Studenten fürchteten und achteten ihn gleichermaßen. Nach den Vorlesungen flüchtete sich Wittgenstein ins Kino, wo er in der ersten Reihe saß, einen Western schaute und pork pies aß.

Angeblich soll Wittgenstein das Konzept des Sprachspiels nach Beobachtung eines Fussballspiels entwickelt haben. Statt nach Erklärungen zu suchen, woher ein Spiel komme, sei es besser zu sagen: »dieses Sprachspiel wird gespielt«. Wenn etwas eine sprachliche Äußerung in einem irgendwie praktischen Kontext ist, dann ist Sprechen Teil einer Lebensform, und damit ein Sprachspiel, egal wie banal und vage (»Depp!«) oder komplex und präzise die Äußerung ist (etwa mathematische Begrifflichkeit). Für Wittgenstein war das Spiel mit der Sprache eine Möglichkeit, nachzuweisen, dass viele Probleme der Philosophie im Grunde nichts sind als ein Missverständnis eines Sprachspiels, weil sie ein Sprachspiel aus dem etablierten, praktischen Zusammenhang reißen, obwohl sie nur in eben diesem ihren Sinn haben. Dieser Sinn ist aber nicht abschließend bestimmbar, wie er in Paragraph 66 in den Philosophischen Untersuchungen beschreibt:

Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir »Spiele« nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiel, Kampfspiele, usw. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag nicht: »Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ›Spiele‹« – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: denk nicht, sondern schau! – […] Und so können wir durch die vielen, vielen anderen Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen und verschwinden sehen. Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen.

Um diese Sprachspiele und ihre »Familienähnlichkeiten« zu beherrschen, muss man aber erst auf die Verwendung dieser Spiele »abgerichtet« werden. Die Regeln des Spiels müssen erst erlernt werden, weil sie innerhalb einer Lebensform, also in Gemeinschaft mit anderen Menschen, bestimmt werden. Ohne Sozialität keine Sprache. Wittgenstein hatte großen Spaß daran, mit der Sprache und ihren Regeln zu spielen – und Ernst damit zu machen. Maynard Keynes berichtet über ihre Begegnungen Folgendes:

My wife gave him some Swiss cheese and rye bread for lunch, which he greatly liked. Thereafter he more or less insisted on eating bread and cheese at all meals, largely ignoring the various dishes that my wife prepared. Wittgenstein declared that it did not much matter to him what he ate, so long as it always remained the same. When a dish that looked especially appetizing was brought to the table, I sometimes exclaimed »Hot Ziggety!« — a slang phrase that I learned as a boy in Kansas. Wittgenstein picked up this expression from me. It was inconceivably droll to hear him exclaim »Hot Ziggety!

Wie schon in meinem ersten Kolumnenbeitrag dargelegt: Es geht in Cambridge immer irgendwie (auch) ums Essen (die Dining Hall mochte er nicht). Wittgenstein liegt auf dem Ascension Parish Burial Ground begraben, einem kleinen Friedhof abseits des historischen Zentrums, das Grab wie vergessen und von Moosflecken überzogen. Auf dem Sterbebett soll Wittgenstein gesagt haben, was auf einigen Unglauben gestoßen war: »Tell them I’ve had a wonderful life.« Das Leben eines Philosophen, der nie aufgehört hat, sich über die Welt zu wundern, für den die Philosophie aber zugleich das Wunder unter sich zu begraben drohte.

Als größtes Wunder hat Wittgenstein die Sprache begriffen: Für das Wunder der Sprache selbst gibt es keine Sprache, nur Schweigen. Vielleicht hatte Patti Smith das im Kopf, als sie ihm bei einem Besuch in Cambridge ein Plectron aufs Grab gelegt hat. Manchmal finden sich auch pork pies auf der grauen Grabplatte, zumindest solange die Friedhofskatze die nicht beansprucht. Ob die Katze Gitarre spielt, weiß ich nicht.

von Anonymous

Der Stolz des Vorurteils

Der Stolz des Autisten ist ein notwendiges Vorurteil.

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Mr. Darcy – sein vulgarisiertes Pendant ist die Kommissarin Saga Norén (Broen/Bron) – erscheint als ein Mann weniger, aber gut gesetzter Worte. Auf Bällen ist er verloren, die Liebe droht ihm vollends die Sprache zu verschlagen. Selbst nicht frei von Vorurteilen gegenüber den Menschen niederen Ranges, unterliegt er dem Vorurteil der anderen, das er mit seiner kalten, abweisenden stolzen Art immer weiter befestigt. Seine unverblümte Ehrlichkeit stößt die anderen vor den Kopf. Selbst über seine Gefühle redet er ganz vernunftbetont und auch seine sozialen Defizite sind ihm bewusst:

I certainly have not the talent which some possess […] of conversing easily with those I have never seen before. I cannot catch their tone of conversation, or appear interested in their concerns, as I often see done.

Sein Benehmen und Handeln führt immer wieder zu Missverständnissen, die erst am Ende des Romans glücklich aufgelöst werden können. Der Zuneigung von Lizzy ist er sich bis zum Schluss nicht sicher. Phyllis Ferguson Bottomer (So Odd a Mixture: Along the Autistic Spectrum in ›Pride and Prejudice‹) hat Mr. Darcy als Autisten beschrieben. Dennoch ist zu beachten – und daraus ist zu lernen –, dass Jane Austen ihn auch als Verkörperung des egozentrischen Prinzips zeichnet und ihn keinesfalls von seiner Verantwortung frei spricht:

I have been a selfish being all my life, in practice, though not in principle. As a child I was taught what was right, but I was not taught to correct my temper. I was given good principles, but left to follow them in pride and conceit. Unfortunately an only son (for many years an only child), I was spoilt by my parents, who, though good themselves (my father, particularly, all that was benevolent and amiable), allowed, encouraged, almost taught me to be selfish and overbearing; to care for none beyond my own family circle; to think meanly of all the rest of the world; to wish at least to think meanly of their sense and worth compared with my own.

Das Schlagwort von ›Autistic Pride‹ versucht, entgegen des Vorurteils, den Stolz des Autisten ins Positive zu wenden. Es geht nicht um den Stolz der Abweichung gegenüber der Norm, nicht darum, Vorurteil gegen Vorurteil zu setzen, sondern darum, das Urteil selbst erst möglich zu machen. Viel mehr als eine Parole ist die Rede vom ›Autistic Pride‹ bisher nicht. In der Politik und damit in der Lebenswirklichkeit ist wenig davon angekommen.

Zwischen den Autisten herrschen die gleichen Vorurteilsstrukturen und der gleiche Stolz, der auch die Nicht-Autisten so oft von einander trennt. Allzugerne zieht man auch eine Front auf zwischen Autisten und Nicht-Autisten. Aus dem Vorurteil heraus, sich beweisen zu müssen, schlägt der Trotz schnell in Aggressivität gegenüber den anderen um, dem gegenüber man sich im Vor- oder Nachteil sieht.

Dass es angenehme und unangenehme, verstockte und verständige Menschen gibt, ist eine Binsenweisheit. Die unableitbare Gleichheit aller Menschen aber ist es, die allein die Forderung nach gleicher Behandlung in der Gesellschaft begründen kann, nicht die vermeintliche Exklusivität, die sich aus sogenannten nützlichen Sonderbegabungen speist. Jedem Menschen kommt seine Würde von selbst zu. Ihr zu entsprechen, ist, worauf es ankommt.

Für diese Würde haben Autisten wie die meisten anderen Menschen ein Gespür. Sie haben aber auch ein scharfes Bewusstsein der Differenz, was aus ihrer exzentrischen Position herrührt, die sie zur Welt einnehmen. Ihr anderer Blick kann das Leben der anderen bereichen, ebenso wie das der anderen als Korrektiv auf den autistischen wirkt. Sich in die Verwertungslogik einzufügen, die eigene Marktförmigkeit hervorzuheben, verspielt das Potential dieser existentiellen Differenzerfahrung.

Induziert wird eine solche Aggressivität der Autisten gegenüber den anderen auch durch den unreflektierten, metaphorischen Gebrauch von »autistisch« als Bezeichnung für jedes offen egozentrische und selbstsüchtige Verhalten. Weil man sich scheut, solche moralischen Kategorien in aller Klarheit anzulegen, behilft man sich mit dem Rückgriff auf die Pathologisierung und greift damit den Autismus moralisch an, wo er erst einmal eine a-moralische Seinsweise ist, ein hyperrealistischer Blick auf die Welt jenseits des Sozialen. Dieser Blick könnte die Grundlage für eine Theorie des Sozialen sein, wenn er es denn nicht schon immer war.

Heidegger beantwortet die Frage »Was heißt Betrachtung?« folgendermaßen: »Trachten ist das lateinische tractare, behandeln, bearbeiten. Nach etwas trachten heißt: sich auf etwas zu-arbeiten, es verfolgen, ihm nachstellen, um es sicher zu stellen.« Die Theorie zielt auf etwas: »Demnach wäre die Theorie als Betrachtung das nachstellende und sicherstellende Bearbeiten des Wirklichen« (Heidegger, Wissenschaft und Besinnung). Die Theorie formt das Wirkliche. Heidegger definiert im Zuge dieses Gedankens die moderne Wissenschaft als »eine unheimlich eingreifende Bearbeitung des Wirklichen«. Die Wissenschaft fordert »als Theorie das Wirkliche eigens auf seine Gegenständigkeit hin« hinaus. Das greift auch auf die Psychiatrie aus:

Die Psychiatrie be-trachtet das menschliche Seelenleben in seinen kranken und d. h. immer zugleich gesunden Erscheinungen. Sie stellt diese aus der Gegenständigkeit der leiblich-seelisch-geistigen Einheit des ganzen Menschen vor. In die Gegenständigkeit der Psychiatrie stellt sich jeweils das schon anwesende menschliche Dasein heraus. Das Da-sein, worin der Mensch als Mensch ek-sistiert, bleibt das Unumgängliche der Psychiatrie.

In seinem Da-Sein den Menschen zu erfassen, als gesund und krank zugleich, ist die Aufgabe der Wissenschaften von der Psyche. Verkürzungen in der Folge einer naturalistisch anmutenden Diagnostik verfehlen diese holistische Sicht. Eine Theorie des Autismus hat all der Fallstricke der Diagnostik eingedenk zu sein, sonst verstellen Stolz und Vorurteil das Phänomen.

von Michael Leitz

Passiv/Aktiv: The Big Bang Theory

Der Autist genießt beobachtend.

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Der Autist muss vor der eigenen Jouissance (Jacques Lacan) flüchten, weil er sie zu intensiv erlebt. Damit reiht er sich ein in den Reigen der Interpassivität (wie Robert Pfaller den Begriff geprägt hat), der unsere Zeit bestimmt. Der Andere soll genießen, ihm soll das fotografierte Essen schmecken, er soll das eigene Leben von außen beobachten und es genussvoll in sich aufnehmen. Nichts soll noch nur für einen selbst da sein: Es ist der Wunsch bestimmend, es gleich dem anderen zu servieren, um sein Genießen anstelle des eigenen zu genießen.

Die Interpassivität ist gesellschaftlich organisiert. Die meisten Bereiche von Interpassivität sind positiv gewertet, weil sie das Sozialgefüge stabilisieren. Andere sind stillschweigend geduldet. Nur ihre Exzesse werden tatsächlich sanktioniert. Man will, dass man selbst durch den anderen genossen wird, und man selbst will durch den anderen genießen. Man umgeht das eigene Erleben, dem der Autist so fatal ausgeliefert ist. Alle Jouissance hat diesen traumatischen Charakter und provoziert die Flucht vor dem Kern des Realen.

Während der Autist wesentlich interpassiv wahrnimmt, das fremde Leben mitgenießt, weil das eigene Genießen ihn überwältigen würde, geht es ihm doch wie Tantalus, der selbst schmecken und genießen will, es aber nicht kann. Sein Glück ist, dass es andere gibt, denen er zusehen kann. Und auch daraus bezieht man ein nicht zu vernachlässigendes Glück:

Selbst wenn wir also, von einem stumpfsinigen Tagwerk ermüdet, den ganzen Abend nur träge auf den Bildschirm starren, können wir danach doch sagen, dass wir objektiv, durch das Medium des anderen, einen wirklich schönen Abend verbracht haben. (Slavoj Žižek, Die Substitution zwischen Interaktivität und Interpassivität)

Durch die Betrachtung des Anderen beziehen wir Lust. Auch durch die Betrachtung des ganz Anderen, des Autisten in der Sitcom. Sheldon Cooper (The Big Bang Theory) zeigt, wie absurd dasjenige – am Gängelband der Vernunft gemessen – ist, was wir so tun, und wie absurd es aber auch zugleich ist, den Alltag und seine Routinen an der Vernunft zu messen.

Aus diesem Widerspruch generiert sich das unablässige Lachen der Sitcom. Sheldon expliziert ständig die sozialen Regeln, auf deren strikter Einhaltung er insistiert. In diesem Missverständnis ist er blind gegenüber den Implikaten der Interaktion jenseits von Fakten und Statistiken. Aus der Differenz zwischen dem unsichtbaren Wirken des sozialen Systems und dem Effekt der Artikulation desselben: Aus diesem Zuviel der Reflexion und dem Zuwenig der Intuition bezieht die Serie ihren Witz und schafft Erleichterung, ganz dem klassischen Freud’schen Verständnis des Witzes gemäß.

Das Lachen der Sitcom über sich selbst erschallt, gleich, wann man einschaltet. Ihre Szenen und Lacher wiederholen sich. Das Dosen-Lachen der Sitcom ist für den großen Anderen draußen deutlich zu hören; man braucht daher – eine große Erleichterung nach einem langen Tag – nicht mehr selbst zu lachen. In einer »dritten Position« neben Akteuren und Dosengelächter (Hans Georg Nicklaus, Wenn zwei interagieren freut sich der dritte) erfährt man Entlastung und Erleichterung von den eigenen Affekten. Man kann Lachen-Lassen, ohne den eigenen Affekt zur Emotion ›durcharbeiten‹ zu müssen, schließlich fällt der Aufwand der Symbolisierung des Affektes für den großen Anderen weg.

Sheldon Cooper ist mehr als ein Autist, er ist die Übererfüllung des Autisten. Er ist nicht einfach ein Sonderfall des Normalen, ein Nerd (mit all den negativen sozialen Attributen), sondern eine Spezies für sich: hyperintelligent mit eidetischem Gedächtnis, übervernünftig, fast völlig sozialblind und -taub, mit dem Wissen eines Universallexikons ausgestattet und mit völlig eigensinnigem, bizarren Verhalten und Zwängen, die eine Regulation durch die normalen Nerds der Serie erfahren, sodass er doch eine liebenswürdige Figur darstellen kann.

Die Figur hat sich längst von ihren Schöpfern emanzipiert, wie Bill Prady darlegt. Jeder gibt ihm die eigene Diagnose: »We write the character as the character. A lot of people see various things in him and make the connections. Our feeling is that Sheldon’s mother never got a diagnosis, so we don’t have one.« Der Schauspieler Jim Parsons, der Sheldon verkörpert, wiederum betont in Bezug auf den Autismus, Sheldon »couldn’t display more traits«, »the way [his] brain works, it’s so focused on the intellectual topics at hand that thinking he’s autistic is an easy leap for people watching the show to make«.

Indem die Sitcom nicht eine Serie über einen Autisten, sondern über einen individuellen, überzeichneten Charakter ist, gerät Autismus nicht als akzidentielle Störung einer Person in den Vordergrund, sondern als personale Identität. Über Individuen kann man lachen, wenn an ihnen etwas Eigenes, Lachhaftes, aufscheint. Das aber könnte man auch, wenn sagte, sie seien Autisten. Ein Sheldon Cooper, der sich – im Verlauf der Serie geschieht das schon zunehmend expliziter – als Autist verstünde, der nichts dadurch verlöre oder gewänne, der durch diesen Auftritt aber vieles durchstriche, was derzeit den Begriff des Autismus prägt: Das erst provozierte ein wahrhaft befreiendes Lachen.

von Nikolas Weber

Cambridge: Im Elfenbeinturm draußen (1)

Der Mensch ist ein geselliges Wesen, zur Geselligkeit dressiert.

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Das ist der Anfang einer kleinen Kolumne über mein Leben an der University of Cambridge, UK. Das akademische Leben in Cambridge ist bestimmt von jahrhundertealten Traditionen. Die Colleges bilden Gemeinschaften von Studenten und Dozenten. Das Zusammenleben ist sehr intensiv und gerade deshalb von unzähligen expliziten und impliziten Regeln durchzogen. Das soziale Spiel ist dadurch anstrengend – aber auch beherrschbar.

An der Universität Cambridge angesiedelt ist das Autism Research Centre unter der Leitung von Simon Baron-Cohen, Trinity College. Seine empathising-systemising-Theorie ist unter anderem in The Essential Difference dargelegt, sie ist so kontrovers wie einflussreich, will aber gerade nicht behaupten: »›all men have lower empathy‹ or ›all women have lower systemizing skills‹«. Die Pole Systematisierung und Empathie will er fruchtbar machen, um Schwierigkeiten im Sozialverhalten zu erklären.

Populärer und kontroverser noch ist der Schauspieler Sacha Baron-Cohen alias Borat, sein Bruder, der am Christ’s College Cambridge Geschichte studiert hat. Während der eine Autismus erforscht, schlüpft der andere in die Rolle eines autistoiden Idioten, der die einfachsten, zivilisatorischen Regeln nicht zu begreifen scheint – und dadurch die falsche (weil Borats Impertinenz für bare Münze nehmende) Toleranz der Menschen entlarvt, die ihm das gequält lächelnd durchgehen lassen (vgl. Borat’s Guide to Britain).

Die englische Kultur ist, offensichtlicher in der upper class, klar eine Kultur des Augenscheins. Es geht darum, die soziale Rolle gut zu spielen, was man zu sagen, wie man sich zu benehmen hat, ist impliziten Regeln unterworfen. Worüber man beim small talk spricht, wie man das Personal beim High Table Dinner behandelt, jeder bekommt seinen Platz zugewiesen und wird dort in Frieden gelassen. Belästige den anderen nicht mit deinem intimen Selbst, ist die Devise. Also eine Gesellschaft der Codes, des Abstandes, der Höflichkeit. Es ist ein Spiel mit bestimmten Regeln.

Das Gegenteil ist eine intime Gesellschaft, wie man mit Richard Sennett (Tyrannei der Intimität) sagen könnte. Eine, in der jeder Borat sein Selbst ganz ausleben soll, seine eigentlichen Gedanken und Gefühle (oder was er dafür hält) ungefiltert mitteilen kann und soll. Das Narzissmus-Gebot würde es in so einer Gesellschaft verbieten, eine Rolle zu spielen, weil eine Rolle ja naturgemäß nie ganz mit dem übereinstimmt, was ich denke, was ich bin. Für den Narzissten ist alles Ernst, es fehlt der Charakter des Spiels. Er hat keine ironische Distanz zu sich selbst.

Tradition ist diesem Sinne auch eine Form der Entlastung von Intimität, von Spontaneität und Individualität, Entlastung vom eigenen Selbst und vom Narzissmus. Die institutionalisierte Empathie mit dem anderen (den man nicht mit dem Eigenen zu sehr belasten will) führt zum System des sozialen Umgangs. Daher auch die besondere Betonung des gemeinsamen Dinners, in den Dining Halls mit den alten Porträts an der Wand, mit High Table, Kerzenschein, lateinischen Formeln.

Eindrücklich ist, dass hier ein »ganz primitive[s] Bedürfnis [d. i. Essen] eine soziale Realisierung« findet, »durch die es in die Sphäre höheren und geistigen Reizes« aufsteigt, aber »doch von seiner Basis nicht ganz gelöst ist«, wie Georg Simmel in Soziologie der Mahlzeit festhält. Daher gilt: »Über die Banalität der gewöhnlichen Tischgespräche zu klagen, ist […] ganz mißverständlich. Die graziöse, aber immer in einer gewissen Allgemeinheit und Intimität sich haltenden Tischunterhaltung darf jenes Fundament nie völlig unfühlbar machen, weil erst an dessem festgehaltenem Charakter die ganze auflösende Leichtigkeit und Anmut ihres Oberflächenspiels sich offenbart.«

Das »Oberflächenspiel« beschäftigt beide Baron-Cohens: Der eine erforscht den Zusammenhang von sozialer Empathie und sozialer Ratio, der andere exponiert die Kluft zwischen einer tyrannischen, intimen Gesellschaft und dem zivilisatorischem Regelwerk. Cambridge ist der Ort, wo man Banales beim Essen mit einem Nobelpreisträger redet, aber Latein mit dem Porter, wo das ironische englische Lächeln ernst gemeint ist. Das gesellschaftliche Spiel ist hier eine Kunstform, ein Ineinander von Intuition und Erlerntem.

von Anonymous

Intense World

Der Autist hat nicht kein Interesse an der Welt, er ist schlicht von ihr überwältigt.

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Unter dem Stichwort »The Intense World Syndrome – an alternative hypothesis for autism« diskutieren Henry Markram (Human Brain Project), Tania Rinaldi und Kamila Markram den Autismus mit neuem Akzent. Die Neurologie des Autisten wird demnach durch ein Hyper, durch ein Zuviel gekennzeichnet, durch eine Hyperreaktivität derjenigen Bereiche des Gehirns, die für die Wahrnehmung allgemein, für Emotion und für die Speicherung der Sinneseindrücke sowie für das Gedächtnis zuständig sind:

the autistic brain is hyper-reactivity and hyper-plasticity of local neuronal circuits. Such excessive neuronal processing in circumscribed circuits is suggested to lead to hyper-perception, hyper-attention, and hyper-memory, which may lie at the heart of most autistic symptoms.

Die Folge dieser Hyperbelastung von Amygdala und Kortex sind Abwehreffekte. Der eindringende Strom von Reizen erfährt eine Abschirmung und es folgt der instinktive Rückzug ins Innere. Die Strategien damit zurechtzukommen, sind vielfältig: Das Festhalten an Routinen, das Vermeiden sozialer Kontakte, die Vermeidung intensiver Reizaussetzung.

Die natürliche Reaktion auf Schmerz ist Schmerzvermeidung: »excessive neuronal processing may render the world painfully intense when the neocortex is affected and even aversive when the amygdala is affected«. Werden soziale Reize von den meisten Menschen als neutral oder angenehm empfunden, so mischt sich beim Autisten Unbehagen hinein. Die Furcht ist die Furcht vor dem Stress, der durch die neuronale Überlastung in solchen Situationen ausgelöst wird.

Nicht nur liegt eine Überreizung durch die Hyperreagibilität der Amygdala vor, auch wird die Situation durch die Überlastung als bedrohlich empfunden. Das eigentlich Angenehme oder Neutrale – auch für den Autisten – wird neuronal mit Furcht verknüpft. Es ist nicht das Fehlen von Empathie oder das fehlende Interesse an Menschen das Primäre. Dieser Effekt ist sekundär:

Thus, impaired social interactions and withdrawal may not be the result of a lack of compassion, incapability to put oneself into some else’s position or lack of emotionality, but quite to the contrary a result of an intensely if not painfully aversively perceived environment.

Das scheinbar offensichtliche Fehlen sozialen Interesses und von Empathie wird gesellschaftlich als pathologisch sanktioniert. Dieser Vorwurf meint den Soziopathen, trifft aber nur die Außenseite des Autismus. Die Intense World Theory dagegen kehrt die positiven Aspekte hervor: »the autistic person is an individual with remarkable and far above average capabilities due to greatly enhanced perception, attention and memory.«

Das soziale Defizit ist nicht in einem Mangel der Fähigkeit »to process social and emotional cues« begründet, sondern darin, dass ihre Intensität bedrohlichen Charakter hat: »because a subset of cues are overly intense, compulsively attended to, excessively processed and remembered with frightening clarity and intensity.« Nicht einen Mangel an Empathie-Fähigkeit, sondern die zu intensive Wahrnehmung sozialer Situationen rückt die These in den Vordergrund (eine Kritik des Phänomens ADHS könnte hier anknüpfen).

Autisten sind »hyper-aware of selected fragments of the mind, which may be so intense that they avoid eye contact, withdraw from social interactions and stop communicating.« Eine solcher Erklärungsansatz könnte als Basis dienen, neurologische Vielfalt gesellschaftlich aufwerten. Außerdem weisen globale Theorien wie diese bei der Vielfalt des Phänotyps von Autismus immer auch auf die Schwierigkeit hin, die Grenzen der Definition von Autismus überhaupt sinnvoll ziehen zu können.

von Irene Beck

Wozu ein AutismusJournal?

Will man vom »Autismus« reden, muss man von seiner Mitte her sprechen.

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Was heißt es, vom »Autismus« zu reden, vom »Autismus« her? Ist »Autismus« überhaupt begrifflich zu entfalten? Und wer soll diese Arbeit wagen, etwa der »Autist«? – Wer sonst aber, als jemand, der im »Autismus« lebt, könnte das Phänomen betrachten? Der »Autismus« erfährt hier nicht nur eine kritische Reflexion; das Vorliegende ist auch im genitivus subjectivus eine Kritik, die der »Autismus« am eigenen Begriff übt. Wenn in dieser Kritik die Rede vom Autismus ist, dann immer nur als durchgestrichene Bezugnahme, was die Referenz als brüchige und kritisierte kennzeichnet.

Eine Betrachtung des Autismus kann nicht anders als autistisch sein. Autismus ist kein einfach beobachtbares Phänomen wie der Flug eines Vogels. Nosologisch ist diese Erscheinung klassifizierbar, aber eben nur phänomenal: der äußeren (›pathologischen‹) Erscheinung nach, deren Beurteilung eine diffizile Angelegenheit ist. Die hier vorgelegte Kritik redet zwar notgedrungen allgemein von dem Autismus; was aber damit erfasst werden soll, ist das Konkret-Allgemeine des Autismus des Verfassers der im Folgenden ausgebreiteten Kritik.

Geht bei anderen Erscheinungen des Geistes, die dem Pathologischen zugeordnet werden, wie etwa bei der Depression oder der Schizophrenie, bei dem Betroffenen die Selbstreflexivität und deren Möglichkeit der Artikulation zunehmend verloren, so wächst im Verlauf des autistischen Lebens die Fähigkeit zu dessen Artikulation. Niemand als der Autist selbst versteht den Autismus und niemand sonst kann ihn adäquat artikulieren. Was Außenstehende vermögen, ist das Phänomen auf einen verallgemeinerbaren, damit immer vulgären Begriff zu bringen. Der Begriff wird dem autistischen Erleben selbst damit aber äußerlich bleiben.

Eine Betrachtung des Autismus wird aus dem autistischen Erleben selber heraus entspringen müssen. Sie handelt damit nicht nur begrifflich vom Autismus, sondern sie ist selbst auch dem Wesen nach autistisch. Bestimmt ist sie von »lauter Ich«, das sich Gehör verschafft. Das Ich mag im Autismus »lauter« sein, indem es einen Bannkreis erzeugt, aus dem herauszukommen oft schwierig ist. Es ist aber auch zugleich »lauter« im Sinne von »geläutert«, verfeinert doch die beständige Selbst-Kritik, die der Autismus mit sich bringt, den Blick auf das eigene Ich.

Die Kritik wird das Vorurteil unterlaufen, das autistische Denken drehe sich nur um sich selbst. Vielmehr erscheint der Autismus prädestiniert dafür, durch die reflexive Distanz eine Nähe zu den Phänomenen zu erlangen – gerade, weil sie sich dem intuitiven Zugriff entziehen. Der Autist erlebt sich selbst und sein eigenes Leben nicht intuitiv. Er ist innerlich wie von Glas überzogen. Es ist eine dem Denken fruchtbare Trennung von der Welt, die eine das Dasein ständig begleitende geistige Anstrengung und Betrachtung provoziert.

Diese Denken wacht jeden Morgen mit dem platonischen Staunen auf, der Urszene geistiger Durchdringung der Welt. Kein Feld, das dem Autisten nicht fremd und rätselhaft wäre. Eines aber fehlt ihm ganz gewiss: der Überblick, der synthetisierende, dabei das Konkrete kühn unterschlagende Blick. Ihm geht die Begabung fürs System ab. So sehr er auch Muster und Strukturen erkennt, so total muss er doch vor der Mannigfaltigkeit der Erfahrungen kapitulieren. Wie allgemein kann also eine Philosophie des Autismus sein, wenn das Allgemeine seinem Blick als unmöglich erscheint – und wenn jeder einzelne Autist anders sieht und empfindet?

Was im AutismusJournal vorgelegt wird, kann nur eine Einladung sein. Eine Einladung, die Welt einmal anders zu erfahren, vor anderen Problemen zu stehen, denen der unüberbrückbaren Distanz zu sich selbst, zu den anderen und zu den Dingen. Es ist ein Denken ohne ethische Implikationen. Das Denken wird autistisch sein, aber ein autistisches Denken, das sich nach außen wendet und öffnet. Diese Kritik stellt keinen Ratgeber im Umgang mit Autisten dar, auch keinen zur Selbsthilfe oder -diagnose, und erst recht keinen medizinhistorischen Abriss oder eine psychiatrische Handreichung. Ihre Lektüre kann an jeder Stelle begonnen und fortgesetzt werden.

Allein eine vielfältige Durchdringung der autistischen Erfahrung vermag eine fruchtbare Begegnung mit diesem Dasein zu vermitteln. Der Autor legt hier den Versuch einer Neu-Betrachtung des Autismus vor nicht ohne die Hoffnung, über einen solchen Umweg mit dem anderen ins Gespräch zu kommen. Der Autismus betrifft die gesamte Existenz des Autisten; diese Existenz aber teilt er mit der Gesamtheit aller Menschen.

Es gibt keinen Autismus; es gibt nur individuelle Erfahrungen von Welt, die man unter diesen Begriff zusammenfasst. Er fasst Gemeinsamkeiten in der neuronalen und phänomenologischen Ausprägung einer Minderheit der Menschen zusammen, ohne dass er in der Lage ist, eine adäquate, differenzierte Beschreibung dessen zu leisten, was er vorgibt zu enthalten. Das Idiosynkratische des Autismus sperrt sich gegen das Allgemeine.

Vor einer neuen, angemesseneren Benennung des Phänomens steht die Revision des alten Begriffes: »Der idiot savant, wie man zuerst den Autisten nannte, wäre als Begriff zu entlasten und vielleicht verwendbar für jene Abenteurer, die anders verbunden sind als nur untereinander. Das Verbundensein wiedererstarkt in der Absonderung. Der Abgesonderte ist ja der idiotes im antiken Wortsinn.« (Botho Strauß, Lichter des Toren)

Die Redaktion